„Die Wiener Seele ist dort, wo man nicht Ski fährt“ – 5/8erl in Ehr’n

Hebt eure Gläser: 5/8ERL IN EHR’N schenken nach fünf Jahren mit einem neuen Album kräftig nach. „Burn on!“, erschienen am 28. Februar, bringt musikalische Schmerztherapie gegen die Leiden der Zeit mit, gänzlich unhomöopathisch verabreicht durch scharfzüngigen Humor und hoch portionierten Wiener Soul. Mit reichlich wienerischen Wörtern gespickt sinnieren Miki Liebermann (Gitarre) und Max Gaier (Gesang) im Interview mit Florentina Finder über ein artgerechteres Leben, wie man über fast 20 Jahre im Musikbusiness das eigene Rückgrat (und sich selbst) erhält und über das Sinnieren selbst.

Nach „Yeah Yeah Yeah“ vor fünf Jahren seid ihr nun mit eurem neuen Album „Burn on!“ zurück. Wie war die Genese des Albums? War im Prozess irgendetwas neu/anders? Wie habt ihr zu euren Songs gefunden?

Max: Begonnen hat diesmal tatsächlich alles vor eineinhalb Jahren bei der Miki im Garten, mit einer Grillerei. Da haben wir quasi zeremoniell gesagt, okay, jetzt starten wir das. Wir haben gegrillt und schon ein bisschen gebrainstormt, was das sein könnte. Das war der Beginn.

Miki: Nachdem es uns schon länger gibt, haben wir da schon eine gewisse Routine in der Basisdemokratie. Wir wissen schon, bei Bandbesprechungen zum Beispiel, dass das eine gewisse Disziplin und ein bisschen kollektivistisches Denken erfordert und nicht der Wunsch eines Einzelnen alles „daschlagt“. Ich merke aber, wenn wir mit anderen Leuten zusammenarbeiten, dass, wenn der sechste, siebte dazu kommt, es schon sein kann, dass es ein bisschen „wurlt“, das muss man wirklich üben. Es ist auch nicht so leicht, etwas basisdemokratisch zu machen, ohne dass es einen komplett aufhält.

Wenn das System nicht gut ist und alle sind resilient, bleibt das System immer gleich.

Auf vielen Songs am neuen Album („Arbeit 2.0“, „Lass’ uns kurz sprechen“, „Ruhe macht Panik“) und eigentlich schon immer („Siaße Tschik“) hört man bei euch so ein bisschen das Prinzip der Entschleunigung heraus, so ein sinnliches Sinnieren, eine genüssliche Gemütlichkeit. Wie wichtig ist euch diese Kulturtechnik des Sinnierens in einer schnelllebigen Welt?

Max: Ich finde es lustig, dass du „Kulturtechnik“ sagst, weil sich zurückzunehmen und ein bisschen herunterzufahren ist lustigerweise, wie man oft so von Psycholog:innen im Radio hört, total wichtig für „die Resilienz“. Also dass man viele fade Minuten, fade Stunden am Tag erlebt, das soll urwichtig für die Resilienz sein.

Manchmal denke ich mir, ich bin mir gar nicht sicher, ob wir alle so resilient sein sollten. Wenn das System nicht gut ist und alle sind resilient, bleibt das System immer gleich. Dahingehend ist es ein bisschen eine gefährliche Geschichte, sich voll zurückzunehmen. Aber es ist ja auch nichts Neues, dass man mit Ruhe und Bedacht Dinge schneller schafft, als wenn man hudelt und sich stresst. Ich finde auch, dass das nichts Besonderes von den Achterln ist, sondern dass wir einfach nur bei dem geblieben sind, was uns guttut und was ein Stück weit „artgerecht“ ist für den Menschen.

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Wir schreiben schon auch Musik, um uns selbst zu verändern und nicht nur die anderen.

Der Albumtitel „Burn on!“ als Gegenentwurf zum Burnout: Im Albumtitel und auch in Songs wie „Arbeit 2.0“ kann man ja schon ein bisschen charmant verpackte Kapitalismuskritik heraushören. Welche Ideen gibt dieses Album, wie der gestresste, abgehetzte Mensch zu mehr Ruhe kommen kann?

Max: Wenn wir nur mehr in Kategorien wie Geld und Reichtum und „mehr, mehr, mehr“ denken, bleiben einige Dinge auf der Strecke, und da kann sich auch jeder überlegen, ob das gut für ihn ist oder nicht. Ich finde, man muss sich immer überlegen, für welchen Preis mache ich was?

Miki: Ja, wobei es ja nicht immer selbst verschuldet ist, dass man 40 Stunden und mehr hackeln muss. Es ist einfach so, dass es Leute gibt, die hackeln nur, dass am Ende ein Minus am Konto übrigbleibt. Man könnte jetzt natürlich rausschreien, gehts alle scheißen (lacht), aber das bringt nichts. Vielleicht fühlen sich die Menschen ja dadurch verstanden, vielleicht findet sich der eine oder andere in dem Lied, und das ist, glaube ich, das, was wir als Musiker machen können.

Max: Da schalten wir gleich eine Eigenwerbung: Kommt zum Konzert! Wir sind ab 15. März auf Tour, das wird auch ein Experiment an uns selber sein. Auf der Tour schauen wir dann mal, ob wir abgebrannt sind oder ongeburned oder outgeburned werden, aber das machen wir alle gemeinsam, mit Publikum. Darum: Kommts vorbei!

Ein Album ist immer nur ein Startpunkt

Ist es bei euch immer so, dass ihr in einem Live-Setting eure Songs oder auch euch selbst transformiert oder anders kennengelernt habt?

Miki: Ein Album ist ja immer nur so ein Startpunkt. Natürlich versucht man es so gut wie möglich zu spielen und zu singen, aber es ist immer nur ein Startpunkt für das, was man dann später draus macht. Ich bin immer wieder erstaunt, wie anders die Sachen jetzt klingen, die wir vor zehn Jahren geschrieben haben. Da ändern sich Tempi, da ändert sich die komplette Auffassung und Interpretation des Liedes und so entwickelt es sich weiter.

Max: Ich habe auch das Gefühl. Das Lied ist in der Welt, die Welt verändert sich ja auch. Darum verändert sich das Lied in Kombination mit der Welt.

Miki: Ich finde es auch interessant, dass zum Beispiel Texte, wenn sich das Außenrum verändert, auf einmal genauso passen, aber anders. Das ist dann so wie eine optische Täuschung, es kippt das ganze Bild, aber es passt dann wieder rein. Da kann man sagen, man lässt die Außenwelt für sich arbeiten.

Max: Ich meine, bei dem Song „Alaba – How Do You Do?“ ist es tatsächlich frappant, weil in meiner Strophe sind schon zwei Leute verstorben. Der Niki Lauda und der Lugner jetzt auch. Da muss ich mich natürlich auch live verändern. Jetzt schaue ich immer in den Himmel und versuche mit ihnen übers Jenseits zu singen. Das kommt davon, wenn man zu viele Promis oder plakative Namen in die Songs reingibt.

Aber sie sind wenigstens verewigt. …und Stichwort Zeitlosigkeit: Der „Wiener Soul“, wie ihr euren Stil seit jeher beschreibt und den ihr begründet habt, ist auch auf dem neuen Album unverkennbar. Warum ist euer Wiener Soul so zeitlos und könnt ihr den Stil über fast 20 Jahre hinweg so durchziehen?

Max: Schwierige Frage.

Miki: Es ist eine ganz einfache Frage, weil die Besetzung sich nicht grundlegend geändert hat. Die Sounds haben sich ein bisschen verändert, jetzt spielt der Hanibal E-Bass, ich spiele E-Gitarre und zwischendurch auch immer wieder Banjos und andere Saiteninstrumente. Das Instrumentarium ist aber grundsätzlich gleichgeblieben. Wir haben noch immer kein Schlagzeug dabei. Das würde wahrscheinlich viel ändern.

Ich spiele ja schon etwas länger Gitarre: Am Anfang sucht man seinen Stil. Man glaubt, man muss ihn suchen, aber man hat ihn eh. Man muss ihn einfach nur erkennen.

Wir könnten auch sagen: Der Gürtel inspiriert uns

Miki: Wir bauen zum Beispiel Calypso in unser Lied ein, aber das ist nicht der Calypso von Harry Belafonte. Das ist, wie wenn sich ein Maler hinsetzt und sagt, diese Wiese inspiriert mich, oder diese Meeresbucht.

Max: Oder, wie wenn wir jetzt da sitzen und sagen, der Gürtel inspiriert uns. Zum Beispiel. Oder die orangen Vorhänge (Anm.: im Wiener Kaffeehaus, wo das Interview stattfindet), die tatsächlich, glaube ich, gewaschen sind.

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Man müsste mal riechen gehen. …aber jedenfalls, ein wichtiger Bestandteil eures Stils ist auch die Mundart: Bei euch mischt sich diese ja mühelos mit afroamerikanischen Liedtraditionen wie Blues und Soul, das fügt sich nahtlos ineinander, als würde es zusammengehören. Wie wichtig ist es für euch, auf Mundart zu singen?

Max: Wenn man sich nicht festlegt und sagt, wir machen keine hochdeutsche Musik, sondern deutschsprachige Musik, haben wir einfach viel mehr Klänge, viel mehr Bilder zur Verfügung, viel mehr Konnotationen, Wörter, die dann, wie wir zuerst gesagt haben, auf einmal in einem anderen Kontext etwas ganz anderes heißen können, obwohl es das gleiche Wort ist. Ich finde, das ist eigentlich auch Poesie. Dann wird es interessant, dass man ein Wort oder einen Satz ewig lang denken kann und da passieren irgendwelche Sachen im Kopf.

Viele Schmähs basieren halt auch auf Mundart, und viele Zwischenaussagen und Zwischenwahrheiten. Das ist auch eine Kulturtechnik, die wir eigentlich alle in unserer Kommunikation haben.

Auch der Schlager wird besser

Seid ihr alle mit einer Liebe zur Poesie aufgewachsen?

Max: Bei Musik habe ich früher nicht so auf die Texte geachtet. Ich habe auch viel englischsprachige Musik gehört und da war mir der Text in meiner damaligen Rezeption nie so wichtig. Das war dann schon eher die Literatur und Lyrik bei mir, die mich darauf gebracht hat.

Miki: Das ist bei mir auch so. Ich habe gerne gelesen als Kind. Meine Eltern hatten so einen großen Bücherkasten. Sobald ich lesen konnte, habe ich gleich einmal die französische Geschichte ausgelesen. Das hat mir immer Spaß gemacht. Wenn ich ein Buch kaufe, dann blättere ich immer irgendwo rein und schaue mir den Sprachduktus an. Wenn mir das nicht zusagt, dann lese ich das Buch nicht fertig. Wie bei dir ist es bei mir auch so, dass mich eher Gedichte und Literatur und Leute, die Wortspiele machen, inspiriert haben.

Max: Neben Qualtinger war ja zum Beispiel auch der Ostbahn Kurti ein Traum. Das war wirklich ein Poet. Ich finde ja auch teilweise Schlagertexte lustig. Die doppelte Verneinung im Schlager, „Warum hast du nicht nein gesagt?“, das finde ich schon wieder ganz lustig, also auch der Schlager wird besser.

Nochmal zum „Wiener Soul“: Was macht für euch die Wiener Seele aus? (Kellner kommt zum Tisch)

Max: Ich würde noch einen Mokka nehmen, bitte.

Miki: Einen Koffeinfreien, bitte.

Max: Die Wiener Seele. Da darf ich als Uroberösterreicher eigentlich überhaupt nichts dazu sagen. Ich meine, jetzt bin ich eigentlich eh auch schon länger in Wiener als in Linz. Michaela, kannst du dazu was sagen?

Miki: Was ist die Wiener Seele? Ich glaube, das ist ein Begriff, wo man sich leicht in Plattitüden verirren kann. Da gibt es ganz viele Abhandlungen über die Wiener Seele, die alle so humoristisch gemeint oder Klischees sind. Da kann ich mich irgendwie nicht verorten.

Wenn man uns hört, hört man, dass wir schon lange in Wien leben.

Das stimmt, da könnten jetzt viele stereotypische Betrachtungen kommen. Aber ich glaube, es kommt vielleicht unbewusst in euren Songs durch.

Max: Da kann man vielleicht so ein Gedankenexperiment machen: Würden wir jetzt alle in Marrakesch sitzen und einen Kaffee trinken, dann würde das auch so klingen. Und selbst wenn wir uns in Linz kennengelernt hätten, dann würden wir auch ein bisschen anders klingen. Wenn man zum Beispiel eine spezielle afrikanische Musik hört, hört man teilweise sogar das Wetter. Bei mancher Musik hört man ein wenig, ob da jetzt eine hohe Luftfeuchtigkeit ist, ob es urheiß oder urkalt ist, ob es regnet, ob viel die Sonne scheint. Ich finde, da sind so viele Dinge, die man rein theoretisch auch mithört. Wenn man uns hört, hört man, dass wir schon lange in Wien leben.

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Miki: Ich würde den Einflussbereich der Wiener Seele ein bisschen erweitern auf Ostösterreich. Alles, wo man nicht Ski fährt und wo man keine Skilifte braucht. Das ist eine andere Mentalität. Wenn man in Tirol aufwächst, dann ist das ein anderes Leben, das Umfeld ist ein komplett anderes. Die Wiener Seele ist was für „östliche Flachländer.

Max: Östliche Flachlandseele.

Miki: Hört sich nicht so g’schmackig an, gell. …Alpino-Strand. Wir machen Alpino-Strand-Songs.

„Wir haben immer alles in der eigenen Hand behalten“

Euch gibt es seit 19 Jahren. Wie schafft ihr es, dass ihr so beständig bleibt, im Vergleich zu vielen anderen Bands?

Miki: Ich glaube, wir planen gut, wir planen nachhaltig. Wir wollen uns nicht verheizen lassen. Wir versuchen, uns immer in der eigenen Hand zu behalten. Es gibt ja auch Leute, die sagen, ah, da ist Geld drin, und dann machen sie es eineinhalb Jahre und entweder man kann sich dann gegenseitig eh nicht mehr anschauen oder man löst sich auf. Wir haben alles immer in der eigenen Hand behalten und wissen, glaube ich, ziemlich gut, wo unsere Grenzen liegen.

„Als wir angefangen haben zu spielen, war mir irgendwie klar, dass das aufgeht“

Habt ihr auch solche Begegnungen gehabt, wo irgendwer was mit euch machen wollte, was euch gegen den Strich gegangen ist?

Max: Sicher, ganz am Anfang schon haben wir die ganzen Major Deals ausgeschlagen. Da würde es uns jetzt nicht mehr geben, da müssten wir uns alle unsere eigenen CDs abkaufen. Oder auch bei Sponsorings, man muss ja aufpassen, mit wem man sich ins Bett legt. Ich finde das als Sänger schwierig, ich kommuniziere ja auch etwas und habe eine Haltung. Da sind wir uns treu geblieben, das ist sicher auch ein Grund, warum das so lange hält.

Wir haben noch viel Energie, und es ist nicht so, dass wir immer „einen Lenz haben, sondern wir hackeln, jetzt auch vor allem für das Album, wir wenden unsere Energie für die Lieder und das Live-Spielen auf. Wir konzentrieren uns darauf, wie wir was machen wollen, und nicht darauf, wo wir spielen oder wie groß wir werden wollen – unsere Hauptenergie fließt in die Musik und die Songs. Das erzeugt eine Mündigkeit, die uns auf Dauer viel zurückgibt.

Miki: Das ist natürlich auch ein Glück. Als wir angefangen haben zu spielen, vor 19 Jahren, war mir irgendwie klar, dass das aufgeht. Ich glaube, es hat niemand außer mir darüber nachgedacht, aber mir war das einfach klar.

Max (erinnert sich): Ja genau, da waren wir jammen bei dir, du hast gerade gegartelt und so ein Heindl in der Hand gehabt.

Ein Heindl?

Max (singt eine gerade neu erfundene typische Achterl-Phrase): Heindl in der Haaand.

Miki: Ich glaube, das ist einfach so, wenn die Energie stimmt, wenn du merkst, es arbeitet alles füreinander, nicht gegeneinander.

„Wenn es ein schlechter Sound ist und die Leute sitzen zehn Meter weit entfernt, dann können die nichts tun.“

Ihr habt schon auf großen Popfestivals gespielt, aber ihr seid auch auf den Kleinkunstbühnen und in den Jazzclubs daheim. Wo fühlt ihr euch am wohlsten?

Miki: Am wohlsten fühlen wir uns dort, wo der Sound gut ist und das Publikum mit uns ist. Das ist die halbe Miete. Wenn die Leute gut dabei sind und man spürt die Energie, dann trägt einen das durchs ganze Konzert.

Wenn es ein schlechter Sound ist und die Leute sitzen zehn Meter weit entfernt, dann können die nichts tun. Dann würden die ja gern, aber sie können nichts tun. Und wir können dann auch nicht viel tun.

Es gibt so ein paar Locations oder Bühnen, wo wir zum Beispiel nicht hinpassen und dann auch nicht spielen wollen, da kommt jetzt nicht viel zusammen, aber zum Beispiel als Main Act am Frequency. Das geht sich, glaube ich, nicht aus (lacht). Aber vielleicht spielen wir dort dann beim Frühschoppen.

Da würde ich dann vorbeischauen. Danke für das Interview!

Florentina Finder

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