„DIE WELT KANN SELBST FÜR MENSCHEN, DIE VIEL DUNKELTHEIT IN SICH TRAGEN, HELL SEIN — THEA BECK (JEANNE D’ARTE) IM MICA-INTERVIEW“

Zwischen Nebel, Wasser und flüchtigen Bildern entfaltet sich eine musikalische Welt, die auch nach dem hundertsten Mal Hören gleichermaßen zerbrechlich wie kraftvoll nachhallt. Mit ihrem neuen Album „Am Ufer der Welt“ (VÖ: 13.03.26 bei Seayou Records) öffnet THEA SOPHIE BECK aka JEANNE D’ARTE einen Raum zwischen Sehnsucht, Naturverbundenheit und innerer Suche – getragen von ätherischen Sounds, poetischen Texten und einer klaren visuellen Vorstellung. Die Songs erzählen von Gemeinschaft, Schutz und dem Versuch, im Ungewissen Orientierung zu finden. Im Gespräch mit Ania Gleich spricht die Künstlerin von der Suche nach einer eigenen Sprache, von Natur als Inspirationsraum und davon, warum Wasser in ihrer Musik zu einer wiederkehrenden Metapher geworden ist.

Du hast kürzlich dein Musikvideo zu „Schiefer Regen“ veröffentlicht. Wie ist das entstanden?

Jeanne D’Arte: Das ging alles ziemlich schnell. Ursprünglich hatte ich eine ganz andere, viel aufwendigere Idee. Gemeinsam mit einer Freundin, die in der Filmproduktion arbeitet, wollten wir ein richtig großes Team zusammenstellen und für mehrere Drehtage in die Berge fahren, zu einer Kletterwand. Die Vision war so ein bisschen in Richtung FKA Twigs: nackte Körper, die eine Wand hinaufklettern. Aber dann kam der Winter und es war einfach unfassbar kalt. Irgendwann haben wir gesagt: Wenn wir nicht einmal das Budget für Heizstrahler haben, dann lassen wir das lieber. Dann hatte mein Freund Bernie (Anm. Bernhard Winkler) die Idee, das Ganze einfach auf einer Theaterbühne zu drehen – mit einer Leinwand im Hintergrund. Dort haben wir Visuals projiziert und so eine kalte, fast weltraumartige Atmosphäre geschaffen. An einem Sonntag haben wir verschiedene Videos vorbereitet und ausprobiert, was auf der Leinwand mit dem Licht am besten funktioniert. Bernie ist nämlich auch Licht- und Tontechniker, was natürlich extrem praktisch ist. Er hat sich verschiedene Lichtstimmungen ausgedacht, und so haben wir das Ganze relativ spontan umgesetzt. Den Kameramann Andreas (Anm. Mitterberger) habe ich, glaube ich, zwei Tage vorher gefragt: „Hey, hast du am Sonntag Zeit? Das ist wirklich der einzige Tag, an dem wir drehen können.“ Zum Glück war er spontan dabei. Danach hat er aber auch gemeint: „Thea, meld dich das nächste Mal bitte ein bisschen früher.“ Und ich verstehe das total – ich bin nur wirklich schlecht darin, Zeit einzuschätzen. Das ist eine absolute Schwäche von mir.

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Trotz dieser Spontaneität wirken deine Videos immer sehr durchdacht und visuell stark. Man merkt, dass bestimmte Bilder schon sehr klar in deinem Kopf existieren.

Jeanne D’Arte: Das freut mich total zu hören. Ich glaube, ich denke tatsächlich sehr stark in Bildern. Viele Ideen entstehen bei mir zuerst visuell, und daraus entwickelt sich dann vieles andere.

Ein Motiv, das sich durch deine Musik und auch durch die Videos zieht, ist Wasser. Woher kommt die starke Verbindung zu diesem Element?

Jeanne D’Arte: Gute Frage. Ich liebe Wasser einfach sehr. Als Kind habe ich ziemlich spät schwimmen gelernt – lange konnte ich eigentlich nur tauchen. Ich war richtig gut darin und habe dadurch viel Lungenvolumen aufgebaut. Mein Vater hat immer darauf vertraut, dass ich irgendwann schon noch richtig schwimmen lernen werde. Dieses Thema zieht sich inzwischen wirklich stark durch meine Musik. Wenn man so will, hat das schon auf meiner ersten EP begonnen. Das zweite Stück darauf heißt „Atlantic Solitude“. Der Titel kommt im Song selbst gar nicht vor, aber irgendwie war mir klar, dass er so heißen muss. Dazu habe ich damals auch ein Video mit Quallen gemacht. Rückblickend glaube ich, dass ich mich stark mit dieser Kraft des Wassers identifiziere: mit dem Pulsieren des Meeres, aber auch mit seiner Gewalt und seiner Energie.

Du arbeitest ja schon seit einigen Jahren musikalisch und hast bereits mehrere Releases veröffentlicht. Trotzdem wird das aktuelle Projekt als dein Debüt bezeichnet. Wie stehst du selbst zu dieser Einordnung?

Jeanne D’Arte: Es fühlt sich für mich ehrlich gesagt auch ein bisschen seltsam an. Ich habe ja schon zuvor Musik veröffentlicht und damit eine Vorgeschichte. Gleichzeitig ist ein Album natürlich immer ein bestimmter Meilenstein im eigenen Schaffen. Für mich gehört diese Entwicklung einfach zusammen – die früheren Songs genauso wie das jetzige Album.

„ICH WOLLTE ES NICHT ALS DRUCK SEHEN, SONDERN ALS KREATIVE MÖGLICHKEIT”

Es ist ja wirklich dein erstes Album auf Deutsch. War das für dich auch eine Art Neuanfang oder bewusste künstlerische Entscheidung?

Jeanne D’Arte: Ich persönlich kapsle mich von diesem Debüt-Begriff eigentlich ein bisschen ab. Für mich ist „Emanate“ mein erstes Album – das besteht aus zwei EPs, „Fall at Dusk“ und „Break at Dawn“. Wobei ich das zweite noch gar nicht veröffentlicht habe. Das kommt aber noch. Deshalb sehe ich das jetzige Album eher als mein zweites. Es ist aber mein erstes Album bei einem Label und in dieser Hinsicht war es für mich auch ein Experiment. Ich wollte herausfinden, ob ich ein thematisch kohärentes Album quasi „auf Bestellung“ entwickeln kann. Das ist ja oft Teil von Labelarbeit: Man unterschreibt einen Vertrag über mehrere Alben, und dann erwartet jemand natürlich, dass regelmäßig neue Musik entsteht. Bei mir ist es zwar nur dieses eine Album bei Seeyou Records, aber ich wollte mir selbst diese Aufgabe stellen.

Also eher eine kreative Herausforderung als Druck von außen?

Jeanne D’Arte: Genau. Ich wollte es nicht als Druck sehen, sondern als kreative Möglichkeit. Da sind plötzlich Leute, die erwarten, dass etwas entsteht, das im Moment noch gar nicht existiert. Meine Frage an mich selbst war: Kann ich das liefern und zwar so, dass ich selbst damit zufrieden bin? Oder fühlt es sich irgendwann nur noch konstruiert an? Als ich begonnen habe, an dem Album zu arbeiten, gab es bereits ein paar Songs: „Schiefer Regen“, „Trauerweide“ und „Blau des Meeres“. Da habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich der gemeinsame Nenner dieser Stücke? Daraus habe ich eine Art erzählerischen Bogen entwickelt. Diese Songs sind alle sehr zerbrechlich, sehr suchend. Sie haben etwas von Sehnsucht, Schutzbedürfnis und Naturverbundenheit. Also habe ich beschlossen, ein Album zu machen, das genau darum kreist: Sinnsuche, Gemeinschaft und Schutz, stark verbunden mit Naturbildern.

Du hast also die vorhandenen Songs als Ausgangspunkt genommen und daraus die Welt des Albums entwickelt.

Jeanne D’Arte: Genau. Ich habe aus ihnen eine Art Arc gebaut und mich gefragt: Welche Sounds passen in diese Welt? Welche Themen möchte ich darin noch erzählen? Bei manchen Songs war das tatsächlich richtige Detailarbeit. Vor allem, weil ich mit der deutschen Sprache gearbeitet habe. Viele Leute sagen zwar, dass mir Deutsch gut steht. Aber ich glaube, das liegt auch einfach daran, dass ich in Österreich lebe und wir hier Deutsch sprechen. Außerdem verstehen viele Menschen englische Songtexte gar nicht so genau – besonders, wenn sie gesungen sind.

Ich finde es persönlich immer sympathisch, wenn Künstler:innen in der Sprache schreiben, mit der sie aufgewachsen sind. Natürlich verstehe ich auch, warum viele auf Englisch schreiben.

Bild dr Popkünstlerin Jeanne D'Arte
Jeanne D’Arte © Sophie Salfinger

Jeanne D’Arte: Für mich war es auf jeden Fall ein heilsamer Prozess. Als Kind fand ich Deutsch nämlich wirklich furchtbar als Songtextsprache. Meinen ersten Song habe ich mit ungefähr zehn geschrieben, aber auf Englisch. Und zwar in wirklich grauenhaftem Englisch. Grammatikalisch komplett falsch, sehr simple Lines. Aber ich war eben zehn. Phonetisch macht Englisch einfach Spaß, finde ich. Man kann mit den Klangbildern der Wörter viel freier arbeiten. Deutsch ist da deutlich sperriger. Und dazu kommt noch etwas: Die Themen, über die ich schreibe, sind oft sehr zart, sehr romantisch, manchmal auch sehr schwermütig. Wenn man solche Dinge auf Deutsch formuliert, kann das schnell sehr „over the top“ wirken – fast kitschig.

Deshalb war ein großer Teil der Arbeit an diesem Album tatsächlich sprachliche Feinarbeit. Ich habe lange daran geschraubt, bis ich Formulierungen gefunden habe, die für mich stimmig sind. Ich wollte meine Gedanken genau so ausdrücken, wie ich sie meine, ohne das Gefühl zu haben, als würde ich plötzlich Sturm-und-Drang-Lyrik schreiben.

Viele Künstler:innen nennen genau das als Grund, warum sie nicht auf Deutsch schreiben.

Jeanne D’Arte: Ja, das verstehe ich total. Vielleicht ziehen wir uns mit der englischen Sprache manchmal aber auch eine kleine Schutzwand hoch, weil wir Gefühle dadurch distanzierter ausdrücken können. Mit Deutsch muss man sich dem vielleicht direkter stellen. Und das kann auch eine Ehrlichkeit haben. 

Tauchen solche sehr direkten, emotionalen Themen auch in den Songs auf, an denen du gerade arbeitest?

Jeanne D’Arte: Was ich heute lustigerweise gerade überlegt habe: Mir ist in der Arbeit ein Konzept für ein mögliches zukünftiges Album eingefallen. Ein Liebesalbum, aber eines, das das klassische Bild von Liebe ein bisschen hinterfragt und stark frauenzentriert ist. Ich habe gemerkt, dass ich einige Songs habe, die sich damit beschäftigen könnten: Liebe zwischen Frauen, aber nicht unbedingt im Sinne von „lesbisch“ oder „bi“, sondern eher als Blick auf Beziehungen zwischen Frauen generell. Da gibt es ja auch viel Konkurrenz oder sogar Misstrauen. Ich finde es spannend, darüber zu schreiben. Jedenfalls habe ich plötzlich gemerkt: In meiner Songbibliothek gibt es schon ein paar Stücke, die genau in diese Richtung gehen.

Wie groß ist eigentlich deine Songbibliothek – also die Songs, die noch nicht veröffentlicht sind?

Jeanne D’Arte: Ich habe schon ein paar Projekte in Arbeit. Ein Album hat gerade den Working Title „Kaleidoscopic Heart“. Dann gibt es noch eines mit dem Titel „Temptress“.

Temptress klingt ziemlich eindeutig.

Jeanne D’Arte: Ja, es ist genau das, was man sich darunter vorstellt. „Kaleidoscopic Heart“ wäre eher ein sehr weiches, stark vom „female gaze“ geprägtes Liebesalbum. „Temptress“ arbeitet dagegen bewusst mit dem „male gaze“ – aber eigentlich, um diesen Blick einzufangen und zu spiegeln. Danach kommt vielleicht sowieso noch mein Wüstenalbum.

„MUSIK DARF ECKEN HABEN”

Das nächste Kapitel nach dem Wasser?

Jeanne D’Arte: Genau. Für das Wüstenalbum habe ich nur noch keinen endgültigen Titel. Vielleicht einfach: „Human“. Mal sehen.

Würdest du nach der Erfahrung mit diesem Album weiterhin auf Deutsch schreiben?

Jeanne D’Arte: Das frage ich mich tatsächlich selbst immer wieder. Das Feedback auf die deutschen Songs ist gerade sehr positiv. Manchmal denke ich deshalb: Vielleicht stelle ich mir selbst ein Bein, wenn ich wieder mehr auf Englisch gehe. Aber letztlich muss ich darauf hören, was sich für mich richtig anfühlt. Ich möchte mich nicht in eine Ecke zwingen, nur weil etwas gerade gut funktioniert.

Man könnte ja auch beides parallel machen.

Jeanne D’Arte: Genau. Das Label hat auch gesagt, es müsse gar kein komplett deutsches Album sein – man könne das auch mischen. Ich glaube nur, dass ich es persönlich lieber habe, wenn ein Album eine Hauptsprache hat.

Das verstehe ich gut.

Jeanne D’Arte: Ich habe einfach gemerkt, dass sich eine gemischte Sprache für mich nicht ganz richtig anfühlt. Bei anderen Alben stört mich das überhaupt nicht, aber für meine eigenen Projekte mag ich diese Klarheit.

Was mir beim Hören des Albums aufgefallen ist: Deine Musik bewegt sich irgendwo zwischen sehr atmosphärischen, fast gothischen Klangwelten und gleichzeitig ziemlich zugänglichen Popsongs.

Jeanne D’Arte: Ja, ich glaube, ich liebe einfach Variation. Für mich ist es spannend, wenn ein Album viele unterschiedliche Facetten hat.

Es ist jedenfalls interessant, weil deine Musik durchaus auch in einem sehr experimentellen elektronischen Kontext funktionieren könnte. Gleichzeitig hast du aber Tracks, die problemlos im Club laufen könnten.

Jeanne D’Arte: Ich glaube, genau dieses Spannungsfeld interessiert mich. Ich mag es, wenn Musik sich nicht eindeutig festlegen lässt. Natürlich macht das auf der Marketingebene manchmal komplizierter: Wo ordnet man das eigentlich ein? Aber ich versuche nicht, mich danach zu verbiegen. Ich denke darüber nach, klar, aber es bestimmt nicht meine Entscheidungen.

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In den letzten Jahren hat sich ohnehin viel verändert. Viele Künstler:innen arbeiten mittlerweile bewusst genreübergreifend.

Jeanne D’Arte: Absolut. Gleichzeitig habe ich manchmal das Gefühl, dass das in der Realität – etwa bei Radios oder Spotify-Playlists – noch gar nicht vollständig angekommen ist. Dort wird immer noch viel nach Genres sortiert. Wenn Musik nur nebenbei läuft, will man wahrscheinlich keine zu starken Brüche haben. Für mich ist Musik aber eigentlich nicht dafür gemacht, nur im Hintergrund zu laufen. Sie darf auch stören. Ein Album darf Ecken haben. Natürlich bewegt man sich als Künstlerin immer in einem Spannungsfeld: Einerseits möchte man sich nicht komplett nach Marktlogiken richten, andererseits existieren diese Strukturen eben. Aber gerade im Indie-Bereich bringt es meiner Meinung nach auch nicht viel, wenn man versucht, diese Strategien eins zu eins mitzuspielen. Dafür sind die Spielregeln ganz andere.

Wenn du dir selbst ein musikalisches Label geben müsstest: Wie würdest du dich einordnen?

Jeanne D’Arte: Ethereal. Mit dieser Beschreibung fühle ich mich sehr wohl. Grimes hat tatsächlich einmal versucht, sich dafür einzusetzen, dass „Ethereal“ auf Streamingplattformen als eigenes Genre anerkannt wird. Wenn du Musik hochlädst, musst du sie ja immer irgendwo einordnen und diese Kategorien sind oft ziemlich veraltet, teilweise noch so gedacht wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Dann sitzt du als Artist da und merkst: Meine Musik ist eigentlich dies und das und noch etwas anderes, aber ich darf nur eine Kategorie auswählen. Und diese Entscheidung beeinflusst dann, in welche Playlists du kommst oder in welchen Algorithmus du einsortiert wirst. Wenn du ein kleinerer Artist bist, hören deine Songs am Anfang oft viele Freund:innen – Menschen, die vielleicht ganz andere Musikgewohnheiten haben. Auch das beeinflusst dann den Algorithmus. Aber ehrlich gesagt ist mir das relativ egal. Ich denke mir: Die Musik wird schon dort landen, wo sie hingehört. Ich kann das ohnehin nicht komplett kontrollieren und will das auch gar nicht.

Wie geht es dir denn damit, Live-Auftritte zu finden? 

Jeanne D’Arte: Ja, das ist tatsächlich etwas, das ich noch lernen muss. Ich finde es unfassbar schwierig, mich um Booking zu kümmern. Die Welt wirkt dann plötzlich so groß und überwältigend. Bei meinem Label, Seeyou Records, gehört Booking zum Beispiel nicht zum Vertrag. Es gibt Labels, die auch Management oder Booking übernehmen – hier ist das nicht so. Einerseits ist das angenehm, andererseits merke ich, dass ich mir manchmal genau das wünschen würde.

„MIR IST ES WICHTIG, DASS EIN ALBUM AUCH BEWEGUNG HAT”

Also eher Unterstützung bei Organisation und Planung?

Jeanne D’Arte: Ja. Wenn mir jemand sagt: „Sei dort und dort zu dieser Zeit und mach das und das“, dann funktioniere ich super. Sobald alles komplett bei mir selbst liegt, kann es ewig dauern. Ich arbeite einfach klarer, wenn ich weiß, dass jemand auf mich zählt.

Das kann ich gut nachvollziehen.

Jeanne D’Arte: Für mich ist das sogar etwas Positives. Es bringt mich aus dem Bett, es gibt mir Struktur. Wenn ich nur mich selbst organisieren muss, kann mich das manchmal komplett überfordern – vor allem, weil der Tag so viele Möglichkeiten bietet.

Hast du denn ein Release-Konzert für das Album geplant?

Jeanne D’Arte: Ja, das ist tatsächlich geplant. Am 26. April. Ich muss nur noch die Einladungen verschicken.

Und wo?

Jeanne D’Arte: Im Lucia. Das passt eigentlich sehr gut, weil sie dort eine Leinwand haben und ich würde gerne mit Visuals arbeiten. Das ist natürlich ein kleines Upgrade für die Show. Jetzt muss ich mich nur noch rechtzeitig darum kümmern.

Das klingt nach einem guten Ziel, auf das man hinarbeiten kann.

Jeanne D’Arte: Genau. Wenn ein Termin einmal feststeht, funktioniert das für mich auch viel besser.

Wenn man deine Entwicklung über die letzten Jahre verfolgt, wirkt es fast ein bisschen wie eine Bewegung vom Dunklen ins Helle. Ich weiß nicht, ob du das selbst auch so empfindest.

Jeanne D’Arte: Das ist tatsächlich sehr bewusst so angelegt. Ich wollte eine klare Abgrenzung zu meinen ersten EPs schaffen. Aber auch dort gibt es schon eine Entwicklung vom Dunkel ins Helle. Die Tracklist war damals bewusst so aufgebaut. Das letzte Stück heißt „Reborn“ und sollte einen Zyklus andeuten, der sich mit dem nächsten Album weiterdreht. Auch dieses Album habe ich wieder so strukturiert, dass es eine Art Weg beschreibt: durch Schlamm und Nebel hindurch, bis man am Ende bei „Wir sind Eiben“ ankommt und eine Form von Gemeinschaft findet. Der Gedanke dahinter ist, dass man akzeptiert, dass es manchmal schlammig und neblig ist und dass darin trotzdem etwas sehr Schönes liegen kann. Die Welt kann selbst für Menschen, die viel Dunkelheit in sich tragen, hell sein. Das ist eigentlich die zentrale Idee hinter diesem Song.

Bild der Popkünstlerin Jeanne D'Arte
Jeanne D’Arte © Sophie Salfinger

Der Track hat mich tatsächlich überrascht. Ich habe beim ersten Lesen nämlich „Wir sind Elben“ verstanden.

Jeanne D’Arte: Das passt aber eigentlich auch zu der ganzen Atmosphäre!

Genau, ich hatte sofort diese ruhigen ätherischen Herr-der-Ringe-Bilder im Kopf. Und dann kommt plötzlich ein ziemlich energetischer Track.

Jeanne D’Arte: Mit ist es wichtig, dass ein Album auch Bewegung hat. Ich arbeite viel mit Albumkonzepten. In meiner Bibliothek liegen schon mehrere Projekte, in denen ich Songs thematisch zusammenfasse. Deshalb habe ich für mich auch immer ein bisschen einen Horizont im Kopf: Wohin die Reise als Nächstes gehen könnte. 

Also eine Art Übergang zum nächsten Album?

Jeanne D’Arte: Genau. Dieses Album fühlt sich für mich sehr nach Schweben an – ein bisschen wie durch eine Landschaft zu stapfen, durch Nebel und Schlamm. Das nächste stelle ich mir eher wie einen Ritt durch die Wüste vor. Mehr Tempo, mehr Bewegung. So etwas wie ein Galopp.

Wenn du dir einmal vorstellst, es gäbe das Projekt Jeanne D’Arte noch gar nicht – du könntest komplett neu anfangen, vielleicht sogar ganz ohne Musik: Was würdest du machen?

Jeanne D’Arte: Das ist eine spannende Frage, weil sie genau zu der Lebensphase passt, in der ich mich gerade befinde. Ich frage mich nämlich tatsächlich manchmal, wie lange ich noch an bestimmten Vorstellungen festhalten möchte. Also an dieser Fantasie, als Musikerin bestimmte Spuren zu hinterlassen oder Zeichen zu setzen. Ob ich das überhaupt schaffen kann oder ob das vielleicht einfach nur eine Fantasie ist. Meine Mama hat das früher immer „Hirngespinste“ genannt. Dabei bin ich inzwischen sogar viel bescheidener geworden. Früher waren meine Träume noch viel extremer. Als Teenager dachte ich zum Beispiel, ich würde spätestens mit achtzehn Jahren ein Haus in Malibu haben.

Malibu?

Jeanne D’Arte: Ja. Ich liebe Los Angeles. Die Stadt ist völlig kaputt – wirklich zutiefst gebrochen – aber ich finde sie visuell unglaublich schön.

Diese Ästhetik hätte ich jetzt nicht so sehr mit Jeanne D’Arte verbunden.

Jeanne D’Arte: Ich glaube, ich habe einfach mehrere Seiten. Ich könnte mir auch ein Leben irgendwo in Norwegen vorstellen, in den Bergen, mit ganz viel Stille. Aber Los Angeles hat für mich auch eine besondere Ästhetik. Irgendetwas daran fasziniert mich einfach.

„VIELLEICHT FÜHLE ICH MICH AUCH DESHALB ZU SOLCHEN ORTEN HINGEZOGEN, WEIL ICH MICH SELBST ALS EINEN MENSCHEN DER GEGENSÄTZE EMPFINDE”

Du warst schon in Los Angeles?

Jeanne D’Arte: Ja, und ich finde es tatsächlich eine unglaublich schöne Stadt. Aber sie ist auch komplett gestört. Es ist eine Stadt der extremen Gegensätze: arm und reich, glamourös und kaputt. Eigentlich sollte an diesem Ort gar keine Stadt in dieser Größe existieren, weil das Land dort im Grunde trocken ist. Es ist gestohlenes Land, voller Probleme und gleichzeitig versucht die Stadt mit der Traumfabrik Hollywood über vieles hinwegzuglänzen. Für mich zeigt Los Angeles sehr stark, was als Mensch alles möglich ist und auch, was vielleicht möglich ist, aber nicht unbedingt sein sollte.

Das ist ein spannender Blick auf die Stadt und den Menschen.

Jeanne D’Arte: Ich finde, Los Angeles ist ein Ort, an dem alles zusammenkommt: das Schöne und das Falsche an dieser Welt. Vielleicht fühle ich mich auch deshalb zu solchen Orten hingezogen, weil ich mich selbst als einen Menschen der Gegensätze empfinde. Bergen in Norwegen zum Beispiel wirkt auf den ersten Blick ganz anders – sehr ruhig, sehr stimmig, fast wie eine „gesunde“ Stadt, die gut mit ihrer Umwelt umgeht. Aber auch dort gibt es Gegensätze. Dort gibt es Stille. Und eine Stadt, die echte Stille hat, trägt ebenfalls eine Spannung in sich.

Vorhin hast du gesagt, dass du gerade selbst viel darüber nachdenkst, wie es für dich weitergeht.

Jeanne D’Arte: Ja, das stimmt. In mir gibt es einen Teil, der sich fragt: Soll ich das alles vielleicht irgendwann loslassen? Vielleicht habe ich bestimmte Dinge nicht so erreicht, wie ich es mir einmal vorgestellt habe. 

Dabei bist du doch grad erst am Anfang!

Jeanne D’Arte: Ich glaube, ein Problem ist auch, dass der amerikanische Markt so stark die Wahrnehmung prägt. Dort werden oft sehr junge Künstler:innen extrem gepusht und plötzlich hat man das Gefühl: Wenn man 30 wird, ist alles schon vorbei. Diese Vorstellung kann sehr stark wirken.

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Dabei stabilisiert sich die eigene Persönlichkeit eigentlich erst gegen Ende der Zwanziger.

Jeanne D’Arte: Das finde ich interessant. Ich glaube auch, dass aus verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Kunst entsteht. Als ich jünger war, hatte ich das Gefühl, bereit zu sein. Schon in der Schulzeit wollte ich unbedingt Musik machen, es hat mir unter den Fingernägeln gebrannt. Aber die Möglichkeit dazu kam für mich eben erst später. Ein Teil von mir musste sich deshalb von der Vorstellung verabschieden, mit Anfang zwanzig das zu erreichen, was zum Beispiel jemand wie Lady Gaga in diesem Alter geschafft hat. Das war einfach nicht meine Realität. Und vielleicht ist es auch wichtig, dass in der Musiklandschaft mehr Platz für Menschen entsteht, die später beginnen. Eine Freundin von mir hat mir einmal einen Brief geschrieben, in einem meiner schwierigeren Jahre. Darin stand ein Satz, der mir bis heute hilft: „Sei du der Beweis dafür, dass es geht.“ Wenn ich wieder denke, vielleicht sollte ich das alles loslassen, dann erinnere ich mich daran. Dieser Satz gibt mir viel Kraft.

Woher glaubst du kommt diese Logik, dass alles so früh schon passieren muss?

Jeanne D’Arte: Ich glaube, vieles davon ist einfach eine Logik, die sich die Industrie selbst geschaffen hat. Jung sein verkauft sich gut, das ist halt ein Mechanismus. Aber ich finde nicht, dass ein musikalischer Werdegang wirklich so funktioniert. Für mich geht alles in meinem eigenen Tempo. Wenn man so will, bin ich eine spätblühende Blüte, aber das ist völlig okay. 

Ist es nicht so, dass Zeit und Erfahrung auch helfen, künstlerisch zu wissen, was man will?

Jeanne D’Arte: Ja, absolut. Ich habe viele Ideen und Visionen, was ich alles umsetzen möchte – musikalisch, visuell, mit Videos und so weiter. Gleichzeitig ist die Musikindustrie schon sehr fordernd, vor allem wenn man irgendwann davon leben möchte. Deshalb versuche ich heute mehr auf meine Energie zu achten. In meinen Zwanzigern hatte ich oft das Gefühl, immer alles gleichzeitig machen zu müssen. Heute weiß ich besser, wann ich müde bin und wann ich eine Pause brauche. Das ist eigentlich etwas sehr Gutes.

Wie blickst du auf die Zeit nach dem Album?

Jeanne D’Arte: Ich bin sehr gespannt, was sich daraus entwickelt. Vielleicht eröffnen sich neue Möglichkeiten, vielleicht auch nicht. Und selbst wenn nicht, würde ich trotzdem weiter Musik machen. Ich liebe es einfach. Musikalisch wäre mein Weg wahrscheinlich ganz anders verlaufen, wenn ich nicht irgendwann angefangen hätte, selbst zu produzieren. Dann hätte ich vielleicht nur mit anderen Produzent:innen gearbeitet. So habe ich aber gelernt, vieles selbst umzusetzen und das hat mir auch eine große Unabhängigkeit gegeben.

Hast du schon Ideen für die nächsten Schritte?

Jeanne D’Arte: Ideen gibt es viele. Jetzt interessiert mich erst einmal, was mit diesem Album passiert und wie die Resonanz ist. Und dann schauen wir weiter. Musik wird es auf jeden Fall weiterhin geben.

Vielen Dank für deine Zeit!

Jeanne D’Arte: Danke für das Gespräch! 

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Das Release-Konzert zu „Am Ufer der Welt“ findet am 26. April im Club Lucia statt. 

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Ania Gleich

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