Zum zweiten Mal findet heuer die Reihe „Stille führt – im Wald“ in der Nähe von Gumpoldskirchen statt. Die Location für die Performances und Konzerte ist eine Hütte im Wald. Jürgen Plank hat mit den Kurator:innen Thomas Andreas Beck und Devi Saha über Neuerungen im Vergleich zur ersten Ausgabe der Reihe gesprochen. Auch darüber, wann die Veranstaltungsreihe ein Erfolg ist. Das Duo DRANK – bestehend aus den Musiker:innen Ingrid Schmoliner und Alex Kranabetter – erzählt wie es sich auf diesen besonderen Auftrittsort vorbereiten wird und welche anderen außergewöhnlichen Locations bereits bespielt wurden.
Was ist bei „Stille führt – im Wald“ nach dem ersten Jahr gleichgeblieben bzw. was hat sich geändert?
Thomas Andreas Beck: Gleich geblieben ist der grundsätzliche Ablauf, das Ritual. Das hat sich bewährt und so ein Zyklus lebt auch von der Wiederholung des gleich Scheinenden. Es ist ja nie ganz gleich, auch wenn die geplanten Wege gleich sind.
Und was hat sich geändert?
Thomas Andreas Beck: Die aus meiner Sicht wichtigste Änderung ist, dass Devi Saha als Kuratorin dabei ist. So ein Programm zu erstellen ist – so schön es ist – auch immer viel Arbeit und eine Verpflichtung. Es hätte mir heuer alleine keine Freude gemacht, aber wir haben das Programm miteinander erstellt. So war es für mich wieder eine Freude, weil wir miteinander überlegt haben, was gut in den Wald passen könnte. Im vorigen Jahr hatten wir 4 Konzerte. Heuer sind es 4 Performances, das Spektrum hat sich geöffnet. Bis zur Szenischen Lesung und Performance und bis hin zu den Strottern, die für mich zu den allerbesten, niveauvollsten Wienerlieder-Musikanten gehören. Da geht es um den musikalischen Genuss.

Devi, dein Hintergrund ist der Bereich Theater. Inwiefern ist deine Handschrift als Kuratorin bei „Stille führt – im Wald“ bereits zu erkennen?
Devi Saha: Im ersten Jahr war es ein Pilot-Projekt, bei dem es darum ging, dass Künstler:innen gehört werden, die eher still sind und bei denen es um den Inhalt geht. Zu denen sollten Menschen kommen, die wirklich zuhören. Ich glaube, es war notwendig und gut, das Spektrum zu erweitern. Der Theater-Aspekt ist schon bei der ersten Veranstaltung mit dem Autor Thomas Köck enthalten. Ich habe seine Arbeit über ein Theaterstück kennengelernt, das ich im Akademie-Theater gesehen habe. Es gibt für mich nicht sehr viele Künstler:innen in Österreich, die wirklich politisch aktiv sind. Das habe ich erst richtig erfahren, seit ich die Arbeit Thomas Beck beobachte. Er ist einer der wenigen, die sich auch politisch äußern. So haben wir Thomas Köck angefragt, der sofort zugesagt hat und das finde ich super.
Im Jahr 2024 hat Lukas Lauermann ein eigenes Stück für seine Performance in der Hütte entwickelt. Weißt du wie Thomas Köck agieren wird?
Devi Saha: Er bringt das Stück „Solastalgia“, das gibt es schon seit ein paar Jahren. In einem ersten E-Mail hat er geschrieben, dass er ein bisschen am Klavier herumspielen würde, das in der Hütte steht. Er entwickelt gerade etwas und hat auch nach Stromversorgung gefragt. Es wird also eine Kofferbatterie gebraucht und ich bin neugierig, was er machen wird.
Was ist für heuer noch geplant?
Thomas Andreas Beck: Die Performance von Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf wird wie ein Theaterstück. „Das Haus verlassen“, das Buch von Kornmüller, habe ich in einem Tag ausgelesen, das ist eine tief gehende Geschichte über unsere Orte, über die Beziehungen zu unseren Häusern. Und das passt perfekt. Kornmüller wird da in einen Dialog mit Peter Wolf treten.
„ICH HABE ABER DIE MÖGLICHKEIT OHNE ELEKTRONISCHE HILFSMITTEL GERÄUSCHHAFT MUSIK ZU MACHEN“
Damit zu Alexander Kranabetter und Ingrid Schmoliner und zu eurem Projekt drank. Ihr macht miteinander experimentelle Musik, demnächst erscheint eine Platte von euch. Wie werdet ihr euch der Hütte im Wald musikalisch annähern? Üblicherweise ist bei euch ja auch Elektronik dabei, als Stromquelle gibt es vor Ort maximal eine Koffer-Batterie.
Alex Kranabetter: Es wird für uns spannend, weil wir sogar auf die Batterie verzichten und ganz akustisch spielen werden. Das betrifft vor allem mich als Trompeter, weil ich die Musik von drank sonst schon mit Effektgeräten spiele. Ich habe aber die Möglichkeit ohne elektronische Hilfsmittel geräuschhaft Musik zu machen. Das wird ein vollakustisches Set.

Ihr werdet somit ein eigenes Set erarbeiten?
Alex Kranabetter: Ja, genau, das wäre unsere Idee. Wir werden uns auf die Vorgabe einlassen. Damit die Stille führt werden wir ein stilles Set vorbereiten. Sonst ist es doch sehr dicht und es wird oft auch laut. Im Wald werden wir ein ruhiges Set spielen.
Ingrid, wie wirst du spielen?
Ingrid Schmoliner: Vor Ort steht ein Pianino, das bedeutet, dass ich für den drank-Klang, den wir sonst haben, nicht dieselben Möglichkeiten wie sonst zur Verfügung habe. Das bedeutet, dass wir eben neue Wege beschreiten werden und das finde ich für unser Duo sehr spannend. Nur akustisch zu spielen, kann für unser Duo einen intimen Rahmen herstellen. Ich werde das Pianino ein wenig präparieren, aber es wird eher temperierte Klangversionen von meiner Seite geben.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Die Vorgabe an die Künstler:innen ist, dass sie nicht lauter als der Wald sein sollen. Wie wirst du mit der Trompete agieren, Alex?
Alex Kranabetter: Ich fühle mich ohnehin nicht als klassischer Trompeter. Ich versuche die Trompete eher leise und gesanglich zu spielen. Ich mag es auch, mit der Trompete zu „flüstern“. Das wird an diesem Ort eine große Rolle spielen. Vielleicht gar nicht unbedingt den Ton zu spielen, sondern auch viel mit Luft zu arbeiten. Ich schabe am Instrument auch gerne rhythmisch und arbeite auf diese Weise. Das liegt mir sehr und ich freue mich darauf.
An welchen anderen ungewöhnlichen Orten habt ihr bereits gespielt?
Alex Kranabetter: Die Hütte im Wald ist für uns als Duo eine Premiere. Ich habe mal in einer Tropfsteinhöhle bei Weiz mit Teresa Rotschopf ein Album aufgenommen. Das war für mich bisher der ungewöhnlichste Ort. In einer Tausende Jahre alten Höhle Trompete zu spielen.
Ingrid Schmoliner: Ich habe unterschiedliche Raumgrößen bespielt. Auch Kirchen. Mit „Towering Silence“ haben wir die Kasematten des Palais Coburg bespielt, das war im Rahmen von Wien Modern. Die Kasematten waren von der klanglichen Struktur her sehr unterschiedlich, die Musik konnte in zwei Räumen stattfinden. Nachdem ich auch immer wieder Jodeln und Obertongesang nutze, habe ich oft mit unterschiedlichen Räumen und Situationen gearbeitet. Ein Klavier ist räumlich nicht leicht verfrachtbar. Das findet seinen Platz meistens in Innenräumen.
Der Wasserspeicher in Berlin-Pankow war als Location interessant, akustisch und auch wegen der Raum-Feuchtigkeit. Dort war ich mit dem Projekt „Nabelóse“. Die Präparationen am Klavier haben unter der Luftfeuchtigkeit gelitten.
Alex Kranabetter: Dort habe ich lustigerweise auch schon Mal gespielt. Das ist ein Backsteingebäude, das fast wie eine Höhle ist.

Wir können einander heute wegen einer Bombendrohung am Wiener Hauptbahnhof nicht treffen. Auch über soziale und andere Medien besteht sozusagen ein beständiges Grundrauschen, ganz abgesehen von bewaffneten Konflikten. Inwiefern ist eure Veranstaltungsreihe eine Gegenposition zu dieser lauten Welt?
Thomas Andreas Beck: Ja, das ist sie und da ist auch zum Teil Selbstschutz und Egoismus mit dabei. Es gibt auch heuer wieder lautere Festivals, die ich kuratiere, in Breitenbrunn und Gumpoldskirchen. Nach dem „Österreich ist frei“-Festival im Jahr 2023 in der Cselley-Mühle war mir klar, dass Ort und Inhalt nicht entkoppelt werden können. Es ist nicht egal, wo man etwas macht, sondern der Ort spielt mit. Erfahrungen rund um Land-Art faszinieren mich – Kunst am Ort, mit dem Ort. Die Stille ist auch ein notwendiger Raum für Stärkung und Erholung. Stille ist ein Zufluchtsort in von Bomben bedrohten Zeiten, in denen Autos durch uns durchfahren. Auch in Zeiten von Wirtschafts- und Nachrichtenlärm. Da ist der Sonntagsausflug mit Freund:innen ein starkes Kulturgut.
„WAHRSCHEINLICH GELINGT DAS VORHABEN SCHON, WENN SICH DIE MENSCHEN ANMELDEN UND SICH DAFÜR INTERESSIEREN“
Devi, wann gelingt eure Aktion, an der das Publikum sozusagen mitwirkt? Man geht miteinander zur Location und wandert danach wieder zurück nach Gumpoldskirchen.
Devi Saha: Wahrscheinlich gelingt das Vorhaben schon, wenn sich die Menschen anmelden und sich dafür interessieren. Es ist unsere Sehnsucht, dass sich die Künstler:innen und das Publikum vermischen. Dass alle miteinander sprechen. Dafür ist eine Wanderung durch den Wald gut geeignet, weil man miteinander geht. Im Gehen kann man viel besser miteinander reden und man merkt sich die Dinge auch besser, die man besprochen hat. Dann gibt es die Stille und man hört zu. Und am Rückweg kann man wieder miteinander sprechen. Ich denke, das ist ein richtig gutes Konzept. Üblicherweise erfährt man ja relativ wenig von der künstlerischen Arbeit, sondern man sieht das Endergebnis. Die Verbindung zu den Künstler:innen ist bei diesem Projekt eine echte Verschränkung, die für alle sehr bereichernd ist. Die Künstler:innen müssen nicht unbedingt mit dem Publikum zur Hütte gehen, aber die Künstler:innen heuer werden alle mitgehen.
Thomas Andreas Beck: Auch zwischen mir und den Künstler:innen, die letztes Jahr dabei waren, ist etwas entstanden. Da ist etwas geblieben. Das ist nicht egal. Die Reihe hat etwas von einem sozialen Experiment, aber das hat eine Wirkmächtigkeit. Wir machen etwas miteinander – und da sind wir wieder bei der Kraft von Ritualen.
Ein Format wie „Stille führt – im Wald“ braucht bestimmt 2 oder 3 Jahre, um sich zu etablieren und verändert sich am Weg auch. Wie wird es 2026 weitergehen? Wird es das Format im nächsten Jahr geben?
Devi Saha: Ich vermute, ja. Wie es im Jahr 2026 aussehen wird, wird sich erst nach den heurigen Terminen formen können, weil es ja immer eine Weiterentwicklung ist. Wir werden sehen, wie die Reihe heuer läuft und auf das Publikum wirkt und vielleicht fällt uns etwas ganz Neues ein. Vielleicht ist im nächsten Jahr auch Bildende Kunst oder Tanz dabei. Das ist ein offener Prozess.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
++++
„Stille führt – im Wald“
Termine:
16.03.2025: Thomas Köck: „Solastalgia“
27.04.2025: Die Strottern
18.05.2025: Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf
15.06.2025: Alexander Kranabetter, Ingrid Schmoliner: „Drank“
Jeweils: 14:30 Uhr: Eintreffen in 2352 Gumpoldskirchen, Kirchenplatz, 15:00 Uhr: gemeinsame Wanderung zu „einem geheimen Ort im Wald“, 16:30 Uhr: Konzert in und um Waldhütte, danach Wanderung über den Beethoven Wanderweg zurück nach Gumpoldskirchen, gemeinsamer Ausklang beim Heurigen Spaetrot. Kosten: €85,– pro Person – inklusive Heurigenbuffet.
Limitierte Publikumsanzahl, die Teilnahme erfolgt ausschließlich nach Kontaktaufnahme via e-mail tab@thomasandreasbeck.at und erfolgter Bestätigung, auf eigenes Risiko und unter der Bedingung, die „Gesetze des Waldes“ verbindlich einzuhalten. Weitere Informationen werden rechtzeitig bekannt gegeben.
++++
Links:
Thomas Andreas Beck
Devi Saha
Die Strottern
Wenn es soweit ist
Alex Kranabetter
Ingrid Schmoliner
