"Die Nominierung ist auch eine Auszeichnung für die hiesige Musikszene " – Juan Garcia-Herreros (SNOW OWL) im mica-Interview

Das kommt nicht alle Tage vor: Ein in Österreich entstandenes und eingespieltes Album wird für einen Grammy nominiert. Gelungen ist dieses Kunststück dem aus Kolumbien stammenden und seit 2004 in Österreich lebenden E-Kontrabassisten und Komponisten Juan Garcia-Herreros. „Normas“, so der Titel der dritten Veröffentlichung seines Projekts SNOW OWL, ist bei den Latin Grammys in der Kategorie “Best Latin Jazz Album” nominiert. Michael Ternai fragt, wie es dazu kam.

Erst einmal Gratulation zur Latin-Grammy-Nominierung! Wie sind Sie eigentlich zum Bassspielen gekommen?

Juan Garcia Herreros:
Das ist eigentlich eine lustige Geschichte. Begonnen habe ich ursprünglich ja mit Klavier und Querflöte. Als mein Bruder, der selbst Schlagzeuger war, dann seine eigene Band gegründet hat, ist er zu mir gekommen und hat gesagt: „Ich brauche einen Bassisten und du machst das jetzt.“ So ist es mit dem Bass-Spielen los gegangen.

Und vom Bass dann zur Kontrabass-Gitarre?

Juan Garcia-Herreros:
Irgendwann bin ich dann auf Anthony Jackson gestoßen, der ja eigentlich der erste war, der dieses Instrument wirklich gespielt hat. Heute sind es, glaube ich, er und ich, die das in dieser Form tun. Es gibt zwar Leute, die auch einen sechssaitigen Bass spielen, aber dabei handelt es sich nicht um eine Kontrabass-Gitarre.

Das besondere an diesem Instrument ist ja, dass es dir ermöglicht, in höheren wie auch tieferen Lagen als es sonst beim Bass üblich ist zu spielen. Der Bassschlüssel einer Kontrabassgitarre ist jener eines ganzen Orchesters. Ich kann daher das ganze tiefe A von einem Klavier und einer Orgel spielen, genauso wie das ganz hohe E von einem Cello. Und dies hat mich an der Kontrabass-Gitarre von Beginn an fasziniert. Ich wollte immer schon ein Instrument finden, das mir die Möglichkeit bietet, ein wirklich weites musikalisches Spektrum abzudecken. Ich kann mit der Kontrabass-Gitarre genauso mit den Wiener Symphonikern spielen, wie auch in einer Jazz-Bigband oder solo.

Mein Bass ist übrigens hier in Wien von Andreas Neubauer mit mir vor etwa sechs Jahren entwickelt und gebaut worden. So gesehen ist auch er ein echter Wiener (lacht).

Auch in stilistischen Fragen scheinen Sie keine Grenzen zu kennen. Sie spielen Latin Jazz, Worldmusic und haben sich auch schon im Pop und sogar Heavy Metal probiert.


Juan Garcia-Herreros:
Ja, das ist richtig. Für mich bedeutet Musik vor allem Energie. Und wenn die Musik, egal aus welchem Genre sie auch kommt, diese echte authentische Energie besitzt, bewegt sie mich einfach. Unterschiede zwischen den Genres mache ich daher keine.

In der Rolle eines Latin-Jazz Botschafters

Warum haben Sie eigentlich New York den Rücken gekehrt?

Juan Garcia-Herreros: Ich habe in New York viele Jahre mit vielen verschiedensten Künstlern und Popstars zusammengespielt, und zwar vorwiegend als Sideman. Irgendwann ist mir diese Rolle aber zu wenig geworden, ich wollte mehr. Ich war überzeugt davon, dass ich auch selbst musikalisch etwas Schönes erschaffen kann. Um dies auch tun zu können, war es für mich notwendig, mich von dem ganzen New York-Umfeld zu lösen. Es war für mich eine Art philosophische Frage.

Daher beschloss ich, nach Europa zu übersiedeln, und zwar in eine Region, in der der Latin Jazz noch nicht diese Popularität genießt, wie vielleicht anderswo. Ich sehe mich nämlich auch als Botschafter des Latin Jazz und will so viele Leute wie möglich für diesen begeistern. Warum sollte Latin Jazz nur in bestimmten Regionen dieser Welt funktionieren? Mit dieser Einstellung bin ich an die ganze Sache herangegangen und letztlich nach Wien gekommen. Ich muss sagen, dass ich diese Entscheidung bis heute nicht bereut habe. Ich habe hier die richtigen Musiker kennengelernt und auch ein Label gefunden.

Kann man sagen, Sie befinden sich auf einer musikalischen Mission?

Juan Garcia-Herreros: Ich bin Autodidakt und habe mir alles selber beigebracht. Aber ohne die Hilfe anderer wäre ich vermutlich nicht so weit gekommen. Am Anfang war ich ein Niemand, aber viele Künstler, auch schon sehr berühmte, haben mir damals in New York immer Tipps und Ratschläge gegeben und Unterstützung zukommen lassen. Und ich sehe es nun als meine Aufgabe an, etwas von dieser Unterstützung auch zurückzugeben. Ich will nicht nur das Privileg genießen, ein Musiker sein zu dürfen, ich will anderen helfen, selbst weiterzukommen. Nichts von der eigenen Erfahrung weiterzugeben, empfinde ich als eine Art Sünde. Ich habe hier in Österreich viele Workshops abgehalten und habe an verschiedenen Musikschulen unterrichtet. Und das nicht weil ich musste, um Geld zu verdienen. Ich wollte und will immer noch etwas von meiner Erfahrung weitergeben.

Wien ist nicht nur die Stadt der Klassik

Haben Sie, bevor Sie nach Wien gekommen sind, irgendeine Ahnung von der österreichischen Musikszene gehabt?

Juan Garcia-Herreros: Ich habe über Wien nur das gewusst, was über die Stadt allgemein bekannt war. Wien ist eine Stadt der klassischen Musik. Auch deswegen fiel meine Wahl auf diese Stadt. Ich wollte ja Komposition studieren. Was mich aber wirklich überrascht hat, war, dass es hier so viel hervorragende Jazz- und Weltmusik gibt. Und ich glaube, die Welt sollte das auch wissen. Umso mehr freut mich diese Grammy-Nominierung auch für Wien. Wir konnte der Welt zeigen, dass man nicht unbedingt nach New York gehen muss, um Musik auf so hohem Niveau produzieren zu können. Das ist auch hier möglich. So gesehen verstehe ich die Nominierung auch als eine Auszeichnung für die hiesige Musikszene. Auf jeden Fall will ich auch Danke sagen an alle Leute, die mich hier unterstützt haben.

Wer waren die Leute, die Sie vom ersten Moment an unterstützt haben?

Juan Garcia-Herreros: Das waren viele. Der vielleicht Allererste war Alegre Correa. Kennengelernt habe ich ihn damals im Birdland und er hat mich, noch bevor er einen Ton von mir gehört hat, sofort eingeladen, in seiner Band mitzuspielen. Das war einfach großartig. Einen großen Dank muss ich auch Joe Zawinul aussprechen. Er hat mir die Möglichkeit gegeben, im Rahmen meiner ersten Tournee gleich vier Mal hintereinander im Birdland zu spielen. Und ich kann mich noch ganz genau an das erste Konzert dort erinnern. Joe Zawinul saß mit im Publikum und sah sich den Auftritt meiner Band an. Das war schon eine große Ehre und ein besonderes Erlebnis für mich. Nicht vergessen zu erwähnen darf man Leute wie Wolfgang Muthspiel und Uli Soyka, die mich auch wirklich von Anfang an unterstützt haben.

Erzählen Sie doch einmal ein wenig über ihr Projekt Snow Owl. Wann ist es damit losgegangen?

Juan Garcia-Herreros: Snow Owl habe ich vor fast zehn Jahren in Wien gegründet. Auch die erste CD dieses Projektes ist hier entstanden. Die habe ich gemeinsam im Quartett mit Greg Osby, Edward Simon und Terri Lyne Carrington aufgenommen und erschienen ist sie auf dem Plattenlabel Quinton.

Die klassischen Standards ins Heute übersetzen

Mit welcher Vorstellung gehen Sie an eine Snow Owl -CD-Produktion heran? Welches musikalische Ziel verfolgen Sie? Inwieweit haben Ihre Mitmusiker die Möglichkeit, selber Ideen miteinzubringen?

Juan Garcia-Herreros: Ich kenne jeden der Musiker extrem gut. Ich weiß um ihre Stärken und versuche, diese in meine Musik einfließen zu lassen. Ich weiß schon beim Komponieren eines Stückes ziemlich genau, dass dieses in einer bestimmten Passage einen Solopart genau dieses einen Musikers braucht. „Normas“ ist ja als eine Art musikalischer Bogen komponiert. Und ich habe darauf geachtet, dass jeder Musiker zwischen den Stücken, quasi als Übergang zum nächsten, ein Solo bekommt. Bei der Ballade „Cuerpo y Alma“ zum Beispiel war mir beim Schreiben sofort klar, dass es Klaus Dickbauer sein musste, der uns alle mit seiner Bassklarinette in das Stück hineinführt. So gesehen, verstehe ich ein jedes Stück dieser CD auch als eine Widmung an den jeweiligen Musiker.

Meine musikalischen Vorstellungen sind also schon sehr klar, auch weil sie so klar sein müssen. Im Studio hast du ja nicht so viel Zeit, vielleicht drei, vier Tage. Und da ist es entscheidend, dass du ganz genau weißt, wie du für einen Musiker schreiben musst, damit sein Zutun das Gesamte in der Qualität auch hebt.

Musikalisch läuft Snow Owl läuft ja unter der Bezeichnung Latin Jazz. Hört man aber genau hin, erkennt man, dass da in stilistischen Fragen viel mehr passiert. Als Latin Jazz-Traditionalisten verstehen Sie sich also nicht.

Juan Garcia-Herreros: Nein, natürlich nicht. „Normas“ bedeutet aus dem Spanischen übersetzt ja ‚Standards‘. Und was ich versucht habe, war, eine Art riesengroßes Update dieses riesigen Themas für das Jahr 2014 zu machen. Wir haben diesen alten Standards mittlerweile genügend oft interpretiert und gespielt. Es wurde Zeit, sie einmal in neuer Form zum Erklingen zu bringen. Und deswegen hört man in meinen Stücken auch Elemente des Rock, Heavy Metal, der afrikanischen Musik, starke Latin-Anleihen und vieles andere durch. Grob zusammengefasst ist meine Idee, die Standards einfach weiterzuentwickeln.

„Wie die Leute gejubelt haben, als ich auf die Bühne kam… Gänsehaut.“

Denken Sie, dass es ihnen gelungen ist, den Latin Jazz hier bekannter und populärer zu machen?

Juan Garcia-Herreros: Ich denke schon. Wir haben unsere CD „Normas“ letztes Jahr im November im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses präsentiert und das Konzert war ausverkauft. Die Stimmung war ein Wahnsinn und wie die Leute gejubelt haben, als ich die Bühne betreten habe, hat bei mir Gänsehaut erzeugt. Ich habe mir so einen Moment nie erwartet.

Wie viel sind Sie eigentlich im Jahr mit ihrer Band Snow Owl unterwegs?

Juan Garcia-Herreros: Letztes Jahr habe ich in 28 Ländern gespielt und war viele Wochen unterwegs. Sehr viel spiele ich auch mit Mamadou Diabate. Er ist ein außergewöhnlicher Percussionist.

Danke für das Interview.

Michael Ternai

http://www.the-snow-owl.com/