Die Neue Oper Wien zeigt Gerhard Schedls Triptychon

Zum 50. Geburtstag, der am 5. August gewesen wäre, zeigt die Neue Oper Wien die drei zum Triptychon zuammengefassten Einakter des im Jahr 2000 aus dem Leben geschiedenen österreichischen Komponisten Gerhard Schedl, der zu den besten Musikdramatikern des Landes zählte. “Der Kontrabass”, 1984 an der Semperoper in Dresden uraufgeführt, bildet das Kernstück, umrahmt von der lyrischen Kammeroper “Pierre et Luce” und dem skurrilen Artmann-Musiktheater “Schas”.

Paris, Dresden und Wien sind die Schauplätze, die Handlungen erzählen von der Unmöglichkeit der Erfüllung von Glück angesichts von über alle Menschlichkeit hinweggehenden Ereignissen. Im Paris zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielt der Einakter “Pierre et Luce” (1986), dessen Libretto von Attila Böcs eine Erzählung von Romain Rolland zugrunde liegt. Ein Liebespaar, das heiraten will und die Welt mit rosaroter Brille sieht – musikalisch geradezu romantisch ausgedeutet – wird von der Realität eingeholt. In einer Kathedrale werden sie Opfer eines Bombenangriffs. “Kontrabass” (1982) zeigt wiederum ein junges Paar, das von einem alten Musiker mit den offenen Wunden der jüngsten Vergangenheit konfrontiert wird, die es nicht wahrhaben und begreifen will. “Erlaubent Schas, sehr heiß bitte” – Schedls Musik begibt sich bewusst in die Niederungen des dargestellten Milieus der Theaterparabel von H. C. Artmann. Im billigen Schmalz der Kaffeehausstimmung mischen sich Klangfarben des Untergangs: “S.C.H.A.S” (1986-88) zeigt Bosheit, Lüsternheit und Vernichtung bis zur kaum mehr erträglichen Konsequenz.

 

Im Verlauf der drei Stücke zerfällt in einem nahezu unfassbaren Bogen alles: Die Sinnsuche wird zu sinnentleerter Banalität; die Utopie von Liebe, Nähe, innerem Frieden und großer Hoffnung gerät zu kalter Ignoranz und totalem Desinteresse; tiefe innere Gefühle werden zu dummer Exzentrik; der Traum einer Schwerelosigkeit endet in der Erbärmlichkeit unserer triebgesteuerten Existenz. Die Flucht der Figuren vor der Welt, vor dem Erlebten in eine Gedankenwelt bis hin zur Flucht in die Regression spiegelt sich in uns und unseren Reaktionen: vom Zuhören und Dasein bis hin zum irritierten Wegschauen. Regisseur Johannes Erath sieht im “Triptychon” einen Spiegel sowohl unserer größten Sehnsüchte als auch unserer tiefsten Abgründe (aus dem Pressetext).

 

“Mein ästhetisches Konzept muß sich an jedem neuen Sujet, an jeder neuen formalen Idee reiben und daher wandelbar sein. Ich bekenne mich zur Lust am expressiven Klang, zur gesteigerten Dramatik, aber auch zur durchdachten Konstruktion, zum Experiment mit Zahlen, Intervallen, Symbolen, Techniken und zum plakativen Reiz emotionaler Darstellungsformen. Das zarte Rauschen in der Stille, das ungebändigte Aufschreien, der resignative Abgesang, die großen wilden pathetischen Gesten, die Schönheit des durchdachten Details … all das ist mir nicht fremd: es treibt mich an und zwingt mich, am weiten Material zeitgenössischer Ausdrucksmittel mich immer wieder neu zu versuchen. “Ins Herz will ich treffen”, und so liebe ich das Gefühl, in einer langen Tradition der abendländischen Musik zu stehen und den Weg weiterzugehen.” (in: Doblinger-Information, 1989). So beschrieb Gerhard Schedl seinen Stil.

 

1981 betrat Gerhard Schedl mit der Uraufführung gleich dreier Werke – darunter die von der Stadt Dresden mit einem Preis honorierte Kinderoper “Der Schweinehirt” – fulminant das Parkett der internationalen Bühnen. In das Jahr 1981 fällt auch seine Übersiedlung nach Deutschland, wo er am renommierten Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main mit einer Dozentur betraut wurde. Opern und Orchesterwerke nehmen im kompositorischen Schaffen Gerhard Schedls eine zentrale Stellung ein, was sich in den neunziger Jahren in einer engen Zusammenarbeit mit dem Salzburger Landestheater manifestierte, für das er vier Auftragswerke erstellte. Erfolg und sein Renommee als einer der bedeutendsten österreichischen Komponisten für Musiktheaterwerke – seine Werke erleben Neuinszenierungen und zeichnen sich durch Repertoiretauglichkeit aus – verhinderten nicht, dass Schedl unter Depressionen zu leiden begann,  die ihn im Herbst 2000 im Alter von nur 43 Jahren in den Selbstmord trieben.

 

Auch die Hamburgische Staatsoper (Spielort: Opera stabile) zeigt zeitgleich zwei der Triptychon-Stücke von Gerhard Schedl in einer Neuproduktion. Premiere ist am 5. Juli. Das dortige Leading Team Alexander Winterson (Dirigent) und Heiko Hentschel (Inszenierung) hat sich entschieden, zwischen Pierre et Luce und S.C.H.A.S. ein instrumentales Zwischenspiel einzufügen: Der Totentanz von Anno Neun nach dem Gemälde von Albin Egger-Lienz bietet das düstere musikalische Verbindungsglied zwischen Tragödie und Satyrspiel. Durch unseren Link gelangen Sie zu einer von Walter Weidringer in der Zeitschrift klang:punkte verfassten großen Besprechung der drei Kammeropern.
Heinz Rögl

 

Triptychon
Gerhard Schedl
Premiere: 4. Juli 2007 // Halle G im Museumsquartier, Wien

 

Libretti von Attila Böcs & Gerhard Schedl nach Romain Rolland, Siegfried Pitschmann & H. C. Artmann

 

Premiere: 4. Juli 2007, 20.00 h
Weitere Vorstellungen: 6., 7., 10., 11. & 13. Juli 2007, 20.00 h
Spielort: Halle G im Museumsquartier, Wien

 

Mit Isabel Marxgut, Alexander Kaimbacher, Gernot Heinrich,  Andreas Jankowitsch u.v.a.
amadeus ensemble-wien

 

Musikalische Leitung:  Walter Kobéra.
Inszenierung: Johannes Erath
Bühne Stefan Heinrichs
Kostüme Susana Mendoza
Lichtdesign Norbert Chmel

 

Foto Triptychon 1: Armin Bardel
Foto Gerhard Schedl: R. Publig/Doblinger
Foto Triptychon 2: garnitur