Thomas Andreas Beck (c) Jaafar

„Der Weinsommer Gumpoldskirchen ist auf Kulturebene auch ein Regionalentwicklungsprojekt“ – THOMAS ANDREAS BECK im mica-Interview

5/8 IN EHR`N, ULLI BÄER und die BLUES SCHRAMMELN, SKOLKA, SABINE STIEGER und viele mehr sind heuer dabei: zum dritten Mal findet der WEINSOMMER GUMPOLDSKIRCHEN statt. Insgesamt gibt es 11 Konzerte bei freiem Eintritt – zwei davon als Frühschoppen der besonderen Art: denn wenn KATIE KERN in die Gitarrensaiten greift, dann hat das mit schunkeliger Heurigenmusik gar nichts zu tun. Kurator der Reihe ist der Musiker THOMAS ANDREAS BECK, mit ihm hat Jürgen Plank über die ersten beiden Jahre und die heurige Ausgabe des Festivals gesprochen.

Was ist der Weinsommer Gumpoldskirchen?

Thomas Andreas Beck: Es gibt in Gumpoldskirchen engagierte Winzer und Heurigenwirtinnen und -wirte. Deren Idee war, den Weinsommer kulinarisch aufzuwerten und mit inhaltlich, qualitätsvolle Musik zu verknüpfen. Musik aus der Region, wobei Region sehr tolerant definiert ist.

Wie kam es, dass Sie das Musikprogramm in Gumpoldskirchen programmieren?

Thomas Andreas Beck: Ich bin mit der Region verbunden, ich habe beim Heurigen dort auch schon gespielt. Vor drei Jahren war es für die Leute dort klar: wenn es um Live-Musik geht, dann fragen wir den Thomas.

Wo finden die Konzerte genau statt?

Thomas Andreas Beck: Am Marktplatz. Die Bühne wird direkt über dem alten Brunnen gebaut, das ist eine kleine Bühne. Das Dorf kommt zusammen, das ist etwas Archaisches.

Wer hat in den ersten beiden Jahren im Rahmen des Weinsommers gespielt?

Thomas Andreas Beck: Von Anfang an ist die Linie des Programms: Dialektmusik. Aber frei definiert. Es müssen nicht nur Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher oder Wienerinnen und Wiener sein, aber grundsätzlich: deutschsprachig und Dialekt. Gespielt haben bereits Birgit Denk, zum Publikumsliebling ist Ulli Bäer geworden. Großartig waren auch Bratfisch, zum Beispiel. Der Nino aus Wien und Wiener Blond haben gespielt, das ist sich auch gut ausgegangen. Bei Kollegium Kalksburg, die großartig waren, habe ich gemerkt, dass die Leute sich auch einfach unterhalten wollen.

Aber wie genau muss man auf die Bedürfnisse des Publikums achten? Austrofred hat gemeint, man müsse sich sein Publikum erziehen.

Thomas Andreas Beck: Den habe ich für heuer angefragt, aber er hat leider keine Zeit gehabt. Er wäre für mich ein sehr guter Act. Wenn mich der Weinsommer neben der Riesenfreude auch ein paar graue Haare gekostet hat, dann genau wegen dieser Frage: was geht sich aus und was nicht, wenn die Besucherinnen und Besucher nicht alle nur wegen der Musik dabei sind? Eine Ausnahme war Attwenger, denn als sie gespielt haben, waren 50 Prozent der Besucherinnen und Besucher wegen der Band da. Beim Nino aus Wien haben einzelne nicht unterschieden zwischen: was ist Kunst und künstlerische Provokation oder ist da wirklich ein drogensüchtiger Vollbesoffener auf der Bühne.

„Man muss wie ein mutiger Koch die Dinge auf den Tisch bringen“

Ist somit auch Mut bei der Programmierung gefordert?

Thomas Andreas Beck: Für mich war Nino ein Highlight, aber es hat sich auch gezeigt, wo Inspiration auch zu einem Konflikt werden kann. Allen kann man es nicht recht machen. Aber: man muss wie ein mutiger Koch die Dinge auf den Tisch bringen.

5/8erl in Ehr´n (c) Astrid Knie

Wer ist heuer dabei?

Thomas Andreas Beck: Ulli Bäer ist dabei mit den Blues Schrammeln, das ist eine experimentelle Gruppe, die alte Klassiker etwa von den Rolling Stones mit dem Wiener Lied mischt. Mit deutschsprachigen, wild übersetzten Texten. Persönliche Vorlieben sind natürlich auch immer beim Programmieren dabei und so werden heuer 5/8 in Ehr’n spielen. Ich habe drei Mal angefragt und ein Mal ein “Ja’ bekommen. Sie spielen am Sonntag den 19. August.

„Der Weinsommer soll sich weiter entfalten und sich entwickeln, vielleicht wird sich die Reihe international mehr öffnen“

In diesem Spannungsfeld zwischen den Vorlieben des Kurators und dem, was dem Publikum zumutbar ist: welche Vision haben Sie für die Zukunft, möchten Sie noch freier agieren?

Thomas Andreas Beck: Mich interessiert, wie drei Weinsommer in Gumpoldskirchen auch die Winzer verändert haben. Ich lerne jedes Jahr etwas und bleibe immer lernoffen und meine Vision ist, dass es weiterhin besteht und wir jedes Jahr wieder das Budget aufstellen können. Der Weinsommer soll sich weiter entfalten und sich entwickeln, vielleicht wird sich die Reihe international mehr öffnen. Zum Bespiel für Musik der Länder, in denen die Leute Urlaub machen: Italien, Kroatien, Ungarn, Spanien. Vielleicht könnte man Dialekt europäisch definieren. Was es bleiben wird, ist die Kombination aus Ritual und Dorffest, bei dem man miteinander künstlerisch wertvoll feiert und redet. Wäre ein Schlagerprogramm gewünscht, würde ich als Kurator aussteigen.

Wer wird heuer noch spielen?

Thomas Andreas Beck: Wiener Wahnsinn wird spielen, das wird ein Austropop-Abend. Das ist zum Beispiel wirklich eine Reaktion auf den Wunsch, der an mich herangetragen wurde, noch näher an die österreichische Seele heran zu gehen. Wiener Wahnsinn spielen einfach für drei, vier Stunden Austropop-Nummern, die man kennt und mitsingen kann. Skolka habe ich noch nicht erwähnt, eine Weinviertler Ska-Band mit einer Frontfrau. Aus Oberösterreich werden Max Grubmüller und Sabine Stieger kommen und nebenbei gesagt: ich bin stolz auf die Frauenquote beim Festival.

Haben Sie sich einen hohen Anteil an Musikerinnen selbst auferlegt?

Thomas Andreas Beck: Mir war klar, dass das Programm Ausgewogenheit braucht, das habe ich mir selbst auferlegt. Die Frage war für mich: wo sind starke Frauen? Und ich habe einige gefunden.

Wie setzt sich das Publikum in Gumpoldskirchen zusammen? Sind das auch Touristinnen und Touristen oder hauptsächlich Einheimische?

Thomas Andreas Beck: Der Kern ist auf jeden Fall Stammpublikum aus Gumpoldskirchen und Umgebung. Wir erreichen aber natürlich auch Musikinteressierte, die eben wegen Attwenger anreisen. Das Publikum ist also komplett durchmischt.

Sie haben auch selbst schon im Rahmen des Festivals gespielt, wie war das?

Thomas Andreas Beck: Für mich zählen die beiden Konzerte, die ich im Rahmen des Weinsommers gespielt habe, ganz sicher zu den schönsten Konzerten, die ich jemals gespielt habe. Beim ersten Mal war es für die Winzerinnen und Winzer klar, dass ich als Organisator auch spielen soll. Es war für mich schon ein Heimspiel und ich habe mich sehr wohl gefühlt. Es ist ja eher selten, dass man vier Stunden auf einer Bühne ist, man beginnt das erste Set bei Sonnenschein, dann geht es beim zweiten Set in die Dämmerung, in den Sonnenuntergang und man mündet in ein letztes Set am Abend.

Was macht so ein Heimspiel aus?

Thomas Andreas Beck: Wenn ich dort spiele, kann ich auch von der Region erzählen, vom Anninger, wo ich fast jeden Weg kenne. Von den Bienen im Wald, aber auch vom Flüchtlingsheim in Traiskirchen, das ganz in der Nähe ist. Einen Kilometer von der Bühne entfernt habe ich zum Beispiel das Lied „Schaut’s hin“ geschrieben.

Haben Sie den Eindruck, dass der ganze Ort in irgendeiner Form hinter dem Festival steht?

Thomas Andreas Beck: Ja, definitiv. Ich habe ja in Wien als Berater immer wieder in der Stadtentwicklung zu tun. Der Weinsommer Gumpoldskirchen ist auf Kulturebene auch ein Regionalentwicklungsprojekt, er ist ein wichtiger Beitrag zur Ortskultur.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

„Gumpoldskirchner Weinsommer“ (18. August bis 26. August 2018)
Schrannerplatz, 2352 Gumpoldskirchen
Konzertbeginn: jeweils 20h, Eintritt frei, bei Schlechtwetter wird die Bühne überdacht
Sa 18.8.: Rotgipfler Brass, So 19.8.: 5/8 in Ehr’n, Mo 20.8.: Sabine Stieger und Max Grubmüller, Di 21.8.: Wiener Wahnsinn, Mi 22.8.: Müßig Gang und Skero, Do 23.8.: Dunkelbunt, Fr 24.8.: Skolka, Sa 25.8.: Denk Trio, So 26.8.: Blues Schrammeln mit Ulli Bäer

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