Der Steppe glücklich entkommen – Erich Urbanner zum 75. Geburtstag

Üblicherweise ist man ja zu Geburtstagen der Beschenkte. Dergleichen „Egoismus“ ist Erich Urbanner fremd. Er teilt – und schenkt uns zu seinem 75er ein neues Werk. Das Ensemble Reconsil Wien schenkt ihm die dazugehörige Uraufführung, heute Abende im Arnold Schönberg Center.

Ein echter Wiener ist er zwar nie geworden, der am 26. März 1936 in Innsbruck geborene Erich Urbanner – eine Tatsache, die allerdings keineswegs als Makel zu sehen ist. Markant hat er im Musikleben der österreichischen Bundeshauptstadt in mehr als fünf Jahrzehnten Akzente gesetzt, als Komponist wie als Lehrer wurde Wien Zentrum seiner Arbeit. Und dass er daneben immer ein echter Tiroler blieb, hat ihm keineswegs geschadet. Das „doppelte Standbein“ erweist sich bei Künstlerkarrieren durchaus als vorteilhaft: Ehrt Wien, so ehrt auch Tirol. Beauftragt Tirol, so will Wien nicht zurückstehen. So zumindest eine sehr vereinfachte Darstellung, die nicht verdecken soll, mit welcher Kontinuität Urbanner sich der Wertschätzung in Ost und West der Republik erfreut.

Begonnen hat diese Laufbahn mit dem Studium an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien. Gemeinsam mit Iván Eröd, Ingomar Grünauer, Gösta Neuwirth, Kurt Schwertsik, Otto M. Zykan u. a. zählte er zu jener Gruppe junger Musiker, die sich ab Mitte der 50er-Jahre um den Komponisten Karl Schiske scharte, der dort als Lehrer an einen wesentlichen Kontrapunkt zu den das damalige Musikleben dominierenden konservativen Kreisen bildete. Anschaulich schildert Urbanner die „Modernitätsferne“ des Kritikerpapstes im Wien der Nachkriegszeit und kompositorisch als „österreichischer Impressionist“ eingestuften Joseph Marx, dessen Privatschüler er für einige Zeit war. Um 1955 von Urbanner mit dem – aus heutiger Betrachtung wohl als gemäßigt modern zu bezeichnenden – ersten Violinkonzert von Johann Nepomuk David konfrontiert meinte Marx nur knapp: „Wenn du auch so komponierst, schmeiß’ i’ di’ auße!“ – Eine Einstellung, die Urbanner als zu dieser Zeit „omnipräsent“ bezeichnet; vielfache Anfeindungen gegenüber der sich formierenden Studentengruppe um Schiske inklusive. Dennoch betrachtet Urbanner die „Perspektive des sich Behauptens in einer fremden Welt äußerst positiv.“ Insbesondere durch Schiskes Vermittlung seiner Schüler an die Innsbrucker Jugendkulturwochen, erhielten diese auch breitere Einblicke in aktuelle Strömungen anderer Kunstgattungen, und in der Folge entwickelten sich auch mannigfaltige persönliche Kontakte zu deren Vertretern. Den komponierenden Kollegen weitgehend gemeinsam war eine Begeisterung für den Dadaismus, der beispielsweise in Urbanners musikalisch-strukturellem Denken seine Spuren hinsichtlich formaler Aspekte hinterließ, ohne dass er freilich selbst je ein dadaistisches Gedicht vertont hätte.

Während seiner Studien an der Wiener Akademie – 1955–61 belegte Urbanner Komposition bei Schiske und Hanns Jelinek, Klavier bei Grete Hinterhofer sowie Dirigieren bei Hans Swarowsky – nahm er auch an den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt teil, wo er Kompositionskurse bei Wolfgang Fortner, Karlheinz Stockhausen und Bruno Maderna besuchte. Bereits unmittelbar nach Studienabschluss wurde er 1961 selbst Lehrer für Partiturspiel an der Musikakademie.

Alle diese Grundlagen lassen es als konsequent erscheinen, dass Urbanner sich in seinen eigenen schöpferischen Anfängen bald selbst mit Avantgardetechniken beschäftigte, wobei die Zweite Wiener Schule und Darmstadt Pate standen. Zu seinen dodekaphon und seriell organisierten Arbeiten der 60er-Jahre gehören etwa die – Parallelen zu Anton Weberns „Vier Stücken für Geige und Klavier“ op. 7 aufweisenden – Fünf Stücke für Violine und Klavier (1961), das Adagio für Klavier (1966) sowie das Orchesterwerk Thema, 19 Variationen und ein Nachspiel (1968), das noch einmal alle von ihm bis dahin angewandten kompositorischen Mittel zusammenfasst.

Die bei den Darmstädter Ferienkursen bzw. speziell John Cage ausgeprägte Neigung zu Improvisation und Spontaneität fehlt Urbanner in der österreichischen Musikszene der Zeit völlig. – „Wenn Cage eine Zigarette anzündete und alle im Kreis auf den Podien rauchten, so war das ein Ausbrechen aus der Enge; das lieferte neue Anhaltspunkte.“ (2008 im Gespräch mit dem Verfasser) – Mit beeinflusst durch die graphisch notierten Arbeiten von Anestis Logothetis oder Roman Haubenstock-Ramati realisierte Urbanner in der Konsequenz während der 1960er-Jahre über einen Zeitraum von etwas mehr als einer Dekade mehrere verschieden besetzte Werke, die er teils auch im Titel in fortlaufender Nummerierung „Improvisation“ nannte und in denen er den Ausführenden ein hohes Maß an Freiraum der Darstellung überließ; u. a. verwendet er darin auch immer wieder eine eigene „Streckennotation“. Dass er in weiterer Konsequenz seine Vorstellungen durch genaue Notation gleichwertiger oder sogar präziser ausdrücken zu können vermeinte, führte zu einer Rückkehr zu traditioneller Notation – wie in allen Fällen einer Wandlung von ästhetischer Position oder verwendeter Ausdrucks- und Gestaltungsmittel freilich unter Einbezug der in den früheren Phasen erhaltenen Eindrücke und Erfahrungen. Auf die Atmosphäre jener Jahre bezogen spricht Urbanner von einem „Herauskommen aus einer Steppe, das gleichsam wie das Erblicken einer grünen Oase nach der seriellen Periode wieder die Möglichkeit zu freier Entwicklung bot.“ (Gespräch, 2008)

In seinem Violinkonzert (1971) und im Kontrabasskonzert (1973) wird der improvisatorische Gestus um klangliche Ereignisse vermehrt und durch betonte Formgestaltung klarer strukturiert. In der Folge war es für Urbanner wesentlich, neben dem strukturell Durchdachten auch breiteren Raum für melodische Entwicklung zu lassen. Dies und das Überdenken alter Formmuster prägen z. B. die Retrospektiven für Orchester (1974/75; Neufassung 1979), die u. a. einen in seinem Rhythmus aufgelösten Trauermarsch und ein Rondo mit einem nur einmal in der ursprünglichen Gestalt auftretenden Ritornell enthalten. Auch in späteren Werken Urbanners finden sich Elemente wie Clustertechnik oder Mikropolyphonie. Um musikalische Inhalte aus neuer Sicht reflektieren zu können, steht er aktuellen Entwicklungen stets offen gegenüber und prüft sie auf die Möglichkeit der Anwendung in seinem eigenen Schaffen:
„In einer Zeit vielfältigster Strömungen, aber auch in einer Zeit der Unsicherheit, was noch Avantgardismus und was Konservativismus ist, ist es wichtig, sich klar vor Augen zu führen, dass Innovationen weniger denn je im Materialbereich als im Grad kompositorisch zu gestaltender Bewältigung zu setzen sind.“ (Erich Urbanner, 1993)

Aus Urbanners Vokalschaffen sind insbesondere das anlässlich der 175-Jahr-Feiern des Tiroler Freiheitskampfes komponierte Requiem für Soli, Chor und Orchester (1975) mit seinem ausdrucksvollen, teils in komplexer Polyphonie geführten Chorsatz und die 1988 am Tiroler Landestheater erfolgreich uraufgeführte Oper Ninive (1987) hervorzuheben.

Sowohl für viele seiner Werke im Einzelnen als auch für sein Gesamtschaffen wurde Urbanner vielfach mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet – erwähnt seien nur der Kompositionspreis der Landeshauptstadt Innsbruck, der Würdigungspreis der Republik Österreich, der Musikpreis der Stadt Wien, der Tiroler Landespreis für Musik, das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich sowie das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien.

Eingeschlossen in diese Würdigungen ist selbstredend auch der Dank der Öffentlichkeit für das rund vier Jahrzehnte umspannende Wirken als Professor für Komposition und Tonsatz an der Wiener Musikakademie (der späteren Hochschule und nunmehrigen Universität). Die Zahl seiner Schüler dort ist Legion und ihre Aufzählung hier würde den Rahmen sprengen. Auffällig – und als unmissverständliches Zeichen für die Qualität des Lehrers sprechend – ist die stete Präsenz der früheren Studenten bei allen aktuellen Urbanner-Aufführungen, insbesondere natürlich wenn ein neues Werke auf dem Programm steht.

Dass Urbanner seinerseits der „Neue Musik“-Szene anhaltend eng verbunden ist, belegt etwa ein Auftrag der „Musica Viva“, der die Begegnungen für großes Orchester (2005/06) nach sich zog, uraufgeführt im vergangenen Herbst in München. Und da die Freunde seiner Musik stets mit Spannung auf alles Neue von Urbanner warten, ist heute ein ganz besonderer Festtag, steht doch abends die Premiere des Violakonzert (2010) mit der früheren Urbanner-Schülerin Julia Purgina sowie dem Ensemble Reconsil Wien unter der Leitung von Roland Freisitzer im Wiener Arnold Schönberg Center auf dem Programm. Ein Dank an dieser Stelle an Erich Urbanner, dass er uns zu seinem 75. Geburtstag dieses Geschenk macht!
Christian Heindl

Mittwoch, 11. Mai 2011, 19:30
Arnold Schönberg Center
Ensemble Reconsil Wien
Roland Freisitzer, Dirigent

Alban Berg: 4 Stücke op.5, Version für Klarinette und Ensemble von Thomas Heinisch (2011, UA)
Roland Freisitzer: Neues Werk für Bassettklarinette und Bassklarinette (2011, UA)
Alexander Wagendristel: PRAYERS TO NO ONE für Bassettklarinette und Ensemble (2011, UA)
Hauke Jasper Berheide: Mein kieferndes Wacholdergrab – Szenen für Koloratursopran und Kammerensemble, nach Texten von Oswald Egger (2011, UA)
Arnold Schönberg: 5 Klavierstücke op.23
Erich Urbanner: Konzert für Viola und 13 Spieler (2010, UA)