„Der Produktionsprozess war vielgestaltig“ – Georg Vogel (VogelLettner) im mica-Interview

VogelLettner heißt ein Duo, das aus den beiden namensgebenden Musikern, dem Komponisten und Pianisten Georg Vogel und dem Schlagzeuger Andreas Lettner, besteht. Ihr Debüt- Album „Ohhnett” entstand in einem ganz speziellen Produktionsprozess: Spontan-improvisiertes Spiel wurde aufgenommen, transkribiert, neu ausgestaltet, arrangiert und schließlich neu eingespielt. Dadurch haben die beiden zwei Welten zusammengeführt, die üblicherweise nur schwer miteinander vereinbaren sind: Freie Improvisation und punktgenaue Musikproduktion. Mit Markus Deisenberger sprach Georg Vogel über die Lust an der Improvisation und die Hingebung zum „Groove-Beton“.

Lass uns über euer aktuelles Album reden, „Ohhnett“ – zweifellos eine der spannendsten Platten seit Langem. Spannend und ungewöhnlich, aber das sind alle deiner Projekte.

Lass uns mit dem Produktionsprozess beginnen. Auch der war ungewöhnlich, oder?

Georg Vogel: Ja. Wir haben uns – das ist schon vier, fünf Jahre her – begonnen zu treffen und gemeinsam zu improvisieren. Und bei diesen Improvisationen ist das Band mitgelaufen.

Habt ihr live oder im Studio improvisiert?

Georg Vogel: Zunächst haben wir Konzerte gespielt, die alle auf rein improvisatorischer Basis waren. Und dann haben wir uns auch im Studio getroffen und dort improvisiert. Auch da ist das Band ist mitgelaufen. Und diese Aufzeichnungen haben wir nachher gesichtet und daraus Ausschnitte ausgewählt, die wir dann noch einmal genau unter die Lupe genommen und transkribiert haben und die als Basis für neue Arrangements dienten. Ein mehrstufiger Prozess sozusagen.

Nach welchen Kriterien habt ihr das Material ausgewählt, das ihr dann genauer unter die Lupe genommen habt? Was waren da die Kriterien?

Georg Vogel: Die Kriterien waren die unterschiedlichen Arten von Weiterverwendung. Manche Nummern sind als Ganzes verwendet worden, genauso wie wir es gespielt haben, zum Beispiel „Dill“. Bei anderen, zum Beispiel „landig“ oder „Alaam“, war es so, dass wir einen Ausschnitt verwendet haben. Und auch bei „Ohhnett“ ist der Prozess so vonstattengegangen, dass ein bestimmter Ausschnitt genommen und transkribiert wurde. Die Kriterien waren, ob dieser Ausschnitt harmonisch und rhythmisch eine in sich stimmige Basis darstellen kann. Ich habe bei den Aufnahmen immer ein sehr spezielles Instrumentarium verwendet und auch mit dem Zufallsprinzip gearbeitet. Das heißt, dass die eigentliche Stimmung und die Instrumentierung der Tasten nicht ganz vorhersehbar waren. Auf elektronischer Basis war das so, dass ich ein Zufallsprinzip mit einfließen habe lassen. Das war im Nachhinein natürlich dann spannend, wie man rekonstruiert, was da wirklich passiert ist. Und der eigentliche Hergang ist natürlich nie ganz wiederherstellbar, und das hat auch den Reiz ausgemacht. Das Transkribieren war ein neuer kreativer Akt, um das neu zu organisieren, was da beim Improvisieren passiert ist.

Etwas zu transkribieren, was erstens sehr komplex ist und sich zweitens gar nicht ganz rekonstruieren lässt, stelle ich mir als einen sehr aufwändigen Vorgang vor.

Georg Vogel: Man muss alles von einer neuen Ausgangsprämisse ausgehend beurteilen. An erster Stelle stand da die Entscheidung, mit welchem Instrumentarium ich es weiterspielen möchte. Also ich habe damals ursprünglich ein zwölftastiges Instrument genommen, und die haben alle verschiedene Einstimmungen in verschiedenen Aufteilungen gehabt. Beim Live-Interagieren mit dem Andreas ist das dann zusammengekommen. In der Produktion haben wir uns danach überlegt, das doch aufwändiger zu machen, nämlich verschiedene Klaviere zu verwenden, auch die Clavitone, die ich gebaut habe, und andere, und das auf eine neue 31-Ton-Systematik zu bringen, auf der alles neu aufgebaut wird.

Wie hat sich ergeben, welches Instrument du wofür verwendest hast? Ging das spontan, also einer Eingebung folgend, vonstatten oder gab es einen Plan?

Georg Vogel: Meinst du beim Aufnehmen oder beim Spielen?

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Beim Aufnehmen.

Georg Vogel: Ich habe ein Studio im Arsenal, und in diesem Studio gibt es viele Klaviere unterschiedlicher Art – Hammerklaviere, aber auch Flügel und eben das Claviton – und je nachdem, wonach das Stück geschrien hat, welche Art von Instrument man da miteinbeziehen kann, haben wir dann den Aufnahme- und Produktionsprozess danach ausgerichtet und die Instrumente in Kleinstarbeit aufgezeichnet.

Wieso Kleinstarbeit? Neben Claviton und 31-Ton-gestimmten Klavieren kamen auch gestimmte Pianet- und Wurlitzer-Simulationen zum Einsatz. Meinst du das?

Georg Vogel: Weil der Produktionsprozess sehr vielgestaltig war, genau. Von den Live-Situationen her über das Zusammenbringen von Instrumenten, die sonst miteinander nicht klingen können, weil ich nur ein Pianist bin und nicht mehrere Klaviere gleichzeitig spielen kann und so weiter.

Wie bist du zu deinem Partner für dieses Projekt, Andreas Lettner, gekommen?

Georg Vogel: Andreas hatte die Idee gehabt. Andreas ist der Initiator.

Also er kam auf dich zu?

Georg Vogel: Ja, genau.

Was waren die Vorgaben beim Provisieren, wenn wir jetzt auf Schritt zurückgehen?

Georg Vogel: Es gab keinerlei Vorgaben. Wir waren völlig frei.

Wie findet man da zueinander? Das ist ein Prozess der Annäherung, nehme ich an?

Georg Vogel: Ja, genau. Es geht darum, spontan die Energie zu entwickeln und zu schauen, was passiert.

Hat sich das Zusammenspiel bzw. die Art, die Qualität des Zusammenspiels verändert im Laufe der Zeit?

Georg Vogel: Ja, doch. Immer abhängig davon, welches Instrument ich für die jeweilige Session vorbereitet habe.

Ihr beide, Andreas und du, seid sehr unterschiedliche Typen. Aber es muss eine Schnittmenge geben, sonst würde das Projekt nicht so gut funktionieren. Wie würdest du eure gemeinsame musikalische Schnittmenge beschreiben?

Georg Vogel: Die Lust am Produzieren und ins Detail zu gehen. Sich genau und detailliert auszudenken, wie man produktionstechnisch vorgehen kann. Und natürlich, dass man einen erdigen Groove betoniert. Dafür haben wir beide die gleiche Hingebungslust.

Was hat mit den Titeln auf sich? „Alaam“, „landig“, „Ohhnett“, „Aeffad“, „Kuephre II“ oder „Vog“?

Georg Vogel: Zu „Ohhnett“ gibt es folgende Geschichte: Die erste Improvisation war auf der Basis von Pianet-Instrumenten. Das Pianet ist ein elektromechanisches Tasteninstrument, und ich habe darauf Simulationen gemacht und dann transkribiert. Aufgenommen haben wir es aber ohne Pianet, also mit Flügel, also „ohne Nett“. „Kuephre“ ist das Kürzest-Phrasen-Responsorium. Das bedeutet, dass sich ganz kurze Motivteile gegenseitig Frage-Antwort-Spiele liefern.

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Und „Aeffad“?

Georg Vogel: Da ist die rhythmische Idee verbraten. Dass sich alles auf einen gemeinsamen Impuls bezieht. Es gibt immer einen gewissen etymologischen Hintergrund.

Haben die unterschiedlichen Längen der Stücke auch damit zu tun, ob ihr Stücke genommen habt oder eine Improvisation ganz gelassen habt?

Georg Vogel: Ja. Allerdings haben zwei Nummern Verschraubungen drinnen, d.h. da wurden Stücke mit anderen verschraubt. In erster Linie sind das „Ohhnett“ und „Dill“ Bei „Ohhnett“ ist die gleiche Idee in verschiedenster Ausführung vorhanden. Und bei Dill gibt es hinten sowas wie einen erweiterten Teil, wo dann auch das Klavier dazukommt.

Diese Grenze zwischen Improvisation, spontaner Improvisation und durchdachter Musikproduktion irgendwie aufzuheben oder diese beiden Bereiche miteinander verschmelzen zu lassen, das war von Anfang an der Ansatz?

Georg Vogel: Genau. Aber der Ansatz war vorher, einfach einmal gemeinsam zu improvisieren. Und dann sind wir ins Studio gegangen, in sein Studio, und da hat sich herausgestellt, dass die Improvisation an sich schon sehr reizvoll ist, aber es eben noch reizvoller ist, einen erweiterten Prozess daraus zu machen.

Wie unterscheidet sich das dann, wenn du die ursprüngliche Improvisation spielst und wenn du dann das quasi bearbeitete, veränderte Version spielst? Ist das vom Gefühl her ein Unterschied?

Georg Vogel: Ja, das ist komplett anders. Es ist so, wie wenn man ein Stück einfach lernen muss. Weil so eine Art von Stück, wie wir sie dann spielen, würde man sehr unwahrscheinlich komponieren. Im Energiefluss entstehen außerdem Sachen, die man in anderen Energieflüssen nicht so leicht herausschüttelt. Die Sache zu lernen, ist dann noch einmal etwas anderes. Wir haben bei einem Konzert auch schon strikt das Album gespielt, das heißt, alle Arrangements genauso wie wir sie produziert haben, nochmal live aufgeführt. Das ist ein nochmal ausladenderer Prozess. Sehr intensiv.

Auch übungsintensiver, stelle ich mir vor.

Georg Vogel: Es gibt einfach viel Notenmaterial zu lernen, das vorher in der Form noch nicht gespielt worden ist.

Welchen Stellenwert nimmt das ein? Du machst so viele unterschiedliche Dinge. Ist das jetzt gerade das Hauptprojekt?

Georg Vogel: Es gibt immer Hauptprojekte. Aber VogelLettner ist jetzt eines meiner Hauptprojekte, das kann man auf jeden Fall so sagen. Das Album ist vor einem Jahr rausgekommen und wir sind schon wieder am Werkeln, dass das neue Album Fahrt im kommenden März Fahrt aufnimmt

Wird das kommende Album von der Herangehensweise her ähnlich sein?

Georg Vogel: Nein, wir kreisen um die Gedanken, dass es ganz anders wird.

Kann man schon sagen, inwiefern, oder wäre das zu viel verraten?

Georg Vogel: Das wäre noch ein bisschen zu viel verraten, aber wir haben eine Videoveröffentlichung, die genau am Tag des Konzerts rauskommen wird.

(siehe unten) Wir haben alles im Studio nochmal nachgespielt und das dann aufgenommen.

Wie wird die Live-Umsetzung funktionieren?

Georg Vogel: In letzter Zeit haben wir angefangen, ausgehend vom vorhandenen Material neu zu improvisieren. Mit dem Material finden neue Auseinandersetzungen statt, und so wird es auch bei Kick Jazz sein, wo dann viele Stücke vom Album zu hören sein werden, aber in vielleicht unerwarteter Weise, weil Improvisationsaspekte neu dazu gebracht werden.

Das heißt, ihr nehmt die ursprüngliche Improvisation, die ihr bearbeitet habt, als Ausgangsübung, um neue Versionen davon zu improvisieren?

Georg Vogel: Ja, und auch um das Programm neu ineinander zu verschränken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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