Es ist 1977 und die Welt hat keine Zukunft. Sagen zumindest Lederjacken und Nietengürtel. Und jene, die aus alter Gewohnheit in die Springerstiefel schlüpfen. Irgendwo dazwischen: Bands, die ein bisserl unangenehm sind. Und sich 50 Jahre später wie Inschriften auf einer antiken Steintafel des Kreisky-Krawalls verewigt haben. In Klammern, die sportliche Musikjournalisten unablässig hinter Namen setzen, bis die Erinnerungen an die Besetzung der Arena das limbische System fluten.
ROBERT WOLF, RAINER KRISPEL, CHRISTIAN UNGER, TOM NIESNER. Sie, die Stahlstadtpensionisten und Tausend-Takte-Testamente, haben sich zusammengetan. Um ein Vierteljahrhundert österreichischen hust, Underground zu frankieren. Oder um noch einmal zu sagen, was schon länger kein Mensch mit Handyklapphülle und Facebookvergangenheit gesagt hat.
Als POST machen die vier „Boomer”, wie ROBERT WOLF im Gespräch mit mica sagt, also Musik. Ihr Album erscheint am 10. April 2026 auf Voller Sound. Es heißt „GO BOOMER GO!” und klingt so, wie man es sich vorstellen darf, wenn Männer über 60 versuchen, den Zorn ihrer Jugend in die Ära von Hafermilch und Kontaktschuld zu retten.
Über Johnny Rotten als falschen Trump-Fan und Lycra-Deppen am Donaukanal hat Christoph Benkeser mit ROBERT WOLF gesprochen. Über ehrliche Wut in der Pension auch.
Text: Christoph Benkeser
Wer von euch ist eigentlich der größte Boomer?
Robert Wolf: Wir alle haben ihn in uns. Sobald du ein bisserl Leben hinter dir hast, kann man sich in einer überwoken Welt nicht mehr so leicht zurechtfinden. Das heißt nicht, dass man es nicht versuchen sollte. Wir waren schließlich auch jung und deppert. Was wir mit Anfang 20 aufgeführt haben … Das könntest du heute nicht mehr machen.
Zum Beispiel?
Robert Wolf: Wir haben mit Chuzpe ein Textheft gemacht und hinten eine Sprühschablone dazugegeben: ein Davidstern mit einem Hakenkreuz. Für uns war das nur Provokation. Heute wäre es blöd. Wobei … Es war schon damals nicht gescheit. Ein junges Mädchen kam zu einem unserer Konzerte, mit einem Hakenkreuz auf der Wange. Der Sigi Maron hat das gesehen und sie dermaßen zusammengeputzt … Heute denke ich mir: Eigentlich schon wieder boomermäßig, einem jungen Menschen zu sagen, was er zu denken hat, oder?
Ihr sagt niemandem, wie man zu denken hat?
Robert Wolf: Na, schau. Wir kommen aus der Punk-Szene. Da waren Schwule und Crossdresser und Asexuelle und Nonbinäre, aber niemand hat sich so benannt. Man war ja Punk. Das hat gereicht. Heute muss man alles benennen. Das führt zu einer politischen Korrektheit, die …
… Eigentlich ziemlich reaktionär ist?
Robert Wolf: Natürlich! Bei Chuzpe hatten wir ein Lied, „Gute Kräfte sammeln sich” – das haben wir gegen den erhobenen Zeigefinger gemeint. Der Christian [Brandl, Anm.] hat später gesagt: Man muss nur aufpassen, dass der erhobene Zeigefinger, den man bricht, nicht wieder zu einem erhobenen Zeigefinger wird.
Wie könnte das passieren?
Robert Wolf: Wenn du als älterer Mensch deine Erfahrung ungefragt weitergibst. Die jungen Leute sollen ruhig fragen, dann reden wir gern. Aber ungefragt? Das maße ich mir nicht an.
Und, fragen die jungen Leute?
Robert Wolf: Wir haben beim Erdberger Stadtentwicklungsfest in der Arena gespielt, neben lauter jungen Bands. Die sind alle ausgeschlafen und wach und vor allem professionell. Das hat es bei uns nicht gegeben. Wir waren alle Loser, die nichts auf die Reihe gebracht haben. Jetzt sehe ich Bands wie Szene Putzen und denke mir, das ist die großartigste Band, die Wien in den letzten 20 Jahren gesehen hat.
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Euer Album heißt nun „GO BOOMER GO!”. Ist das ein Anfeuern beim Einsteigen in den Treppenlift oder eine letzte Ansage an die „jungen Indie-Bands”?
Robert Wolf: Es ist schon ein Mutmacher für die ältere Generation. Wenn man alt ist, ist es nämlich nicht vorbei. Es geht aber vor allem gegen die Verschwörungs-Schwurbler und FPÖ-Deppen und Putin-Gutfinder. Außerdem singen wir gegen die Infantilisierung der Gesellschaft. Wenn aus einem Partisanenlied ein Schlager wird, denke ich mir schon: 97 Prozent aller Menschen san Trotteln. Da nehme ich übrigens auch die alten Punks nicht aus.
Wieso sind Urpunks für solche Themen empfänglich?
Robert Wolf: Es ist eine Mischung aus Altersstarrsinn und Angst, in Bedeutungslosigkeit zu versinken. Viele haben sich ja nur über ihre Arbeit definiert. Dazu kommt: Die meisten haben zu viel Zeit, lesen dieses und jenes. Und: Eine Verschwörungstheorie ist oft interessanter als die Wirklichkeit. Das Internet, das in den 90ern toll angefangen hat, ist mittlerweile ein ziemlicher Schaß. Es ist halt wirklich so, wie wir in „Räudige Post” singen: „To all the future generations, lower your expectations.”
Also: Besser wird es nicht?
Robert Wolf: Na, den jungen Leuten wird es nicht mehr so gut gehen wie uns.
Wollt ihr eure Musik deshalb als „wütende-zeitgenössisches Update des späten 70er-Feelings” verstanden wissen, wie es im Beipackzettel zum Album heißt?
Robert Wolf: Wir sind in der Ära Kreisky groß geworden. In Österreich ist alles aufgeblüht. Davor sind alle im Hubertusmantel herumgelaufen. Plötzlich haben die Leute über Feminismus geredet, die Arena besetzt oder den Falter gegründet. Zu meiner Schande muss ich gestehen: Ich habe damals noch BRAVO gekauft. 1976 lese ich einen Bericht über eine Band namens Sex Pistols. Das war der Moment, in dem ich von Punk erfahren habe. Für mich, der kein Instrument spielen konnte, aber musikinteressiert war, hat sich das richtig angehört. Auf der Kärntnerstraße war ich dann im Plattengeschäft. Der Besitzer reicht mir das „Ramones”-Album. Ich hab es gehört und zurückgelegt. Als ich später am Graben bei der Pestsäule vorbeigehe, fährt es mir ein. So muss das klingen! Also bin ich umgedreht und habe die Platte doch gekauft. Von da an war ich Punk.
Seid ihr mit Post die Rebellen von damals oder doch nur die Gegenwarts-Grantler, die noch einmal das Damalige besprechen wollt?
Robert Wolf: Mir haben immer die zwei Figuren in der Muppet Show gefallen, die Alten, die hinten hocken und zu allem ihren Senf dazugeben. Irgendwie lustig, wenn man es gegen sich selbst richtet und die Lahmarschigkeit der eigenen Generation anspricht. Wenn wiederum junge Leute uns dafür verantwortlich machen, dass sie nicht mehr um die Welt fliegen können, hört sich mein Verständnis aber auch auf.
Na ja, du wirst 1977 eher nicht für eineinhalb Wochen nach Thailand geflogen sein, oder?
Robert Wolf: Ich bin nie gern geflogen. Meine erste Reise ging nach Israel, weil ich aus dem zweiten Bezirk komme und mich das Judentum interessiert hat.
Wo hört bei euch die Gesellschaftskritik auf und wo fängt die eigene Befindlichkeit an?
Robert Wolf: Die eigene Befindlichkeit ist immer eingebunden. Wir meinen uns also auch selbst. Es ist aber vor allem Beobachtung. Hör dir „Umzingelt” an. Die „Kuhglocken gegen Gender-Wahn” habe ich bei einer Demo wirklich gesehen. Dazu kommt: Ich habe ein Problem mit Esoterik. Schwurblertum, Rechtssein und Hundeliebhaberei, das gehört für mich alles zusammen.
„DIESE AUSWÜCHSE UNSERER GESELLSCHAFT KOMMENTIERE ICH, AUCH WENN ES TYPISCH BOOMER IST.”
Mit Aluhut rennen aber auch die Linken herum, nein?
Robert Wolf: Ja, eh. Es sind nicht nur die Rechten, es sind alle.
Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Räucherstäbchen …
Robert Wolf: Und der größte? Vielleicht die Lichtesser und Globulifresser. Diese Auswüchse unserer Gesellschaft kommentiere ich – auch wenn es typisch Boomer ist.
Haben plakative Aussagen nicht immer dieses typisch Boomer, sind aber gerade deswegen wahr?
Robert Wolf: Ja. Vor allem, wenn man zu differenzieren weiß. Auf dem Lied „Warum” ist der erste Satz: „Warum schaut jeder Radlfahrer drein wie a arrogantes Oaschloch?” Das heißt nicht, dass alle Radfahrer wirklich Arschlöcher sind. Wir spitzen nur zu, was alle sehen: Männer über 50, die in Lycra auf dem Radl den Donaukanal entlangdonnern. Der zweite Satz ist übrigens: „Warum san olle Ampeln rot, a Stimm in mir sagt foahr doch!” Damit meinen wir nicht die Autofahrer oder die Radfahrer. Es geht mir auch als Fußgänger am Oasch, wenn die Ampel rot ist.

Damit bezieht ihr euch auch „auf die gesellschaftskritische Haltung von Sigi Maron”, wie es im Albumtext heißt. Was fehlt der aktuellen österreichischen Kultur am meisten, das Maron damals hatte?
Robert Wolf: Was er hatte, fehlt. Teilweise aus Angst, weil man es sich mit niemandem verscherzen will. Bei uns steht der innere Punk trotzdem auf. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Man muss halt sagen, was Sache ist. Ein Vorbild von mir ist dahingehend Johnny Rotten. Er ist inzwischen leider Trump-Fan, wobei ich ihm das nicht abkaufe. Er ist ein Mensch, der B sagt, wenn ich A sage. Wenn also alle Trump hassen, ist er für ihn. Finde ich in der Sache nicht gut, kann ich im Gedanken aber verstehen.
Ist die Angst vor dem Anecken gefährlicher für die Kunst als die konservative Enge der späten 70er?
Robert Wolf: Ja. Wenn man nicht mehr miteinander spricht, nur weil einem die Meinung des anderen nicht gefällt, ist das gefährlich. Natürlich gibt es Leute, mit denen man nicht diskutieren kann. FPÖ-Trolle zum Beispiel. Meistens ist es aber schon in unserer Blase schwierig, über manche Themen zu sprechen. Dafür müssten wir alle aber erst einmal ein Handy-Detox machen …
Oder wieder wütender werden?
Robert Wolf: Genau. Und aus Zorn heraus das Falsche sagen. Entschuldigen kann man sich später immer noch.
Klingt Wut in der Pension anders als mit Anfang 20?
Robert Wolf: Sie wird einem übler genommen. Für den gerechten Zorn der Jugend bringt man ja Verständnis auf. Die Jugend darf nämlich alles – vor allem das Bisherige infrage stellen. Die Alten sollten es aber besser wissen und nicht alles rausschreien, was ihnen in den Sinn kommt.
Christoph Benkeser
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Post präsentieren „GO BOOMER GO!” am 9. April 2026 in der Szene Wien. Karten gibt es hier.
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