Das Vermitteln der Klänge – Hannes Raffaseder zwischen schöpferischem Tun und Intendantentum

Kurator, Vizerektor – recht amtlich klingende Titel für einen kreativen Künstler. Und damit sind erst zwei der Funktionen angesprochen, die Hannes Raffaseder zurzeit ausübt. Als in Wien lebender Oberösterreicher hat er sein Arbeitszentrum in der Mitte: In der Fachhochschule und im Klangturm St. Pölten setzt er Akzente. Über seine Arbeit sprach er mit Christian Heindl.

Nun sollte man annehmen, dass jedem mit neuer Musik Befassten der Klangturm St. Pölten nicht nur namentlich, sondern auch aus direkter Wahrnehmung ein Begriff ist. Dass dem sicher nicht so ist, sondern im Gegenteil nur eine Minderheit jener Klientel schon einmal Fuß und Ohr in dieses Gebäude gesetzt hat, sei die an den Beginn dieses Gesprächs gestellte Gegenthese. Sie erlaubt entsprechend die Frage an den Kurator, was man sich denn unter diesem Klangturm vorstellen muss.

Hannes Raffaseder (HR): „Der Klangturm ist eigentlich eine Ausstellung mit ‚Klangkunst’. Das Wort mag ich an sich nicht. Ziel ist es jedenfalls Klang- und Medienkunst primär einer jugendlichen Zielgruppe zugänglich zu machen.“

In den frühen Klangturm-Jahren ab 1997, damals unter der künstlerischen Leitung von Mia Zabelka, war es das Bestreben, internationale Klangkunst nach Österreich zu holen. Das Prestigeprojekt der Landeshauptstadt wurde durchaus großzügig vom Bundesland Niederösterreich gefördert. Dennoch konnte nicht übersehen werden, dass man – an einem damals keineswegs als Zentrum zeitgenössischen Musik- oder Klangschaffens geltenden Ort – bei weitem nicht den erhofften Publikumsandrang erzielte, da man Raffaseders Einschätzung nach verabsäumt hat, das Stattfindende auch entsprechend zu vermitteln. Eine wichtige Zäsur trat ein, als vor mehreren Jahren eine zweite Ausbaustufe erfolgte, in deren Rahmen nicht zuletzt die Außenlautsprecher abmontiert wurden. Man trug damit nicht zuletzt Anrainerbeschwerden über die Berieselung durch den „Klangwasserfall“ Rechnung. Raffaseder kam nach dieser Umgestaltung ins Klangturm-Team.

HR: „Im Zuge dessen haben wir gesagt, dass wir das Programm in Hinblick auf Schulklassen konzipieren wollen. Vor der Ausbauphase waren etwa 10.000 Besucher im Halbjahr des Ausstellungsbetriebs, jetzt sind es rund 35.000. Das mindeste ist, dass die Kids Spaß haben. Im Idealfall nehmen sie ein bisschen ‚mehr’ mit.“

„Mehr“?

HR: „Es gibt pädagogische Konzepte. Heuer zum Thema Klanglandlandschaft. Dabei wird vermittelt, wie sich unsere Klanglandschaft verändert hat. […] In einem Projekt haben z. B. zwei Kollegen ein- und dieselben Plätze im Surroundverfahren übers Jahr aufgenommen: Wie klingt der See im Winter, wie im Sommer? Oder der Weingarten. Es wird bewusst, wie sich der Klang der Landschaft verändert. – Ein anderes Beispiel sind etwa Filme, die mit drei verschiedenen Musiken unterlegt werden: Wie beeinflusst der Sound das bildliche Erleben? – Das alles ist nur in enger Zusammenarbeit mit der Fachhochschule St. Pölten möglich, da das offizielle Budget für diese Arbeit sehr gering ist.“

Hinsichtlich dieser Kooperation kommt Raffaseder eine seiner weiteren Funktionen zugute. Seit 2000 an der Fachhochschule für Telekommunikation und Medien St. Pölten tätig, ist er zurzeit deren Vizerektor sowie Leiter des Instituts für Medienproduktion und des Masterstudiengangs Digitale Medientechnologien. Nicht minder wichtig ist die unmittelbare Einbindung von Schulen des Landes.

HR: „Heuer hat das BG Horn eine Reihe von Beiträgen gestaltet. Es geht allerdings nicht nur um niederösterreichische Schulen, sondern es gibt grundsätzlich auch den Versuch über die Landesgrenzen zu kommen. Das hängt allerdings immer vom Engagement der jeweiligen Lehrer ab.“

Budgetär übernimmt den Löwenanteil an der Klangturmfinanzierung das Land. Der Turm bildet einen Teil des Niederösterreichischen Landesmuseums. Musste man auf Sponsoren bislang verzichten, so sind einzelne Förderbeiträge des Bundes und des SKE Fonds eine bestätigende Anerkennung der künstlerischen Arbeit.

HR: „Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit ‚musik aktuell’, die seit einigen Jahren kontinuierlich erfolgt und begann, als ich dort Composer in residence war.“

Das Stichwort „Composer“ leitet zu den Konzertprojekten des Klangturms.

HR: „Das lehnt sich bewusst an eine experimentelle Schiene an. In der Regel findet das in Verbindung mit Elektronik statt. Wir haben drei bis vier Konzertabende pro Saison mit jeweils zwei bis drei Ensembles. Heuer spielen u. a. Agnes Heginger, Nataša Mirković, de Ro, Ingrid Oberkanins, Franz Hautzinger, Matthias Loibner, Margit Schoberleitner, Hemma Geitzenauer, Karlheinz Essl, Arnold Haberl und Klaus Filip.“

Hinzugefügt sei, dass der Eintritt in den Klangturm und zu den dort stattfindenden Konzerten frei ist. Führungen erfolgen gegen einen Kostenbeitrag, um auch gezielt ein Wertbewusstsein zu fördern. Die Details zur Ausstellung und den Events der Saison 11 finden sich unter www.klangturm.at.

Bei so viel Engagement des Kurators und FH-Vizerektors, den man doch eigentlich auch noch in einigen anderen Rollen kennt – etwa als Mitorganisator des Komponistenforums Mittersill und nicht zuletzt als Komponist –, bleibt die Frage, wie sich das alles unter einen Hut bringen lässt.

HR: „Das Nein-Sagen habe ich bis heute nicht gelernt. […] Ich sehe es derzeit als Privileg, musikalisch das tun zu können, was mir Spaß macht. Dank der anderen Arbeiten, bin ich nicht abhängig von Aufträgen. Zuvor habe ich viele Jahre unter Dauerstress gearbeitet.“

Natürlich lässt sich nicht übersehen, dass die Zeit für das Kreative in Anbetracht der übrigen Tätigkeiten begrenzt ist. Selbst engagiert ist Raffaseder etwa beim Projekt Palaeophonics, das sich der Erforschung des Standort von Felszeichnungen und des Stellenwerts und der Art von Musik in der Steinzeit widmet. Bei einem Kongress im schottischen Edinburgh gestaltete Raffaseder im Mai ein Konzert mit Trompete und Elektroakustik. Das Stück soll zu größerer Besetzung erweitert im Rahmen der EU Researchers’ Night am 23. September 2011 in St. Pölten uraufgeführt werden.

Schon zuvor hat das Wiener Raffaseder-Publikum Gelegenheit zu einer Neubegegnung: Am 6. Juni 2011 findet im KlangTheater des RadioKulturhauses die Präsentation des Hörspiels „Im Zauberberg“ statt, das Raffaseder mit seiner Partnerin, der Schriftstellerin Andrea Winkler, gestaltet hat.

HR: „Kein klassisches Hörspiel, sondern dabei werden Text und Musik stark miteinander verwoben. Wir haben das selbst produziert und der ORF hat es nun übernommen. Die Sendung ist dann am 14. Juni.“

Gab es Raffaseder „instrumental“ zuletzt im April bei der Uraufführung von „manchmal. nicht allzu oft“ durch das Ensemble Kontrapunkte unter der Leitung von Peter Keuschnig im Wiener Musikverein, so steht für 2012 ein Auftrag durch das Ensemble Reconsil Wien an. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Arbeiten im rein instrumentalen Bereich und auf elektroakustischem Gebiet liegt nahe.

HR: „Vermutlich gibt es bei mir mehr Elektroakustik. Das hängt damit zusammen, dass ich damit auch selbst auftrete und improvisierend arbeite. Auch sind die Möglichkeiten im instrumentalen Bereich besch… – Ich würde gerne mehr Akustisches schreiben. Aber nur dann, wenn es spannende Sachen mit spannenden Interpreten in interessanten Settings sind.“

Ist dieser Wunsch nicht ein gewisser Widerspruch zur äußerst eingeschränkten Werbung in eigener Sache?

HR: „Vieles hat sich immer wieder durch einen glücklichen Zufall so ergeben.“

Stellen die verschiedenen anderen beruflichen Tätigkeiten, nicht zuletzt im administrativen Bereich, eine Ergänzung oder Behinderung des kreativen Schaffens dar?

HR: „Begonnen hat’s klar als Ergänzung und das künstlerische Schaffen stand im Vordergrund. In den letzten Jahren hat sich das gewandelt – insbesondere für die Zeit so lange ich Vizerektor der FH bin. Ich denke, man kann sagen: Ich habe jetzt weniger Zeit für die künstlerische Tätigkeit, aber die Zeit ist intensiver. […] Vielleicht mache ich auch wieder einmal mehr im kompositorischen Bereich, aber für vieles, das mich interessiert, sehe ich keine Realisierungsmöglichkeiten mehr.“

Früher einer der oberösterreichischen Jungstars stellt sich die Frage nach der nunmehrigen Anerkennung in der Heimat.

HR: „Der Oberösterreichische Landeskulturpreis war ein radikaler Einschnitt. Es gab einen Auftrag des Landes – und dann war lange nichts in Oberösterreich. Erst jetzt im März fand im ORF-Landesstudio dann wieder eine Uraufführung statt, das Flötenstück ‚Oh, to hell with the birds’ mit Erwin Klambauer. Das heißt, die Bindung ist da, aber nicht mehr so eng wie früher.“

Besteht bei so vielen Funktionen nie ein Interessenkonflikt zwischen diesen Tätigkeiten und der Aufführung eigener Werke?

HR: „Da kommt kaum Eigenes vor. Bei der IGNM, bei der ich Vorstandsmitglied bin, reiche ich z. B. keine eigenen Werke ein.“

Wie sieht der auch international aktive Experte für Elektroakustik den Stellenwert österreichischen Schaffens auf diesem Gebiet bzw. zeitgenössischer Musik im Allgemeinen?

HR: „Ich glaube, dass sich Österreich, vor allem Wien ziemlich überschätzen. Es gibt Städt bzw. Länder, wo sich spannenderes tut. Es gibt aber auch bei uns Ausnahmepersönlichkeiten – vor allem in der Elektroakustik. […] In der Instrumentalmusik ist in den letzten drei bis fünf Jahren das Feld wieder bunter geworden, nicht zuletzt durch die Präsenz von Ensembles und die Führungswechsel in den Interessenverbänden. Da hat sich viel bewegt und ästhetisch verbreitert.“

Stellt das klassische Erbe in Österreich eine Hürde für das aktuelle Schaffen dar?

HR: „Das wird eher als billige Ausrede hergenommen. Wenn man Ideen hat und diese entsprechend präsentiert, gibt es Wege und Möglichkeiten. Woran es krankt – und das hängt nicht mit Mozart und Beethoven zusammen –, es ist völlig verpasst worden, Vermittlung zu betreiben. Obwohl es diesbezüglich jetzt Versuche gibt.“

Liszt- und Mahler-Jahr 2011. Die Frage, ob es in einer fernen Zeit einmal ein Raffaseder-Jahr geben wird, zieht einen auflachenden Ausruf nach sich:

HR: „Glaub’ i ned. – Mir bleibt meine Kreativität. Das ist das Wichtigste. Was danach ist…“

http://www.raffaseder.com
http://www.klangturm.at/