„DAS SOZIALKRITISCHE ELEMENT IST IN MEINEN LIEDER STARK AUSGEPRÄGT“ – HARALD POMPER IM MICA-INTERVIEW

„Strassenhund“ heißt das vierte Album von HARALD POMPER: einige der Stücke hat er live während einer ganz besonderen Tour durch Österreich aufgenommen. Jürgen Plank spricht mit POMPER über diese zu Fuß durchgeführte Tournee, über Protest und mögliche Themen von Protestliedern: etwa den Klimawandel oder unfaire Verhältnisse im Kontext mit Arbeit. „Strassenhund“ erscheint beim neuen Label CHANGEOVER, das nachhaltigen Ansätzen folgt und alte Schallplattenhüllen für die Verpackung von POMPERS Album verwendet.

Vor 5 Jahren hast du zu Fuß eine Konzerttour durch Österreich gemacht. Was war die Idee dahinter?

Harald Pomper: Die Idee hatte zwei Säulen: einerseits wollte ich auf den Klimawandel und auf das Thema Entschleunigung hinweisen. Und ich wollte diese ganze Wachstumswelt und diese Perfektionswelt in Frage stellen. Die zweite Säule war, dass ich mir immer schon gedacht habe, dass es im April und Mai eigentlich am schönsten ist, alles blüht: warum soll ich da im Studio sitzen? Oder mit dem Zug oder mit dem Auto auf Tournee gehen? So kam die Idee, zu Fuß zu den Auftritten zu gehen und nebenbei eine CD aufzunehmen, so erspare ich mir die Studiokosten und die Zeit im Studio und mache auch gleich die Aufnahmen unterwegs.

Du hast wirklich alle Strecken zu Fuß zurückgelegt und ein Aufnahmegerät mitgehabt?

Harald Pomper: Genau, die Stücke sind jetzt auf dieser CD drauf. Ich war in vier Bundesländern unterwegs, in Wien, Oberösterreich, Niederösterreich und im Burgenland. Von Bruckneudorf quasi bis Linz. Die Strecken waren nicht gerade, sondern ich bin kreuz und quer gegangen, je nachdem wo die Auftritte waren. Es gab rund 14 fix gebuchte Auftritte, die die Hotelzimmer finanziert haben und spontan gab es noch Straßenkonzerte. Ich habe auch ganz allein im Wald gespielt, um Aufnahmen zu machen.

Was ist ein Erlebnis, dass dir von dieser Tour in Erinnerung geblieben ist?

Harald Pomper: Das war ein Erlebnis in der Nähe von St. Pölten, ich wusste nicht mehr wie der Weg weiter geht. Das war ein Waldweg, der sich in zwei Richtungen aufgeteilt hat. Vor einem Haus, mit Maschendraht, sind zwei Leute gesessen, die ich nach dem Weg gefragt habe. Die Leute haben mir nicht geholfen, sondern haben die Schäferhunde losgelassen. Das war dann nicht so lustig! Ich bin dann weiter gegangen und habe 2 Senioren mit Walking-Stöcken gesehen, die habe ich auch gefragt. Die sind daraufhin ganz schnell in die andere Richtung gegangen. Das war 2 Jahre nach der so genannten Flüchtlingskrise und die Leute hatten offenbar Angst, dass da jemand, der böse ist, durch das Dorf geht und Menschen bedroht.

„Rund zwei Drittel der Lieder sind sozialkritisch“

Wie ist die Geschichte ausgegangen?

Harald Pomper: Lustig war, dass das Bild in der nächsten Ortschaft komplett konträr war. Ich bin in ein Wirtshaus gegangen, habe einen Kaffee getrunken und die Leute haben mich gefragt, was ich hier mit der Gitarre gemacht. Sie fanden meine Idee super und waren total freundlich. Innerhalb von 10 Kilometern war die Stimmung komplett anders und diese Unterschiede waren sehr groß. Das ist mir sehr stark in Erinnerung geblieben.

Deine Lieder würde ich in eine historische Schiene mit Protestliedern stellen, die es seit den 1960er-Jahre sowohl im deutschsprachigen und anglophonen Raum als auch in Lateinamerika gibt.

Harald Pomper: Absolut. Das sozialkritische Element ist in meinen Liedern stark ausgeprägt. Es gibt fast kein Lied, in dem das nicht irgendwie vorkommt. Natürlich gibt es auch persönliche Lieder, aber: rund zwei Drittel der Lieder sind sozialkritisch. Teilweise satirisch, teilweise ernst und auch bei den persönlichen Liedern kommt auf einer Metaebene oft eine gewisse Kritik an unserem Lebenssystem vor.

Bild Harald Pomper
Harald Pomper (c) Sylvia Größwang

Es gibt in Wien alljährlich den Protestsongcontest, verfolgst du den und braucht es heute mehr Protestlieder bzw. Protestkultur?

Harald Pomper: Ja, natürlich, das finde ich schon. Beim Protestsongcontest habe ich mich vor rund 10 Jahren auch mal angemeldet und bin da nicht berücksichtigt worden. Dann habe ich das aus den Augen verloren. Insgesamt sind Kritik und der Hinweis auf soziale Missstände schon eine wichtige Aufgabe von Kunst und Kultur. Gerade in der heutigen Zeit des Klimawandels. Es gibt natürlich Fridays For Future, aber der Klimawandel ist so ein großes Thema, dass ich nicht verstehe, dass wir – auch in der Kulturszene – da die Augen nicht endlich aufmachen. Daran müssen wir jetzt arbeiten, der Klimawandel ist einfach von Menschen verursacht. Die Ukraine-Krise finde ich ganz schlimm, auch Corona. Nur wenn der Klimawandel voll zum Tragen kommt, werden die Auswirkungen noch dramatischer sein, etwa in Bezug auf Fluchtbewegungen, weil Menschen irgendwo nicht mehr leben können.

Ein Thema, das in einigen deiner Lieder vorkommt, ist die heutige Arbeitswelt. Wie wäre denn für dich eine idealtypische Konnotation von Arbeit?

Harald Pomper: Ich würde für mehr Fairness sorgen, weil es nicht sein kann, dass Pflegekräfte mit ein paar Hundert Euro pro Monat abgespeist werden – und mit ein wenig Applaus. Und irgendwelche Hedgefonds-Manager gehen mit Millionen-Gagen nach Hause. Es heißt zwar immer, dass der Markt alles regelt, aber offenbar stimmt das nicht. Unser ganzer Lifestyle ist auf Ausbeutung aufgebaut, egal ob das Näherinnen in Asien sind oder Menschen in Afrika oder Lateinamerika, die Bodenschätze aus der Erde holen. Gleichzeitig werden bei uns rund 30 Prozent der Lebensmittel weggeworfen. Wenn ich es in der Hand hätte, würde ich für mehr Fairness sorgen.

Gerechtigkeit und Fairness hast du schon angesprochen. Wie sieht deine Lebensphilosophie aus, die sich vielleicht auch in den Liedern manifestiert?

Harald Pomper: Ich bin ein kleiner Stoiker, ein Fan von Seneca und von Marc Aurel und davon, dass man versucht, eine gewisse Gelassenheit und Abgeklärtheit an den Tag zu legen und sich nicht alles zu Herzen zu nehmen. Dass man auch immer weiß: das Leben ist endlich und wir werden alle sterben, deswegen darf man die eigene Persönlichkeit nicht allzu ernst nehmen und deswegen kann man auch den Mut haben, etwas zu sagen, weil es eh egal ist. In 60 Jahren sind wir wahrscheinlich beide tot und spätestens dann ist es völlig egal, was wir im Leben gemacht haben. Wenn wir versucht haben, ein bisschen etwas zu bewegen, ist das gut. Das ist meine Lebensphilosophie.

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Die Zeile „Gier hat uns groß gemacht“ wiederholst du immer wieder in dem nur rund 40 Sekunden langen Track „Gier“.

Harald Pomper: Ich habe mal eine Dokumentation gesehen, in der es darum ging, dass Gier ein großes Problem der Menschheit ist, weil Gier die Umweltzerstörung ausgelöst hat und Kriege verursacht. Und da wurde ein Politiker oder ein Hedgefonds-Manager interviewt und der hat zum Thema ganz selbstverständlich gemeint: er sieht Gier nicht als Problem, weil Gier uns – gemeint ist die U.S.A. oder der Westen – groß gemacht hat. Mit dieser Auffassung brauchen wir nicht lange überlegen, wie lange es unseren Planeten noch gibt. Jetzt würden wir eh schon Anfang Mai zwei Planeten brauchen, um unsere Ressourcen erfüllen zu können. Diese Unverfrorenheit hat mich doch einigermaßen beeindruckt.

Ich habe bei diesem Stück auch sofort an Kolonialismus gedacht.

Harald Pomper: Absolut, ja. Dessen Auswirkungen sind ja bis heute spürbar. Bis heute wird dafür gesorgt, dass Afrika die Rohstoffe nicht verarbeiten kann und dass die Wertschöpfung nicht in Afrika bleibt. Da wird schon darauf geschaut, dass die nur die Rohstoffe recht günstig liefern und die Wertschöpfung dann in Europa, den U.S.A. und inzwischen auch in China stattfindet. Diese Gier sorgt für viele Probleme und ich finde in den Schulen sollte nicht nur Deutsch und Mathematik gelehrt werden – das ist wichtig –, sondern auch eine gewisse Lebensphilosophie: Was braucht man zum Leben? Wann ist genug und wann ist es schon zu viel? Das vermisse ich total im Bildungssystem. Eine gewisse Zufriedenheit und eine gewisse Zurückgenommenheit schaden nicht und das haben wir total vergessen. Das haben früher die Religionen vermittelt, die heute nicht mehr so eine große Rolle spielen.

Ein zentraler Song des Albums ist für mich „Spinner“, das sehr kämpferisch ist und letztlich immer auch an eine positive Entwicklung und Möglichkeit glaubt.

Harald Pomper: Ja, ich glaube schon, dass das ein wichtiges Stück ist. Wenn man älter wird, verliert man manchmal ein bisschen die Ideale. Es ist nicht mehr alles schwarz und weiß, wie man das als Jugendlicher sieht. Dennoch hoffe ich, dass in mir immer ein guter Geist weiter brennt, dass man immer weiter für die gute Sache kämpft. Auch wenn man selbst kein Heiliger ist und sicher nicht alles richtig macht, sollte das Wort Gutmensch für mich niemals zum Schimpfwort werden. Wenn ich soweit abgestumpft bin, höre ich mit dem Musikmachen auf.

LP-Cover Strassenhund
LP-Cover “Strassenhund” (c) Nadia Baha

„Für die Verpackung der LPs verwenden wir alte Schallplattenhüllen“

Dein Album „Strassenhund“ erscheint beim neuen von Nadia Baha gegründeten Label Changeover, das sich der Nachhaltigkeit verpflichtet hat. Worauf habt ihr bei der Produktion geachtet?

Harald Pomper: Wir haben versucht, die Vervielfältigung so ressourcensparend wie möglich zu machen, das heißt, wir haben die ganze Produktion in Österreich durchgeführt. Wir haben in Wien bei Chris Janka gemischt, der dafür bekannt ist, dass er alte Geräte quasi aus dem Müll rettet, restauriert, analog mischt und das hört man. glaube ich. auch. Wir haben bei den CDs keine Plastikhüllen verwendet, sondern Karton-Steckhüllen. Für die Verpackung der LPs verwenden wir alte Schallplattenhüllen. Die Schallplattenhüllen werden umgedreht, neu bedruckt und sozusagen wieder verwendet.

Wie geht das genau?

Harald Pomper: Bei Vinyl-Produktionen wird ja immer ein bisschen mehr gedruckt als gebraucht wird. Wir haben die Laschen aufgelöst und die Hüllen umgedreht, die neue Innenseite wird zur Außenseite, die mittels Siebdruckes neu bedruckt wird. Auch das haben wir in Wien gemacht, ansonsten werden diese alten Plattenhüllen weggeworfen, weil man da nicht genau die benötigte Stückzahl herstellen kann, sondern immer ein bisschen mehr. Wir haben versucht, da auf Nachhaltigkeit zu setzen. Ich habe einfach bei Plattenfirmen angefragt, ob sie Überschuss haben. Den haben wir dann bekommen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Harald Pomper live:
23.05.2022, Brennpunkt, Viaduktbogen 46-18, 6020 Innsbruck, 20h
26.05.2022, Albumpräsentation, Aumannplatz 1180 Wien, 16h und 18h
02.06.2022, Tschocherl, Wurmergasse 42, 1150 Wien, 19:30h
13.08.2022, Japanische Musik und Shintos, gemeinsam mit Nobuko Akiyama, Lutherische Stadtkirche, Dorotheagasse 18, 1080 Wien

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Links:
Harald Pomper
Changeover