„Das Entscheidende bei einem Hit ist, dass er bei der Hörerschaft ankommt und etwas auslöst“ JASMIN DOLATI (RADIO WIEN) und DIETMAR LIENBACHER(SONY MUSIC AUSTRIA) im mica-Interview

RADIO WIEN sucht gemeinsam mit SONY MUSIC AUSTRIA den Sommerhit 2016. Was hinter der Aktion steckt, warum diese gerade jetzt stattfindet, was man sich erhofft und was sich in der österreichischen Musikszene generell geändert hat, das beantworten JASMIN DOLATI, die Programmchefin von RADIO WIEN, und DIETMAR LIENBACHER, Head of SONY MUSIC AUSTRIA. Das Interview führte Michael Ternai.

Welche Voraussetzungen muss ein Song erfüllen, damit er bei dem von Ihnen veranstalteten Contest eine Chance hat, zu gewinnen?  Gibt es irgendwelche Einschränkungen oder lassen Sie sich von den Einsendungen überraschen?

Jasmin Dolati: Entscheidend ist natürlich schon, dass der Song von der Musikfarbe her zum Format und Auftritt von Radio Wien passt. Wir haben auf unseren Fahnen ja „Hits und Oldies“ stehen, was nichts anderes bedeutet, als dass bei uns das aktuelle Segment ebenso stattfindet wie auch Musik, die schon etwas älter ist. Darüber hinaus ist Radio Wien bekanntermaßen ein Großstadtradio mit einem stark urbanen Anstrich. Daher sollte ein Song auch eher weniger in Richtung Volksmusik oder Schlager gehen. Sonst aber lassen wir uns einfach überraschen.

Dietmar Lienbacher: Es ist schon klar, dass durch die Klangfarbe von Radio Wien vielleicht schon im Vorhinein eine gewisse Eingrenzung vorgegeben ist. Aber sonst? Für mich viel spannender wird die Frage sein, wie man eigentlich zur Entscheidung gelangt. Denn an einzelnen Aspekten lässt sich nur schwer festmachen, was einen Hit ausmacht. Das Entscheidendste bei einem Hit ist, dass er bei der Hörerschaft, ankommt und etwas auslöst. Der Grund dafür können verschiedenste Dinge sein.

Jasmin Dolati: Genau das ist es auch, was wir bei unserer kompletten Musikauswahl immer zu berücksichtigen versuchen. Es geht darum, die Hörerinnen und Hörer in ihrer Befindlichkeit anzusprechen. Bei einem Sommerhit ist die Wirkung natürlich in gewisser Weise vorgegeben. Er soll von der Stimmung her ein gutes Feeling erzeugen soll. Was aber nicht heißt, dass wir uns jetzt ausschließlich nur die Einsendung fröhlicher Lieder erhoffen. Es kann natürlich auch eine ruhige und melancholische Nummer ein Hit werden. Wir haben die Möglichkeiten bewusst sehr weit gefasst, damit eben sehr viel Verschiedenes passieren kann.

Dietmar Lienbacher: Um einen Vergleich zu bemühen. Es steht ja die Fußball-Europameisterschaft vor der Tür. Und wie wir wissen, gibt es in Österreich 8,7 Millionen Teamchefs, die alle eine andere Aufstellung im Kopf haben. Und so ist es auch in der Musik. Alle haben eine Meinung zu einem Lied.
Und da reicht oftmals, dass es einem gefällt und einer anderen nicht. Daher kann man nur schwer voraussagen, was für ein Song tatsächlich gewinnt.

Jasmin Dolati: Die Europameisterschaft in Frankreich ist ein gutes Stichwort. Wir werden ja oft gefragt, ob es irgendeine Tendenz bezüglich der Sprache des Songs gibt. Dem ist nicht so. Alles ist möglich. Es ist Deutsch möglich, genauso wie auch Mundart oder Englisch. Und weil auch eben die EM angesprochen wurde: natürlich auch Französisch oder eine ganz andere Sprache. Wir sind da für alles offen. Es wäre schön, wenn es zu dem Song oder zu der Band auch eine Geschichte gäbe. Warum jemand gerade dieses Lied in dieser oder jener Sprache singt usw. Wir sind im Radio und haben die Möglichkeit, die Geschichten über die Künstlerinnen und Künstler zu erzählen. Es ist für die Hörerinnen und Hörer ja immer auch spannend, zu erfahren, warum jemand etwas macht, welchen Background die Künstlerin oder der Künstler hat und so weiter.

„[…] Sender wie Radio Wien […] brauchen immer wieder Aktionen, über die die Menschen draußen sprechen.“

Die österreichische Musikszene erlebt in letzter Zeit einen regelrechten Schub. Die Szene zeigt sich im Moment so lebendig und musikalisch vielfältig, wie schon lange nicht mehr. Inwieweit ist diese Entwicklung ein Grund für diesen Contest?

Jasmin Dolati: Natürlich ist diese Entwicklung auch ein Grund. Aber nicht der Hauptgrund. Es ist so, dass Sender wie Radio Wien – aber auch andere ähnlichen Formats – immer wieder Aktionen brauchen, über die die Menschen draußen sprechen. Und weil die österreichische Musikszene eine im Moment so lebendige ist, wollen wir sie auch unserer Hörerschaft etwas näherbringen. Wir wollen ihr zeigen, was alles stattfindet. Darüber hinaus wollen wir aber auch eine Diskussion in dem Sinne anregen, dass wir über dieses Thema und über die Künstlerinnen und Künstler, die hier auftreten, sprechen. Und da machen wir auch keinen Unterschied, ob es sich um bereits etablierte Musikerinnen und Musiker handelt oder um Newcomerinnen und Newcomer. Was wir letztlich erreichen wollen, ist, dass man über diese Aktion, den „Radio Wien Sommerhit“ spricht. Ich fände es schön, wenn ich irgendwann einmal an der Kassa im Supermarkt stünde oder in der U-Bahn säße und mitbekäme, dass die Leute neben mir sich über dieses Projekt unterhalten. Das wäre das Tollste.

Dietmar Lienbacher: Für uns ist es ja generell so, dass wir, wann immer österreichische Musik breitenwirksam eingesetzt werden kann und gefördert wird, das als sehr positiv wahrnehmen. Lange Zeit schien es so, als liefe alle Musik aus Österreich – außer Schlager, Volksmusik und Klassik – unter dem Radar. Das hat sich erfreulicherweise geändert. Diese neue österreichische Welle hat für eine echte Aufbruchsstimmung gesorgt. Zudem hat sich in den letzten Jahren auch die Qualität gesteigert. All dies hat dazu geführt, dass den Musikschaffenden nun auch in den Medien mehr Fläche geboten wird, um sich breitenwirksam zu präsentieren. Und genau in diese Richtung geht auch die Aktion von Radio Wien. Radio Wien bietet den Musikerinnen und Musikern eben genau solche Flächen in Form von Airplay oder diversen Events, die außerhalb des Funkhauses veranstaltet werden. Das sind Dinge, bei denen wir gerne unterstützend dabei sind und unser Know-how zur weiteren Verbreiterung zur Verfügung stellen.

Bild Jasmin Dolati
Foto Jasmin Dolati (c) Radio Wien/ORF

Jasmin Dolati: Diese Außengeschichten, die Dietmar Lienbacher gerade angesprochen hat, sind natürlich auch sehr wichtig. Wir wollen mit diesem Projekt eine Brücke bilden zwischen dem, was on air und was off air passiert. On air passiert Airplay, da passieren die redaktionelle Berichterstattung, die Vorstellung der Künstlerinnen und Künstler sowie das gesamte Voting in seinen unterschiedlichen Phasen. Zudem werden Thomas Rabitsch – der auch die Songs der drei Finalistinnen und/oder Finalisten produzieren wird – und die Jury immer wieder auftreten und den Hörerinnen und Hörern die Hintergründe näherbringen.
Auf der anderen Seite stehen die Dinge, die off air passieren. So wird die Siegerin beziehungsweise der Sieger die Gelegenheit bekommen, mehrere Auftritte zu absolvieren.  Unter anderem auch auf der großen Radio Wien Bühne beim Donauinselfest. Ich denke, alles zusammen ist ein wirklich toller Anreiz für alle, die bei diesem Contest mitmachen.

Wann kam Ihnen eigentlich die Idee zu diesem Projekt?

Jasmin Dolati: Die Idee zu diesem Projekt hatte ich etwa vor zwei Jahren. Und ich hatte auch schon ein Konzept dafür geschrieben. Nur kamen damals Conchita Wurst und der Song Contest dazwischen. Natürlich im positiven Sinne. Für das Projekt bedeutet das aber, dass es verschoben werden musste. Warum die beiden Dinge nicht zeitgleich stattfinden konnten, liegt auf der Hand. Wir konnten nicht zwei Aktionen, die sehr stark mit österreichischer Musik zu tun hatten, gleichzeitig promoten. Heuer stellt sich die Situation entspannter dar. Natürlich werden wir auch in diesem Jahr den Song Contest begleiten und die österreichischen Künstlerinnen und Künstler vorstellen und präsentieren. Nur läuft es dieses Mal eben in einer ganz anderen, kleineren Dimension.

„Es kommt jetzt einfach viel, viel mehr in der Qualität und Bandbreite.“

Eine vielleicht etwas kritischere Frage. Lange Zeit wurde unter anderem auch Radio Wien vorgeworfen, nur wenig aktuelle Musik aus Österreich zu spielen. Das ist mittlerweile anders. Was hat sich Ihrer Meinung nach geändert?

Jasmin Dolati: Was sich verändert hat, ist, dass jetzt einfach viel, viel mehr in der Qualität und Bandbreite kommt. Als ich vor neun Jahren die Leitung bei Radio Wien übernahm, war es wie in einer anderen Ära. Natürlich gab es das eine oder andere. Aber dabei handelte es sich vorwiegend um Sachen von Arrivierten, die noch aus der Austropop-Szene stammten. Neues oder passend auf bestimmte Formate Zugeschnittenes hat es eher wenig gegeben. Mittlerweile gibt es diese breite Szene aber, die sehr viel macht.
Zudem treten die Bands auch viel öfter auf und ziehen ein größeres Publikum an. Wir selbst haben auch zwei Formate. Das Radio Wien Clubkonzert und das Radio Wien Afterwork, zu denen wir einmal im Monat heimische Künstlerinnen und Künstler einladen, damit sie sich präsentieren und ihr Repertoire zeigen können. Diese Veranstaltungen lösen viel Interesse aus.
Ich finde, man sollte jetzt auch nicht immer nur zurückschauen und fragen, warum Ö3 oder auch wir von Radio Wien weniger österreichische Musik in unserem Programm hatten, sondern viel mehr in die Zukunft blicken. Ich glaube, dass wir von den ORF-Radios jetzt sehr wohl zeigen, dass wir uns nicht verschließen, offen sind und auch gerne Neues präsentieren.

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Foto Dietmar Lienbacher (c) Sony Music Austria

Dietmar Lienbacher: Auf die Vergangenheit möchte ich jetzt auch nicht wirklich detailliert eingehen. Für mich stellt sich in diesem Zusammenhang immer die Henne-Ei-Frage. Die Musik war ja durchaus da. Aber solche Dinge haben oft auch viel mit Wechselwirkungen zu tun. Hat eine Künstlerin oder ein Künstler einen Song produziert, der auch die Aufmerksamkeit gefunden hat? Und hat dieses Mehr an Aufmerksamkeit in weiterer Folge auch zu mehr Auftritten beziehungsweise mehr Airplay geführt? Das hat sich jetzt schon gedreht. Ich glaube, aktuell befindet man sich auf einem sehr guten Weg. Es ist eine Basis vorhanden, von der man recht gut wegarbeiten kann. In der österreichischen Musikszene steckt noch viel mehr Talent, was sich meiner Meinung nach auch bei diesem Contest zeigen wird.
Auf jeden Fall hat sich mittlerweile eine Marke etabliert, die einfach nicht mehr zu übersehen ist. Man sieht das auch an der vermehrten Berichterstattung der Medien. Die ersten Schritte sind getan. Und das fühlt sich ganz gut an. Wobei diesbezüglich noch viel Luft nach oben ist. Letztlich wird, glaube ich, diese Entwicklung den Standort Österreich stärken. Man sieht ja jetzt schon, dass sich Wahrnehmung im Ausland gesteigert hat, dass etwa aus Deutschland vermehrt nach Österreich geblickt wird. Das ist schon ein starkes Signal dafür, dass die Qualität gegeben ist.

Was gab es für Sie bei diesem Projekt besonders zu bedenken?

Jasmin Dolati: Die Hauptproblematik für mich bestand darin, dass Radio Wien ja keine Station ist, die Hits macht. Wir spielen Songs dann, wenn sie schon Hits sind oder – aus der Oldie-Perspektive heraus – waren. Als ich vor zwei Jahren begonnen habe, das Konzept zu schreiben, habe ich mir schon sehr gut überlegen müssen, ob wir so ein Projekt überhaupt machen können und ob wir der richtige Partner für ein solches sind, weil wir normalerweise ja nicht wirklich unbekannte Sachen spielen.
Wir wissen von den vielen Umfragen her, dass Menschen, die Sender wie Radio Wien hören, schon auch einmal ein bisserl irritiert sind, wenn komplett neue Dinge gespielt werden. Dieses komplett neue Ding kann auch ein eher unbekanntes Lied von Lenny Kravitz vor fünfzehn Jahren sein.
Es war also notwendig, aus der positiven Entwicklung der österreichischen Musikszene eine Geschichte zu machen, die den Hörerinnen und Hörern erklärt, warum wir diese Aktion jetzt machen.
Eine Geschichte macht ein solches Ding letztlich lebendig. Und in dem Moment, in dem es lebendig wird, reden die Leute auch darüber.

Wie sehen Ihre Pläne für die Siegerin beziehungsweise den Sieger aus? Wird man mit ihr beziehungsweise ihm weiterarbeiten?

Dietmar Lienbacher: Das ist sehr abhängig von den Einreichungen. Der erste Schritt ist die Suche nach dem Sommerhit. Wir suchen also einen Song. Eine Produktion muss aber nicht unbedingt stellvertretend für das gesamte Schaffen stehen. Wer weiß, ob die Künstlerin beziehungsweise der Künstler überhaupt ein ausreichendes Repertoire an Songs hat? Das wissen wir nicht. Vielleicht hat sie beziehungsweise er einfach auch nur diese eine Nummer in petto. Es kann aber auch eine Künstlerin beziehungsweise ein Künstler sein, die beziehungsweise der schon vieles geschaffen und bereits ein Stammpublikum erspielt hat, die beziehungsweise der bereits ein eigenes Profil entwickelt hat und weiß, wohin die Reise gehen soll. Wie gesagt, es wird sehr stark von den Einreichungen abhängen. Im Moment ist es einfach zu früh, um darüber eine Auskunft zu geben.
Der Wunsch ist aber natürlich schon da, dass wir jetzt nicht nur den einen Sommerhit finden. Wir erhoffen uns schon, dass wir über den Sommerhit schon auch eine Künstlerin beziehungsweise einen Künstler entdecken, die beziehungsweise der für einen Aufbau einer Diskografie geeignet ist. Dann nimmt die Geschichte nach dem Finale klarerweise eine ganz andere Entwicklung.

Inwieweit sehen Sie den Sommerhit-Contest als eine Art Versuchsballon für Zukünftiges? Haben Sie vor, diesen Contest auch in den kommen Jahren durchzuführen?

Jasmin Dolati: Als einen „Versuchsballon“ würde ich diesen Contest nicht bezeichnen. Dafür stecken einfach zu viel Power und Know-how dahinter. Die Bezeichnung „Versuchsballon“ würde der Sache nicht gerecht werden. Aber ob wir es wieder machen oder ob wir es in der gleichen oder einer anderen Form stattfinden lassen – eventuell suchen wir ja nach dem Weihnachtshit –, wird sich zeigen. Ich kann mir auf jeden Fall alles vorstellen und will auch für alles offen sein. Wir werden auf alle Fälle am Ende gemeinsam das Projekt evaluieren. Erst danach werden wir das Ganze weiterdenken. Bei zu vielen Plänen für die Zukunft kommen möglicherweise zu viele Steine in den Weg. Und vielleicht nimmt man letzten Endes überhaupt ganz andere Abzweigungen. Und diese sind vielleicht auch viel spannender und aufregender.

Was wäre notwendig, um dieses Projekt letztlich als Erfolg zu bezeichnen? Wie sehen Ihre Erwartungen aus?

Dietmar Lienbacher: Ein Erfolg wäre auf jeden Fall, wenn diese Aktion wirklich bei den Musikschaffenden ankommt und die Zahl der Einreichungen dementsprechend hoch ist. Dann wird es sicher auch spannend werden, wenn man starke Songs entdeckt und sich in der Meinung bestätigt fühlt, dass da draußen wirklich ein hohes Maß an kreativem Potenzial vorhanden ist. Aus meiner Perspektive ist es auch ein Gewinn, dass eine so reichweitenstarke Plattform wie Radio Wien eine solche Aktion durchführt. Und wenn dann auch noch wirklich der Sommerhit gefunden und eine Künstlerin beziehungsweise ein Künstler entdeckt wird, die beziehungsweise der wirklich Potenzial hat, dann sind, glaube ich, die Erwartungen auf jeden Fall vollends erfüllt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Michael Ternai
Foto Sommerhit (c) istockfoto.com/ORF
Foto Jasmin Dolati (c) Radio Wien/ORF
Foto Dietmar Lienbacher (c) Sony Music Austria