Alpine Sounds mit Kopser, Lünerseer und Türkberger – Die BIG BAND WALGAU im mica-Porträt

Mit der Intention, sich im dichten kulturellen Geschehen des Landes neu zu positionieren, ist die BIG BAND WALGAU unter der Leitung von CHRISTIAN MATHIS im vergangenen Jahr mit einem individuellen Programm an die Öffentlichkeit getreten. Das Projekt „woman in jazz“ war mit zwei ausverkauften Konzerten ein voller Erfolg. In dieser Saison widmet sich die umtriebige Truppe dem breiten Feld der Volksmusik und des Jazz.

Ihre eigene Handschrift verdankt die Big Band Walgau vor allem dem engagierten und innovativen Musiker und Komponisten Thomas Heel. Als Special Guest ergänzt der allseits bekannte Akkordeonist Goran Kovacevic dieses mal den Big Band Sound.

Erinnerungen auffrischen

Bereits der Projekttitel „Alpine Sounds“ gibt Aufschluss über die musikalische Quelle des Konzertes. Sie geht auf das Jahr 1991 zurück. Damals setzte der Jazzsaxophonist Wolfgang Puschnig mit der LP „Alpine Aspects“ der Volksmusik ein Denkmal, erregte Aufsehen und fand Anerkennung. Im Zuge der Recherche zum aktuellen Konzertprogramm erinnerte sich Thomas Heel an diesen Tonträger, denn er ist seit damals  „von dieser erfrischenden Herangehensweise an die Volkmusik im ‚harmolodischen’ Geiste von Ornette Coleman begeistert. Sie klingt immer noch frisch und wild, aber ganz anders als der momentane ‚Balkan Brass Hype’, betont Thomas Heel.

Auf die Anfrage, ob Wolfgang Puschnig die Notenmaterialien zur Verfügung stellen würde, reagierte der Komponist sehr großzügig. Dem Arrangeur Thomas Heel lässt er mit folgenden Worten freie Hand zur Bearbeitung: „Musik muss lebendig sein und gespielt werden, dann ist ihr Zweck erfüllt. Verfahren Sie mit dem Material auf jegliche Art und Weise, die für Sie stimmig ist. Diese Musik ist nicht mein Eigentum, ich bin nur Vermittler.“

Die Big Band Walgau setzte Puschnigs „Root March“ und den „Strange March“ sowie „Like a Song, Like a Dance“ auf das Programm. „Solistisch wird Patrik Haumer den verstorbenen Trompeter Bumi Fian im Himmel entzücken, auf den Saxophonen werden Berti Lampert und Werner Gorbach solieren und tubamäßig werde ich auf den Spuren von John Sass wandeln. Freilich übernimmt auch Goran Kovacevic mit seinem Akkordeon solistische Aufgaben“, kündigt Thomas Heel an.

Von der Melancholie zum Funk

Es ist ein Markenzeichen der Big Band Walgau, dass Kompositionen von Bandmitgliedern mit einbezogen werden. In diesem Jahr wird das neueste Werk von Cenk Dogan zu hören sein. Seit Jahren spielt der Saxophonist in den Reihen der Big Band Bludenz.

In einer gemeinsamen Initiative mit Lukas Morre gründete Cenk Dogan vor ein paar Jahren die „Bludenz Big Band Unions“. Für diese Formation komponierte er das Werk „Türkberger“, das im Herbst des vergangenen Jahres erstmals zu hören war. Hinter dem auffallenden Titel steht eine ärgerliche Begebenheit, in deren Zusammenhang ein Clubbesitzer eines Bludenzer Lokals nach einer Zutrittsverweigerung für einen Jugendlichen die Bezeichnung „Türkberger“ als „liebevolle Bezeichnung für Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund” einführte. „Im Prozess der Entstehung dieses Werkes hatte ich den Begriff ‚Türkberger’ immer im Hinterkopf. Das Stück beginnt mit einem melancholisch-orientalen Intro. Die ‚türkischen Elemente’ in diesem Stück zeigen sich in der ‚Hauptmelodie’, welches ich polyrhythmisch in einem balkan-orientalischen Flair geschrieben habe. Im Mittelteil, der auch als Soloteil fungiert, wechselt das Stück in einen erdigen Funk/Blues, über das dann die Solisten ihr Bestes geben können“, gibt Cenk Dogan Einblicke das Werk.

Eine ungewöhnliche Klangverbindung

Mit der Werkauswahl und den Kompositionen von Wolfgang Puschnig, Thomas Heel, Cenk Dogan sowie Alois Eberl will die Big Band Walgau eigenen „Roots – ‚alpine’, historische, kulturelle und für die individuelle Musiksozialisation bedeutsame – nachspüren und diese aufzuzeigen. Der Akkordeonist Goran Kovacevic bringt mit seinem Instrument nicht nur eine besondere Klangfarbe ein. Er wird im gesamten Programm präsent sein und darüber hinaus auch berühmte Standards wie „Blue Bossa“, „Spain“ und „All Blues“ in neuen Arrangements spielen.

Keine oberflächliche Gauklereien

Es wäre zu einfach, Volksmusik und Jazz in einen direkten Zusammenhang zu bringen, der sich vornehmlich in Zitaten und Parodien zu erkennen gibt. Dies zeigen auch Thomas Heels Stücke „Kopser und Lünerseer“. „Etliche Stauseen sind ja alles andere als ‚Naturwunder’, sondern Denkmale für die Ausbeutung von Kriegsgefangenen, die teilweise noch immer in den Staumauern ‚begraben’ sind. Keine ‚Volksmusik’ also, zumal sich angesichts dessen ein ‚Lederhosenjazz’ verbietet, eher etwas in Richtung ‚imaginäre Folklore’”, betont der Komponist.

In diese Kerbe schlug auch Wolfgang Puschnig mit seinen „Alpine Aspects“. „Es gibt nichts Neues zu sagen, sondern nur die essentiellen Dinge auf immer neue Art und Weise”, so Puschnig über seine Volksmusik-Bearbeitungen. “Ich möchte diese traditionelle Musik weder benutzen noch persiflieren, sondern vielmehr ihre Stimmung vermitteln, um auch anderen einen neuen Zugang zu ermöglichen. Wenn auch in manchen Stücken eine gewisse ironische Komponente durchscheint, so war dies auf keinen Fall der primäre Beweggrund meiner Arbeit.“

Erweiterung es Klangkörpers

Die Big Band Walgau ist ein Projekt der Musikschule Walgau. Sie wird geleitet vom Direktor Christian Mathis. In dieser Saison konnten fünf neue Musikerinnen und Musiker zur Mitwirkung gewonnen werden. „Seit vielen Jahren ist es heuer das erste Mal der Fall, dass wir von den fünf neuen MusikerInnen drei Schüler aus unserer Schule einbauen konnten. Die anderen beiden sind sehr gute Amateurmusiker und haben nach einer neuen Herausforderung gesucht. Generell geht der Stamm der Bigband Walgau auf interessierte Amateurmusiker oder interessierte Schüler zurück, welche in diesem Genre musizieren möchten. Dass wir dabei auf die Professionen der Lehrer als Satzführer zurückgreifen dürfen, freut mich als Leiter natürlich sehr“, so Christian Mathis.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Februar 2016 erschienen.

Link:
Big Band Walgau