
Alter Ego kannte Bernhard Lang durch einen Live-Remix seines Stücks DW1 und Turntablisten wirkten auch immer wieder in seiner Serie von „Differenz/Wiederholung“-Kompositionen mit, etwa bei seinem umfassenden Wien Modern-Portrait 2006, da wirkten bei DW 8 für Orchester(loops) und 2 Turntablisten dieb13 und Marina Rosenfeld mit. Thomas Schäfer schrieb damals: „Lang hatte schon zuvor diverse Improvisationssets sowie Sets des Turntable-Spielers Philip Jeck rückübertragen und gleichsam ‚verschriftlicht’ (daher auch der Titel der ‚Schrift’-Stücke). Jetzt konnten die Loop-Techniken eines scheinbar fremden Metiers für die eigene Arbeit überaus fruchtbar gemacht werden. Überhaupt versteht Lang diese Metiers – Jazz- und Rockmusik, improvisierte, performative und elektronische sowie elektroakustische Musik – nicht als wesensfremd, sondern als integralen Bestandteil der eigenen Arbeit. Loops, also das Repetieren bestimmter Strukturen – seit Pierre Schaeffers Experiment mit der hängenden Nadel am Rillenende der Schallplatte zum Synonym für die stillgestellte, in sich kreisende Zeit geworden –, wurden bei Lang zum ausgearbeiteten Paradigma für Wiederholung, und zwar in jeder denkbaren Form und Besetzung, vom Solisten bis hin zum großen Orchesterapparat.“
Und Bernhard Günther wusste: 1995 kam der experimentelle Turntablist Jeck zum Grazer musikprotokoll. Aus dem Versuch der schriftlichen Transkription der Loops, Rhythmen und Klänge die Lang dem Vinyl entlockte, entstand die Differenz/Wiederholung 1 für Flöte, Violincello und Klavier. Eine Orchestereinspielung von DW 8 diente später wiederum auf Vinyl als Material für dieb13 und Rosenfeld. Bernhard Lang: „Der Orchesterklang als riesiges Sample“.
Am Montag, dem 14.11, wurde bei Wien Modern 2011 sein Werk „TablesAreTurned“ vom Ensemble Alter Ego und Philip Jeck erstmals in Österreich aufgeführt. Generatoren werden als abstrakte Maschinen thematisiert, sie sollen das Ensemble einem vibrierenden Turntable gleichen lassen, das aber auch hypervirtuose computergenerierte Texturen spielt. Im Verlauf des Stückes kommt es zu einer immer stärkeren Verschränkung zwischen Turntable und Ensemble, Soli und solistische Interjektionen führen zu einem Ripieno, das die Grenzen der Verfahrensweisen schlussendlich aufhebt.

Im Stück selbst werden Solo und Ensemble zunächst gegenübergestellt, im Weiteren kommt es zu einer zunehmenden Verschränkung und Kontrapunktik, beziehungsweise zu einem Mix. Formal gliedert sich das Stück in acht Sätze unterschiedlicher Länge, auf einer harmonischen Teilungsarchitektur beruhend und es hat insgesamt die Länge eines Doppellalbums.“
Im Berio-Saal bestach das Ensemble „Alter Ego“, vor allem Flötist Manuel Zurria, Klarinettist Paolo Ravaglia und Cellist Francesco Dillon, durch akribische Umsetzung der vor allem im Einleitungsstück äußert rhythmisch vertrackten und schwierigen Komposition. Dann gab es die erste „Antwort“ von Philip Jeck allein. Und höre da, er ging mit dem Material fast meditativ um, zu hören waren Schatten und Gesten des zuvor Gehörten, oft auch in „Slow Motion“. Jeck benutzt nach wie vor – das stimmt fast nostalgisch – tragbare Turntables der Marke Densette, ein Bezug des großen Performers auf Historizität. Heinrich Deisl bemerkt im Katalog unter Bezug auf einschlägige Interviews und Abhandlungen über elektroakustische Musik: In den 50-er und 60-er Jahren stand praktisch in jedem englischen Jugendzimmer damals ein Densette. „Wie altes Vinyl stellen auch diese Plattenspieler Geschichte her. Mit einem Densette sind ‚exotische’ Formate wie 78, bei manchen auch 16 RPM möglich. … Generell mag ich es, Dinge zu verlangsamen, dabei können sehr spannende Dinge passieren“ (Philip Jeck). Jeck ist dazu fähig, „Musikgeschichte mit den Fingerspitzen zu steuern“, wie er es einmal ausdrückte,
Das brachte Jeck den Ruf ein, als DJ ein Dirigent eines geisterhaften Orchesters zu sein. Lang setzte dieses Potential sehr schön ein, indem sich das im Ensemble auch sukzessive auf dessen Spiel überträgt, so wechselt der Pianist aufs Keyboard, bevor alle dann den letzten „Kehraus“-Satz spielen. Bewiesen hat Philip Jeck mit seinem Beitrag einmal mehr, was John Cage bereits 1937 postulierte: die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten des Plattenspielers machen ihn zum Musikinstrument.

Heinz Rögl