Wir sehen über Wien, auf dem Dach eines Möbelhauses. Während der Wind über das Geländer schnalzt, setzt sich XING auf eine Bank aus Beton. „Jetzt Real Talk, oder?“, sagt die Sängerin und lächelt. Die gebürtige Linzerin hat eine neue EP aufgenommen. Mit „Peace of Mind“ schleift sie Soul über den Dancefloor – sechs Songs, die locker in internationale Pop-Playlists grätschen könnten. Vor drei Jahren sprachen wir das letzte Mal. Damals grinste sie aus dem Laptop-Bildschirm. Ihre erste Single war gerade erschienen. Inzwischen ist XING weiter, selbst wenn der struggle immer noch real ist. Warum sie die Zukunft manchmal zerdenkt, die Vergangenheit aber nicht mehr dafür verantwortlich macht, hat sie Christoph Benkeser erklärt. Außerdem spricht XING über Wut auf den Amadeus Award und über Bedürfnisse im Ballroom.
Mit „Peace of Mind“ verbinde ich Ruhe – du schreibst über dunkle Themen. Wie geht das zusammen?
Xing: Die Frage, wie man zu dieser Peace of Mind kommen kann, beschäftigt alle an einem Punkt im Leben, oder? Ich hab mich zumindest letztes Jahr damit auseinandergesetzt. Schließlich bekommt man als Teenager die Vorstellung vermittelt, dass man glücklich ist und frei, wenn man irgendwann erwachsen ist. Das ist problematisch.
Weil sich die Vorstellung als Ziel festsetzt?
Xing: Ich war immer ein glücklicher Mensch, hab aber schnell gemerkt, dass ich an viele Dinge denke, sie manchmal sogar zerdenke. Als Overthinker fall ich manchmal in ein emotionales Loch, weil ich mir dann das worst case scenario ausmale.
Wie malst du es aus?
Xing: Wir sterben alle – aber wie sterben wir alle? Das ist ein Gedanke, der in einen Teufelskreis führt, in dem man immer mehr Fragen stellt. Meine EP kann darauf zwar auch keine Antworten geben. Sie zeigt aber, was mich beschäftigt. Das sind düstere Themen, mit denen ich Peace of Mind finden wollte.

Möchtest du über ein Thema sprechen?
Xing: Ja, ich hab eine enge Freundschaft verloren. Danach war viel grief, auch Wut und das Gefühl, dass mir meine Stimme weggenommen wird – inzwischen hab ich diese Freundschaft aber gehen lassen können. Indem ich darüber schreibe, versuch ich essogar zu embracen. Das empowert mich.
Vielleicht entspricht das Empowerment deiner Vorstellung von Glück.
Xing: Das ist ein schwieriges Thema. Man kann sich entscheiden, glücklich zu sein – als privilegierte Person und indem man an sich arbeitet. Allerdings muss man aufpassen, wann man die line zwischen Mental Health und toxic positivity überschreitet.
Es heißt, man sei verantwortlich, glücklich zu sein. Wenn man es nicht ist, gibt es diesen Ratgeber, diesen Podcast, diese Therapie …
Xing: Ja, man ist allein dafür verantwortlich. Aber es hängt von so vielen Dingen ab. Ich denk mir zum Beispiel: Ich werd 25, hab noch immer kein Geld – wie schaut die Zukunft aus, was passiert, wenn ich mal Kinder will?
Da kommt das Overthinking!
Xing: Genau! Man will immer das, was man nicht hat. Das kann Geld sein, eine geile Wohnung oder Erfolg. Die Fragen sind: Was will man? Hat man es geschafft, wenn man heiratet, Kinder bekommt und ein Haus baut? Ist man glücklich, wenn man finanziell abgesichert ist? Und was muss man dafür tun?
„IF I AGREE WITH IT IST EINE ANDERE FRAGE.“
Sind das nicht Vorstellungen, die von der Gesellschaft erwartetet und von uns übernommen werden?
Xing: Manche Leute mögen diese Vorstellungen brauchen, damit sie sie verfolgen können. Ich denke: Wieso soll es nicht auch anders gehen?

Du meinst: Die Vorstellung kann auch anders sein?
Xing: Ich finde Extreme schwierig. Wenn ich davon überzeugt bin, dass die einzige richtige Meinung meine eigene ist, führt das nur zu fingerpointing und Hass! Deshalb kann cancel culture problematisch sein. Die Verurteilung führt dazu, dass man nicht mehr verstehen muss. Ich versuch deshalb immer offenzubleiben und zu verstehen, warum Leute so denken, wie sie denken – if I agree with it ist eine andere Frage.
Das führt mich zu deinen Texten: Du suchst darin nicht nach Antworten, willst aber verstehen.
Xing: Weil es keine richtige Antwort gibt, ja. Gleichzeitig kann das Verständnis nur einem selbst kommen. Daran scheitern viele Menschen. Sie wollen nicht nur nicht verstehen, sie …
Lassen sich nicht darauf ein, verstehen zu können, weil ihre Meinung bereits feststeht?
Xing: Ja, man sucht die Probleme in einem Außen oder der eigenen Vergangenheit. Wenn ich Dinge gemacht hab, auf die ich nicht stolz war, hab ich das auf meine Kindheit geschoben – weil meine Eltern nie Zeit hatten, mir nicht in der Schule halfen, mich oft allein ließen. Dadurch streift man die Verantwortung ab. Das hält einen von der eigenen Entwicklung ab, weil …
Man immer eine Entschuldigung parat hat?
Xing: Genau. Wenn was beschissen läuft, kann man immer sagen, dass man halt so ist, weil etwas war, das man nicht mehr verändern kann. Das führt dazu, dass man nie weiter denken muss, sondern alles auf die Vergangenheit schiebt. Dabei führt nur die Einsicht, daran etwas zu verändern, zu einer Veränderung.
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Wie hat sich diese Einsicht bei dir gezeigt?
Xing: Ich mach seit über einem Jahr Gesprächstherapie, das war ein arger Step. Meine Einstellung war: Wenn ich Therapie mache, spreche ich über Themen wie Verlustangst und Verletzlichkeit. Inzwischen weiß ich: Man muss nicht über diese Themen sprechen, man kann! Ich darf aber auch über das Gute sprechen. Das ist ein Privileg, das ich nutzen möchte.
Womit setzt du dich auseinander?
Xing: Im letzten Jahr hab ich mich viel mit Ego und Stolz beschäftigt. Dadurch kann ich es stärker unter Kontrolle bringen.
Wie meinst du das?
Xing: Ich kann besser benennen, warum etwas nicht passt, weil ich es genauer kommuniziere. Dafür muss man gefestigte Labels und Zuschreibungen absetzen und sich auf andere Perspektiven einlassen wollen – und sich dazwischen umzusehen.
Sobald man sich In-Between bewegt, fällt man nicht mehr in die zugeschriebenen Raster. Das ist anstrengender, weil man sich permanent erklären muss, oder?
Xing: Ja, aber es ist nicht dein Problem, weil nicht du, sondern alle anderen die Erklärung einfordern.
Hat sich deine Therapie-Erfahrung auf dein Schreiben ausgewirkt?
Xing: Meine Texte sind immer direkt und offen, ich umschreibe nichts. Manchmal bin ich vielleicht zu ehrlich, aber das ist Teil meiner Stimmung. Deshalb kann ich die Frage schwer beantworten. Die Therapie wirkt sich aus, aber indirekt.
„SCHAU DIR DEN AMADEUS AWARD AN, JEDES JAHR IST ES DASSELBE.“
Du kannst dich besser verstehen und dadurch besser kommunizieren, so wie du gesagt hast.
Xing: Weißt du, ich hab nicht das Gefühl, dass ich Teil der österreichischen Musik-Community oder der FM4-Bubble bin. Gleichzeitig glaube ich, dass ich es nicht brauche, während andere das umso stärker brauchen.
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Die Zuordnung zu einer Gruppe zieht auch Grenzen. Wenn ich sage, dass ich in dieser Blase bin, ziehe ich eine Grenze zwischen Innen und Außen.
Xing: Das hat mich lange beschäftigt. Schließlich sorgt die Zuordnung auch für Gemeinsamkeit. Wenn dich FM4 nicht pusht, fragt man sich schon, warum …
Schon wieder eine weiße Männer-Band ihre Gitarren auspacken darf?
Xing: Voll!
Ich will dir das nicht in den Mund legen, das ist meine Meinung.
Xing: Na ja, schau dir den Amadeus Award an. Jedes Jahr ist es dasselbe: Man kann keine Hip-Hop-Kategorie prämieren, aber nur fünf weiße Menschen nominieren. Darüber hab ich mich jahrelang aufgeregt und viel gepostet, weil es mich wütend macht. Die Frage ist: Was bringt es?
Die Wut kann sich toxisch auf dich abfärben, meinst du?
Xing: Ich hab inzwischen keine Energie mehr dafür, weil ich mich nicht gehört fühle.
Es ist anstrengend, wütend zu sein.
Xing: Gleichzeitig trägt es dazu bei, dass ich mich nicht zugehörig fühle. Oder umgekehrt: dass ich das Gefühl habe, andere repräsentieren zu müssen.
Kannst du das erklären?
Xing: Ich hab letztes Jahr am Popfest gespielt. Ich wollte dort asiatisch gelesene Personen representen, hab diese Rolle eingenommen. Das Ding ist: Nur weil ich Chinesin bin, muss sich eine andere asiatisch gelesene Person nicht mit mir identifizieren oder save fühlen. Jeder kann dir wehtun, auch deine eigene Community.
Das klingt hart.
Xing: Ich hab inzwischen in einige Communitys reingeschnuppert, zuletzt auch in die Ballroom- und Voguing-Community. Man tanzt gemeinsam und teilt den Moment – ohne zwingend zu wissen, wie das Gegenüber heißt. Gleichzeitig muss diese Community nicht all meine needs satisfyen. Wenn man über diesen Kontext hinaus keine Connection findet, ist das vollkommen OK. Es gibt unterschiedliche Bedürfnisse, die von unterschiedlichen Menschen erfüllt werden können.
Danke, dass du deine Zeit geteilt hast.
Christoph Benkeser
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Xing EP-Release-Konzert:
15. März 2023, Kramladen
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