„Elevate ist eine weltweite Community mit Graz als Zentrum […]“ – BERNHARD STEIRER, DANIEL ERLACHER und ROLAND ORESKI (ELEVATE FESTIVAL) im mica-Interview

Vom 1. bis zum 5. März findet ELEVATE –  das interdisziplinäre Festival für elektronische Musik, Kunst und politischen Diskurs – in Graz statt. Zum ersten Mal seit dem Bestehen am Jahresanfang und einmal mehr mit einem überaus spannenden wie hochinteressanten Musik- und Diskursprogramm. Die Festivalgründer und -leiter BERNHARD STEIRER, DANIEL ERLACHER und ROLAND ORESKI über die diesjährige Ausgabe, die Themenschwerpunkte des Diskursprogramms und die Kooperationsinitiative „We Are Europe“. Die Fragen stellte Michael Ternai. 

Dieses Jahr findet das Elevate Festival zum ersten Mal im März statt. Gibt es einen bestimmten Grund für die Terminverschiebung?

Es gibt eigentlich zwei Gründe für den neuen Termin, einen recht pragmatischen und einen durchaus programmatischen.
Aus pragmatischer Sicht setzen wir uns mit dem neuen Termin an den Beginn der Festivalsaison und können damit deutlicher Akzente in künstlerischer und inhaltlicher Richtung setzen. Es war immer schon ein Kernanliegen von Elevate, Pionierinnen und Pioniere sowie Heldinnen und Helden der verschiedenen Musikkulturen neben völlig unbekannte und schräge Underground-Acts zu setzen. Das geht im Herbst auch, aber im Frühling sind wir dann tatsächlich das erste Festival im österreichischen Veranstaltungskalender.
Irgendwie steht das Elevate auch stark für Change-Bewegungen, für Veränderung und  soziokulturellen Wandel, das passt besser in den Frühling als in den Herbst.
In programmatischer Hinsicht wollen wir den neuen Termin auch dazu nutzen, eine stärkere Verschränkung von künstlerischem und inhaltlichem Programm zu vollziehen.
Hier arbeiten wir heuer vor allem mit Installationen im öffentlichen Raum und konzeptionellen Lectures, bei denen Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren Ideen und Ansätze vorstellen und diskutieren. Bis wir wirklich die Mittel für eigens konzipierte Ausstellungen und „Commissioned Works“ haben, vergeht wohl noch etwas Zeit. Aber spartenübergreifende Performances, wie wir sie mit unserem Programmpartner hoergeREDE lange Zeit hatten, beispielsweise an der Schnittstelle von Literatur, Sound- und Videokunst, werden wieder vermehrt eine Rolle spielen.
Der heurige Termin markiert gewissermaßen den Übergang zu einer richtigen Programmtrias, das heißt zu mehr Kunst, politischen Diskurs und Musik.

Das Elevate Festival gehört in Sachen Festivals mittlerweile zu den ersten Adressen in Österreich. Inwieweit wird das Festival auch im Ausland wahrgenommen? Findet sich auch internationales Publikum in Graz ein?

Ja klar, das war zum Glück von Anfang an so! Wenn das Elevate stattfindet, sind die Hotels der Stadt eigentlich immer ausgebucht. Ein Großteil der Diskussionsrunden, Vorträge und Workshops ist auf Englisch oder wird simultan übersetzt. Die Internationalisierung des Festivals wird auch weiterhin ausgebaut, etwa über die Festival-Kooperative „We Are Europe“, in deren Rahmen seit 2016 insgesamt acht Festivals aus ganz Europa zusammen ein Programm gestalten und damit auch die Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern, Diskursgästen, Kuratorinnen und Kuratoren und auch des Publikums erhöhen. Letztes Jahr waren etwa die c/o Pop aus Köln, das Resonate aus Belgrad und das Nuits Sonores aus Lyon mit Programmpunkten in Graz beim Elevate zu Gast, heuer stehen das Sónar aus Barcelona und das Insomnia aus Tromsø in Norwegen im Zentrum.

„Wenn man dann auch noch ein spannendes Musikprogramm, das zwischen Experiment und Hedonismus angesiedelt geboten bekommt, hat das schon einen Reiz für viele.“

Das Elevate Festival ist bekannt für sein eigentlich immer starkes und sehr abwechslungsreiches Musikprogramm, das aber – und das ist das Besondere – eigentlich fast ohne die großen Mainstream-Namen auskommt. Warum, meinen Sie, zieht das Festival dennoch so viel Publikum an? Ist das Publikum des Festivals ein spezielleres?

Elevate ist, wenn man so will, viel mehr als ein Festival, das Musik, Kunst und Engagement in die Betriebsstrukturen der Eventkultur presst. Elevate ist eine weltweite Community mit Graz als Zentrum, die Leute spüren den Idealismus, die Inspiration, dass gemeinsam an für alle wichtigen Themen wie Klimagerechtigkeit, Menschenrechten, Demokratisierung und einer Öffnung der Gesellschaft gearbeitet wird.
Wenn man dann auch noch ein spannendes Musikprogramm, das zwischen Experiment und Hedonismus angesiedelt ist, geboten bekommt, hat das schon einen Reiz für viele.
Außerdem klopfen viele der Acts an den Türen des Mainstreams, auch das ist bekannt: Beim Elevate erlebt man vorab oft das, was bald darauf auch auf breiterer Ebene gefeiert wird.

Welchen Herausforderungen stellen Sie sich bei der Programmierung?

Wir wollen mit unserem Programm sehr viele verschiedene Stilrichtungen abbilden, Begegnungen ermöglichen und Newcomerinnen und Newcomer oder noch ganz unentdeckte spannende Künstlerinnen und Künstler mit Pionierinnen und Pionieren auf die gleiche Bühne setzen. Auch die Verbindung von Experimentellem mit Tanzbarem ist eine große Herausforderung, der wir uns jedes Jahr aufs Neue mit Freude stellen.

Welche musikalischen Highlights gibt es in diesem Jahr?

Bild (c) Stephen O’Malley

Das Musikprogramm der Festivaleröffnung wird heuer vom Sónar Festival aus Barcelona beigesteuert, das US-amerikanische Pop-, Funk- und Performance-Crossover KNOWER ist sicher ein Highlight. Das Insomnia aus Norwegen setzt einige Akzente aus nordeuropäischen Stilausprägungen, etwa mit der bildenden Künstlerin und Autorin Jenny Hval, die sehr spannende Konzeptalben produziert. Im Club-Bereich sind der Brite Jon Hopkins und einer der Detroit-Techno-Urväter, Juan Atkins, Highlights. Besonders spannend werden auch Inga Copeland mit ihrem neuen Projekt Lolina und Warp-Neuzugang Lorenzo Senni sein. Österreichische Musikerinnen und Musiker sind ebenfalls viele vertreten, Clara Moto beispielsweise oder die Elektronik-Jazz-Formationen Sixtus Preiss und Radian. Pulsinger gemeinsam mit Sam Irl, das wird sicher auch eines der ganz großen Highlights, spielen am Sonntagabend das Abschlusskonzert vor niemand Geringerem als Stephen O’Malley der legendären Sunn O))) – ein Ozean aus Gitarren-Feedback-Loops für alle, die all die vielen Sounds und Genres gebührend nachhallen lassen möchten.

„Man hilft und inspiriert sich gegenseitig, um aus der kritischen Haltung gegenüber gesellschaftspolitischen Missständen, in eine pro aktive Position zu kommen und auch konkret etwas verändern und bewegen zu können“

Ein wesentlicher Bestandteil von Elevate ist das umfangreiche Diskursprogramm. Inwieweit war dieses schon zu Beginn an Teil der Festivalidee?

Diskussionsrunden, Vorträge und interaktive Formate gab es bereits von Anfang an. Die erste Festivaledition 2005 stand zum Beispiel unter dem Motto „Independent People/Independent Movements“. Viel von der Grundintention des Festivals besteht und bestand darin, verschiedene zivilgesellschaftlichen Initiativen mit unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren aus den Bereichen Journalismus, Wissenschaft und Aktivismus zu vernetzen und dadurch zum Entstehen neuer Projekte beizutragen.
Man hilft und inspiriert sich gegenseitig, um aus der kritischen Haltung gegenüber gesellschaftspolitischen Missständen in eine proaktive Position zu kommen und auch konkret etwas verändern und bewegen zu können.

Die großen Themen des auch heuer sehr prominent besetzten Diskursprogramms lauten in diesem Jahr Big Data, Quantifizierung und Algorithmen, in die auch die aktuelle Debatte über „Fake News“ hineinspielt. Welche Diskussionen und Auseinandersetzungen erwarten Sie?

Wir erwarten uns vor allem inhaltlich inspirierende und auch ermutigende Beiträge unserer zahlreichen internationalen Gäste. Es wird um viele unterschiedliche Themen gehen – von „Smart Cities“ bis hin zur Rolle der Kultur in der Stadtentwicklung, von der Quantifizierung der Natur bis hin zu ethischen Fragen rund um den Technologieeinsatz, von künstlerischen Standpunkten zur countersurveillance bis hin zum Thema der angesprochenen „Fake News“, also Medien und Algorithmen und Big Data.
Es wird viele spannende Diskussionsbeiträge geben und wir hoffen auf eine rege Beteiligung des Publikums. Vor Ort im Forum Stadtpark wie auch im Rahmen unseres Livestreams, wo jede Diskussionsrunde auf elevate.at und Sendern wie Okto oder DorfTV übertragen wird.

Sie sprachen bereits die europaweite Kooperationsinitiative „We Are Europe“ an. Welche Idee steckt hinter dieser Festivalkooperation? Welche Ziele verfolgt diese?

Bei „We Are Europe“ geht es um gemeinsame Programmgestaltung, um Austausch und Interaktion zwischen Festivals, die allesamt Konferenzen, Medienkunst und Musik miteinander verbinden. Ein weiteres Hauptziel ist auch, die Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern und des Publikums innerhalb Europas zu erhöhen und sich gegenseitig mit Themen und künstlerischen Ansätzen für eine lebhafte zeitgenössische Festivalkultur zu inspirieren. Transnationale Zusammenarbeit halten wir für eine ganz grundlegende Kulturpraxis – gerade jetzt, wo das Erstarken nationalistischer Tendenzen wieder lauter wird.

Wie sieht die Initiative in der Praxis aus? Welche Projekte werden er verwirklicht?

Die Kernidee ist, dass jedes Festival der Kooperative Programmpunkte bei seinen Partnerfestivals gestaltet, man sich gegenseitig unter die Arme greift und innerhalb des kleinen Rahmens eines Festivalnetzwerks länderübergreifende Solidarität lebt. Auch künstlerische Zusammenarbeiten entstehen, beim heurigen Elevate gibt es etwa ein neues Projekt des österreichischen Musikers Zanshin von Ogris Debris, der auf Einladung von Sonar mit der spanischen Videokünstlerin Alba G. Corral arbeitet. Und auch im Diskursprogramm können wir gemeinsame inhaltliche Akzente setzen, heuer etwa mit einer Diskussionsrunde über die Rolle der Kultur in der Stadt von morgen, bei dem sowohl städteplanerische Initiativen aus den Partnerländern als auch aus Österreich und unserem näheren Umfeld vorgestellt werden.

Wie sehen die bisherigen Erfahrungen hinsichtlich dieser Initiative aus?

Die bisherigen Erfahrungen mit der Initiative sind durchwegs positiv, unsere persönlichen Erwartungen wurden sogar noch übertroffen. Vor allem der Austausch zwischen den Festivals, der hinter den Kulissen stattfindet und dem durch das Projekt konkreter Raum gegeben wird, ist unglaublich informativ und inspirierend.
Die Heterogenität der involvierten Partnerfestivals trägt dazu bei, gemeinsam ein umfassenderes Bild von Herausforderungen und auch Chancen zu entwickeln, gerade auch hinsichtlich der Rolle, die Festivals in einem Europa der Zukunft einnehmen können.

Michael Ternai

Links:
Elevate 2017
Elevate 2017 (Facebook)
We Are Europe