„Bei uns kann man kein Lied über Züge machen, außer vielleicht für eine ÖBB-Werbung.“ – SCHNEIDA im mica-Interview

Zwei Österreicher und ein Neuseeländer bilden eine Band, wie es sie hierzulande noch nie gegeben hat: OTHMAR LOSCHY, JOHANNES GIRMINDL und DYLAN WHITING sind SCHNEIDA und setzen sich mit dem Werk des amerikanischen Singer-Songwriters TODD SNIDER auseinander. Wie und warum sie das tun, erzählten sie Jürgen Plank im mica-Interview.

Wie haben Sie sich als Band gefunden?

Girmindl: Das hat im Sommer 2013 begonnen, als ich Othmar gefragt habe, ob er mit mir Songtexte machen möchte. Schon allein, damit ich nicht die ganze Arbeit selbst machen muss. Irgendwann hat er dann von Dylan erzählt: „Da gibt es noch einen in Wien, der Todd Snider kennt – und das ist ja eine Rarität. Und der kann auch Gitarre spielen.“

Sie haben damals begonnen, Texte von Snider vom Englischen ins Deutsche übertragen, wie war das?

Loschy: Das war lustig. Wir haben uns zusammengesetzt und zuerst die Texte ausgewählt, die wir machen wollten. So sind die ersten Übertragungen entstanden.

Wer ist Todd Snider und was machen Sie aus seinen Liedern?

Girmindl: Todd Snider ist ein amerikanischer Songwriter, der im Jahr 1994 den Hit „Allright Guy“ hatte. Seit damals kenne ich ihn, er ist ein toller Songwriter, der simple Lieder mit tiefgründigen Texten schreibt. Großes Kino! Die Texte sind gut zu übersetzen, weil er oft sehr direkt, aber in wenigen Worten richtige Epen erzählt. Snider ist sehr viel auf Tour, jetzt gerade mit seiner neuen Band The Hard Working Americans.

Sie könnten das Werk Sniders ja auch einfach so stehen lassen, wie es ist, und bewundern. Warum setzen Sie sich damit auseinander?


Loschy:
Wir übertragen seine Geschichten ins Wienerische, auch damit man sie besser versteht. Ein paar Änderungen gibt es auch, weil sich nicht alles übertragen lässt. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte aus dem Lied „Play A Train Song“. Bei uns kann man kein Lied über Züge machen, außer vielleicht für eine ÖBB-Werbung.

Girmindl: Ich habe mich ja auch schon mit Chuck Prophet beschäftigt und diese Leute haben wahnsinnig gute Lieder geschrieben. Wenn man die einfach nur covert, passt das nicht so gut in ein Programm in deutscher Sprache. Wenn ein Lied sehr gut ist, braucht man einen guten Grund, es noch einmal zu spielen – deshalb diese Übertragungen.

Worum geht es im ursprünglichen „Play A Train Song“ und was haben Sie daraus gemacht?

Loschy: Im Original geht es um einen Konzertbesucher, der immer ein Lied über Züge verlangt. Das ist ein Stammgast und Snider hat dann sogar ein Lied dazu geschrieben, eben „Play A Train Song“. Nachdem das thematisch bei uns nicht funktioniert, heißt das Lied „Oids Lied“.

Aber der railjet fährt auf der Westbahnstrecke auch schon 200 km/h.

Whiting: Das ist zu schnell für uns.

Loschy: Außer dem „Bundesbahnblues“ von Qualtinger/Bronner gibt es bei uns eigentlich keine Zug-Lieder. In unserer Übertragung geht es um einen Konzertbesucher, der immer ein altes Lied verlangt, weil er sich an neue Lieder nicht mehr gewöhnen kann.

Greifen Sie bitte noch ein Lied von Todd Snider heraus und erzählen Sie, wie Sie es nach Europa bzw. nach Wien transferiert haben.


Girmindl: Wir haben da zum Beispiel den „Cheatham Street Warehouse-Blues“. Den haben wir insofern nach Österreich transportiert, als wir dazu Austropop-Harmonien singen. Da sind wir draufgekommen, dass Todd Snider der Urvater des Austropop ist, denn er versteckt in diesem Lied Harmonien, die Fendrich und andere in den Vordergrund gerückt haben.

Was ist das Besondere an Todd Snider?

Whiting: Die Stärke von Snider ist die Stärke, die auch andere große Songwriter wie Bruce Springsteen oder Townes van Zandt haben. Was hinter seinen Nummer steckt, versteht man auf der ganzen Welt. Es gibt eine Nummer, die mir am Herzen liegt, die heißt „Keep Off The Grass“.

Da geht es um alles, was verboten ist, und um alles, was man nicht darf. Er hält sich aber nicht daran und sucht sich seine eigenen Freiräume. Wir haben uns gesagt: „Wir kennen auch dieses Gefühl, übertragen wir dieses Lied ins Deutsche.“

Gibt es von Ihnen auch eigene Lieder?

Whiting: Über allem steht Todd Snider mit seinen Songwriting-Fähigkeiten. Wir sind aber leidenschaftliche Musiker und – nachdem wir uns gefunden haben – war es naheliegend, eigene Lieder zu schreiben. Wir versuchen, das Niveau von Snider zu erreichen, aber das ist natürlich nicht leicht.

Loschy: Im Prinzip ist das eigene Songwriting „work in progress“. Wir haben uns vorgenommen, bis zum Konzert in der Szene Wien, wo wir am 2. März als Vorgruppe von Kinky Friedman spielen werden, eine CD mit rund zehn Liedern aufzunehmen. Danach werden wir verstärkt an den eigenen Liedern arbeiten und diese in unser Programm einbauen.

Warum singen Sie im Dialekt? Was sagt dazu der Neuseeländer in der Band?

Whiting: Ich versuche, möglichst wenig zu singen, weil ich mit Hochdeutsch aufgewachsen bin. Ich bin zwar kein Österreicher, aber ich finde es enorm wichtig, dass Dialekte und Spracheigenheiten erhalten bleiben. Österreich hat eine sehr gute Musikszene mit Leuten wie Willi Resetarits, die sich darum bemühen, den Dialekt zu erhalten.

Girmindl: Ich bin musikalisch so sozialisiert worden. Zuerst habe ich Jerry Lee Lewis und The Beatles gehört und dann auf einmal Kurt Ostbahn und Ambros.

Wie fühlt es sich an, als Vorgruppe von Kinky Friedman in Wien zu spielen?

Loschy:
Spannend. Die Vorgeschichte ist die, dass ich vor zwei Jahren Friedman in Wien veranstaltet habe und damals hat die Original Stiefelbein Bluhs-Bänd als Vorgruppe gespielt. Vor 14 Jahren, als Friedman zum ersten Mal in Wien war, hat Ostbahn-Kurti als Vorband gespielt und insofern passt es, dass wieder eine Band den Abend eröffnet, die im Dialekt singt.

Geht da auch ein Traum in Erfüllung, wenn man einen Abend gemeinsam mit so einem Star bestreitet?

Girmindl: Es geht gar nicht um den Star-Status. Ich glaube, Kinky Friedman ist einfach leiwand. Wenn man die Bücher gelesen hat und seine Lieder kennt, dann ist das schon cool. Die Größe des Stars ist relativ egal, wenn man das mag, was derjenige macht.

Wenn man bedenkt, dass einer Ihrer ersten zehn Auftritte gleich der Support für Kinky Friedman ist, so ist das ein ungewöhnliches Ereignis.

Whiting:
Seine Musik und seine Bücher begleiten mich seit zwanzig Jahren. Ich habe keine Idole, aber er ist ein Mensch, der mir viel gegeben hat. Dass wir für ihn als Vorgruppe spielen, für einen tollen Künstler, das ist vollkommen unerwartet und unglaublich super.

„Glenn Campbell auf Deutsch klingt einfach scheiße.“

Wessen Werk würde Sie noch interessieren?

Whiting: Das ist eine schwierige Frage. Es gibt viele gute Lieder, aber mir fällt auf Anhieb niemand ein, dem ich mich mit einem ähnlichen Ansatz annähern würde. Glenn Campbell auf Deutsch klingt einfach scheiße, das ist so.

Vielleicht Hank Williams oder Kris Kristofferson?

Loschy: Ich glaube, die sind schwerer zu übertragen, aber wir müssen nicht nach einem weiteren Künstler suchen. Mit Todd Snider hat sich das einfach so ergeben.

Wie geht es bei Ihnen weiter, wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Whiting: Grammys! Country Music Hall of Fame! (Alle lachen)

Loschy: Zum zehnjährigen Jubiläum laden wir Todd Snider ein und spielen mit ihm gemeinsam.

Girmindl: Ja, das können wir machen.

Jürgen Plank

 

Fotos: Jürgen Plank

https://de-de.facebook.com/schneida.at