Arcana-Festival 2010 – Bericht über die erste Woche

Derzeit findet in St. Gallen im steirischen Ennstal, vor dem Gesäuse-Eingang, an verschiedenen Schauplätzen das spannendste Festival für Neue Musik zwischen Neusiedler- und Bodensee, zwischen Salzachsee und Ossiacher See und vielleicht darüber hinaus statt. Das vom künstlerischen Leiter Peter Oswald verantwortete Programm umfasst absolute Meisterwerke des 20. und 21. Jahrhunderts – mit den besten denkbaren Interpretinnen und Interpreten. Hier der Bericht über die ersten sechs Tage.

Das Arcana-Festival (Programmübersicht siehe auch Vorbericht) ist ausnehmend gut besucht, auch von den Einheimischen der Region, die sich davon überraschen ließen, wie gut ihnen Neue Musik gefällt. Die Organisation ist vorbildlich (Shuttle-Dienst zu den Veranstaltungsorten ist gratis und, was allein dadurch notwenig ist, weil der öffentliche Verkehr teilweise zu wünschen übrig lässt – so wird die landschaftlich wunderschön geführte Gesäuse-Bahn der Österreichischen Bundesbahnen seit 2010 nur mehr am Wochenende befahren – eigentlich ein Skandal(!). Vorbildlich auch die Einführungstexte von Manuela Zorn im Programmbuch.

Die Stimmung bei den Workshops, Vorträgen und Konzerten ist – inklusive Mostangebot und Wein vom Stift Admont – mehr als familiär, es befinden sich viele Komponisten und Künstler auch im Publikum, mit denen man zwanglos plaudern und diskutieren kann – etwa Gertraud und Friedrich Cerha, Ernst Kovacic und Gattin, Erwin Ortner (Schoenberg-Chorleiter), Clemens Gadenstätter, die Schlagwerkerin Robyn Schulkowsky und und und. Natürlich auch mit Peter Oswald und Barbara Fränzen (etliche Jahre im Vorstand des mica). Unter den Gästen etwa auch Ute Pinter, Christian Reder, Armin Thurnher, Carsten Fastner (falter), eine Konzerthaus-Dramaturgin …

Aber nun (ab Donnerstag) der Reihe nach: In der Turnhalle von St. Gallen spielte am 29.7. das Wroclawska Orkiestra Kameralna (Kammerorchester Breslau) unter der Leitung von Ernst Kovacic Stücke von Wolfgang Rihm, Beat Furrer (antichesis für 14 Streicher), Giacinto Scelsi (im Programm einer der Hauptkomponisten und Claude Vivier. Anschließend Kovacic auch als Solist, er spielte „prisme“ (2000) von Michael Jarrell für Violine, weiters die Schlagzeugerin Robyn Schulkowsky dann dessen Assonance VII und ein Werk eines seiner einstigen Schüler in Wien Johannes Maria Staud („Portugal“ für Schlagzeug, 2006).  Zum Highlight des Abends wurde das legendäre Schlagzeug-Stück „Psappha“ von Iannis Xenakis aus dem Jahr 1975, das zum Kanon der „Best of“ -Stücke der Neuen Musik zu zählen ist.

Ebenso dazu zu rechnen ist „Ionisation“ (1931) für 41  Schlaginstrumente (diesfalls gespielt von 8 MusikerInnen) von Edgar Varése und besonders aber auch Gerard Griseys „Le noir de l’étoile“ (1990) für sechs im Raum verteilte Schlagzeuger. Es spielte das exzellente Schlagquartett Köln, unter seinen Gastmusikern auch die in Wien bestens bekannten Björn Wilker und Adam Weisman. Veranstaltungsort – für das riesige Schlagzeugarsenal toll geeignet – war die Versandhalle der „Automotive“ Georg Fischer, einem wichtigen Sponsor des Festivals, darüber weiter unten.

Am Sonntag 31. Juli begab man sich durch das Gesäuse oder über den Buchsteiner Sattel in das etwa 20 km von Sankt Gallen gelegene Admont in die dortige Stiftsbibliothek und lauschte der Solo-Performance von Ernst Kovacic. Dieser hatte das enorm anspruchsvolle und schwierige Programm sehr gut (und nicht zu lang dauernd) ausgewählt. Man konnte sich mit dem Geiger, der seine Standplätze von Stück zu Stück wechselte, durch den Raum bewegen. Auf seinen Notenpulten (man konnte die Noten vorher oder nachher auch ansehen) das kurze „Printemps“ (1924) von Georges Antheil, John Cages „59 1/2 seconds for a string-player (1953), von Friedrich Cerha  „Sechs Stücke für Violine solo“ (1997, daraus II, IV und VI), Sylvano Bussotti „sette fogli“ (1959) und ein ganz ausgezeichnetes Stück von Johannes Maria Staud: Towards a Brighter Hue“ (2004).

Zurück ging es in die Kirche St. Gallen. Dort, vor dem schönen Barock-Hochaltar mit einem Bild von Kremser-Schmidt, sangen die Neuen Vocalsolisten Stuttgart ein Werk der 1963 geborenen italienischen Komponistin Lucia Ronchetti – „Pinocchio, una storia parallela da Giorgio Manganelli“ (2005) für vier Männerstimmen und dann Salvatore Sciarrinos großartige „12 madrigali“ (2008).

Am 1. August ging es wieder nach Altenmarkt in die Georg Fischer Automotive – zu einem ganz besonderen Projekt bei Arcana 2010. Mit achtzehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fabrik, die Automobilteile erzeugt, hatte Robyn Schulkowsky ab Anfang Juli einen Workshop gemacht, mit anschließender zweiwöchigen intensiven Probenphase, an der sich auch die Schlagzeuger Björn Wilker und Adam Weisman beteiligten. Annemarie Mitterbäck, nun bereits eine St. Gallener Berühmtheit, hatte dieses kreative Musikprojekt („Von Sternen, Nebeln und Galaxien“) ausgeheckt und durchgesetzt (Idee/Konzept/Projektleitung). Wir werden Mitte August ein mica-Interview darüber mit Robyn Schulkowsky und Mitterbäck veröffentlichen können.

Die Projektteilnehmer spielten auf Aluminium-, Magnesium-  und Holzelementen aus der Erzeugungspalette der Fabrik, auch auf Schlagwerken, die sie kennenlernten, zwei Frauen bliesen auch zwischendurch Tuba und Posaune. Vor allem Robyn ist eine inspirierte und ansteckend inspirierende Workshop-Leitung gelungen – das konnte auf den strahlenden Gesichtern der Mitwirkenden beim Applaus abgelesen werden und an der Freude, mit der sie das aus Xenakis „Pléiades“ (1978) entwickelte Stück gemeinsam spielten. Im zweiten Teil konnte man mit dem Schlagquartett Köln das gesamte Originalstück für sechs im Raum verteilte Schlagzeuger hören.

Am 1. August begann das Symposium „Neue Musik und Neurowissenschaften“, das im ersten Stock des Festivalzentrums (dort befindet sich auch eine eindrucksvolle Ausstellung von Arcana mit Werken von Duchamps, Beys bis zu Heutigen) immer ab 11 Uhr stattfindet. Man hörte da bis jetzt etwa eine spannende Diskussion über die „emotionale Kraft der Neuen  Musik“ mit den Wissenschaftlern Tecumseh Fitch, Stefan Koellsch und Klaus Scherer (Moderation: Rubina Möhring) und einen spannenden Vortag von dem Architekten Wolf Prix (Coop Himmelblau), der etwa darstellte, wie er die schwierige Aufgabe des Baus eines (transportablen, aber akustisch hochwertigen) Musikpavillons für München löste: Prix baute ihn auf Basis einer Spektralanalyse von Musikstücken (Jimi Hendrix’  „Purple Haze“ einerseits, die Komturszene und Don Giovannis Höllenfahrt in der Mozartoper andererseits).

Heute stand der Kulturwissenschaftler Christian Reder (Hochschule für Angewandte Kunst, Wien) sowie der Kunsthistoriker Raphael Rosenberg Rede und Antwort auf die Frage „Kunst macht Menschen“, besonders spannend dann neben Katie Overy, einer Neurowissenschaftlerin aus Edinburgh dann der (noch weiter beim Arcana_Festival mit Werken musikalisch präsentierte) Hèctor Parra aus Barcelona, der bereits bei Impuls Graz Hauptkomponist war, und für den das Klangforum Wien und weitere Ensembles spielten und spielen. Bei „kairos“ ist auch eine CD mit Werken von Parra erschienen.  Er untersuchte die Klangwelten seiner eigenen Kompositionen mit anschaulichen Graphiken und Hörbeispielen seiner Stücke, etwa Instrumentalstücke mit und ohne Live-Elektronik, Spektren eines Tones, Vortragsbezeichnungen usw. Daran spann sich eine Diskussion des 50köpfigen Publikums, das auch regelmäßig zum Symposion geht. Marino Formenti und dem Arnold Schönberg-Chor gehörte der Montagabend in der Pfarrkirche St. Gallen. Formenti spielte virtuos Bernhard Lang (DW 12 Cellular automata), Scelsi, dann in der Nacht und am frühen Morgen Morton Feldman.

Ein anderes Highlight dieses Abends und des Festivals war aber auch der Arnold Schönberg Chor, einmal durch drei Instrumentalisten –  bei Rothko Chapel (1971) von Morton Feldman – verstärkt, „Rothko Chapel“ – ein absolutes Kultwerk – ist für Viola, Sopran, doppelten gemischten Chor, Schlagzeug und Celesta. Den Anfang machte unter Erwin Ortner ein Frauenchor (Giacinto Scelsi: Yliam), dann folgte Friedrich Cerhas eindrucksvolles „Verzeichnis“ (1969) für sechzehnstimmigen Chor. Und schöner als dieser Chor kann man „Lux aeterna“für gemischten Chor (1966) von György Ligeti wahrscheinlich wirklich nicht mehr singen.

Ein großes „Bravo“ allen Komponisten, Mitwirkenden, Organisatoren. Es geht bis 9. August noch spannend weiter, auch mit neuen Werken, die extra beauftragt worden sind.  Und es steht nur zu hoffen, dass sich in der Region Gesäuse und Ennstal und im Land Steiermark die Einsicht durchsetzt, dass das Festival „Arcana“ auch nächstes Jahr finanziert werden muss. Es ist eine wirkliche Bereicherung für das Land und Österreichs Festspiellandschaft.

Heinz Rögl

Informationen zu den KomponistInnen finden sie in der mica-Musikdatenbank

http://www.arcana.at
https://www.musicaustria.at/arcana-festival-fuer-neue-musik-st-gallen-und-admont-gesaeuse-28-juli-bis-8-august-2010