„[…] am Dienstag spürt man schon das Wochenende kommen“ – MAGDALENA STOLHOFER im mica-Interview

MAGDALENA STOLHOFER kuratiert seit bald zehn Jahren das Musikprogramm von IMPULSTANZ SOÇIAL. Während des vierwöchigen Tanzfestivals bespielt die vielseitige Festival-Lady im sommerlichen Wien die IMPULSTANZ FESTIVAL LOUNGE im Vestibül des Burgtheaters und programmiert zwei Partys. Kurz vor Festivalstart sprach Ruth Ranacher mit MAGDALENA STOLHOFER über hemmungslose ProfitänzerInnen, VollblutmusikerInnen, mutige MitarbeiterInnen und schlichtweg den Spaß, den das Auflegen machen kann.

Wo liegen Ihre musikalischen Wurzeln?

Magdalena Stolhofer: Als Kind habe ich die 1980er musikalisch kaum erlebt, da bei uns zu Hause eher die 1970er und ihre Ikonen vorherrschend waren. Durch mein Elternhaus habe ich jedenfalls eine große Liebe zur Musik mitbekommen. Wenn es kein Ding der Unmöglichkeit wäre, würde ich beispielweise gerne ein frühes Bruce-Springsteen-Konzert besuchen.

„Seit ein paar Jahren steckt auch die Bemühung dahinter, die Bandbreite herzuzeigen, die die österreichische Musik zu bieten hat.“

Die Partyschiene ImPulsTanz soçial ist seit vielen Jahren ein fixer Teil des Tanzfestivals. Seit wann liegt deren Programmierung in Ihren Händen? Gibt es eine bestimmte Linie, die Sie verfolgen?

Magdalena Stolhofer: Die Gestaltung des kompletten Musikprogramms hatte ich erstmals 2008 inne. Davor gestalteten vier bis fünf verschiedene Leute aus unserem Büro das Programm und ich konnte mich punktuell einbringen. Wir versuchen, mit der Partyschiene soçial viel abzudecken. Seit ein paar Jahren steckt auch die Bemühung dahinter, die Bandbreite herzuzeigen, die die österreichische Musik zu bieten hat. Denn es gibt hier nahezu alles.

War es ein bewusster Akt, die vielversprechende Mavi Phoenix an den Anfang zu setzen?

Magdalena Stolhofer: Ja. Mavi Phoenix habe ich zusammen mit meinen Kolleginnen Hanna Bauer und Anna Wagner live gesehen. Ich war begeistert, dass ein junger Mensch, der eher schüchtern aussieht, eine derart starke Bühnenpräsenz haben kann. Zeitlich war ihr Act für die Party noch zu kurz, deswegen entschieden wir, dass sie die diesjährige ImPulsTanz festival lounge eröffnet. Auf die Frage, ob man jemanden programmiert, der überall ist: Wir wollten sie unbedingt. Die festival lounge ist ein bisschen intimer und für sie sicher auch ein besonderes Setting.

Was ist Ihnen dabei sonst noch wichtig?  

Magdalena Stolhofer: Die ImPulsTanz festival lounge ist glücklicherweise sehr gut besucht. Der Sonntag ist ruhig, der Montag ist etwas ruhiger und am Dienstag spürt man schon das Wochenende kommen. Vor ein paar Jahren gab es die Idee, Sonntage mit Konzerten ausklingen zu lassen. Das waren zwar sehr stimmungsvolle Abende, aber es ist wirklich schade, wenn bei derart schönen Konzerten wenig Publikum da ist. Heuer war es mir ein Anliegen, diese Konzerte auf den Mittwoch zu verlegen. So können wird den Musikerinnen und Musikern auch eine größere Bühne bieten.

„Topausgebildete Musikerinnen und Musiker, die aber absolut ihren eigenen Style entwickeln […]“

Was für Backgrounds bringen die eingeladenen Musikerinnen und Musiker mit? 

Magdalena Stolhofer: Seit ein paar Jahren gibt es in Wien eine große Gruppe an Vollblutmusikerinnen und -musiker, die Livekonzerte und Elektronik virtuos verbinden. „Affine Records“ ist ein Label, das damit früh begonnen hat. Die dort vertretenen Musikerinnen und Musiker sind für mich die Aushängeschilder einer neuen Gruppe. Topausgebildete Musikerinnen und Musiker, die aber absolut ihren eigenen Style entwickeln, wie Cid Rim und Lukas König beispielsweise. Lukas König, der auch ein Konzert in der lounge geben wird, macht live so viel gleichzeitig, da ist allein das Zusehen wahnsinnig anspruchsvoll. Heute kann theoretisch ja jeder zu Hause Musik produzieren, aber hier sind Musikerinnen und Musiker, die das Instrument live ganz stark ins Zentrum rücken und sich dabei trotzdem in einen Club-Kontext setzen.

Die Performance wird also stark ins Zentrum gerückt? 

Magdalena Stolhofer: Ja, klar. Ich finde es sehr besonders, dass diese Komponente jetzt immer mehr hinzukam. Auch Tony Renaissance funktioniert in der Kombination Livemikro und Computer wunderbar.

Bild (c) Karolina Miernik

Ein weiterer Fixpunkt ist ImPulsTanz on the decks. Das sind Abende, an denen Mitarbeitende, Performerinnen und Performer und auch Workshoplehrende auflegen. Wie gestalten sich diese Abende, wie kommt es dazu?

Magdalena Stolhofer: ImPulsTanz on the decks haben wir 2009 zum ersten Mal gemacht und herausgefunden, dass unsere Rampensäue auch ganz andere Qualitäten haben. Performerinnen und Performer, die ihr Fach super beherrschen und auf der Bühne extrem präsent sind, mögen beim Auflegen vielleicht totale Nullen sein, haben dabei aber eine irrsinnige Freude. Andere wiederum nutzen die Bühne, die sich ihnen in diesem Rahmen bietet. Bei ImPulsTanz on the decks kann jede und jeder machen, was sie bzw. er will. Die US-amerikanische Performance-Künstlerin Ann Liv Young legte mit ihrer Tochter und ihrem Mann im Kollektiv auf. Die Stimmung ist jedenfalls eine ganz andere, als wenn eine DJane oder ein DJ vorne stehen würde.

Alle Mitwirkenden des Festivals bekommen vorab die Info, dass es diese Abende gibt, und werden eingeladen mitzumachen. Wer Lust hat oder mutig genug ist, meldet sich. Es gibt auch Dozentinnen und Dozenten, die jedes Jahr auflegen. Hagit Yakira schreibt uns als das immer als Allererstes. [Anm.: Die in London lebende Choreografin vermittelt in ihren Tanzklassen ihren einzigartigen Stil, der Elemente aus Jazz, zeitgenössischem Tanz und Improvisation verbindet.) Ich glaube auch, dass einige durch ImPulsTanz on the decks das Auflegen hier für sich entdeckt haben. Meine Kollegin Hanna Bauer legte einst erstmals bei ImPulsTanz auf, heuer wird sie mit HΔNNΔ x D!ZZY das Partyprogramm eröffnen.

Gibt es schon einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie sich diese Abende heuer gestalten?

Die Tänzerin und Choreografin Cecilia Bengolea zeigt heuer in der lounge eine kleinere Version ihrer Show „Buss Dem Head“, die sich im Hauptprogramm einfach nicht mehr ausgegangen ist. [Anm.: In der genannten Show verbindet Bengolea musikalische Einflüsse ihrer Aufenthalte in Jamaica und der verschiedenen Stile, die sich aus Reggae und Dancehall entwickelten.) Erna Omarsdóttir wird wiederum ein Konzert geben. [Anm.: Die Künstlerin ist im Workshop-Programm mit „SHALALA – an attempt on borderline musicals“ vertreten und zeigt im mumok einen Film, der gemeinsam mit Matthew Barney und Valdimar Jóhannsson entstand.]

„Ich habe noch niemanden überreden müssen […]“

Mussten Sie schon einmal jemanden motivieren, der sich nicht getraut hat?

Magdalena Stolhofer: Viele glauben, dass das Publikum, wenn sie neben namhaften DJs und Musikerinnen und Musikern auflegen, eine Erwartungshaltung hat, die sie nicht erfüllen können. Ich habe noch niemanden überreden müssen, habe mich aber bemüht, die Angst vor der Erwartungshaltung des Publikums zu senken. Seit einigen Jahren betreuen Zuzee von den Waxolutionists und Mista Wisdom diese Abende, schauen, dass alles reibungslos funktioniert, und sind mit Leib und Seele dabei. Wenn man erklärt, dass es in Wahrheit darum geht, selbst Spaß zu haben, springt der Funke viel schneller über.

Wie Sie vorhin schon erwähnt haben, eröffnen HΔNNΔ x D!ZZY die diesjährige Opening Party.

Magdalena Stolhofer: HΔNNΔ x D!ZZY sind mittlerweile ein Gespann, das seit einigen Jahren an fast allen Orten auflegt und das zu Silvester einen sensationellen FM4-Mix gemacht hat. Ich bin mir sicher, dass das ein Warm-up wird, wo die Leute schon ordentlich tanzen werden, bevor Sixtus Preiss & Band und dann Motsa kommen. Das Line-up für diesen Abend haben Anna Wagner und Hanna Bauer zusammengestellt. Und ich selbst mag fast alles aus dem Hause „Affine Records“ und bin total froh, dass sie uns seit Jahren begleiten.

Dann sind Sie ein Kuratorinnen-Team?

Magdalena Stolhofer: Karenzbedingt habe ich letztes Jahr ausgesetzt und seitdem sind wir zu dritt. Hanna Bauer hat unglaublich viele Kontakte in der tanzbaren elektronischen Musikszene, nachdem sie selbst dort ja auch unglaublich gut unterwegs ist. Ich gehe zwar noch nicht in Pension, aber es gibt jüngere Leute und Musik, die sich an Jüngeren orientiert. Da muss ich dann sehen, dass ich mich auch mit Kolleginnen und Kollegen koordiniere, die einen frischeren Input haben als ich. So ergibt sich eine gute Mischung. Ich finde es großartig, dass Makossa, Sugar B und Sweet Susie einen gemeinsamen Abend in der lounge haben. Das ist ein Revival-Abend, an dem sich der Altersschnitt möglicherweise heben wird. Mavie Phoenix hingegen wird ein jugendlicheres Publikum ansprechen. Mit Hanna Bauer und Anna Wagner in der Co-Kuratierung, die ein wenig jünger als ich sind, decken wir eine gute Bandbreite ab.

Passen Tanz und Musik zusammen oder sind das doch unterschiedliche Welten?

Magdalena Stolhofer: Das Besondere an unseren Festen ist, dass diejenigen, die professionellen Tanz betreiben, auf der Tanzfläche keine Hemmungen haben. Das tanzwütige Publikum motiviert die anderen und für die DJanes und DJs hinter dem Pult ist das natürlich eine Offenbarung. Das ist das Besondere. Diese Art von Partys könnten wir auch nicht unterm Jahr veranstalten, wenn unsere Tänzerinnen und Tänzer, Dozentinnen und Dozenten, Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer da sind. Die dürfen nicht fehlen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ruth Ranacher

ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival 2017
13. Juli bis 13. August 2017
Festival Lounge: täglich ab 22:00 Uhr bei freiem Eintritt.
Burgtheater Vestibül

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