
Den Auftakt des Konzerts gestaltete die Geigerin Annelie Gahl mit dem Stück „nach Aussen“ für Violinsolo und Elektronik von Peter Jakober, eher weniger ansprechend gerieten „Risimusette“ – eine Studie über Lachsequenzen – von Maria Gstättner und Ying Wangs „Groovulation“ (mit Elektronik). Spannender gelang Christian Diendorfer das Cembalokonzert „Electric Psi“ mit der Solistin Maja Mijatović am elektrisch verstärkten E-Cembalo. Den vergnüglichen Abschluss bildete „Draculas Sommernachtstraum“ von dem Südtiroler Hubert Stuppner, der einen Vampir „Tänze“ wie Tango, Boogie-Woogie, Ragtime oder Walzer mit den illustren Gästen Josephine Baker, Marlene Dietrich, Marilyn Monroe, Ava Gardner oder Eva Perón vollführen und gekonnt auch Stan Laurel und Oliver Hardy und schließlich Charles Chaplin an diesem Geschehen teilhaben ließ.
Inszenierung und Visuals
Die finalen Tage waren meist mit zwei Konzerten an verschiedenen Orten pro Abend bzw. Nacht bestückt, was an jene, die alles hören wollten, nicht unbeträchtliche Anforderungen stellte. Partly cloudy, also wolkenverhangen, wirkte da das mit Spannung erwartete Uraufführungsstück „The Lichtenberg Figures“ von Eva Reiter im MuTh-Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, das mit einem enormen Inszenierungsaufwand in Szene gesetzt wurde. 
Dass das Black Page Orchestra, das seinen Namen einem Song Frank Zappas verdankt, anschließend in der anregenden Atmosphäre des Porgy & Bess einen Perspektivenwechsel mit zeitgenössischen Kompositionen der überwiegend jüngeren Generation unternahm, machte neugierig, und für diese Neugier wurde man auch belohnt. In Chirurgenkostümen starteten die drei Performerinnen eine detaillierte Untersuchung eines Organismus, dessen Organe in Elena Rykovas „101 % mind uploading“ durch die verwendeten Gerätschaften und Instrumente zum Klingen gebracht wurden. Stefan Prins verwendete in „Piano Hero # 1“ Midi-Keyboard und Live-Elektronik samt Videozuspielung (Visualisierungen spielten in den Konzerten der letzten Festivalwoche immer wieder eine große Rolle), wobei die Bewegungen des Pianisten auf der Tastatur auf einen Computer übertragen wurden. Der hölzerne Resonanzkörper des Klaviers wurde durch Lautsprecher ersetzt, es wurde zum digitalen Instrument eines Live-Processing. Ähnlich anregend verwendete auch Mirela Ivičević in ihrer Ensemblekomposition „The F SonG (dominosa VII)“ Elektronik, erlaubte aber auch die Expressivität der Interpreten (unter anderen Florian Fennes auf Klarinetten und Saxofonen). Die Hitzewelle („Heat Wave“) von Oliver Weber, ein WIEN-MODERN-Kompositionsauftrag, die Bassklarinette, E-Gitarre, Klavier, Violine und Elektroniker Matthias Kranebitter evozieren mussten, sprach weniger an, wiewohl Kranebitter später mit seiner Komposition „Dead Girl (Requiem E)“ für Flöte, Gitarre und Elektronik überzeugen konnte. Alexander Schubert beendete den Abend mit einem durchaus lustig anzusehenden Video namens „Hello“ mit einer „beliebigen Anzahl von Instrumenten“, Live-Elektronik und Video. Ein anregender und vergnüglicher Abend war dieser späte Termin am 25. November.
Elektronik und Hits von Satie bis Xenakis
„A Phenomenology of Pop“ boten Pia Palme, Electric Indigo und Jorge Sánchez Chiong am Donnerstag, dem 26. November, im Berio-Saal des Konzerthauses, wobei Palme in der einleitenden Komposition „Under Elephantine Skin“ das Geschehen mit einer Art Improvisation beginnen ließ, die in eine minimalistische Klangskulptur mit den Instrumenten der alten Musik – Countertenor, Theorbe und Laute, Barockoboe, Blockflöten plus Elektronik – mündete, die den Boden kaum unter den Füßen verlor. Electric Indigo verschmolz ihre elektronische Computermusik „Barry Dufman“ mit rätselhaft-atmosphärischen filmischen Untermalungen der Videokünstler Louise Linsenbolz und Thomas Wagensommerer (TER). Jorge Sánchez-Chiong setzte an den Turntables zusammengetragenes Material von erstplatzierten Billboard-Charts der Jahre 1958 bis heute (!) neu zusammen und griff zusammen mit dem Schlagzeuger David Christopher Panzl auch live in das solcherart Komponierte ein.
„Hits“ der Neuen Musik boten im Fluc am Praterstern Pianist und Dirigent Jaime Wolfson und das Ensemble Platypus, das angefangen von Morton Feldman, Pierre Schaeffer, György Ligeti, Steve Reich, Galina Ustwolskaja und Iannis Xenakis quasi Kammermusikalisches für Klavier und weitere solistisch eingesetzte Instrumente wie Flöte, Violine, Violoncello, Bassklarinette und Posaune bot, aber auch Ensemblestücke etwa von Mathias Spahlinger, Annie Hui-Hsin Hsieh, Eun-ji Anna Lee, Oxana Omelchuk und Slobodan Kajkut.
„Bad Trip“ und Musik für Instrumente und Geräte

Im Semperdepot reüssierten danach die phänomenalen Musiker des berlinerisch-isländischen Ensembles Adapter, vor allem der Schlagwerker Matthias Engler bestach mit der atemberaubenden Virtuosität seines Spiels, das er etwa am Marimbaphon und gleichzeitig mit Fußpedal an einer hinter ihm stehenden Basstrommel in komplexesten Rhythmen hervorzubringen imstande war. Von dem mitwirkenden Elektroniker Ketan Bhatti, der in der deutschen Jazz- und Hip-Hop-Szene sozialisiert wurde und in dessen Produktionen und Kompositionen subkulturelle Strömungen und das Wechselspiel akustischer und elektronischer Klanggestaltung eine große Rolle spielen, stammte die eine Hälfte des Programms für Flöte, Bassklarinette, Violoncello, Harfe (!), Schlagzeug, Loopstation und Effektpedale. Bhatti gebrauchte Electronics mit Loopstations und anderen Effekten, wie sie im Jazz zu finden sind (während Elektronik in der Neuen Musik meist über Computer digital bearbeitet wurde und wird), und meinte, dass es dadurch in seinen Stücken „zu einer sehr ‚analogen’ und etwas dreckigeren Klangästhetik“ komme, die er „sehr erfrischend“ finde. Paul Fricks „Destroy Erase Improve“ für Harfe und Schlagzeug ergab auch unter Verwendung von einem Diaprojektor gute Visuals und schöne Beleuchtungseffekte. Alles in allem ein viel Konzentration erfordernder, spannender und langer Abend.
Eine Rave-Night als Abschlussparty

Im dichten Nebel des zunächst nur ganz schwach indirekt illuminierten benachbarten Großen Saals, in dem die hellen oder weißen Hemden und Westen des eingelassenen Publikums herrlich ultraviolett leuchteten, während alles andere im Dunkeln blieb, konnte man das neben Gitarristen und Schlagzeuger durch Saxofon und Keyboard komplettierte Ensemble Nikel kaum sehen, bevor es – assistiert von der Sängerin Mona Steinwidder (Mohna) und den Klang- und Lichttechnikern vom Ministry of Bad Decisions – mit der Musik von „Supramodal Parser“ von Alexander Schubert loslegte: Mit Stroboskop-Effekten und einer ganzen Reihe anderer visueller und klanglicher Mittel ging da ordentlich die Post ab, die wirklich den ganzen Körper und alle Sinne erfasste und durchrüttelte – Tempo, Reizdichte, Fokus, Lautstärken, Klangeigenschaften, Licht, Nebelstärke, Farben waren in ständiger Variierung begriffen, alles in toller, manchmal vielleicht auch schier beängstigender Clubatmosphäre.
Während im Anschluss dann wieder im Foyer ein DJ dezent auflegte und auf der Leinwand Archivfotos von den Events dieser Ausgabe von WIEN MODERN und auch aus den vergangenen Jahren gezeigt wurden, hielt zwischendurch Matthias Lošek seine Abschiedsrede und bat sämtliche MitarbeiterInnen seiner überwiegend jungen Crew nach vorne, um ihnen allen und auch dem Publikum von WIEN MODERN zu danken. Wie bei „Wetten dass…“ war der Schlussgag, bevor die Party bis nach Mitternacht weiterging, die Befüllung einer kunstvoll aufgebauten Pyramide aus siebzig Glaskelchen, in deren obersten Lošek so lange Sekt eingoss, bis das überlaufende Glas alle darunterliegenden mit Flüssigkeit vollschenkte. Die gefüllten Sektgläser wurden an alle im Raum Befindlichen verteilt, man stieß miteinander an und trank: Das war WIEN MODERN 2015!
Heinz Rögl
Foto Ministry of Bad Decisions (c) Ministry of Bad Decisions
Foto Ensemble Ictus (c) Ensemble Ictus
Foto Remix Ensemble (c) Fundação Casa da Música
Foto Ensemble Nikel (c) Vardi Benesh Raviv
Link:
wienmodern