Normalerweise bereitet ALLIGATORMAN die Beats für Rapper auf, jetzt legt er ein instrumentales Solo-Debüt vor. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt ALLIGATORMAN inwiefern er deshalb beim Produzieren andere Wege gegangen ist. Die am Album „Swamp Style“ verwendeten Synthesizer sind ebenso Thema wie verwendete Samples von einer Hörspielplatte für Kinder. Und auch wenn andere Projekte bereits in der Pipeline sind, steht für ALLIGATORMAN fest: er möchte seine Solo-Aktivitäten fortsetzen.
Was war für dich das Spannendste an einem Solo-Album, das instrumental ist?
Alligatorman: Es ist auf jeden Fall mal sehr interessant, dass man alles, was aufs Album kommt, selbst auswählen kann. Dass das nicht durch den Kopf einer anderen Person läuft, sondern dass ich die Person bin, die entscheidet, was erscheint und selbst den ganzen Prozess durchlaufe. Wann ein Beat zum Weitergeben fertig ist, entscheide ja auch ich, aber dass es in diesem Fall gar keine andere Instanz gab, die Ideen beigesteuert hat, war auf jeden Fall cool. Und ich musste die Lieder natürlich so fertig machen, dass sie auch ohne Stimme funktionieren.
Hast du beim Produzieren gemerkt, dass du deshalb einen anderen Weg gehst als üblich, damit die Tracks ohne Stimme funktionieren?
Alligatorman: Ich denke schon, ja. Teilweise habe ich das Gefühl, dass wenn eine Stimme dabei ist, also wenn ein Rapper dabei ist, dass man sich vom Beat her an manchen Stellen ein bisschen zurückhalten sollte, damit man der Stimme ihren Platz gibt. Das habe ich jetzt komplett ignorieren können. Beziehungsweise ich musste die interessanten Aspekte auf andere Weise erzeugen, durch Arrangements oder irgendwelche Sample-Veränderungen und so weiter. Ich mag es, wenn Beats, die mit einem Rapper daherkommen, reduzierter sind.
„ICH BIN IN MEHREREN SIEBUNGEN DURCH DAS MATERIAL GEGANGEN UND HABE DIE ANZAHL DER TRACKS IMMER MEHR REDUZIERT“
Ich könnte mir vorstellen, dass du trotz der eigenen Entscheidungen die Qual der Wahl bei der Zusammenstellung des Albums hattest. Wie bist du letztlich vorgegangen? Hast du viel mehr Material zur Auswahl gehabt als am Album gelandet ist?
Alligatorman: Ja, ich habe schon einiges mehr gehabt und es war natürlich auch schwierig zu entscheiden, welche Tracks aufs Album kommen. Wie ich am Ende ausgewählt habe, kann ich dir jetzt gar nicht so genau sagen. Das Album ist über einen sehr langen Zeitraum entstanden. Fast zehn Jahre lang habe ich Unmengen an Beats angesammelt. Ich bin in mehreren Siebungen durch das Material gegangen und habe die Anzahl der Tracks immer mehr reduziert. Über die Files, die übrig geblieben sind, habe ich zum Teil noch drüber produziert. Zu entscheiden, wann ein Song fertig ist, ist wirklich schwierig. Irgendwann spürt man einfach, dass der Song fertig ist. Wenn alles gesagt ist, kann man den Beat gehen lassen. Aber dieser Prozess ist nicht so eindeutig wie man meinen möchte.
Genau genommen ist dein Album nicht ganz instrumental, weil doch immer wieder einzelne Sätze vorkommen. Zum Beispiel im Song „Spacefunk“: „Damit ich euch fesseln kann.“

Alligatorman: Das ist ein Intro von irgendeiner Hotzenplotz-Platte. Das habe ich mir letztens bei der AKM-Meldung gedacht: soll ich das Lied wirklich als instrumental anmelden? Aber ja, es ist schon ein Instrumentalstück. Ich denke das passt schon. Auch wenn ich ein Sprachsample verwendet habe. Das habe ich eher als Instrument verstanden.
Trotzdem nimmt man Worte immer als Inhalt wahr.
Alligatorman: Ja, das ist ja sowieso ein Spagat beim Cutten, beim Scratchen. Wenn man Sprachsamples scratcht, ist das in meinem Kopf mehr ein Instrument. In diese Richtung sehe ich das: wenn man mit der MPC (Anm.: Music Production Center) oder einem anderen Sampler Sachen reintriggert, dann nehme ich ein Sprachsample nicht als dezidierte Stimmspur wahr, sondern eher als Instrument.
Räuber Hotzenplotz ist eine lustige Verknüpfung. Musikalisch deutest du immer wieder Themen an und schickst das Publikum dann sozusagen in die falsche Richtung, weil der Song dann doch anders abbiegt. Inwiefern ist da für dich auch Humor dabei?
Alligatorman: Schön, dass du das so siehst. Ja, das ist auf jeden Fall so, auch mit Erwartungshaltungen zu spielen, taugt mir sehr und ist mir wichtig. Manche drops wirken teilweise um einiges fetter, finde ich, wenn man die Leute, also nicht verarscht, aber wenn man bei den Leuten die Erwartungshaltungen bricht und sich das Stück irgendwie anders entwickelt. Also, ja, das ist eine Art von Humor, wenn da irgendwie etwas ganz anderes kommt, als du jetzt glaubst oder wenn dich irgendwelche breaks einfach aus dem Konzept bringen. Genau das macht mir schon Spaß, ja.
Musikalisch verwendest du zum Beispiel beim Track „Ura“ synthie-artige Sounds. Oder sind das alte Synthies, zum Beispiel von Yamaha?
Alligatorman: Ja, das sind Synthies. Ich glaube bei „Ura“ war es der Juno 106. Ich habe auch einen Yamaha, aber nicht den DX7, sondern irgendeinen anderen. Aber ja, Synthies taugen mir irrsinnig, muss ich sagen. Wenn ich genügend Geld hätte, würde ich mehr mit Synthies machen. Synthies taugen mir irrsinnig, muss ich sagen. Überhaupt, ich mag altes Studio-Equipment. Ich mag einfach den Klang von den Dingern. Ich mag Sachen, die ich aufnehme und wieder digitalisiere. Diesen kurzen analogen Zwischenschritt drinnen zu haben, das taugt mir sehr. Und Synthies sind einfach eine tolle Technologie, ich bin recht froh darüber, dass ich schon ein paar Synthies habe, aber es werden nie genug sein.
Du bearbeitest dann die Sounds noch mit irgendwelchen Sequenzern?
Alligatorman: Ja, also im Endeffekt landen die Sounds meistens, also immer eigentlich, im Cubase, also in der DAW (Anm.: DAW = Digital Audio Workstation). Wo die Soundsfiles entstehen, ob sie auf der MPC direkt von Platte gesampelt werden und dann in die DAW wandern oder vom Synthie aufgenommen werden: am Ende des Tages landet alles im Cubase und wird dort dann mit Effekten bearbeitet.
Die Sounds erinnern mich an Synthie-Bands von früher, kannst du mit Kraftwerk oder The Human League etwas anfangen?
Alligatorman: Ja, auf jeden Fall. Ich versuche mich musikalisch auch immer weiter zu bilden und es gibt so viele tolle Sachen, die es da noch zu entdecken gibt. Besonders Anfang der 1970er-Jahre, mir taugt diese Zeit gerade sehr.
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Zurück in die Gegenwart: Es gibt ein Fake-Video von dir und Kreiml, in dem ihr bei einer Investment-Fernsehshow wie ein Start-Up um Gelder für eine Musikproduktion bittet. Steht dahinter die Frage: wie finanziert man eine Platte?
Alligatorman: Ja. Meistens ist es so: was bei einem Projekt hereinkommt, wird ins nächste Projekt gesteckt. Zum Glück ist es in Österreich noch möglich, dass man Förderungen kriegt. Da gibt doch ein paar Möglichkeiten. Aber easy ist es nicht, es kommt immer darauf an, auf was für einem Level man das Musikmachen betreiben will, was man für PR ausgeben will. Im Moment bin ich da noch auf der glücklichen Seite, würde ich sagen. Denn wenn du eine ganze Band aufnimmst, dann ist das gleich eine ganz andere action. Die Produktion von meinen Sachen ist vergleichsweise leistbar, denke ich. Weil ich mir halt das Studio selbst aufgebaut habe. Und sozusagen für das Studio kein Geld mehr draufgeht. Aber die Pressung kommt noch dazu, wie gesagt: zum Glück gibt es Förderungen.
„ICH WOLLTE NIE RAPPER SEIN“
Hast du nach dieser Produktion die Idee oder die Lust gekriegt, selber Texte zu machen und zu rappen?
Alligatorman: Nein, das habe ich nicht. Das war bei mir nie so das Ding. Ich wollte nie Rapper sein. Ich hätte schon viel früher damit angefangen, aber diese Produktion hat da nicht unbedingt etwas dran verändert. Nein, das ist nicht mein Metier.
Das heißt, die nächste Arbeit sieht dann eher wieder so aus: du machst Beats und jemand anderer rappt. Ist schon etwas geplant?
Alligatorman: Ja, genau. Das ist schon am Laufen. Ich weiß nicht, was ich da schon sagen darf, aber es ist natürlich genug in der Pipeline gerade. Ich möchte aber abseits davon auch die reine Instrumentalsache weiter vorantreiben. Auch wieder mehr mit dem Schlagzeug machen und so weiter. Die Aufnahmetechniken verfeinern und wie gesagt, das schwebt mir für die nächste Zeit vor – und mehr Synthies, das ist die Idee.
Man lernt bei jeder Produktion etwas Neues, würde ich meinen. Was war das bei diesem Album?
Alligatorman: Naja, ich versuche eigentlich mit den Plugins nicht immer das Gleiche zu machen. Da habe ich ein paar neue coole Sachen gefunden. Ach ja, genau, und dass ich mit einem ganz billigen Tape-Deck arbeite, und zwar so, dass ich Soundveränderungen, Modulationen bekomme, indem ich Spuren auf Tape herausspiele und dann wieder digitalisiere. Also eigentlich sind das Studiotechnik-Fragen, die ich da ausprobiert und bei denen ich dazugelernt habe. Auch in Bezug auf das timing bei so einem Produktions-Prozess habe ich viel gelernt. Es ist interessant, wenn man nicht von externen Aufnahmen abhängig ist, sondern wenn man nur selber das Problem ist, wenn es nicht weitergeht. Wie man sich zusammenreißen kann und muss, damit es weitergeht. Da geht es um die eigene Motivation und die eigene Planung.
Meinst du mit Tape-Deck alte Bandmaschinen oder die Kassette als Tonträger?
Alligatorman: Die Kassette, also die Musikkassette. Eine Bandmaschine habe ich zwar auch, aber die ist schon ein wenig abgenudelt, da muss ich jetzt den Schreibkopf putzen oder reparieren.
Fürs nächste Album.
Alligatorman: Ja, voll. Wenn wir dann einen Sponsor gefunden haben.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Live:
27.2.2026: RAVE UP, Wien, Special Albumreleaseparty
mit Alligatorman, Big Sime, DJ Buzz, Digga Mindz, MDK, 17h
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