„IM ENDEFFEKT WEISS EH NIEMAND IRGENDWAS” – BEN CLEAN IM MICA-INTERVIEW

BEN CLEAN bestellt ein Leitungswasser, sagt: „Darf ich mir noch eine Tschick von dir schnorren?” Und das könnte, aus seinem Mund kommend, eine super Songzeile sein. Schließlich ist BEN CLEAN ein super Songschreiber, wahrscheinlich sogar „ein super Typ”, wie ihm das super Radiomenschen vom super Radiosender attestieren. Jedenfalls kann CLEAN, der sonst KLIEN heißt und nicht BEN, sondern BENJAMIN, schon auf eine super Zeit zurückblicken. Und das, obwohl das erste Album erst kommt. „Groß Werden” wird es heißen und bei einem super Label aus Berlin erscheinen (Eintracht Pankow, VÖ: 23. Mai 2025). CLEAN hat vorab ein bisschen geplaudert.

Was treibt dich gerade an?

Ben Clean: Wenn fünf Leute auf der Bühne stehen und also live etwas entstehen kann – das treibt mich an. Weil, und ich will da echt nicht auf Kultur-Snob machen: Es ist so geil, mit Leuten aufzutreten, die alle Bock haben. Ich mein, wir sind jung und naiv und wissen, wir können machen und einfach mal schreien.

Schreien?

Ben Clean: Ja, genau. Alle wollen schreien. Wir sowieso. Aber auch die Fünfzigjährigen – die glauben nur, dass sie dafür zu erwachsen sind. 

Deshalb zahlen sie viel Geld, um mit sogenannten Lebensberatern erwachsen in den Wald zu schreien.

Ben Clean: Dabei könnte man das auch einfach so, ohne Geld dafür zu bezahlen. Aber okay, für mich war das schon auch ein step. Nur: Je mehr ich ausprobiere und scheinbare Grenzen überschreite, desto weniger Ficks gebe ich. Weil es ja das ist, was ich will: komplett frei sein. Und ich merke, die Leute wollen das auch. Sie wollen diese Freiheit sehen und hören und fühlen. 

Um selbst frei zu sein?

Ben Clean: Oder um mal Spaß zu haben, ich weiß es nicht. Für mich ist das jedenfalls ein Drang, ich kann nichts Anderes machen. Ich will es auch gar nicht mehr.

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War das für dich mal anders?

Ben Clean: Na ja, ich habe supergern in Kinderchören gesungen und später Gitarre gespielt und durch meine Eltern …

Die beide Musiker sind, oder?

Ben Clean: Ja, meine Mutter spielt im Radio-Sinfonieorchester. So bin ich früh zur Gehörbildung gekommen – so früh, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann. Es war einfach da und selbstverständlich. Mittlerweile merke ich, dass es das nicht ist. Dass andere dieses fundamentale Grundverständnis nicht bekommen, ohne daran einen Gedanken zu verschwenden.

„MEINE ELTERN SEHEN DAS NATÜRLICH ANDERS.”

Ein bisschen so, als würde man im Vorbeigehen eine zusätzliche Sprache lernen?

Ben Clean: Genau, meine Mutter kommt aus Taiwan, so habe ich als Kind auch Chinesisch gelernt. Das ist also ein doppeltes Geschenk. In Bezug auf die Musik war dieses Selbstverständnis aber auch ein Hindernis. Klassische Musik ist nämlich ein enger Rahmen. Wenn ich confidently Viervierteltakt-Bänger mache – also wissentlich, dass meine Eltern …

Das eher nicht so feiern?

Ben Clean: Genau, sie sehen das natürlich anders. Aber ich kann es machen, weil: Ich feier es ja trotzdem! Und zwar gegen jede gedankliche Barriere, die ich habe, weil ich weiß, dass etwas anderes von mir erwartet wird.

Du meinst: Konzerthaus statt FM4-Geburtstagsfest?

Ben Clean: Ja, eh, wobei das andere sicher auch cool ist. Ich will halt woanders mein Geld verdienen. Das war für mich klar, als ich mit dem Produzieren begonnen und ein bisschen später auch den Producer Maxi Nagl kennengelernt habe. Mit ihm hat es direkt geklickt. Plötzlich hatten wir 100 monatliche Hörer …

Jetzt sind es 30.000.

Ben Clean: Fast 35.000

Schaust du regelmäßig?

Ben Clean: Nicht mehr so oft wie früher. Ich bin inzwischen nämlich confident, dass irgendwas in der Luft liegt. 

Was liegt in der Luft?

Ben Clean: So ein Shift … Ich merke einfach, da tut sich was. Auf Konzerten. Für mich. Aber auch für meine Freunde, die unsere Songs mixen oder Videos drehen und jetzt auch Geld dafür bekommen. Dass ich diese Kreativität so nah um mich herum habe, bewahrt mir eine gewisse Leichtigkeit. Egal wie professionell es wird und wie weit es geht, das will ich nie verlieren. 

Weil du sonst dich verlierst?

Ben Clean: Na ja, wenn du direkt ein Majorlabel-Signing hast und zehn Producer-Sessions machst, verlierst du deinen kreativen Kern – dann wird es sicher nicht so geil …

Als wenn du diesen Kern mit deinen Freunden teilst?

Bild des Musikers Ben Clean
Wird groß: Ben Clean © Nikolas Rode

Ben Clean: Ja, that’s it. Meine Freunde haben einfach nur Bock, Musik zu machen. Da geht es nicht darum, Geld zu haben oder bekannt zu werden. So zu denken, das ist eine andere Herangehensweise.

Wenn man tollen Studien glaubt, heißt es: Junge Leute sind „pessimistisch” und leben, „wie sie wollen” – weil man halt einfach mal macht, ohne andauernd an die Konsequenzen zu denken?

Ben Clean: Na, weil man damit doch tatsächlich was verändern kann, also: zu sein und einfach zu tun. Das ist übrigens auch ein zentraler Gedanke dieses Projekts. Wenn ich mir eine Reichweite aufbaue, wenn mir also Leute zuhören und auf Bühnen eine Message verbreiten kann – dann trage ich eine Verantwortung, etwas zu sagen, das ich bin. 

„SPÄTER KANN ICH MICH AN NICHTS ERINNERN.”

Die großen politischen Parolen habe ich zum Glück nicht rausgehört, muss ich zugeben.

Ben Clean: Ich meine das weniger so, dass man tatsächlich etwas sagen muss. Ich verstehe das eher als Energy. Überleg mal, ein geiles Konzert. Das kann so viel Freude bereiten. Das sind Momente, in denen du im Publikum stehst und dein Mund offen steht und du an nichts anderes denkst, sondern nur bist und wahrnimmst.

Hast du das auf der Bühne auch schon erlebt?

Ben Clean: Dort ist es wie im Rausch. Alles passiert, als ob ich bei einem Film auf Play drücke und es läuft, und später kann ich mich an nichts erinnern. 

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Du hast vorhin jung und naiv gesagt. Vielleicht könnte man auch sagen: Du bist absolut in der Gegenwart?

Ben Clean: Ja, dort möchte ich hin. Oder: Dorthin will ich zurück. Als Kind ist es ja genau so. Du nimmst nur im Jetzt wahr und bist von allem beeindruckt. Jetzt schau dich mal um. Die Sonne scheint. Dort vorne ist eine wunderschöne Kirche. Wir trinken Kaffee neben pinken Blumen. Wenn du das nicht mehr sehen kannst. Wenn du vergisst, wie es ist, das Leben wahrzunehmen. Dann ist es wirklich fad und traurig und schlecht.

Also: das Leben als Einstellungssache?

Ben Clean: Es ist eine Einstellung zum einfachen Erleben. In der Musik ist es für mich genau so. Klar denke ich mir manchmal, shit, das sind jetzt nur vier Akkorde – aber wie geil …

Können diese vier Akkorde sein?

Ben Clean: Ja, der Gedanke, dieser Moment. Da analysierst du nicht, du ordnest das nicht ein. Du hörst es einfach unvoreingenommen und findest es irgendwie. Vielleicht sogar so, dass es mit dir resoniert, also etwas auslöst, das dich weiterbringt.

Viele Leute verlieren das irgendwann, weil sie …

Ben Clean: Nine to five in einem Corporate Job arbeiten und kaputtgehen. Ich habe das neun Monate im Zivildienst erlebt – sinnlos Akten im Archiv herumgeschoben – und es hat mich zerstört. Du merkst, wie viel menschliches Potenzial darin verloren geht. Und gleichzeitig, wie viel Tolles durch dieses aufgezwungene Hineinpassen verhindert wird. Klar, das ist die Realität für die meisten Menschen. Ich habe aber damals beschlossen, es anders zu machen. Noch mehr Energie und Zeit in dieses Projekt zu stecken – weil ich gesehen habe, was ich nicht sein will.

Ich kann dich verstehen, manche Leute suchen sich das aber nicht aus. Es gibt ja noch sowas wie einen, ich sag mal: sozialen Background

Ben Clean: Stimmt, deshalb habe ich mit dieser Realität auch Mitgefühl, will empathisch sein. Weil es herzzerreißend ist, wenn du merkst: Da macht jemand seit 20 Jahren dieselbe Tätigkeit, ohne sich zu bewegen, weil sich die Person damit abgefunden hat.

„DAS IST EIN WEG, DEN ES NICHT GIBT, WEIL ICH IHN SELBST MACHE.”

Die Legitimation kommt dann von woanders. Am Abend Netflix schauen, am Wochenende im Volksgarten abschießen …

Ben Clean: Ich bekomme Zustände, wenn ich mir das nur vorstelle. Gleichzeitig war genau diese Vorstellung mein Antrieb, jetzt etwas zu tun, das nicht erwartet wird und nicht studierbar ist und keinen gesellschaftlichen Konventionen entspricht. Das ist ein Weg, den es nicht gibt, weil ich ihn selbst mache.

Ein Weg ohne Plan B?

Ben Clean: Na ja, es gibt diese Stimmen im Hintergrund und Hinterkopf, die gerne hätten, dass ich etwas Gescheites mache. Aus diesem Grund habe ich auch Jazzklavier und Chinesisch zu studieren begonnen. Weil ich das Gefühl hatte, dass ich etwas lernen muss und weiterbringen soll und so weiter. 

Und, wie ist das gegangen?

Ben Clean: Es ist schwierig, wenn du eigentlich etwas anderes machen möchtest. Und nur deshalb tust, was du tust, weil andere das von dir erwarten. Gleichzeitig kann dich auch dieser Weg weiterbringen. Ich studiere zum Beispiel immer noch Klavier, weil ich merke: Das gibt mir Struktur, das bringt mir was – vor allem um in meiner Kunst freier zu werden.

Albumcover Groß Werden
Albumcover “Groß Werden”

Also ist der Plan, keinen Plan zu haben? 

Ben Clean: Im Endeffekt weiß eh niemand irgendwas. Ein paar glauben vielleicht, wenn sie ihren 40-Stunden-Job im Ministerium oder so machen, haben sie ihre Wahrheit gefunden. Sie tun dann so, als hätten sie einen Plan. Aber was ist das für ein Plan, wenn ich nur blind einer Struktur folge, die mir auferlegt wird? Dann bin ich lieber ehrlich und sage, dass es keinen Plan braucht, um einen zu haben.

Danke dir für deine Zeit!

Christoph Benkeser

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Links:
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