Mit „Retrograde 3“ stand der aus Tirol stammende und in Wien lebende Ausnahmemusiker, Gitarrist und Komponist Martin Philadelphy Anfang April auf der Bühne des Wiener Porgy & Bess. Dort präsentierte er ein spannendes Programm aus Songs und Instrumentalstücken. Petra Ortner traf den Musiker in Wien, um mit ihm ein wenig zu plaudern.
Du hast am 12. April im Wiener Porgy & Bess dein Programm „Retrograde 3“ präsentiert. Im Programm gibt es alte und neue Stücke. Wie alt ist hier das älteste Stück und wie neu das neueste?
Martin Philadelphy: Das ist etwas schwer zu sagen. Das älteste Stück ist 25 Jahre alt. Für uns ist es aber ein ganz neues Stück, weil wir es wieder ausgegraben haben. Wir haben es zum ersten Mal auf der Bühne gespielt. Die Songs sind auch neu und von den Instrumentalnummern sind zwei von meinem neuen Projekt und die anderen von meiner zweiten CD.
Nach welchen Gesichtspunkten stellst du ein Programm zusammen?
Martin Philadelphy: Mit der Überlegung, dass ich mich gerne vor meinem Publikum hinknie, aber nicht vor den Menschen beuge. Oder wie Frank Zappa gesagt hat: „There is a big difference between kneeling down and bending over.“ (lacht) Ich möchte geben und machen, was ich will. Ich vermische gerne die Songs mit den Instrumentalstücken, weil ich gemerkt habe, dass das gut ankommt. Besser als man brettert jetzt nur mit einem Instrumental-Programm durch. Wird das plötzlich mit Songs garniert, ist das einfach spannender. Warum lachst du?
Ich habe gerade an den Song „Der Furz“ gedacht, den du am 12. April auch gespielt hast.
Martin Philadelphy: Ach so! Ja! Die Zeit war reif (lacht).
Ist „Der Furz“ das älteste Lied des Programms?
Martin Philadelphy: Ja. Das ist das Lied. Für uns war es aber ganz neu. Ich habe es wieder ausgegraben, weil ich dachte, dass es eigentlich eine richtig geile Nummer ist.
Ein Mitmusiker meinte in der Pause an der Bar neben mir, dass dieses Stück am schwersten zu spielen ist im neuen Programm. Warum denn?
Martin Philadelphy: Ja. Meine Mitmusiker haben es ausnotiert und da ist einfach alles dabei. Von 4/4, 5/4, 7/8, 9/8, einfach alles.
Wie komponierst du? Und wie merkst du dir alles, wenn du es nicht aufschreibst?
Martin Philadelphy: Es kommt einfach raus. Ich brauch es nicht festzuhalten. Und ich habe keinen Hauptschulabschluss, vielleicht habe ich noch genug Speicherplatz (lacht). Ich habe mir einfach genug Speicherplatz aufbewahrt (lacht).
Aber ernsthaft. Ich stell es mir schwer vor, wenn man nichts aufschreibt.
Martin Philadelphy: Nun, das machen ja jetzt die Jungs (lacht). Aber damit sie es spielen können. Ich brauche das vielleicht mal nur kurz davor. Den „Furz“ habe ich mir schon wieder anschauen müssen, aber ich habe da Aufnahmen. Die hör ich mir an und dann habe ich es eh wieder schnell intus. Ich bin mit den Ohren dadurch ein wenig schneller.
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Wie gehst du an das Song schreiben heran? Hast du schon eine Idee oder bist du mehr der „Jammer“, der es einfach passieren lässt?
Martin Philadelphy: Das ist unterschiedlich. Oft nehme ich einen Text in die Hand und singe den Text quasi so wie er ist. Es ist oft eine Art Transformation. Aber es gibt auch Songs, wie den „Furz“. Den habe ich in zehn Minuten geschrieben. Obwohl er so kompliziert ist. Weil das so rausflutscht und ich dann eigentlich nur den Text in Musik umwandeln muss.
Text ist schon auch wichtig…
Martin Philadelphy: Ja, auch wichtig. Aber ich schreibe auch gerne instrumentale Stücke. Und auch da ist es unterschiedlich. Hie und da habe ich eine Melodie im Kopf, die ich dann weiterverfolge. Hie und da habe ich einen Rhythmus, einen Bass. Und dann kommen stufenweise die Melodien dazu. Und so entwickelt sich dann ein Song.
Wie weit sind deine Mitmusiker beim Songschreiben involviert?
Martin Philadelphy: Überhaupt nicht. Die haben auch keine Zeit. Ich nehme mit meiner Loop-Station die Songs, die Komposition, das ganze Konstrukt vom Song auf, übermittle ihnen das und sie schauen sich das dann an, schreiben es auf. Dann proben wir zwei, drei Mal und dann spielen wir es.
Du hast schon mit sehr vielen Künstler:innen und Musiker:innen zusammengearbeitet. Was nimmt man aus einer Zusammenarbeit für sich selbst so mit?
Martin Philadelphy: Farben (lacht).
Klangfarben!?
Martin Philadelphy: Klangfarben (lacht). Wurzelfarben. Hahaha. Nein. Also. Schon viel. Es kommt darauf an. Manche Zusammenarbeiten waren nicht so großartig. Aber Erfahrung nimmt man immer mit. Da ich schon früher etwas komplizierter geschrieben habe, also Sachen wie „Der Furz“, war es mir möglich, immer mit besseren Musikern als ich es war, zusammenzuspielen. Ich durfte, weil sie das urcool gefunden haben, und das hat mich schon viel weitergebracht. Jetzt, bei den „Retrograde“-Bands, das sind alles Professoren der Musik-Uni. Die spielen meine Sachen, und das macht mich einfach Stolz.
Hast du die Mitmusiker angesprochen, ob diese mitmachen wollen oder sind die Musiker auf Sie aufmerksam geworden?
Martin Philadelphy: Ja, ich habe sie gefragt, ob sie daran interessiert sind. Davor war noch Martin Eberle dabei. Er hat dann bei einem Auftritt irgendwann gemeint, dass er nicht mehr wirklich wolle, also habe ich Martin Ohrwalder gefragt und jetzt ist er dabei. Er heißt auch Martin. (lacht)

Du bist eher der Bühnenperformer oder mehr der Tüftler im Studio?
Martin Philadelphy: Ich mache alles beide gerne. Ich bin gerne auf der Bühne, da bekommt man am meisten direkt zurück. Was natürlich sehr schön ist. Ich bin aber auch sehr „eremitial“ veranlagt, also mag ich auch sehr gerne die Arbeit zuhause, mit mir.
Wir sind so ungefähr im selben Alter. In unserer Jugendzeit war ja Rockmusik ganz groß. Wie bist du in dieser Zeit zum Jazz gekommen?
Martin Philadelphy: Ich habe damals Jazz auch eher als langweilig empfunden. Das war sowas wie „Da spielen sie eine Melodie, dann zuckt kurz mal einer aus und dann finden irgendwie alle wieder zueinander und spielen wieder diese Melodie.“ In den 90ern war es auch noch anders. Da gab es „Old School“ und die „freie Impro“. Wobei am Anfang die „freie Impro“ verschlossener war als jeder konservative Irgendwas-Schuppen. So habe ich das empfunden. Das waren so Konzerte, bei denen acht Leute auf der Bühne waren und das Einzige, was man dann zum Beispiel hörte, war eine Art von Rascheln und Knistern. Was sicher cool und total wichtig ist. Aber so ein ganzes Konzert, da dachte ich mir schon manchmal „Kann jetzt bitte jemand mal einen Schritt nach außen machen und „Badaaa-Näh-Dah“ oder irgend so etwas machen. In der Zeit war es ja verpönt, so etwas wie eine Melodie zu spielen. Oder auch nur einen Beat anzudeuten.
Aber das ist in New York etwas ganz anderes als bei uns. So jetzt bin ich wieder vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Also, ich habe ewig lange Frank Zappa gehört. Ich habe quasi acht Jahre lang nichts anderes in meinem Leben gehört und hab ihn richtig durchstudiert. Damals habe ich begonnen, Gitarre zu spielen, und mir aus seinen Platten die Solos rausgehört und nachgespielt. Das war aber für mich kein Jazz. Das war für mich eine Musik, verknüpft mit Kabarett auf höchstem Niveau. Wo Virtuosität mit Aussage und Witz zusammentrafen. Das gefällt mir alles. Eigentlich waren dann Medeski Martin & Wood die Ersten, die mich so richtig zum Jazz gebracht haben. Da war eine ganz andere Frische da, obwohl, wie die Schwarzen in New York oft sagten: „Sie das Gleiche machen, wie es die schwarzen Jazzer schon immer gemacht haben.“ Sie haben aber auch zugegeben, dass es noch nie zuvor so „fresh“ geklungen hat. Später kamen dann natürlich auch Leute wie John Zorn oder Bill Frisell. Oder auch King Crimson, was natürlich kein Jazz war, aber eine gute Mucke.

Hast du im Jazz ein Vorbild?
Martin Philadelphy: Keine Ahnung. Ich habe Keines. Es gibt viele, die mir gefallen. Aber Vorbilder gibt es für mich keine. Ich mag Thelonious Monk, aber… Nein. Ich mag sie alle gerne. Ich glaube, es ist im Jazz wichtig, dass man – und da hat es einer, der sich das Gitarrenspielen selbst beigebracht hat, wesentlich einfacher – hört, wenn er spielt. Und das habe ich jetzt auch schon ein wenig erreicht. Das wird mir immer wieder gesagt. Für mich ist es einfach, weil ich es mir selbst beigebracht habe. Für andere ist es grandios, weil die es studiert haben, alle gleich klingen und erst zu ihrer Sprache kommen müssen. Darum gibt es für mich kein Vorbild. Ich möchte auch nicht klingen wie jemand anderer. Ich finde es cool, wenn jemand sagt: „Wow, du klingst ähnlich wie Bill Frisell.“ Aber ich möchte jetzt nicht, dass jemand sagt „Du bist wie Bill Frisell oder Pat Metheny“ Das kann schon weh tun (lacht). Oder ich klinge wie Mark Ribot – der österreichische Mark Ribot. Das ehrt mich ein wenig. Aber trotzdem möchte ich nicht klingen wie Mark Ribot. Ich weiß aber, dass ich eine Art von seiner „wildness“ habe. Ich habe auch schon öfter mit ihm gespielt.
Meine nächste Frage ist: hat man es, jetzt speziell im Jazz, leichter, wenn man sich ein Instrument selbst beibringt und nicht studiert?
Martin Philadelphy: Es ist sicher einfacher. Ich habe es mir so schwer gemacht, dass es mit einem Studium wahrscheinlich einfacher gewesen wäre. Nur wäre ich dann wieder nicht dort, wo ich jetzt bin. Es hat alles Vor- und Nachteile. Das kann man nicht wirklich sagen. Wenn man total unabhängig bleiben möchte, dann bleibt einem eh nur noch „Für wen mache ich Musik? Für mein Publikum“ Und denen will ich auch gerne geben, was sie haben wollen. Es ist eine Mischung aus allem.
Wo kann man dich in den nächsten Monaten noch live erleben?
Martin Philadelphy: Derzeit bin ich am Organisieren. In Klagenfurt habe ich einen Auftritt. Und alles weitere findet man online.
Petra Ortner
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