Mit dieser Serie bündelt mica – music austria die Erfahrungen und Sichtweisen von Frauen im Musikbusiness. 2025 blicken wir Behind the Scenes und widmen uns den Personen, die hinter den Musiker:innen stehen. Ungeachtet vorhandener Kategorien, Quoten oder Zuordnungen braucht es uns alle um zu 100% für Feminismus einzutreten.
Welche Art von Unterstützung hast du im Lauf deiner Karriere erhalten? Wo hättest du dir (mehr) Unterstützung gewünscht?
Leonora Scheib: Meine berufliche Laufbahn begann eigentlich bevor ich sie erwartete. Ein Regisseur war so begeistert von meinen Fähigkeiten innerhalb einer Regiehospitanz, dass ich sehr schnell in Assistenzpositionen kam, die ich ohne diese konkrete Unterstützung und Förderung noch lange nicht bekommen hätte. Es ist sicherlich ein großes Glück, wenn man durch Fürsprecher:innen die Chance bekommt, sich in Positionen zu beweisen, die einem nach Kriterien von Lebenslauf und Erfahrung eigentlich noch nicht entsprechen. Oft wird man Aufgaben gerecht, wenn sie einem zugemutet werden. Ich denke, dass alle Menschen, aber strukturell verstärkt Frauen* die Unterstützung gut gebrauchen können, sich selbstbewusst in ebensolche Positionen zu begeben und bestärkt zu werden, sich vieles zuzutrauen.
Zu einem späteren Zeitpunkt waren die Jahre des Förderprogramms „Akademie Musiktheater heute” für mich eine enorme Bereicherung, da ich hier gleichaltrige Kunstschaffende kennenlernte. Meiner Erfahrung nach kann in einem solchen Rahmen durch viel gemeinsame Zeit, Austausch und Reflexion auf sehr natürliche Weise ein Netzwerk entstehen, das Chancen und Stütze bietet.
„Oft wird man Aufgaben gerecht, wenn sie einem zugemutet werden.“
Wie und wo hast du Erfahrungen in der Musikbranche gesammelt?
Nach Jahren diverser Regieassistenzen bei großen Opernproduktionen, war es mir ein Anliegen, mich auf zeitgenössisches Musiktheater zu spezialisieren. In dieser Zeit des Entwickelns und Realisierens neu entstehender Opern konnte ich auch die Freie Szene besser kennenlernen und beobachte darum mit Sorge, wie dieser Tage einem Bereich Mittel gestrichen werden, der ohnehin durch prekäre Arbeitsumstände gezeichnet ist.
Es ist mir eine große Freude, im Rahmen meiner Arbeit bei den Wiener Festwochen für ein Festival wirken zu dürfen, das zeitgenössischer darstellender Kunst eine enorme Bühne bieten kann und mit Projekten, wie der „Akademie Zweite Moderne“, Komponist*innen in einem noch immer männlich dominierten Feld mehr Sichtbarkeit gibt.
Was waren deine größten Herausforderungen, und wie hast du sie gemeistert?
Leonora Scheib: Ich denke, eine immer wiederkehrende Herausforderung ist die Frage des schlechten Gewissens. Das Gefühl, für Menschen im engsten Kreis nicht genug zur Verfügung zu stehen, da und dort zu wenig vorhanden zu sein, begleitet mich. Es hilft mir, wenn mein Partner, Familienmitglieder und Freund:innen diese Sorge nicht bekräftigen, sondern mich darin bestärken, dass es in Ordnung ist, zu versuchen, vieles unter einen Hut zu bringen.
Hattest du in deiner Umgebung Role Models, an denen du dich orientieren konntest? Welche Vorbilder haben Frauen in der Musikbranche derzeit?
Leonora Scheib: In meinem Bereich des Musiktheaters habe ich manche Intendantinnen und Regisseurinnen als Role Models empfunden. In meinen vielen Jahren bei den Bregenzer Festspielen, habe ich den Wechsel der Intendanz von David Pountney zu Elisabeth Sobotka miterlebt und zumindest einige Sommer unter ihrer Leitung arbeiten dürfen. Die Mischung aus fachlicher Kompetenz, Souveränität in der Führungsposition, Wahrnehmung der Mitarbeiter:innen und Mitwirkenden, sowie Zugänglichkeit war für mich sehr inspirierend.
Wie können sich Frauen (FLINTA*s) gegenseitig unterstützen und Solidarität in ihrem beruflichen Umfeld fördern? Was kannst du an die nächste Generation weitergeben?
Leonora Scheib: Ich denke, Frauen (FLINTA*s) können bewusst darauf achten, einander gegenseitig zu empowern. Das wäre zumindest das Ziel. Damit, das gegenseitige Vertrauen aufzubauen, Kompetenz und Führung zuzusprechen, und auch am Bild zu arbeiten, man könne in der Arbeitswelt nur richtig gut und erfolgreich sein, wenn man 24/7 verfügbar ist. Es scheint gerade im Bereich der Kunst, der Musik, noch immer in unseren Köpfen zu hausen, dass jene am besten arbeiten, die auch am meisten Zeit investieren können. Dies ist für Menschen mit Betreuungspflichten dann ein immerwährender Nachteil. Ich würde mir wünschen, dass wir mit einer gerechteren Verteilung der Care Arbeit in unserer Gesellschaft eine Verschiebung dieser Wahrnehmung erreichen.
„Ich würde mir wünschen, dass wir mit einer gerechteren Verteilung der Care Arbeit in unserer Gesellschaft eine Verschiebung dieser Wahrnehmung erreichen.“
Welche Fragen wirst du gefragt, die einem Mann nie gestellt werden würden?
Leonora Scheib: Die klassische Frage ist wohl: Und wie schaffst du das mit den Kindern? Ich finde diese Frage gar nicht falsch. Es gibt diverse, vor allem zeitliche Herausforderungen, wenn man eine intensive berufliche Tätigkeit mit einem Familienleben verknüpft und sich um ein oder mehrere Kinder kümmert. Ich finde nur, dass diese Frage an alle Eltern* gleichermaßen gestellt werden sollte. Vielleicht würden dann die Gespräche auf einer allgemeineren Ebene der Vereinbarkeit von beruflichen Aufgaben und familiären Verpflichtungen verlaufen und Herausforderungen benennen, die die Gesellschaft im Ganzen betrifft.
Leonora Scheib machte sich als Creative Producer, Produktionsleiterin und Regisseurin im Bereich des Neuen Musiktheaters einen Namen. Sie arbeitete u.a. bei den Bregenzer Festspielen und dem Theater an der Wien. Leonora Scheib ist derzeit Dramaturgin als auch Referentin des Intendanten bei den Wiener Festwochen.
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