Mit dieser Serie bündelt mica – music austria die Erfahrungen und Sichtweisen von Frauen im Musikbusiness. 2025 blicken wir behind the scenes und widmen uns den Personen, die hinter den Musiker:innen stehen. Ungeachtet vorhandener Kategorien, Quoten oder Zuordnungen braucht es uns alle um zu 100% für Feminismus einzutreten.
Welche Art von Unterstützung hast du im Lauf deiner Karriere erhalten? Wo hättest du dir (mehr) Unterstützung gewünscht?
Katrin Pröll: Es war für mein Umfeld ein eher ungewöhnlicher Schritt, von meinem sicheren NGO-Job in die Musikbranche zu wechseln – und das auch noch als selbstständige Einzelunternehmerin. Mein Bruder und meine Schwägerin haben diese Entscheidung mitgetragen und mich in den Anfängen mit ihrem Know-how in Finanzen und Marketing sehr unterstützt. Ein wichtiger Wegbegleiter in den ersten Jahren war auch Christoph Moser von Hoanzl, der leider viel zu früh verstorben ist. Er hat mich von Anfang an ernst genommen und an mich geglaubt. Helge Hinteregger von mica – music austria ist bis heute ein wichtiger Förderer, der sein Wissen und seine Kontakte immer gerne teilt. Nicht zuletzt steht mir mein Partner mit viel Geduld und Unterstützung zur Seite – er trägt meine unregelmäßigen Arbeitszeiten mit Fassung und teilt meine Begeisterung für Musik und neue Projekte.
„Was mir jedoch lange gefehlt hat, war eine wirklich verbündete Person, die größere Projekte als selbstständige Kulturschaffende mittragen kann.“
Was mir jedoch lange gefehlt hat, war eine wirklich verbündete Person, die größere Projekte als selbstständige Kulturschaffende mittragen kann. Erst nach 20 Jahren habe ich diese Person in Regina Fisch von Tumulttotal gefunden. Dafür bin ich extrem dankbar – insbesondere auch für den inspirierenden Austausch und die frischen Perspektiven einer so jungen Kollegin.
Wie und wo hast du Erfahrungen in der Musikbranche gesammelt?
Katrin Pröll: Ich bin 2004 ins kalte Wasser gesprungen und habe, ohne einschlägigen Hintergrund, aber mit viel Leidenschaft für die Musikbranche, ein Label gegründet. Die erste Albumproduktion und Veröffentlichung war meine Grundschule für Künstlermanagement, Studioarbeit, Pressearbeit, Vertrieb, Konzertorganisation, Booking und Vernetzung in der Branche. Bald darauf begann ich für ein Grassroots-Festival im Waldviertel zu arbeiten und sammelte über viele Jahre hinweg Erfahrungen in den Bereichen Budgetierung, Förderwesen, Festivalorganisation und Kuratieren. Im Grunde war alles Learning by Doing – ich hatte damals niemanden, dem ich über die Schulter schauen konnte. Für eine Ausbildung blieb keine Zeit, da ich als selbstständige Kulturmanagerin über die Runden kommen musste – was anfangs nicht einfach war.
Was waren deine größten Herausforderungen, und wie hast du sie gemeistert?
Katrin Pröll: In den ersten Jahren gab es viele Herausforderungen – Künstler:innen, die das Handtuch warfen oder auswanderten, Bands, die sich auflösten, internationale Vertriebspartner, die in Konkurs gingen, und Festivals, die finanziell im Unwetter untergingen. Ich habe schnell verstanden, dass die Musikbranche ständig in Bewegung ist und viel Risiko(freude) erfordert. Meine Antwort darauf war Flexibilität– ich habe meine Jobbeschreibung immer wieder neu erfunden. So habe ich nicht nur viel Neues dazugelernt, sondern die Arbeit ist auch immer abwechslungsreich geblieben.
„Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren ein Generationenwechsel stattfindet, der nicht nur jüngere, sondern auch mehr Frauen in führende Rollen in der Musikbranche bringt.“
Hattest du in deiner Umgebung Role Models, an denen du dich orientieren konntest? Welche Vorbilder haben Frauen in der Musikbranche derzeit?
Katrin Pröll: Ein direktes Role Model hatte ich nicht. Aber ich wusste, dass es einige starke Kulturarbeiterinnen in der Musikbranche gab, die ich allerdings erst später besser kennenlernen durfte. Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren ein Generationenwechsel stattfindet, der nicht nur jüngere, sondern auch mehr Frauen in führende Rollen in der Musikbranche bringt. Mittlerweile gibt es sowohl auf als auch hinter der Bühne viele Frauen, die als Vorbilder fungieren.
„In einer Branche, die oft von informellen Strukturen und unsichtbaren Hürden geprägt ist, ist es umso wichtiger, Wissen zu teilen, Erfahrungen weiterzugeben und einander den Rücken zu stärken.“
Wie können sich Frauen (FLINTA*s) gegenseitig unterstützen und Solidarität in ihrem beruflichen Umfeld fördern? Was kannst du an die nächste Generation weitergeben?
Katrin Pröll: Solidarität entsteht vor allem durch Austausch, Vernetzung und gegenseitige Unterstützung im Alltag. In einer Branche, die oft von informellen Strukturen und unsichtbaren Hürden geprägt ist, ist es umso wichtiger, Wissen zu teilen, Erfahrungen weiterzugeben und einander den Rücken zu stärken.
Ein Format, das mir dabei besonders wichtig ist, ist ein regelmäßiger Stammtisch für Kulturarbeiterinnen, der sich in den letzten Jahren etabliert hat. Hier sprechen wir in einem vertrauten Rahmen über laufende Projekte, Herausforderungen und manchmal auch sehr konkrete Fragen, wie etwa die Ausländersteuer. Solche Treffen schaffen nicht nur ein starkes Netzwerk, sondern helfen auch, Wissen weiterzugeben und neue Perspektiven zu gewinnen.
Was ich der nächsten Generation mitgeben möchte, ist: geht euren eigenen Weg und sucht euch Verbündete, unterstützt euch gegenseitig und sprecht über eure Erfolge genauso wie über eure Herausforderungen. In einem solidarischen Umfeld bleibt die Freude an dieser erfüllenden Arbeit erhalten – selbst wenn es einmal herausfordernd wird.
Welche Fragen wirst du gefragt, die einem Mann nie gestellt werden würden?
Katrin Pröll: Die Frage, die mir nach 20 Jahren Selbstständigkeit in der Musikbranche immer noch gestellt wird, ist:
Wie kannst du davon leben?
Katrin Pröll: Ich glaube allerdings nicht, dass diese Frage geschlechtsspezifisch ist.
Katrin Pröll leitet seit 2017 das Salam Music Festival. Sie ist internationale Betriebswirtin, Inhaberin von Atlas Promotion, einer Agentur für kulturelles Projektmanagement und im Vorstand der IG World Music.
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