“Wir wollen helfen, dass man sich noch spürt.” – DREIMALUMALPHA im mica-Interview

In Innsbruck findet man mindestens drei Herren, die ihre Jugend ans Geld verloren” haben. So lautet der Titel des bei Motor Entertainment erscheinenden Debütalbums von DREIMALUMALPHA. Mit ihren deutschsprachigen Songs zelebrieren JOHANNES HAHMANN (Drums), THOMAS KRUG (Bass) und SIMON ROGINA (Gitarre und Gesang) Kleinstadtromantik und Kapitalismuskritik. Trotz Lowtzow’scher Neologismen und Uhlmann’schem Näseln will die Band nicht in die Hamburger Schule gesteckt werden. In ihrem Proberaum in einer stillgelegten Talstation arbeiten sie lieber an ihren eigenen Songs über Fagotte, Karussells und Eis essen am Morgen. Frisch als FM4-Soundpark Act des Monats geadelt, erzählt uns das Trio von ihren beiden Fans, sperrigen Bandnamen und dem kulturellen Prekariat in Westösterreich.

Wie geht’s euch im Lockdown?

Johannes Hahmann: Ich würde sagen, der Lockdown bremst uns aus. Treffen, Aufnahmen und Proben finden nur eingeschränkt statt.

Simon Rogina: Wir hätten in den nächsten Wochen sicher schon irgendwo gespielt.

Ihr habt es trotzdem geschafft, während der Pandemie einen Plattenvertrag zu bekommen, in die FM4-Charts einzusteigen und dort zum Soundpark-Act des Monats gekürzt zu werden. 

Bild Dreimalumalpha
Dreimalumalpha (c) Nicolas Hafele

Johannes Hahmann: Das war schon überraschend. Wir planen jetzt eine Tour, aber die Veranstalter sind vorsichtig mit Zusagen.

Thomas Krug: Ich weiß nicht, ob das außerhalb der Pandemie anders gewesen wäre. Dass wir jetzt nicht auf der Bühne stehen können, ist traurig.

Stimmt es, dass eines der ersten Dreimalumalpha-Konzerte ein Tocotronic-Cover-Gig war? Wie groß ist der Einfluss dieser Band?  

Simon Rogina: Toco-wer? Den Spruch bringe ich jetzt jedes Mal, bis er überall steht. Das ist eine gemeine Frage. Tocotronic beeinflusst uns wie viele andere auch. Jeder will gut klingen und so kommt es eben zu Kongruenzen.

Dem Manager von Tocotronic habt ihr einmal ein paar eurer Songs geschickt.  

Johannes Hahmann: Das ist richtig. Ich habe gehofft, dass ich eine Rückmeldung bekomme zusammen mit einer Urkunde, die besagt, dass wir nicht so klingen wie sie. Die haben wir bis heute leider nicht. Wir beantragen sie noch.

Der Name ‘Dreimalumalpha’ ist etwas sperrig und nicht ganz leicht zu merken. Wie seid ihr darauf gekommen?

Simon Rogina: Unser ehemaliger Keyboarder und ich saßen an einem schönen Sommerabend am Inn und warfen uns phonetisch wohlklingende Bandnamen zu. Dabei sind wir bei ‘Dreimalumalpha’ hängen geblieben. Wenn man den Namen einmal richtig ausgesprochen hat, spricht man ihn nie wieder falsch aus. Sperrig ist der nicht. Der ist ja hochweich eigentlich, weichest. Sperren würde sich zum Beispiel…

Johannes Hahmann: Viermalumbeta.

„Jetzt mal im Ernst: Ist Dreimalumalpha sperriger als AnnenMayKantereit?”

Welche Band hat eurer Meinung nach einen sperrigen Namen?  

Simon Rogina: AnnenMayKantereit ist ein schönes Beispiel. Jetzt mal im Ernst: Ist Dreimalumalpha sperriger als AnnenMayKantereit?

Bisher werden kaum drei Zeilen über euch geschrieben, die nicht den Begriff „Hamburger Schule” enthalten. Ist euch das Recht?

Simon Rogina: Mir kommt vor, dass man da immer voneinander abschreibt. Man kann’s natürlich hinschreiben. Wir haben es aber nicht herausgefordert.

Johannes Hahmann: Ich nehme es als großes Kompliment. Gleichzeitig würde ich es nicht so formulieren.

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Simon, du hast die Band schon 2013 gegründet. 2020 kommt jetzt das erste Album raus. Was hat da so lange gedauert?  

Simon Rogina: Es hat einfach gedauert, eine Band zu finden, die das konsequent und mit musikalischer Hingabe machen will. Das sind Zufälle, die man nicht planen kann. Zwischen 2014 und 2017 war Dreimalumalpha praktisch tot.

„Wir haben uns nicht zusammengesetzt und gesagt: Wir machen Indie-Rock.”

Warum macht ihr 2020 noch Indierock?

Thomas Krug: Das kommt bei uns ganz automatisch raus.

Simon Rogina: Fast alle musikalischen Strukturen, die wir heute finden, sind ja Zitate längst vergangener Zeit. Das ist nichts Neues.

Johannes Hahmann: Wir haben uns nicht zusammengesetzt und gesagt: „Wir machen Indie-Rock. Wir wollen einfach unsere Geschichten erzählen.”

Unter dem Link zu einem Musikvideo auf eurer Facebook-Seite findet man ein paar skurrile Kommentare, zum Beispiel: „Schön wie Breschnew. Ehrlich wie Nixon. Ungezügelt und leidenschaftlich wie Papst Pius IX”. Wer sind eure Fans?

Simon Rogina: Ich kenne keine Dreimalumalpha-Fans. Doch, Moment. Einen kenne ich. Der ist zwar ein Bekannter, aber ein echter Fan. Und die Frau aus der Bäckerei. Also wir kennen zwei Fans. Was war denn die Frage überhaupt?

„Wir brauchen negatives Feedback.”

Die Frage war „Wer sind eure Fans?” und du hast sie wörtlich beantwortet.

Simon Rogina: Das ist gut so, weil eine demographische Analyse wäre nicht drin gewesen. Ich bin ja kein Soziologe. Und wir wollen ja auch cool sein.

Johannes Hahmann: Die spannenden Kommentare sind die, die sich reiben. Wir brauchen negatives Feedback.

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Im Video zur Single „Am Karussell von Ingo Blaumann” spielt  ihr auf einer Bühne und nur eine einzelne gelangweilte Person schaut euch zu. Kokettiert ihr ein bisschen mit dem Image der obskuren Indie-Band?

Johannes Hahmann: Es ist ein kleines Augenzwinkern, unsere Situation betreffend.

Simon Rogina: Für mich ist es ein Anti-Anti-Witz. Ein riesiger Konzertsaal, eine einzige Zuseherin. Dass man sie so offen zeigt, ist nicht der Witz dran. Wir wollen den Witz aushebeln, indem man ihn zeigt. Es ist ein Witz über den Witz.

Eure Texte sind teilweise sehr hermetisch, haben ihre eigenen Begriffe und Codes. Geht es euch ums Ausdrücken von Befindlichkeiten?  

Simon Rogina: Das Sprechen über Gefühle trainiert sich das Individuum in der Zeit ab, in der es sich mit dem Kollektiv arrangiert.

Also in der Schule?  

Simon Rogina: Nein, da geht’s noch. Da ist man ja noch frisch und die Sinne sind geschärft. Wenn man dann 20 Jahre lang in der Industrie gearbeitet hat und völlig fertig die Schwerarbeit beendet, dann wird man vielleicht feststellen, dass die einen oder anderen Sinnesempfindungen oder Gefühlsregungen nicht mehr wahrgenommen werden können. Wir sehen uns irgendwie auch karitativ. Wir wollen helfen, dass man sich noch spürt. So wie Gemälde und plastische Kunst auch etwas wollen. Sie wollen zumindest, dass man merkt, dass sie etwas von einem wollen. So ist es bei uns auch.

Am 4. Dezember erscheint euer erstes Album mit dem schönen Titel „Jugend ans Geld verloren”. Ist euch das auch passiert?  

Johannes Hahmann: Wem nicht? Das ist eine Frage, die sich jeder stellen kann.

Simon Rogina: Mit der Zeit geht die Empfindungssensibilität zurück und man gleicht sich ungewollt mit dem Kollektiv ab. Wir stehen ja nicht auf in der Früh und sagen: Hurra, ich bin wieder aufgestanden!” Es geht immer darum, dass man rausgeht und Geld verdient.

Thomas Krug: Es ist schwierig, seine Jugend nicht ans Geld zu verlieren, weil man von klein auf gedrillt wird.

Bild Dreimalumalpha
Dreimalumalpha (c) Lukas Schramm

Simon, du kommst aus Graz. Deine Intonation klingt eher nach Norddeutschland als nach der Steiermark. Ist das antrainiert, oder passiert das bei dir ganz natürlich?

Simon Rogina: Beim Singen muss man sich auf Inhalt und Aussprache festlegen. Unsere Vorbilder singen hochdeutsch. Es ist mir einfacher gefallen, mich daran zu orientieren. Ich möchte aber in Zukunft ein Dialekt-Album rausbringen. Das ist eine Solo-Geschichte, die noch ein bisschen dauert. Jetzt liegt der Fokus ganz auf Dreimalumalpha.

„Ohne Theorie keine Revolution”, ein Titel eines Songs auf dem Album, ist auch das Motto der Innsbrucker pmk. Wie geht es der Szene im Westen?  

Thomas Krug: Man hat das Gefühl, dass man alleine auf weiter Flur ist. Die Kultur im Westen Österreichs droht, im Abgrund zu versinken – vorrangig die subkulturelle Szene. Man merkt ja auch, dass der Großteil der österreichischen Bands, die auf FM4 gespielt werden, aus dem Osten Österreichs kommen und nicht aus dem Gebiet, wo die durchschnittliche Meereshöhe über 500 oder 600 Meter ist.

Woran liegt das?  

Thomas Krug: Ein großes Problem ist, dass das Bewusstsein der Geldgeberinnen und Geldgeber nicht so weit reicht, dass auch die Subkultur mitgefördert wird. Der Tourismus könnte von der Subkultur auch profitieren.

Thomas, du leitest die Talstation in Innsbruck, eine der letzten Einrichtungen für alternative Musik der Stadt. Fühlt ihr euch als Kulturort wertgeschätzt?

Thomas Krug: Wir fühlen uns wertgeschätzt, weil wir existieren dürfen. Das Clubsterben gab es schon vor der Pandemie und ist jetzt noch schlimmer. Es ist falsch, sich mit etwas abzufinden und zufriedenzugeben, weil immer Luft nach oben ist.

Simon Rogina: Der kulturelle Horizont der Leute, die in Innsbruck was zu sagen haben, reicht vom Dschungelcamp bis zur Taxispalais Kunsthalle Tirol. Dazwischen gibt’s nichts. Wenn man 200 Kilometer im Umkreis von Wien lebt, dann ist man die Band aus Österreich, sonst ist man halt die Band aus Innsbruck. 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Benjamin Stolz

 

Link:
Dreimalumalpha (Facebook)
Dreimalumalpha (bandcamp)