Bild Fainschmitz
Fainschmitz (c) Arno Dejaco

„Wir wollen eine liebevolle und reflektierte Männlichkeit transportieren“ – FAINSCHMITZ im mica-Interview

FAINSCHMITZ verbinden auf wundervolle Art Gypsy Swing, Pop, und Jazz. Am 1. April 2021 kommt das zweite Album des Quartetts, „The Fainschmitz rises“. Es soll den Sound des ersten Albums („Fainschmitz begins“, 2018) fortsetzen und weiterentwickeln. Single-Auskopplungen wie „Frann“, „Pizza Margherita“ und „No“ ließen bereits im Vorfeld die Spannbreite des neuen Albums erahnen. Itta Francesca Ivellio-Vellin sprach mit MATTHIAS VIEIDER (Gesang, Saxophon, Klarinette) und MARTIN BURK (Bass, Gesang) über schlechte Englisch-Aussprache, Männlichkeiten und die Gemeinsamkeiten von einem Megaphon und Autotune.

Als ich mir gerade eben euer neues Album noch einmal angehört habe, musste ich bei „Flusen“ laut lachen: „Weil mein erstes Haustier ein Staubsauger war, und ohne ihn nicht nach draußen ging. Ich war oft allein als Kind“ ist ein sensationeller Text. Gleichzeitig musste ich fast ein bisschen weinen.

Martin Burk: Das ist doch schön!

Matthias Vieider: [lacht] Ja, perfekt!

Also ist das das Ziel?

Martin Burk: Eigentlich schon, oder?

Matthias Vieider: Eigentlich schon, finde ich auch! Fast bei jedem Lied, aber bei „Flusen“ geht es ganz besonders um das Lachen und Weinen zugleich.

Mission accomplished! Wie entstehen generell bei euch die Texte?

Martin Burk: Ziemlich unterschiedlich eigentlich.

Matthias Vieider: Die Textideen kommen meist entweder von Martin oder von mir. Bei mir kommen meist brüchige Entwürfe, Skizzen, von Martin kommen fertige Texte. Egal von wem er kommt, werden die Texte dann von der Band ziemlich zerlegt. Es ist teilweise ein sehr beschwerlicher Prozess, bis jedes Wort an seinem Platz ist und alle mit jedem Wort zufriedengeben. Wir sind da nicht nur musikalisch sehr heikel, sondern auch mit den Texten. Wenn wir’s dann irgendwann geschafft haben, dass alle zufrieden sind und sich alle mit dem Text identifizieren können, dann sitzt er, aber das braucht viel Zeit. Vor allem bei den deutschen Texten. Bei den italienischen Texten dauert’s nicht so lang, weil ich der Einzige bin, der Italienisch versteht [lacht].

Wie genau kommunizierst du dann den anderen die italienischen Texte?

Matthias Vieider: Bei diesem Album gibt es ja nur einen Text auf Italienisch. Und den habe ich einfach übersetzt für die anderen. Wäre Italienisch eine Sprache, die die anderen auch verstehen, gäbe es da sicher mehr Diskussionspotenzial [lacht].

Martin Burk: Bei „Laura“, dem italienischen Lied auf dem Album, war es auch so, dass Jannis [Klenke, Anm.] den Song geschrieben hat und dann Matthias eigentlich beauftragt hat, einen Text dafür zu schreiben. Er hatte auch sehr genaue Vorstellungen, worum es gehen soll.

Ein internes Auftragswerk, also. Wieso die Nekk-Referenz in „Laura“?

Matthias Vieider: Auf das Lied „Laura non c’è“? Ja, die Zeile ist auch zitiert. Aber unser Song ist jetzt keine Hommage an „Laura non c’è“. Es hat wenig damit zu tun. Es ist nur so, dass die Laura in unserem Lied eben auch so heißt und dass sie im Song eben nicht mehr da ist, deshalb hat es sich angeboten, den Satz „Laura non c’è più“ einzufügen.

Am Schluss von „Laura“ heißt es ja, die Liebe wäre „solo brutta e banale e triste e facile“, also „nur schirch, banal, traurig und einfach“ – Wieso ist die Liebe einfach?

Matthias Vieider: Ja. Da bin ich jetzt überfragt. Warum ist die Liebe leicht? [lacht] Naja, im Song geht es auch darum, dass die Leute sagen, die Liebe sei so poetisch und man schreibt so viele Romane darüber – da geht es immer darum, dass die Liebe so kompliziert sei. Der Song ist da ein bisschen eine Relativierung dieses Konstrukts der großen Liebe. In Wahrheit ist sie nämlich banal und leicht.

Reden wir mal über eure Albentitel. Das erste hieß „Fainschmitz begins“, das neue trägt den Titel „The Fainschmitz rises“. Was hat Fainschmitz mit Batman gemeinsam?

[Matthias kichert]

Martin Burk: Das war eigentlich so, dass Matthias diese Idee hatte und wir dachten, dass wir das echt nicht machen können. Aber Matthias hat sich das in den Kopf gesetzt und daran festgehalten und auf einmal fanden es alle extrem witzig. Wir haben da jetzt nicht weiter drüber nachgedacht, was Fainschmitz mit Batman verbindet, aber wir dachten, dass man ein Album so einfach nicht nennen kann. Und deshalb haben wir’s dann gemacht.

Matthias Vieider: Ich muss sagen, dass ich ein großer Fan der Batman-Trilogie von Christopher Nolan bin, und, da die anderen beim ersten Album schlussendlich einverstanden

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Fainschmitz (c) Arno Dejaco

Aber kein Nolan-Batman!

Matthias Vieider: Nein, nein. Bei Nolan wäre es wohl „The Dark Fainschmitz“. Naja, es gibt auf jeden Fall sehr lustige Batman-Filmtitel. Wir gehen allerdings davon aus, dass das nächste Album ein Bruch in unserer Ästhetik wird, also werden wir das dann auch wahrscheinlich nicht weiterführen.

Also, ich habe das kurz gegoogelt: Der erste Batman von Christopher Nolan heißt „Batman begins“, der zweite „The Dark Knight“ und der dritte heißt erst“ The Dark Knight rises“!

Matthias Vieider: Oh Gott – alles falsch!! [lacht]

„Es ist auch so, dass wir drei relativ verschiedene Sachen zusammenbringen, also einmal Jazz, dann Pop-Strukturen und Gypsy Swing.“

Ja, oje! Macht nichts. Du meintest, dass sich auf dem zweiten Album die Ästhetik des ersten fortsetzt. Was hat sich aber doch verändert und was ist gleichgeblieben?

Martin Burk: Naja, was wir uns eigentlich immer fragen ist, wo wollen wir hin mit unserer Musik, und was wollen wir für Musik machen und was wollen wir damit erreichen. Es ist auch so, dass wir drei relativ verschiedene Sachen zusammenbringen, also einmal Jazz, dann Pop-Strukturen und Gypsy Swing. Und wir haben uns auch öfter die Frage gestellt, ob wir uns für eine Richtung entscheiden müssen und wollen – und das haben wir für uns eben verneint. Diese Dreigleisigkeit haben wir weiterhin beibehalten. Wir haben dieses Album auch zum größten Teil wieder live eingespielt und wenig mit Overdubs gearbeitet. Auf dem Album klingen wir also fast genauso wie auf einem Live-Konzert. Von „Good Times“ abgesehen, da haben wir ein bisschen anders gearbeitet.

Matthias Vieider: Und was anders ist, ist auch, dass wir uns mehr Zeit gelassen haben, an den Songs zu arbeiten. Wir haben versucht, jeden Song auszuloten, zu schauen, welche Tendenzen er hat und wo wir noch nachjustieren könnten. Wir haben auch viel mehr experimentiert und ich persönlich habe das Gefühl, dass wir jetzt kompakter geworden sind, auch wenn es stilistisch weiter auseinandergeht. Es gibt jetzt eine gemeinsame Sprache, die klarer zum Vorschein kommt.

Martin Burk: Was auch noch hinzukommt, ist, dass wir uns gefragt haben, was denn eigentlich inhaltlich zu uns passt. Während ich ja gerne Geschichten in meinen Texten erzähle, arbeitet Matthias lieber mit einzelnen Worten und Klangfarben. „Frann“ ist zum Beispiel ein klarer Pop-Song, aber bei „Pizza Margherita“ wird Sprache viel absurder und freier genutzt. Diesen Prozess haben wir irgendwie festgehalten auf dem zweiten Album.

Matthias Vieider: Ich würde sagen, es gibt mehr Einheit in der Vielfalt. Und ja, was die Texte angeht – beim ersten Album haben wir uns auch schon viele Gedanken über die Texte gemacht, und was wir damit nach außen kommunizieren. Aber dieses Mal ging es noch viel mehr darum, wer sind wir, worüber können bzw. sollen wir sprechen, welches Bild von Männlichkeit wollen wir als vier Männer nach außen abgeben, welche Inhalte sind relevant, was soll transportiert werden.

Und, welches Bild von Männlichkeit wollt ihr transportieren?

Matthias Vieider: Ich würde sagen eine liebevolle und reflektierte Männlichkeit.

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Fainschmitz (c) Arno Dejaco

„Obwohl viel auf dem Feld der Diversität passiert, dominieren immer noch eindimensionale veraltete Rollenbilder.“

Martin, siehst du das anders?

Martin Burk: Nein, überhaupt nicht. Wir sind weiße, mehr oder weniger heterosexuelle Cis-Männer und gerade da ist es wichtig, sich immer wieder mit den eigenen Denk- und Verhaltensweisen auseinanderzusetzen und Alternativen zu problematischen Stereotypen zu transportieren.

Matthias Vieider: „Frann“ war dabei eben ein Versuch die Wirkungsweise von Stereotypen, wie sie sich zB in der Werbung darstellen und grundsätzlich die Mechanismen der binären Geschlechterordnung zu kritisieren. Obwohl viel auf dem Feld der Diversität passiert, dominieren immer noch eindimensionale veraltete Rollenbilder. „Frann“ soll ein Befreiungsschlag sein, gegen Erwartungshaltungen, gegen Zuschreibungen von außen.

Kam in diesem Zusammenhang auch die Idee zum Text von „200 Flies“?

Matthias Vieider: Eigentlich gar nicht, das hatte eigentlich nichts damit zu tun, aber es lässt sich gut so lesen, das stimmt. Es ging uns darum, zu sagen, dass Rettung überall sein kann. Egal, wie scheiße alles ist, irgendwas holt dich wieder raus, und wenn es 200 Fliegen sind, die dir den Weg ins Paradies zeigen.

Woher kommt das Bild der 200 Fliegen?

Matthias Vieider: Ich weiß es nicht, das ist mir so in den Kopf gekommen. Eigentlich waren es ja 300 Fliegen, also „three hundred flies show you the way to paradise”, aber ich kann ja so schlecht Englisch, und der Alex, unser Trompeter, ist da sehr heikel und hat gesagt, ich darf nicht „three hundred“ sagen, weil ich’s nicht aussprechen kann. Dann wurden es eben „two hundred“.

Nach eurem Auftritt bei Sofar Sounds Vienna 2017 hat ein Kollege zu mir gesagt: „Ich habe noch nie jemanden so charmant so schlecht Englisch sprechen hören!“ Das fand ich sehr passend!

Matthias Vieider: [lacht] Ja, da muss ich zugeben, da habe ich auch ein bisschen übertrieben. Ich find das auch super, wenn Leute mit richtig starkem Akzent Englisch reden, aber das gefällt eben nicht allen so in der Band, zum Beispiel Alex.

Spricht der Alex denn so gut Englisch?

Matthias Vieider: Nein! [lacht]

Martin, auf dem Album ist ja deine Stimme auch zu hören, neben der von Matthias, und zwar auf dem Stück „Leinen“. Ich nehme an, der Text kommt von dir? Ist das das erste Mal, dass du solo singst?

Martin Burk: Ja, genau.

Wie ist das zustande gekommen?

Martin Burk: Das war ein langer Prozess. Wir haben vor über zwei Jahren begonnen, uns mit diesem Lied zu beschäftigen. Es war einfach so, dass Matthias sich nicht wohl gefühlt hat, diesen Text zu singen. Dann haben wir den Song auch für ein Jahr aus dem Programm genommen. Dann haben wir ihn quasi wiederentdeckt, aber es hieß halt, dass ich den singen muss. Anfangs dachte ich nicht, dass ich das kann, aber jetzt mach ich das und fühl mich auch sehr wohl dabei.

Hat es viel Überwindung gekostet?

Martin Burk: Ja, auf alle Fälle. Auch weil ich ja kein ausgebildeter Sänger bin. Ich kenn so viele Leute, die ihre Stimme echt als Instrument einsetzen können, und das kann ich ja überhaupt nicht. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir gar nicht so sehr ums Singen geht, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen.

Das heißt, man wird jetzt noch öfter etwas von deiner Stimme hören?

Martin Burk: Wahrscheinlich. Es ist aber auch schon so, dass alles, was ich schreibe, oft schnell melancholisch wird, und da ist die Frage, ob das noch zu Fainschmitz passt.

Matthias Vieider: Das war für uns auf jeden Fall ein sehr wichtiger Prozess und eine sehr wichtige Erkenntnis. Weil es auch so ist, dass, wenn jemand anderer den Text schreibt, dann muss die Person, die den Text singt, den Text auf eine Weise fühlen und spüren können, dass sie ihn authentisch und ehrlich rüberbringen kann. Und das war bei diesem Text bei mir eben nicht der Fall. Ich habe es nicht geschafft, eine Version des Texts zu finden, die ich gut rüberbringen kann. Dass es jemand anderer singt, war für uns anfangs überhaupt keine Option. Ich wurde ja damals auch in diese Position des Sängers gedrängt, ich kann ja auch nicht singen. Deshalb habe ich am Anfang auch nur mit Megaphon gesungen und so habe ich mich in diese Rolle hineinentwickelt. Aber, dass es jetzt noch jemanden gibt, der singt, nimmt uns auch viel Stress weg.

Das Megaphon hast du also jetzt abgelegt?

Matthias Vieider: Nicht ganz, aber es kam irgendwann der Zeitpunkt, wo ich mich dann überwunden habe, auch ohne Megaphon zu singen. Es bietet aber trotzdem immer eine zusätzliche Option. In diesem Album sind zwei Lieder mit Megaphon gesungen.

Ist das Megaphon eure Art des Autotune?

Matthias Vieider: [lacht] Ja, das stimmt!

Danke für das Gespräch.

Itta Francesca Ivellio-Vellin

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