„Wir werfen jetzt das erste Ei, auf den CEO von Spotify“ – Andrin Uetz aka Durian von Karl KAve & Durian im Mica-Interview

Andrin Uetz ist die eine Hälfte von KARL KAVE & DURIAN. Seit einigen Jahren pendelt der Schweizer Musiker zwischen seinen Lebensmittelpunkten in der Schweiz und Wien – und ist mit Zeilen wie „Aus dem Patriarchat – macht Gurkensalat“ oder „Wir werfen jetzt das erste Ei auf den CEO von Spotify“ auf bestem Weg, selbst zur Kultfigur zu werden.
In einem mittlerweile mehr als fünf Alben umfassenden Œuvre treffen synthlastiger wie tanzbar
er 80ies-Post-Punk seines Duo Partners KARL KAVE auf Privilegien, Klassenunterschiede und Dandytum. Durchaus schweizerische Themen – zumindest dann, wenn man den dortigen Lebensstil nicht fatalistisch nachlebt, sondern ihn mit ein paar Autostunden Distanz aus dem Osten betrachtet und hinterfragt. Der Hit „La Vida Loca (endlich wieder auf Koka)“ könnte dabei mühelos als Titelsong einer fiktiven Verfilmung von Christian Krachts Kultroman „Faserland“ funktionieren: Denn die Gesellschaftskritik spricht hier – wie im Roman – nicht von außen, sondern durch die ironisch überzeichnete Perspektive des Schnösels selbst. Man weiß nie ganz genau, wo die Pose endet und die Kritik beginnt – und gerade darin liegt der Reiz.
Deutlich unmissverständlicher wird der gesellschaftliche Blick auf dem im April erschienenen Album „Zauberberg“. Andrin Uetz widmet sich darin Themen wie Erben, Alter und Pflege – also genau jenen Bereichen, die nur selten als zuverlässige Tanzflächenfüller gelten. Ob und wie sich solche Inhalte mit elektronischen Achtzigerjahre-Synths, Clubnächten und Festivalbühnen vertragen, darüber und vieles andere spricht er mit Dominik Beyer im mica-Interview. 

Perfektion ist so eine Sache. Man kann ihr jahrelang hinterherlaufen, an jedem Ton schrauben, jede Silbe dreimal umdrehen und am Ende feststellen, dass man dem eigenen Song erfolgreich das Leben ausgetrieben hat. Andrin Uetz hat für solche Prozesse wenig übrig. „Wir arbeiten sehr schnell, fast schon ein bisschen schludrig“, sagt der Schweizer Musiker und meint das durchaus positiv. 

Mit seinem Projekt Karl Kave & Durian hat Uetz in sechseinhalb Jahren ein erstaunliches Veröffentlichungstempo vorgelegt. Wobei er die vermeintlichen sieben Alben gleich zu Beginn gewissenhaft korrigiert. Fünf Studioalben seien es, dazu zwei Remix-Veröffentlichungen. Ein Album wurde neu aufgelegt, hier und da kamen neue Versionen hinzu. Viel wichtiger ist ohnehin die Frage, warum bei Durian alles so schnell geht.

Die Antwort liegt vielleicht schon in einer Arbeitsweise, die die beiden aufgrund der räumlichen Trennung so praktizieren. Bereits mit seiner früheren Band Europa Neue Leichtigkeit wollte er Songs nicht bis zur Unkenntlichkeit verkomplizieren. „Eine gewisse Einfachheit und Leichtigkeit zu bewahren, war eigentlich immer schon ein Prinzip.“ Mit KK&D ist dieses Prinzip radikaler geworden. Carlo Rainolter aka Karl Kave produziert die Instrumentals, Andrin Uetz aka Durian schreibt Texte und singt. Keine vierköpfige Band mehr, keine endlosen Proben, kein gemeinsames Herumschrauben an Arrangements. Carlo schickt Musik, Andrin schreibt und singt. Mixen und ab ins Presswerk.

Dass seine ehemalige Band EUROPA NEUE LEICHTIGKEIT irgendwann aufhörte, betrachtet Uetz heute mit einer gewissen Wehmut. Einen großen Knall gab es nicht. Es wurde aufwendig, die Inspiration veränderte sich, jede Person hatte wohl ihre eigenen Gründe. „Es ist in gewisser Weise immer noch schade, dass wir aufgehört haben. Ich denke, es war eine witzige Band.“
(„Hochzeit und Analverkehr“ sei Interessierten an dieser Stelle als niederschwelligen Einstieg zum Nachhören ans Herz gelegt)

Der Abschied von der klassischen Band bedeutete für ihn auch einen körperlichen Neuanfang. Uetz war es gewohnt, Gitarre und Gesang miteinander zu verbinden. Die Texte lagen nicht nur im Kopf, sondern gewissermaßen auch in den Fingern. Akkord und Wort gehörten zusammen, abgespeichert im motorischen Gedächtnis. Plötzlich stand er nur noch mit einem Mikrofon auf der Bühne. „Beim ersten Auftritt war ich richtig nervös, weil ich nicht wusste, was ich mit meinen Händen machen soll.“ Heute muss er darüber lachen. Die anfängliche Unsicherheit ist längst einer neuen Freiheit gewichen. Uetz bezeichnet sich inzwischen eher als Literat oder Dichter, natürlich auch als Sänger. Vor allem aber als jemanden, dessen Aufgabe das Textemachen ist. Das Instrument fehlt ihm manchmal – aber was auch nicht unwichtig ist: Es gibt weniger zu schleppen.

Durian im Finale des NeubauVision Song Contest by Pia Fronia
Durian im Finale des NeubauVision Song Contest © Pia Fronia

Früher reisten Farfisa-Orgel, Gitarrenverstärker und weiteres Bandgepäck mit. Heute passen die Backingtracks auf einen Memorystick. Dazu ein Mikrofon und zwei, drei Effektgeräte für die Stimme. „Das ist dann eigentlich alles. Passt alles in einen kleinen Koffer. Ich toure mit dem Zug“

Reduktion ist bei Durian keine Notlösung, sondern Teil des Systems. Carlo Piaggio kann aufgrund seiner Arbeit als Sozialpädagoge und als Vater zweier kleiner Kinder nicht jedes Konzert mitspielen. Größere Shows, ausgewählte Reisen und Auftritte in der Nähe gehen sich aus, vieles bestreitet Uetz alleine. Das funktioniert. Vielleicht auch deshalb, weil bei Durian die Person auf der Bühne ohnehin eine entscheidende Rolle spielt.

„Musikalisch gesehen ist das schon retro“

Die Achtzigerjahre aus Karl Kave & Durian herauszuhören, wäre ungefähr so schwierig, wie Schweizer Wohlstand in Zürich zu übersehen. Andrin macht daraus kein Geheimnis. „Musikalisch gesehen ist das schon retro. Das können wir nicht leugnen.“ Darkwave, Post-Punk und Neue Deutsche Welle stehen ungeniert im Raum. 

Textlich sieht die Sache anders aus. Da bewege man sich sehr wohl im gegenwärtigen 21. Jahrhundert. Wobei Uetz auch hier lustvoll in der Vergangenheit wildert. Frühe kommunistische Arbeiterlieder dürfen genauso auftauchen wie Bertolt Brecht, Kurt Weill und Hanns Eisler. Und dann wären da noch Udo Jürgens und Udo Lindenberg. „Irgendwann vermischt sich alles“

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Besonders auf „Zauberberg“. Denn spätestens mit dem Album wird klar, dass Durian zwar Musik für Clubs macht, aber keineswegs zwingend über Dinge singt, die man morgens um drei Uhr im Club hören möchte. Der Thomas-Mann-Verweis ist natürlich Absicht, die behandelten Themen sind Alter, Sterblichkeit und Pflege. Das gesamte Album ungefiltert morgens um drei im Club zu spielen, hält selbst Uetz für gewagt. Also bereitet er das Publikum vor.

„Ich sage dann: Stellt euch vor, ihr seid über 80 oder 90 Jahre und lebt in einem Altersheim.“ Danach kommt der Song. Was auf dem Papier nach einer pädagogisch riskanten Übung klingt, entwickelt live offenbar seinen eigenen Sog. „Dann wird es fast zu einem immersiven Theater.“

Gerade die Reibung interessiert ihn. Warum sollte ein Club ausschließlich der Ort sein, an dem man sich wegballert? Was passiert, wenn zwischen zwei Tanzmomenten plötzlich die eigene Vergänglichkeit auf der Bühne steht? „Ich finde es spannend, solche Themen morgens um drei zu spielen, wenn eigentlich alle nur noch Party wollen.“

Dass die Songs dabei stark von Andrins Performance leben, wurde Dominik Beyer spätestens bei seinem Konzert auf dem Waves Festival vergangenes Jahr klar. Auf Platte musste er sich zunächst an manche Stücke herantasten, live funktionierten Mimik, Körper und Interpretation sofort. Selbst in Belgrad, wo kaum jemand die deutschen Texte vollständig verstand, ging die Rechnung auf.

Uetz erklärt dort etwas mehr. Ein paar Sätze zum Inhalt, ein emotionaler Rahmen, dann darf die Musik übernehmen. Deutsche Sprache habe international ohnehin ihren eigenen Reiz. DAF sei dafür ein wichtiges Vorbild: „Diese zackigen Beats und die zackige deutsche Sprache verzahnen sich irgendwie.“ 
Bei Falco funktionierte das bekanntlich sowieso.

Für „Wir werfen jetzt das erste Ei, auf den CEO von Spotify“ ist die performative Darstellung gut machbar. Andere Texte wären schwieriger. Genau deshalb denkt Andrin darüber nach, einzelne Songs auf Englisch zu übersetzen. Nicht als Marktstrategie, sondern aus Neugier. „Übersetzung ist ein enorm kreativer Prozess. Gerade die Fehler beim Übersetzen sind extrem witzig.“

Der privilegierte Schnösel singt selbst

Neugier ist auch der Motor hinter Uetz’ Beschäftigung mit Privilegien. Die Figur, die in seinen Songs spricht, bezeichnet er selbst als „privilegierten Schnösel“. Ganz frei erfunden ist sie nicht, aber doch deutlich überzeichnet. Uetz kommt aus einer Schweizer Mittelstandsfamilie, der Vater war Lehrer, die Mutter Pflegefachfrau. Superreich sei er keineswegs aufgewachsen. Global betrachtet sei aber selbst der Schweizer Mittelstand ausgesprochen privilegiert.

Genau diese Ambivalenz interessiert ihn. Während sich im Pop viele gerne über Prekariat und Street Credibility inszenieren, entdeckt Uetz bei genauerem Hinsehen erstaunlich viele gut gepolsterte Sicherheitsnetze. Eine mögliche Erbschaft ersetzt dann eben jene Pensionskasse, die das Künstlerleben nicht hergibt.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Der Vergleich mit Christian Kracht und „Faserland“ liegt nahe. Auch dort bleibt die Kritik im Milieu stecken, das sie beschreibt. Ist der Erzähler angewidert oder genießt er den Glanz nicht doch ein bisschen zu sehr? Kracht sei durchaus eine Inspiration, sagt Uetz. Für die eigene Arbeit ist ihm diese Uneindeutigkeit wichtig.

„Ich date gerne in die Working Class, das macht im allgemeinen viel mehr Spaß – denn so ein kleiner Power Gap, ist doch eigentlich ganz nett“, gesteht die Bühnenfigur im Song “Privilegien” auf dem Album „WIENER LINIEN“. Das bedeutet natürlich nicht, dass Uetz gesellschaftliche Ungleichheit gutheißt. Im Gegenteil. Er hält sie für ein ernstes gesellschaftliches Problem. Nur sieht er wenig Sinn darin, als Künstler permanent in einen moralisierenden Ton zu verfallen. Sarkasmus darf mehrdeutig sein. Humor hält Widersprüche aus.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Privat erlebt er die Schweizer Wohlstandsgesellschaft ohnehin aus einer anderen Perspektive. Viele Menschen seines Alters sprächen über Pensionskassen, die dritte Säule und das Eigenheim. Menschen mit vergleichbarer Ausbildung verdienten mitunter ein Vielfaches seines Einkommens. Uetz hat sich anders entschieden.

„Ich finde es viel wichtiger, was man überhaupt mit seiner Zeit macht und ob einen das erfüllt.“ Wenn am Monatsende die Miete bezahlt ist, sei schon viel gewonnen. „Ich habe mich dazu entschieden, mein Leben der Kultur zu widmen.“

Dazu gehört nicht nur Durian. Andrin Uetz arbeitet als Kulturjournalist und Veranstalter, bringt einen akademischen Hintergrund mit und hält sich mehrere Standbeine offen. Nicht nur aus finanzieller Notwendigkeit. Die Mischung mache sein Leben spannend.

„Für mich ist das Wunder der Kunst, dass das passiert“

Als Dominik Beyer die provokante These Richard David Prechts in den Raum stellt, wonach Musik ihren gesellschaftlichen Stellenwert verloren hätte und zunehmend zur Hintergrundbeschallung verkommen sei, reagiert Uetz skeptisch. Für reine Unterhaltung mag das gelten. Sein eigenes Verhältnis zu Kunst beschreibt er anders.

„Man schafft für 45 Minuten oder eine Stunde einen Space, in dem die Welt wirklich anders ist.“

Dieses Erlebnis kennt er nicht nur von eigenen Konzerten. Auch Filme oder Bücher können solche Räume öffnen. „Für mich ist das Wunder der Kunst, dass das passiert.“

Politisch sieht er Kultur dennoch unter Druck. Auch in der Schweiz werde massiv gespart, während für Institutionen und Veranstaltungsorte gleichzeitig alles teurer werde. Besonders jene informellen Räume jenseits der Hochkultur geraten in Bedrängnis, in denen Projekte wie Karl Kave & Durian überhaupt stattfinden. Vielleicht passt deshalb das kleine Tourgepäck so gut zur grundsätzlichen Haltung. „Ich kann mit einer kleinen Boombox an den Straßenrand stehen und meine Musik performen.“ Durian braucht kein Orchester und keinen LED-Würfel von der Größe eines Einfamilienhauses. Die Musik kann mit wenig Mitteln fast überall stattfinden.

„Die KI wird nie so viel Freude daran haben, Musik zu produzieren, wie wir.“

Uetz kontert auf die Frage, was von seiner Kunst denn der Part sei, der mit KI nicht ersetzbar sei mit dem Satz, der über diesem Kapitel stehen muss: „Die KI wird nie so viel Freude daran haben, Musik zu produzieren, wie wir.“

Uetz probiert KI selbst aus, auch beim Schreiben, und hält den aktuellen Hype für überzogen. „Ich finde, sie ist noch lange nicht so gut, wie alle sagen.“ Carlo Rainolter liebt alte Drum Machines, die ein wenig wackeln. Gerade diese Imperfektion mache den Sound spannend.

Das eigentliche Problem sieht Uetz weniger in der Möglichkeit als in der Masse. KI mülle das Internet mit Inhalten zu und mache es unabhängigen Musiker:innen noch schwerer, neue Hörer:innen zu erreichen. Doch Andrin reagiert darauf allerdings nicht mit ausgeklügelten Wachstumsplänen.

„Wir sind, glaube ich, sehr schlechte Strategen.“ Die entscheidende Frage sei vielmehr: Was machen wir als Nächstes, damit es für uns interessant bleibt? Natürlich will man spielen, reisen und das Netzwerk europaweit erweitern. Aber lieber ein „tolles Publikum“ als einfach ein möglichst großes. Lieber Freundschaften und Austausch als die Vorgabe, die Hörerschaft innerhalb von zehn Jahren zu verzehnfachen.

Dass Andrin auf Reisen genau hinhört, ist kein Zufall. Er hat über den Klang Hongkongs promoviert und beschäftigt sich bis heute gelegentlich mit Städten und ihren akustischen Eigenheiten. Wenn er irgendwo spielt, hört er in den Raum hinein: Wie reden die Leute? Welche Stimmung herrscht?

Neue Musik ist bereits in Arbeit. Ein Konzept schwebt über dem nächsten Album, noch ist aber offen, ob es zu Carlos Instrumentals passen wird. Eigentlich nimmt sich Uetz regelmäßig vor, das Tempo zu reduzieren. Dann schickt Carlo wieder neue Musik. „Der ist schneller als die KI.“

Bleibt die Frage, was ein Mann, der so ausgiebig über Privilegien singt, mit einer fiktiven Erbschaft von zehn Millionen anfangen würde. Uetz träumt von einem Kulturhaus. Einem Ort zum Wohnen, Auftreten und Begegnen, mit einem schönen Café. Vielleicht in Marseille am Meer. Vielleicht in Wien. Kultur anbieten, unabhängig davon, ob sie gerade gefördert wird.

Am Ende landet der privilegierte Schnösel also doch nicht beim Eigenheim mit SUV, sondern beim selbstfinanzierten Kulturzentrum. Manchmal darf Ironie auch versöhnlich enden.


Dominik Beyer



++++

Links:

https://karlkavedurian.bandcamp.com
https://www.instagram.com/karl_kave_durian
https://www.youtube.com/@karl_kave_durian
https://andrinuetz.com

++++

Live:

24.07.2026 FRAJ Festival Rimavská Sobota (SK)
01.08.2026 Fatal Bern (CH)
05.09.2026 LSD Castagnola (CH)