PAUL und MONIKA KONARSKI von der Band THE HELMUT BERGERS über Salzburger Tristesse, die Herznote ihres neuen Albums und die Größe von Helmut Berger. Das Interview führte Markus Deisenberger.
Sie sind immer eine Salzburger Band gewesen. Jetzt leben Sie, Monika, schon in Wien. Paul kommt nach. Wieso haben Sie den Weg in die Großstadt gewählt?
Monika Konarski: Wir waren immer eine Band aus Salzburg, nicht unbedingt eine Salzburger Band.
Paul Konarski: In Salzburg passiert viel, es gibt jede Menge guter Bands, das wissen wir mittlerweile eh, aber in Salzburg stehst du halt auch irgendwann an. Du kannst dich nicht mehr weiterentwickeln, weil du kaum auf Gleichgesinnte triffst. Es ist immer dasselbe, man dümpelt herum. Wie Thomas Bernhard so schön gesagt hat: „Salzburg ist eine Todeskrankheit.“
Monika Konarski: So extrem würde ich das nicht sehen.
Paul Konarski: [lacht] Doch. Salzburg ist einfach irgendwann zu klein.
Jetzt gibt es aber jede Menge Bands, die es schaffen oder geschafft haben …
Paul Konarski: Aber die gehen doch auch alle irgendwann nach Wien oder nach München, jedenfalls aber weg. Denn dort gibt es Plattenfirmen und Clubs. In Salzburg gibt es die Festspiele. Da musst du früher oder später versuchen, rauszukommen. Wir beide sind Lebemenschen und feiern gerne. In Salzburg stehst du aber auch mit dem Feiern irgendwann an. Yeah Club und Stuck Festival, wo wir noch irgendwie reingepasst haben, ist alles weggebrochen, weil Stefan Kalser das nicht mehr machen wollte.
Monika Konarski: Es wurde zwar im Ansatz versucht, diesen Verlust aufzufangen, aber das weiterzuführen ist keine kleine Sache. Dafür muss man viel, wenn nicht alles andere, was man macht, aufgeben. Booking, Management – das ist kein Nebenjob.
Paul Konarski: Stefan Kalser hat das alles nebenbei betrieben. Der hat sich ausgebrannt, weil er wenig bis gar keinen Support von der Stadt bekam. Das Geld, das er sich vorgestellt hätte, hat er nie bekommen. Da tanzt du auf dem Zahnfleisch. Damit ist eine Institution gefallen. Und dann, schau dich doch um: Zwei Bars, in die wir regelmäßig gegangen sind – Schnaitl und Times Bar – sind mittlerweile behördlich so reglementiert, dass dort nichts mehr stattfinden kann.
Inwiefern?
Paul Konarski: Anrainerbeschwerden führten dazu, dass die Anlagen verplombt wurden. Eine gewisse Lautstärke darf jetzt nicht mehr überschritten werden.
Monika Konarski: Du hörst dort nur mehr die Menschen. Keine Musik, kein Feeling mehr.
„So wird einer Stadt halt der letzte Underground ausgetrieben.“
Das ist zwar in größeren Städten wie Graz und Wien genauso, da gibt es aber mehr Möglichkeiten auszuweichen …
Monika Konarski: So wird einer Stadt halt der letzte Underground ausgetrieben. Im Yeah Club, der einmal im Monat stattfand, konnten sich Leute mit ähnlichen Interessen formieren. Deshalb sind da Bands wie die Steaming Satellites rausgekommen.
Paul Konarski: Weil sie dort auf Portugal the Man getroffen sind und daraus eine gemeinsame Tour entstand. Wir haben dort auch eine unserer ersten Shows gespielt. Das alles aber gibt es nicht mehr. Und genau deshalb musst du Salzburg früher oder später verlassen. Wir sind schließlich durstig.
Was versprechen Sie sich von dem Wechsel?
Paul Konarski: Mehr Energie, neuen Input. Ich kann in Salzburg auch Lieder schreiben, aber mir fehlt der Input. Ich will Leute treffen. Man geht hier in Wien in eine Bar und trifft jemanden vom Vice Magazin oder einer anderen Musikzeitschrift und kann Kontakte knüpfen.
Monika Konarski: Man muss Salzburg mal erlebt haben. Wenn man keine Perspektive hat, nicht mal weiß, wohin man einen Kaffee trinken gehen soll, wo coole Leute sind, mit denen man sich austauschen kann, und das Ambiente halbwegs passt, dreht man sich schon bei den einfachsten Dingen im Kreis. Als Band von Wien aus zu starten, bringt dir ganz andere Möglichkeiten.
Paul Konarski: Plattenfirmen, Booking-Agenturen …
Monika Konarski: Du wirst auch anders angesehen. Wir haben das ja selbst erlebt: Wenn in der Klammer hinter der Band „Wien“ steht, werden die Leute anders wahrgenommen und komischerweise auch anders bezahlt.
„Die guten Bands hat es ja auch immer gegeben. Die haben es halt nur nicht rausgeschafft.“
Aber hat sich der Status als eine aus Salzburg stammende Band nicht durch Bands wie die eben die Steaming Satellites, Olympique oder auch Dame und deren Erfolg nicht auch ein bisschen zum Besseren gewandelt?
Paul Konarski: Na ja. Du kommst zwar aus einer Stadt, aus der jetzt wirklich gute Musik kommt, diese Bands sind aber auch anders verwachsen. Olympique sind bei Arcadia in Wien etc. Die Stadt bringt viele gute Bands heraus, aber der Trott und die Engstirnigkeit sind immer noch die gleichen. Rausgehen musst du, sonst verläuft die Band-Geschichte irgendwann im Sand.
Monika Konarski: Die guten Bands hat es ja auch immer gegeben. Die haben es halt nur nicht rausgeschafft. Für Musikerinnen und Musiker und für Bands hat sich nicht viel verändert, außer dass es ein paar durch harte Arbeit, und weil sie den Sprung gewagt haben, geschafft haben.
Paul Konarski: Ich lass mich halt einfach gerne überraschen und in Salzburg fehlt die Überraschung.
Kommen wir zum Album. Wann kommt es? Anfang nächsten Jahres?
Paul Konarski: Das wäre ideal. Wir müssen aber erst einmal sehen, wie das von der Bandstruktur her weitergeht, wie wir wo proben und dergleichen mehr. Aber das Album ist eigentlich fertig.
In welche Richtung geht es? Die Tracks, die ich gehört habe, klingen ein wenig nach New Order und Depeche Mode. Pop mit großer Geste und eingängigen Melodien. Können Sie mit den Vergleichen etwas anfangen?
Paul Konarski: Wenn wir Musik machen, versuchen wir immer, eine Vielfalt zu bieten. Sie haben zwei Nummern gehört, die eher synthie-orientiert sind. Der Rest ist schon gitarrenlastiger. Es gibt auch Streicher, Nummern mit Glockenspiel… „Triest“ etwa ist eher locker-gitarrig, mit langem Intro.
Monika Konarski: Sich selbst in eine Schublade reinzupressen ist schwer. Die Vergleiche ziehen immer andere Leute.
Kann Vielfalt nicht auch zum Problem werden? Oder anders gefragt: Glauben Sie nicht, sich im Sinne besserer Vermarktbarkeit irgendwann doch festlegen zu müssen?
Paul Konarski: Für mich ist ein Album dann toll, wenn sich jeder etwas rauspicken kann, egal wo seine Schwerpunktinteressen liegen. Bei unserem Album ist es so: Es ist eine Herznote da. Man erkennt die Helmut Bergers, aber jeder Song steht für sich selbst. Wir sind schon eine elektronische Band, spielen aber auch gerne Gitarre.
Monika Konarski: Wir fühlen uns völlig frei und wollen uns das auch bewahren.
Kann man das kommende Album in ein paar Sätzen beschreiben?
Paul Konarski: Es wird sensationell. Das Wichtigste sind die Melodien, und dass immer der Spannungsbogen gehalten wird. Wir haben auch ein sehr psychedelisches Instrumental mit verhallten Gitarren, das fast sechs Minuten dauert. Aber die Charakteristik besteht wirklich darin, dass jeder Song für sich selbst steht. „Out of my Eyes“ etwa ist Drama pur. Aber es gibt trotz aller Ausweglosigkeit immer diesen Hoffnungsschimmer. Und alle Nummern sind eingängig, finde ich.
Monika Konarski: Die Vielfalt macht es aus. Aber jeder Song hat, wie Mel Mayr so nett gesagt hat, Ohrwurmqualität.
„Natürlich, die große Bühne ist am Schluss immer alles.“
Das klingt euphorisch, was nahelegt, dass Sie mit dem nächsten Album wirklich etwas vorhaben. Auf YouTube habe ich ein altes Interview von Ihnen gefunden, in dem einer von Ihnen dem Sinn nach sagt: „Wir sind realistisch genug, um zu wissen, dass wir nicht auf die große Bühne kommen.“ Die Einstellung hat sich grundlegend geändert, scheint es.
Paul Konarski: Natürlich, die große Bühne ist am Schluss immer alles. Was unser Drummer damals damit sagen wollte, ist, dass der Weg dahin eben steinig ist. Deshalb stapelt man gerne mal tief, was charmant ist. Im Nachhinein wollen wir uns davon aber distanzieren. Das erste Album war eine Sache. Bandgründung, Release auf einem Wiener Label und so weiter. Man läuft plötzlich auf FM4, kommt auf die Soundselection. Aber jetzt gehen wir einen Schritt weiter. Den Plan, den wir damals nicht hatten, haben wir jetzt.
Um welche Themen geht es in den Songs des neuen Albums?
Paul Konarski: Erlebtes. In einem Song geht es um die Exfreundin, um Trennung also. In „Bowie‘s Cry“ geht es um eine fiktive Person, die eine geile Zeit hatte, sich nicht verändert hat, aber die Welt um diese Person herum hat sich verändert. „The golden time was simply a moment. The golden time was simply a lie.“ Es ist alles schön und gut, aber es ist alles vorbei. In „Melodia“ geht es um den Arbeitstag des Teufels. Deshalb gibt es darin auch die Textstelle aus Brandauers „Mephisto“. Jeder Song hat also ein sehr eigenes Thema, eine eigene Geschichte. Aber: Eine Geschichte kann man leichter erzählen, die andere weniger.
Monika Konarski: Viele Dinge passieren ja auch zufällig. Bei „Bowie‘s Cry“ zum Beispiel habe ich mich im Studio mit einer Synthesizer-Melodie gespielt. Irgendwann haben wir dann angefangen, diese lästige, ein wenig asiatisch klingende Melodie zu bearbeiten und eine fiktive Person zu erfinden, zu der diese Melodie passt.
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Paul Konarski: Es ist bei uns selten ein fertiges Konzept, sondern eine Geschichte, die sich langsam entwickelt.
Die Nummer „Melodia“ lief auf FM4 und im Ausland auf vielen Stationen. Interessanterweise hat auch Ö3 einen Artikel, ein Feature, über Sie geschrieben. Hat Sie Ö3 denn auch gespielt?
Paul Konarski: Ö3 hat uns nur mit diesem Artikel gefeatured, uns aber nie auch nur ansatzweise gespielt, was sehr schade ist, weil „Melodia“ eben aufgrund der prägnanten Melodie durchaus auch Potenzial für den Mainstream gehabt hätte.
Seltsam. Ein Radiosender schreibt über Sie, Sie wären die kommende Band, spielt Ihre Musik aber dann doch nicht?
Paul Konarski: Genau.
Monika Konarski: Nicht nur du hast das seltsam gefunden. Bei uns herrschte auch ein großes Fragezeichen.
Paul Konarski: Hast Du den Falco-Film gesehen? „Super Song, super Song. Wir melden uns.“ Genauso war es mit Ö3. Ich hab‘s versucht und wurde immer vertröstet. „Ja, wir melden uns.“ Ich bin da ja eisern, habe immer hinterhertelefoniert. Ohne Erfolg. Da geht es halt einfach nur um Geld. Tragisch.
Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Bandnamen gekommen?
Paul Konarski: Ich habe Helmut Berger bei einer Filmproduktion kennengelernt, bei der ich Licht-Assistent war. Neben Herbert Fuchs und Karl Merkatz spielte da eben auch Helmut Berger mit. Ich hab ihn gesehen und ihn zunächst für einen Freak gehalten, wen er ständig nach Sushi und Champagner verlangte oder mich des Sets verwies, weil ich ihn angeblich in seiner Aufmerksamkeit störte. Eines Tages aber hatte er offensichtlich einen guten Tag und unterhielt sich mit mir. Und da merkte ich: Hoppla, der hat echt was drauf, ist gar nicht so übel, wie der erste Eindruck vermuten ließ. Ich war damals sechzehn, kannte ihn nicht. Also hab ich recherchiert und herausgefunden, wer dieser Mann war und was er alles erlebt hat. Ja, und wenig später suchte ich nach einem Bandnamen für mein neues Projekt, und voilà. Mittlerweile ist der Name in gewissem Sinne zu einer Institution geworden.
„Leicht betrunken war er, hat seine Hose fallen lassen und seinen Allerwertesten in die Menge gezeigt.“
Stimmt es, dass er bei einem Ihrer Konzerte vorbeigeschaut hat?
Paul Konarski: Ja, zwei Mal sogar.
Monika Konarski: Das letzte Mal hieß es schon im Vorfeld, dass er das Konzert besuchen möchte. Geglaubt haben wir aber nicht wirklich dran. Dann ist er mitten im Konzert auf die Bühne gekommen.
Paul Konarski: Da kam er gerade euphorisiert aus dem Dschungel-Camp zurück. Viele der Anwesenden aber haben ihn nicht gekannt.
Monika Konarski: Leicht betrunken war er, hat seine Hose fallen lassen und seinen Allerwertesten in die Menge gezeigt.
Paul Konarski: Das war der Hammer. Ausverkaufte Rockhouse-Bar und dann das. Ja, so haben wir die Zusammenführung der Helmut Bergers gefeiert.
Monika Konarski: Bei einem Interview im Fernsehen hat er auch einmal, nachdem er auf uns angesprochen wurde, gemeint, er fühle sich dadurch geehrt und dann in die Kamera, gezielt an uns adressiert, gesagt: „Die sind Rock ‘n‘ Roll.“ Das war klasse.
Paul Konarski: Er ist einfach noch immer eine Größe. Er hat den Rock ’n’ Roll gelebt und lebt ihn noch immer, egal was die Leute schreiben. Und er lässt sich nicht brechen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
Foto The Helmut Bergers 1 (c) Georg Pircher Verdorfer
Foto The Helmut Bergers 2 (c) Lucas Gerstgrasser
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