„WIR SIND MIT DER ZEIT WIRKLICH ZU EINER FAMILIE GEWORDEN” – GIFTIG IM MICA-INTERVIEW

Zwischen Proberäumen, Demos und Karaoke-Abenden haben GIFTIG ihren Sound zusammengezimmert: laut genug, um alles rauszulassen, und gleichzeitig nah genug, um unter die Haut zu gehen. Mit ihrer Debüt-EP „Killing Memories I’d Like to Forget Sometime“ klingt die Wiener Band dabei erstaunlich eingespielt, fast so, als hätte es sie schon ewig gegeben – obwohl hinter allem eher Zufälle und ein bisschen Schicksal stecken. Im Gespräch erzählen FINE, MO, MORITZ, LUKI und LU im Gespräch mit Ania Gleich, warum sie sich vor allem als Liveband verstehen, weshalb ihre Freundschaft längst wichtiger geworden ist als die Musik selbst und wie aus WGs, Musikschulen, bandsuche.at und einer zufälligen Bumble-Nachricht eine Band entstanden ist, die ihren ganz eigenen Sound gefunden hat.

Wie hat sich euer Sound gefunden? Und hört ihr auf der EP, die jetzt erscheint, Dinge, die ihr vor zwei Jahren vielleicht noch nicht so geschrieben hättet?

Fine: Das ist ganz lustig, weil wir die ersten beiden Songs eigentlich schon vor zwei Jahren fast aufgenommen haben. Der ganze Prozess hat sich dann aber sehr lange gezogen. Am Anfang haben wir nur diese beiden Songs aufgenommen – “Alone to Cry” und “What’s on My Mind”.
“Alone to Cry” war außerdem der erste Song, den wir jemals gemeinsam geschrieben haben. Ich würde sagen, er ist seitdem ziemlich gleich geblieben. Wir haben vielleicht ein paar Backing Vocals verändert, aber im Großen und Ganzen zeigen die beiden Songs sehr gut, wie wir ganz am Anfang, also vor zwei Jahren, geklungen haben. Die anderen vier Songs spiegeln sich dagegen eher wider, was danach als Band gemeinsam entstanden ist.

Warum habt ihr die ersten beiden Songs damals nicht direkt veröffentlicht?

Moritz: Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, weil wir von Anfang an die ganze Bandbreite von giftig zeigen wollten. Bei den älteren Songs hört man vielleicht noch etwas stärker unsere poppige Seite. Uns war wichtig, dass man direkt einen umfassenderen Eindruck davon bekommt, wer wir als Band sind.

Ich habe die EP jetzt natürlich als Gesamtpaket gehört. Deshalb hätte ich gar nicht gesagt, dass die Songs so unterschiedlich klingen. Das wirkt alles sehr stimmig.

Fine: Das freut uns. Wir waren auch sehr glücklich, dass wir für Produktion, Aufnahme, Mixing und Mastering immer mit den gleichen Leuten gearbeitet haben. Vor allem unser Producer hat die Songs im Nachhinein klanglich so zusammengebracht, dass sie wirklich als Gesamtpaket funktionieren.

Ihr habt ursprünglich unter einem anderen Namen angefangen, oder? Ist das etwas, worüber ihr sprechen möchtet?

Luki: Es gab einfach eine Phase der Namensfindung. Irgendwann ist dann giftig daraus geworden und damit haben wir uns einfach wohler gefühlt. Der Name fasst uns als Band am besten zusammen.

Was hat euch ursprünglich zur Musik gebracht? Wie habt ihr euch kennengelernt und wie seid ihr schließlich gemeinsam in diese Punk-Richtung gegangen?

Moritz: Fine und ich haben zusammen in einer WG gewohnt. Irgendwann war klar, dass sich unsere Wege dort langsam trennen würden. Fine wollte aber trotzdem, dass wir weiterhin Zeit miteinander verbringen. Ich hatte ohnehin Lust, wieder in einer Band zu spielen, und dann meinte Fine einfach: „Lass uns eine Band gründen. Ich gründe sie für dich!“

Moritz: Genau. Und so ist das Ganze entstanden. Nach und nach haben wir dann alle zusammengefunden.

Mo: Ich habe Fine tatsächlich über Bumble gefunden. Sie hatte auf ihrem Profil ein Foto mit einer Gitarre. Ich habe sie direkt angeschrieben: „Oh mein Gott, du spielst Gitarre? Ich spiele Schlagzeug. Ich will eine Band gründen.“ Ich dachte nur: Bitte antworte, bitte antworte, bitte antworte. Dann hat sie geschrieben, dass ihr Mitbewohner Bass spielt. Da war ich völlig aus dem Häuschen. Als wir uns getroffen haben, hat sich allerdings herausgestellt, dass die Gitarre auf Fines Profil ein kleiner Catfish war.

Fine: Ich wollte ursprünglich wirklich Gitarre spielen und Moritz wollte es mir beibringen. Aber es hat sich herausgestellt, dass ich dafür nicht genug Talent – oder Geduld – hatte. Deshalb bin ich mehr oder weniger zwangsläufig beim Gesang gelandet, weil ich nichts anderes so schnell übernehmen konnte.

„WIR WAREN SOFORT SCHOCKVERLIEBT”

Du hast dein Instrument also quasi erst im Laufe des Ganzen gefunden. Und wie war das bei dir?

Lu: Ich bin Lu. Mo und ich kennen uns noch aus der Musikschule. Das ist allerdings schon ziemlich lange her. Dort haben wir jahrelang in einer Schulband gespielt, ich am Bass. Danach hatten wir für ein paar Jahre keinen Kontakt mehr. Irgendwann hat Mo mich wieder angeschrieben und gefragt: „Spielst du noch Bass? Spielst du in einer Band? Wir suchen gerade jemanden.“ Ich dachte mir: Ich schaue einfach mal vorbei. Seit der ersten Probe bin ich dann eigentlich direkt eingestiegen.

Mo: Wir waren sofort schockverliebt. Es hat einfach unglaublich gut gepasst.

Das ist ja wirklich eine schöne Geschichte. Und du bist dann als Letzter zur Band dazugestoßen?

Luki: Genau. Das ist jetzt ungefähr eineinhalb Jahre her. Ich bin im Herbst 2024 dazugestoßen. Ich habe über Bandsuche.at nach einer Band gesucht. Ich habe damals schon bei Vent!l gespielt, fühlte mich aber ein bisschen unausgelastet. Das Lustige war: Kurz bevor ich zum ersten Mal bei giftig geprobt habe, hatte Vent!l wegen eines Auftritts schon einmal Kontakt mit der Band – der kam dann zwar nicht zustande, aber in derselben Woche stand ich plötzlich selbst bei der Probe. Da dachte ich mir nur: Diese Band begegnet mir jetzt schon wieder.

Mo: Wir waren sofort wieder schockverliebt.

Moritz: Es hat einfach direkt gepasst. Ich hatte mir bei einer zweiten Gitarre immer gedacht, dass das schwierig werden könnte. Zwei Gitarren müssen wirklich gut harmonieren, sonst funktioniert das nicht. Deshalb dachte ich, die Suche würde wahrscheinlich länger dauern. Aber Luki war die erste Person, die vorbeikam, und es hat sofort gepasst.

Ich weiß gar nicht, ob ihr das schon beantwortet habt oder ob ich es überhört habe: Wie habt ihr euren gemeinsamen Sound gefunden? Gab es von Anfang an etwas, das euch verbunden hat – vielleicht ein ähnlicher Musikgeschmack?

Moritz: Für Fine und mich war eigentlich von Anfang an klar, dass wir Musik machen wollen, bei der man richtig Energie rauslassen kann.

Mo: Ich weiß gar nicht, ob das wirklich von Anfang an so klar war. Das erste Lied, das wir gemeinsam gespielt haben, war tatsächlich ein Lana-Del-Rey-Song, den Fine auf der Gitarre spielen konnte.

Bild der Band Giftig
Giftig © Giftig

Fine: Es war wirklich nicht besonders schwer.

Mo: Wir haben dann einfach eine rockigere Version daraus gemacht. Ein paar Monate später kam Fine in die Probe und meinte: „Okay, Mo, du musst jetzt wilder spielen. Ich werde lauter singen. Wir werden insgesamt viel punkiger, weil mir das alles zu soft ist.“ Damit war die Richtung eigentlich beschlossen. Darüber wurde nie groß diskutiert und im Endeffekt hat es perfekt gepasst.

Welche Bands oder Künstler:innen haben euch geprägt? 

Fine: Ich glaube, bei mir sind es vor allem die Destroy Boys. Und uns wurde auch schon gesagt, dass wir ein bisschen wie die Distillers klingen.

Lu: Für mich ist es ganz stereotyp einfach Nirvana. 

Ich habe das Gefühl, gerade diese Art von Musik erlebt ohnehin wieder ein richtiges Comeback. Aber ich merke schon: Die Frage nach Vorbildern ist gar nicht so einfach.

Mo: Ich finde sie ehrlich gesagt auch schwierig. Grundsätzlich tue ich mir schwer, Vorbilder zu nennen – nicht nur in der Musik, sondern eigentlich in allen Lebensbereichen.

Das kann ich gut nachvollziehen. Ich stelle die Frage bei Bands trotzdem gerne, weil gerade die Mischung der Einflüsse spannend ist. 

Luki: Ich habe in meiner Jugend unglaublich viel Punk und Pop-Punk gehört – Blink-182, Green Day und solche Sachen. Später bin ich dann eher in Richtung Post-Punk und New Wave gegangen. Durch giftig habe ich aber diese geradlinigen Gitarren wieder für mich entdeckt. Sonst spiele ich oft mit vielen Effekten, aber hier macht gerade diese direkte, reduzierte Art total Spaß.

Moritz: Ich hab einfach generell immer gerne Bands gehört und spiele deswegen auch so gerne in einer! Auch wenn das jetzt keine so spannende Antwort ist. 

Eure EP hat einen ziemlich langen Titel. Warum beschreibt gerade dieser Titel so gut die Stimmung, die in den letzten zwei Jahren bei euch entstanden ist?

Fine: Die Antwort ist eigentlich ziemlich simpel. Der Titel lautet „Killing Memories I’d Like to Forget Sometime“. Wenn man daraus ein Akronym bildet, kommt „K.M.I.L.F.S.“ heraus,also „Killing MILFs“. Das ist ein bisschen als Hommage gedacht an alles, was hinter uns liegt und was wir gemeinsam erlebt haben.

Der Titel klingt aber eigentlich eher so, als würdet ihr die Vergangenheit loswerden wollen?

Mo: Genau deshalb heißt es ja Sometimes. Unsere Songs beschäftigen sich oft mit komplexen oder negativen Emotionen. Manchmal möchte man Erinnerungen daran einfach vergessen – manchmal aber eben auch nicht.

Moritz: Uns war außerdem wichtig, dass wir den Namen „Killing MILFs“ auf der EP wieder aufgreifen. Dann kam dieses Akronym dazu und plötzlich hatte der Titel noch eine zweite Bedeutung. Das hat sich einfach richtig angefühlt.

Wie entstehen eure Songs denn konkret? Gibt es jemanden, der den ersten Impuls gibt, oder entwickelt sich alles gemeinsam?

Moritz: Auf der EP ist eigentlich alles dabei. Meistens mache ich zuerst eine Demo und schicke sie in unsere WhatsApp-Gruppe. Dann hören alle rein und wir schauen, ob uns die Idee überhaupt gefällt.

Und wenn nicht?

Moritz: Dann wird sie verworfen.

Passiert das oft?

Moritz: Bisher eigentlich gar nicht. Der Großteil wird weiterentwickelt. Manchmal bleibt ein Song ziemlich nah an der Demo, manchmal verändert er sich komplett. Bei „Hate Your Guts“ ist zum Beispiel etwas völlig Neues daraus entstanden. Bei einem anderen Song wollte Mo unbedingt einen Bossa-Nova-Beat unterbringen. Deshalb habe ich Akkorde geschrieben, die bewusst etwas weniger punkig waren. Daraus hat sich dann wieder etwas ganz Eigenes entwickelt.

Gab es während der Arbeit an der EP oder vielleicht schon davor einen Moment, in dem ihr dachtet: Jetzt klingt das wirklich nach uns?

Mo: Für mich war das der Moment, als Luki dazugekommen ist. Ich fand die Band vorher schon super, aber plötzlich dachte ich: So kann das also klingen. Da hat auf einmal alles zusammengepasst.

Moritz: Bevor wir aufgenommen haben, haben wir im Proberaum ganz einfache Demos gemacht. Als ich sie später zu Hause angehört habe, dachte ich nur: Ja, genau so möchte ich klingen.

Luki: Ich hatte ein ähnliches Gefühl. Noch bevor ich richtig eingestiegen bin, habe ich Aufnahmen von einem eurer Livekonzerte bekommen. Ich habe sie mir unzählige Male angehört – und höre sie mir bis heute noch gerne an.

„WIR SIND ENG MIT DEN BANDS VERBUNDEN, MIT DENEN WIR SPIELEN”

Seht ihr euch eher als Liveband oder ist euch das fertige Album genauso wichtig?

Fine: Ganz klar als Liveband. Aufnehmen macht schon Spaß, zumindest meistens. Und natürlich ist es schön, am Ende etwas zu haben, das man Familie und Freund:innen zeigen kann. Aber live fühlt sich das alles einfach ganz anders an. Bei den ersten beiden Songs habe ich noch mit einem Stand-Mic aufgenommen. Irgendwann meinte unser Producer dann: „Das funktioniert für dich einfach nicht. Auf der Bühne bewegst du dich ständig, deine Stimme klingt ganz anders. Wir müssen das mit einem Handmikrofon im Proberaum aufnehmen, damit du dich bewegen und aufstampfen kannst.“ Erst dann hat es sich richtig angefühlt.

Luki: Ich sehe das genauso. Bei uns steht die Performance ganz klar im Vordergrund – von den Outfits bis zu bestimmten Momenten, die live einfach funktionieren müssen. Dieses gemeinsame Erlebnis auf der Bühne schweißt unglaublich zusammen. Außerdem sind wir eng mit den Bands verbunden, mit denen wir spielen. Das ist für mich auch ein ganz wichtiger Teil dieser Szene.

Erlebt ihr eigentlich so etwas wie eine richtige Szene? 

Mo: Absolut. Es ist eine Gemeinschaft, in der sich alle gegenseitig unterstützen. Man geht auf die Konzerte der anderen Bands und freut sich füreinander. Es ist überhaupt nicht dieses Konkurrenzdenken nach dem Motto: „Ihr habt uns den Slot weggenommen.“ Eher im Gegenteil: Wenn jemand ein cooles Konzert spielt, kommen alle vorbei. Dadurch, dass viele Bands schon länger miteinander unterwegs sind, kennt man sich einfach. Daraus sind auch richtig schöne Freundschaften entstanden.

Lu: Es ist wirklich eine kleine Community. Man sieht sich ständig – bei Konzerten, im Proberaum oder weil man gemeinsam Shows organisiert. Wenn man eine Band cool findet, fragt man einfach, ob man einmal zusammen spielen möchte. Das ist total unkompliziert und einfach schön.

Wie oft seht ihr euch als Band normalerweise?

Moritz: Eigentlich ungefähr zweimal pro Woche. Wobei wir dieses Jahr nur sehr selten wirklich vollständig waren. Das kann man wahrscheinlich an zwei Händen abzählen.

Mo: Dieses Jahr war es einfach etwas schwieriger mit den Terminen.

Ab einer gewissen Bandgröße wird das Organisieren wahrscheinlich ohnehin kompliziert. Gleichzeitig scheint es bei euch trotzdem gut zu funktionieren.

Lu: Wir haben einmal ohne Schlagzeug geprobt. Das war schon ziemlich komisch.

Luki: Aber wir haben zumindest geprobt. Weil es gibt Bands, die Proben dann einfach nicht. 

Mo: Ich bin sonst eigentlich bei jeder Probe dabei.

Moritz: Man merkt schon, wenn etwas fehlt.

Mo: Leider.

Seht ihr euch auch außerhalb des Proberaums oft?

Lu: Ja, gerade im Moment eigentlich ständig.

Bild der band Giftig
Giftig © Giftig

Mo: Lu und ich wohnen inzwischen praktisch bei mir zusammen.

Luki: Wir wohnen alle ziemlich nah beieinander.

Mo: Und wir haben Karaoke für uns entdeckt.

Lu: Das ist inzwischen fast schon die Belohnung nach der Probe.

Mo: Unsere beiden Single-Releases haben wir auch beim Karaoke gefeiert. Um Mitternacht sind wir kurz rausgegangen, weil die Single online war, haben angestoßen und sind dann wieder zurück. Außerdem gehen wir total gerne gemeinsam auf Konzerte. Irgendjemand schreibt immer in die Gruppe, ob jemand mitkommen möchte – und es findet sich eigentlich immer jemand.

Wie entstehen bei euch die Texte? Kommen sie erst, wenn die Musik schon steht?

Fine: Meistens schon.

Und wer schreibt sie?

Fine: Das ist unterschiedlich. Am Anfang habe hauptsächlich ich geschrieben. Irgendwann hatte ich aber das Gefühl, dass mir ein bisschen die Themen ausgehen. Neben der Uni und allem anderen fehlt manchmal einfach der Raum oder die Muße. Inzwischen schreiben auch die anderen. Manche Texte entstehen gemeinsam. Wir haben inzwischen ein gemeinsames Dokument, das „Textfetzen“ heißt. Da schreibt jede Person Zeilen oder Ideen hinein. Wenn jemand nur einen Satz hat, der gut klingt, kann später jemand anderes darauf aufbauen und daraus einen ganzen Text entwickeln.

Welche Themen beschäftigen euch dabei besonders? Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen inhaltlichen oder ethischen Kompass?

Fine: Inhaltlich ist das sehr unterschiedlich. Es gibt klassische Heartbreak-Songs, politische Songs oder einfach Stücke darüber, wütend auf die Welt oder auf bestimmte Zustände zu sein. Wir haben zum Beispiel auch einen Song über Body Issues – der ist allerdings nicht auf der EP. Insgesamt ist das Spektrum ziemlich groß und jede Person kann Themen einbringen, die sie gerade beschäftigen.

Moritz: Ich glaube, der gemeinsame Nenner ist eher unsere Haltung. Wir teilen ähnliche Werte.

Gibt es gerade Themen, die euch besonders unter den Nägeln brennen und über die ihr vielleicht noch schreiben möchtet?

Fine: Mich beschäftigt im Moment vor allem die Situation der Frauen in Afghanistan sehr. Ich weiß noch nicht, ob daraus ein Song entsteht oder ob ich dafür überhaupt die richtigen Worte finde. Aber ich finde, dass dieses Thema viel mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte.

Luki: Mich beschäftigt gerade der Klimawandel wieder sehr. Mal schauen, ob daraus musikalisch oder textlich etwas wird.

Moritz: Ich habe mich heute gerade erst wieder über Behörden geärgert. Ich musste zur deutschen Botschaft, nur um meinen Personalausweis zu erneuern und das war wahnsinnig teuer.

Vielleicht lassen sich Hitze, Klimawandel und allgemeine Wut auf Ämter ja sogar miteinander verbinden. Ich habe erst vor Kurzem gelesen, dass Menschen bei großer Hitze tatsächlich aggressiver werden.

Fine: Ja, ich glaube, da gibt es sogar eine Kurve. Erst steigt die Aggressivität an, und ab einem gewissen Punkt wird es so heiß, dass man sich gar nicht mehr bewegen möchte. Das haben wir im Studium auch einmal kurz behandelt. Bei Tieren gibt es ähnliche Zusammenhänge.

Gab es bei euren bisherigen Konzerten einen Moment, in dem ihr euch gedacht habt: Genau deshalb machen wir das alles?

Moritz: Auf jeden Fall, als wir in Berlin gespielt haben. Die Cigaretten hatten uns zuerst gefragt, ob wir ihr Wien-Konzert supporten wollen. Danach haben sie uns auch noch eingeladen, sie in Berlin zu begleiten. Das war schon eines der coolsten Erlebnisse bisher. 

Luki: Wir sind mitten in der Nacht losgefahren, den ganzen Tag im Auto gesessen und standen am Abend plötzlich auf einer Bühne in Berlin. Das war einfach surreal. Für mich war das sowieso etwas Besonderes. Ich komme vom Dorf und selbst in Wien zu spielen war früher ein Traum. Aber dann plötzlich in Berlin zu stehen: das war schon etwas ganz anderes.

Moritz: Ich finde generell die Konzerte außerhalb von Wien am schönsten. Dort spielen wir vor Leuten, die uns überhaupt nicht kennen. Und wenn man dann merkt, dass ihnen die Musik trotzdem gefällt, gibt einem das unglaublich viel.

„DAS KONZERT WAR SO VOLL, DASS SPÄTER SOGAR MENSCHEN DRAUßEN WARTEN MUSSTEN”

Gerade wenn man mit einer anderen Band unterwegs ist, ist das wahrscheinlich noch einmal etwas Besonderes.

Luki: Ein Konzert, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war auch das Riot Grrrl Fest im Venster99. Dort wurde Geld für Frauenhäuser in Wien gesammelt. Das war einfach ein richtig schönes Projekt. Das Publikum war unglaublich. Es waren viele Leute da, die uns noch gar nicht kannten, und das Konzert war so voll, dass später sogar Menschen draußen warten mussten.

Fine: Nachdem wir gespielt hatten, hat das Publikum plötzlich „Ten more songs!“ gerufen. Das war ein richtig schöner Moment – vor allem, weil es eben viele Menschen waren, die uns vorher noch gar nicht kannten.

Mo: Gleichzeitig freut es mich aber auch immer, die bekannten Gesichter im Publikum zu sehen. Ich habe Freund:innen, die wirklich zu jedem Konzert kommen. Das bedeutet mir unglaublich viel. Eine Freundin hat einmal zu mir gesagt, dass sie auf unseren Konzerten einfach komplett loslassen kann. Das war für mich ein riesiges Kompliment.

Gibt es etwas, das ich noch gar nicht angesprochen habe, euch aber wichtig wäre?

Moritz: Ich finde immer wichtig zu sagen, dass unsere Freundschaft inzwischen eigentlich über der Musik steht. Wir sind mit der Zeit wirklich zu einer Familie geworden.

Das heißt, bevor eure Freundschaft unter der Band leiden würde, würdet ihr lieber eine Pause machen?

Mo: Wir würden so lange an dem Konflikt arbeiten, bis das Projekt wieder funktioniert

Fine: Wir hatten natürlich auch schon schwierige Phasen. Aber wir haben immer so lange miteinander geredet, bis es für alle wieder gepasst hat.

Also gar kein giftiges Klima – trotz Bandname.

Moritz: Wir sind nur giftig zu den anderen.

Worauf freut ihr euch als Band jetzt am meisten?

Fine: Darauf, dass die EP endlich komplett draußen ist.

Luki: Und auf den Kultursommer. Da spielen wir unsere Release-Show! Direkt einen Tag nach dem EP-Release. Aber das hat sich auch nur so ergeben!

Auf mich wirkt es ohnehin so, als wäre bei euch vieles irgendwie Schicksal gewesen.

Mo: Total. Ich hatte Bumble damals gerade einmal drei Tage installiert. Genau in dieser Zeit habe ich Fine kennengelernt. Wäre das nicht passiert, gäbe es die Band wahrscheinlich gar nicht.

Lu: Und ich wäre ohne die Musikschule nie zu Mo gekommen.

Luki: Bei Bandsuche.at hätte ich auch genauso gut bei irgendeiner anderen Band landen können.

Moritz: Ich glaube wirklich, dass wir sehr viel Glück hatten. Dass wir uns gefunden haben und dass es zwischenmenschlich genauso gut funktioniert wie musikalisch.

Dann bleibt eigentlich nur zu sagen: Macht genau weiter so.

Alle: Danke!

Die EP-Release Show von „Killing Memories I’d Like to Forget Sometime“ findet am 25. Juli 2026 im Rahmen des Kultursommers statt. 

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Ania Gleich 

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