Eine ganze Reihe von Salzburger Bands macht derzeit national wie international von sich reden. Die STEAMING SATELLITES, OLYMPIQUE oder der Rapper DAME – sie alle sind Teil eines aktuellen Pop-Phänomens, das es sich allemal lohnt, näher zu beleuchten, und das – wie ROCKHOUSE-Geschäftsführer WOLFGANG DESCHO sagt – nur die Spitze des Eisberges ist. Viele andere junge Bands stoßen nach und sorgen für eine Salzburger Szene, die so lebhaft ist wie selten zuvor.
Wurde man früher einmal nach interessanten Salzburger Bands gefragt, konnte einen das schon in Verlegenheit bringen. Na gut, ein, zwei fielen einem schon ein. Aber, musste man dann oft kleinlaut nachschieben, die eine habe schon lange nichts mehr aufgenommen und die andere sei nach Wien übersiedelt. Peinlich. Heute muss einem nichts mehr peinlich sein. Dafür ist eine ganze Riege neuer Bands verantwortlich.
Steaming Satellites und Olympique etwa heißen sie und man hört ihnen nicht an, dass sie aus Salzburg kommen. Ihre Musik ist spannend, ihr Englisch perfekt. Auch das war früher anders. „Stimmt. Lange Zeit hat man aus dieser Stadt so gut wie gar nichts gehört. Und jetzt auf einmal: Die Makemakes rocken den Song Contest, Olympique stürmt die Charts …“ sinniert Dame. Dame ist Rapper, Dame ist 25 Jahre alt. Und er ist einer der wenigen in dieser Stadt, in diesem Land, die von ihrer Musik leben können. Dass Dame beim Aufzählen der Erfolge nicht von sich selbst spricht, ist typisch für den Mann, der mit seinem kleinen Hund einen Cappuccino schlürfend vor uns sitzt. Er verkörpert den Typen von nebenan – zurückhaltend und unauffällig –, der Hip-Hop zum Anfassen macht und weniger mit protzigem Gehabe und Gangsterattitüde als kritischen und witzigen Texten punktet. Folgerichtig heißt die Tour, die ihn bald durch deutsche Großstädte und zum ersten Mal auch in die Schweiz führen wird, die „Einer von euch“-Tour. Nach dem Konzert gibt er bereitwillig Autogramme, trinkt einen mit seinen Fans. Masken, wie sie heute viele seiner Kollegen tragen, um sich zu verstecken, sind ihm ein Gräuel, singt er in „Maskenball“, einer Nummer seines aktuellen Albums „Lebendig begraben“. Was er in seiner Bescheidenheit zu erwähnen vergisst ist: Das Album des „Durchschnittstypen“, wie er sich selbst gern nennt, ist die aktuelle Nummer 10 in den deutschen Album-Charts und Nummer 1 in Österreich.
Dabei hat er eigentlich Koch gelernt. Irgendwann aber kam der Punkt, als er plötzlich alleine in der Küche stand – die gesamte Crew hatte gekündigt – und einfach nicht mehr wollte. Der Job war unerträglich. Mit der Musik lief es schon länger gut. Da lag die Entscheidung, es einfach zu versuchen, auf der Hand. „Ich hab mir so lange Zeit gelassen, bis ich nichts mehr zu verlieren hatte“, erzählt er. Heute kann nicht nur er davon leben, sondern ein ganzes Team. Den Versuchungen großer Labels hat er erfolgreich widerstanden. „Ich hatte Angebote, aber die wollten alle massiv meine Musik verändern. Weniger da, mehr dort … Das aber ist ein Punkt, an dem ich klipp und klar sage: Nein!“ Und so widerstand er den Verlockungen der Branchenriesen, lehnte ab und gründete sein eigenes Label: Damestream. „Wenn mir niemand entgegenkommt, muss ich es eben selbst machen“, meint er lakonisch. Sein aktueller Status: „Das war mein Hobby, jetzt ist es mein Beruf. Mir ging es immer um die Musik.“
Vor 100.000 Leuten spielen
Den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und man es einfach durchziehen muss, kennen auch die Purple Souls. Für Sänger und Gitarrist Jakob Wöran, von Beruf eigentlich Rechtsanwaltsanwärter in einer Wiener Kanzlei, waren es zwei Auftritte vor großem Publikum, die besiegelten, dass man das Hobby zum Beruf machen möchte. Der eine war vor der Wiener Band Wanda, der zweite noch spektakulärer: in Spielberg vor mehr als 100.000 Leuten. Als Vorband von AC/DC.
Wöran erinnert sich: „Das Telefon klingelte und man fragte uns, ob wir nicht kurzfristig als Vorband einspringen könnten. Klar konnten wir.“ Wieso die Wahl gerade auf sie gefallen war, wo der verträumte Pop der Band doch näher bei The Verve oder Coldplay liegt als bei AC/DC und Konsorten und somit an diesem Abend kaum die Herzen aller Hardrock–Fans erwärmt haben mag, ist Wöran immer noch ein Rätsel. „Nachher nahm uns der AC/DC-Manager in den Arm und meinte, dass er es zwar cool gefunden habe, er uns aber jetzt die Medaille für die poppigste Band in vierzig Jahren Bandgeschichte verleihen müsse“, lacht er.
„Dass das ohne Pfeifkonzert funktionierte, war für uns schon ein riesiger Erfolg.“ Noch heute glänzen seine Augen, wenn er versucht, das Live-Feeling von damals in Worte zu fassen. „Man geht raus und hat dieses Gesamtkunstwerk aus 100.000 Leuten vor sich. Das war so surreal, dass ich vom Auftritt eigentlich gar nicht so viel mitbekommen habe.“ Zu sehen, dass man physisch und psychisch in der Lage dazu ist, etwas Derartiges über die Bühne zu bringen, sei wie ein Boost gewesen. „Jetzt wollen wir‘s wissen!“ Keyboarder Elias Müller ergänzt: „Wenn wir es jetzt nicht versuchen, dann nie.“ Und die Chancen, dass die beiden ihre bürgerlichen Berufe bald an den Nagel hängen werden müssen, stehen nicht schlecht. Immerhin erscheint ihr Debütalbum kommendes Jahr bei Motor Music Germany.
Türöffner Steaming Satellites
Dass es da draußen auch für Salzburger Bands Möglichkeiten gibt, hat vor allem eine Band vorgezeigt: die Steaming Satellites. Früher oder später, wenn es darum geht, den Salzburger Pop-Boom in Worte zu fassen, fällt dieser Name. Die Steaming Satellites waren die Ersten, die ein deutsches Management und ein deutsches Label von sich und ihrer Arbeit überzeugten und internationale Erfolge feierten. Und auch für sie kam der Punkt, an dem sie es wissen wollten. Und auch er lässt sich – wie auch bei den Purple Souls – an einem konkreten Erlebnis festmachen: Im Salzburger Rockhouse war es, wo sie vor Jahren als Vorgruppe der US-amerikanischen Band Portugal. The Man auftraten. Dabei wussten sie so zu überzeugen, dass sie nachher gefragt wurden, ob sie nicht mit auf US-Tour kommen wollten. Sänger Max Borchart erinnert sich: „Wir haben sofort Ja gesagt.“ „Wir wollten das ja immer schon, waren heiß drauf“, ergänzt Gitarrist Manfred Mader.
Also tourte man für Kost und Logis durch die USA. Im harten Tour-Alltag hatten sie die Gelegenheit, zu sehen, wie es funktionieren kann. Das war desillusionierend und motivierend zugleich. „Wir merkten, dass es denen eigentlich genauso geht wie uns. Die waren ständig unterwegs, haben viel gespielt“, erzählt Drummer Matthäus Weber, „und sich so alles klein, klein aufgebaut“. Und noch etwas merkte man: „Dass es egal ist, wo du herkommst.“ Tatsächlich stammen die Mitglieder von Portugal. The Man, auch wenn sie heute in Portland und L.A. leben, aus Alaska. Mehr Provinz geht nicht.
Die Steaming Satellites spielen heute an die hundert Gigs im Jahr, sind dort, wo unzählige aufstrebende Bands hinwollen. Doch der Tour-Stress fordert auch seinen Tribut: Nach der letzten Festival-Saison hätte sich die Band fast aufgelöst. „Wir haben dreißig Festivals gespielt“, erzählt Borchardt. Für ihn persönlich sei das enorm an die Substanz gegangen. „Es ist wie in einer Beziehung, in der man nicht die Möglichkeit hat, sich auch einmal aus dem Weg zu gehen“, erläutert Emanuel Krimplstätter. Schlimmer noch, meint Manfred Mader. „Eine Beziehung, in der beide gemeinsam arbeiten. In einer selbstständigen Firma.“ Für das aktuelle, fantastische Album hat man sich wieder zusammengerauft und den Reset-Knopf gedrückt. Der Pop-Olymp wartet.
Noch so eine Band, die es bereits geschafft hat, ist Olympique. Mit ihrem Album „Crystal Palace“ hat sie vergangenes Jahr den deutschen Markt erobert. Drummer Nino Ebner erklärt das derzeitige Salzburger Pop-Phänomen so: „Die Qualität war immer in einer gewissen Weise da. Aber die Bands haben es halt nicht wirklich rausgeschafft aus Salzburg, bis halt irgendwann die Resignation kam.“ Jene Bands, die jetzt die Ernte ihrer langjährigen Arbeit einfahren, seien die Überbleibsel einer außerordentlich guten musikalischen und vielfältigen Generation.
Die wirtschaftliche Realität von Olympique? „Der erste Schritt für uns war, nichts mehr drauflegen zu müssen, genug Polster für Investitionen zu haben und aus Salzburg und Österreich rauszukommen“, erzählt Nino. Weltberühmt in Österreich zu sein, nütze ja bekanntlich nicht viel, wenn man den Anspruch hat, sich international zu präsentieren. „Nachdem es durch Bilderbuch und Wanda in Deutschland derzeit einen kleinen Österreich-Hype gibt, versuchen wir, das auch für uns zu nutzen.“
Mehr Energie, mehr Input
Monika und Paul Konarski von der Band The Helmut Bergers sind da weniger euphorisch. Sie haben den viel zitierten Kleinstadtmief erst mal hinter sich gelassen, um in Wien ihr Glück zu versuchen. „In Salzburg stehst du irgendwann an. Du kannst dich nicht mehr weiterentwickeln.“ Wer etwas erreichen wolle, müsse früher oder später weggehen. Also: neue Stadt, neues Album.
Was erwartet man sich von Wien? Paul Konarski: „Mehr Energie, mehr Input. Man trifft mehr Menschen und dadurch zwangsläufig auch mehr Gleichgesinnte.“ Die jüngste Salzburger Vergangenheit, erzählt er, habe sich angefühlt wie die sukzessive Vernichtung all dessen, was Underground war in dieser Stadt. Zunächst habe der Yeah Club seine Pforten gesperrt, dann seien aufgrund von Anrainerbeschwerden die Times Bar und das Schnaitl – zwei Plätze, in denen sich immer wieder Auftrittsmöglichkeiten ergaben – behördlich verplombt worden. Eine bestimmte Lautstärke darf seitdem nicht mehr überschritten werden.
Liveauftritte seien somit unmöglich geworden. Anrainerinnen und Anrainer, die einem Clubbetrieb den Garaus machen, gibt es natürlich in größeren Städten wie Graz und Wien auch. Nur: Dort sind die Ausweichmöglichkeiten bedeutend größer. Auch viele andere Bands beklagen das Ende des Yeah Clubs. Der monatlich von Stefan Kalser veranstaltete Club genoss aufgrund seiner intelligenten Programmierung nicht nur bei Musikfans hohes Ansehen. Auch für die Bands selbst war er eine willkommene Möglichkeit, sich vor heimischem Publikum in einem internationalen Rahmen zu präsentieren. Aber auch die Konarskis brennen. „Wir sind durstig und wollen alles!“, sagen sie.
Heimathafen Rockhouse
Natürlich gibt es die ARGEkultur, die Szene und das Jazzit. Es gibt das Denkmal und das Shakespeare, wo immer wieder auch junge Musik stattfindet. Die wichtigste Anlaufstelle aber für junge Bands war und ist das Salzburger Rockhouse. Elias Müller von den Purple Souls beschreibt es so: „Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste Mal am Rockhouse vorbeifuhr und mir dachte, da auch irgendwann zu spielen. Die Möglichkeit zu haben, mit fünfzehn, sechzehn auf einer großen Bühne zu stehen, war das Größte. Wenn das nicht gewesen wäre, hätten wir alle nicht weiter gemacht. Oder nicht einmal richtig angefangen.“ Vor allem die Veranstaltungen in der Bar seien interessant, meint Dominik Muhrer von den Makemakes, weil man da immer wieder auf coole junge Nachwuchsbands aufmerksam werde. Auch er selbst habe dort schon unzählige Male gespielt. Heute ist er auf dem Sprung nach Australien. Song-Contest-Teilnehmer Guy Sebastian lud sie zu einer Tournee ein. Die Verhandlungen mit dem größten Broadcasting-Network von Down Under stünden kurz vor dem Abschluss, erzählt er.
„Olympique, die Steaming Satellites, die Makemakes und Dame sind ja nur die Spitze des Eisberges“, sagt dann auch Geschäftsführer Wolfgang Descho nicht ohne Stolz. Und die Erfolge beschränken sich schon lange nicht mehr auf den Album- oder Livesektor: Ein Song der Steaming Satellites lief im Film „Das finstere Tal.“ Ein Lied der Helmut Bergers schaffte es in die Werbung. Die junge Band Please Madam trat mehrfach in der deutschen Show Circus Halligalli auf. Und Dame ist ein YouTube-Star (dazu später). Ja, es scheint fast, als würde die jahrzehntelange Arbeit am Rande des finanziell Machbaren endlich Früchte tragen: Allein im Jahr 2014 spielten 311 österreichische Bands (davon 168 aus Salzburg) im Rockhouse. Und heuer schafften es bereits vier Salzburger Bands, das Rockhouse auszuverkaufen. Doch nicht nur auf der Bühne ist das Haus ausgebucht: Im Rockhouse proben derzeit 27 Bands in sechs Proberäumen (darunter u. a. Olympique und Purple Souls). Daneben gibt es die Rockhouse Academy, mit der von der Motivation der Jüngsten bis hin zur rechtlichen Information der Profis den wichtigsten Anforderungen von Musikschaffenden entsprochen wird. Es gibt einen eigenen Sampler namens Xtra Ordinary und den Heimo Erbse Förderpreis.
„Was auf dem Weg nach oben am meisten fehlt, sind die professionellen Management- und Agenturstrukturen“, so Descho. Aber heute müsse man nicht mehr nach Wien gehen, um die dortige Infrastruktur zu nutzen. Es reicht, öfter mal präsent zu sein, ohne gleich den Lebensmittelpunkt zu verlegen. In der Tat leben Bands wie Steaming Satellites oder Olympique in Salzburg, unterhalten aber enge Beziehungen zu Münchner oder Wiener Agenturen, die sie bei ihrer Arbeit unterstützen. Und: „Viele wurden hier erwachsen, gingen dann nach Wien“, so Descho, „arbeiten heute in Agenturen, halten aber immer noch Kontakt zu alten Freundinnen und Freundenen, die Musik machen. Alle sind gut vernetzt.“
Harte Arbeit und Realitätssinn
Aber was ist der Grund für den plötzlichen Erfolg? Die Produktionsmittel, meint Manfred Mader von den Steaming Satellites. „Man kann heute viel leichter zu Hause aufnehmen. Schon mit vierzehn.“ Und so komme man auch viel leichter rein in die Szene. „Überleg doch mal“, sagt er in meine Richtung. „Als du vierzehn warst, vor circa dreißig Jahren“, lacht er, „wo hättest du da einen Song aufgenommen? Im Studio. Dafür aber hättest du Unmengen von Geld investieren müssen.“ Stimmt. Aber es erklärt noch nicht, warum es derzeit gerade in Salzburg so gut läuft. Computer gibt es österreichweit. Und auch die Affinität für soziale Medien ist kein regionales Phänomen. Aber sie ist eines.
Generation Social Media
Mario Fartacek vom Elektro-Pop-Duo Mynth, einer der laut der Musikzeitschrift The Gap zehn interessantesten Acts der österreichischen Musikszene, erinnert sich. Durch MySpace habe man, als er anfing, Musik zu machen, immer genau nachvollziehen können, was die anderen Bands gerade tun, wo sie stehen. „Und weil wir im Vergleich dazu scheiße klangen, haben wir einfach geübt und geübt.“
Heute ist YouTube das Maß aller Dinge. Bei Dame fing es damit an, Sachen auf YouTube zu stellen. Bevor man noch Konzerte spielte, war man im Netz präsent. Mit Mixtapes und dann mit Songs zu Videospielen. Ein genialer Einfall, der Millionen von Klicks und damit eine gewisse Bekanntheit brachte. Bezeichnungen wie „der österreichische King of YouTube“ stören ihn nicht. „Wieso auch. Ich bin mit YouTube groß geworden. Das kann ich nicht leugnen.“ Ein bisschen Spotify, ein bisschen iTunes, Album, Gagen – alles zusammen ergebe das große Ganze.
Olympique-Drummer Nino hat dagegen klare Prioritäten: „Am Ende des Tages geht es darum, dass man ein Konzert spielen kann, bei dem man etwas verdient. Wenn in Wien 1.000 Leute ins WUK kommen, um uns zu sehen, und jede Show in Österreich am Ende ausverkauft ist, dann merkt man, dass man den Zeitgeist in irgendeiner Art und Weise getroffen haben muss. Ein paar Klicks oder Likes auf Facebook sind dagegen irrelevant. Um das geht es nicht.“
Wenn man Max Borchart, den Sänger der Steaming Satellites, danach fragt, was er von all den unterschiedlichen Bands, von Thin Lizzy bis Raveonettes, mit denen er schon gespielt hat, gelernt habe, sagt er lakonisch: „Dass alle hart arbeiten“, und zündet sich eine Zigarette an. „Von nichts kommt nichts“. Das haben auch alle anderen, die aus Salzburg kommen, und noch nicht so weit sind, verinnerlicht. Oder wie es Wolfgang Descho formuliert: „Die träumen alle nicht von warmen Eislutschern.“
Die Salzburger Pop-Legende Stootsie, spricht gern von einem neuen Wir-Gefühl. Der Sänger und Gitarrist, den nicht nur Jakob Wöran als Mentor bezeichnet, sondern in dessen Shop Riverside wohl alle, die eine Gitarre halten können, schon einmal vorstellig wurden, prägt die Szene seit mehr als dreißig Jahren wie kaum ein anderer. Gegenüber früheren Zeiten gebe es keinen Neid mehr. „Alle ziehen an einem Strang, erfreuen sich am Erfolg der anderen.“ Der Trubel um eine Band wie den Steaming Satellites reiße wie in einem Dominoeffekt andere mit und rufe eine ganze Reihe von NachahmungstäterInnen auf den Plan.
Vieles spricht für diese Theorie, für ein Ende des Minderwertigkeitskomplexes und für einen neuen Glauben, der eine gewisse Grundsturheit befeuert, es in einer Kleinstadt wie Salzburg, in der es – abgesehen von Ausnahmen wie dem Rockhouse – eben nur limitierte Möglichkeiten gibt, trotzdem zu versuchen.
Und man ist flexibel. Ob Song Contest oder YouTube: Man findet seinen Kanal. Und wenn es keinen Club gibt, wird eben auf dem Dach gespielt. So geschehen neulich auf der sogenannten „Rooftop-Party“, bei der (nach einem Gig von Singer-Songwriterin Mel) Marcus Jay Cooper auf dem Dach eines Hauses in der Gstättengasse sein bald erscheinendes Album vorstellte. Marke: räudiger Rock mit verzerrten Gitarren und großem Potenzial. Oder im Möblich, einem Möbelhaus in der Vogeldweiderstraße, wo regelmäßig Konzerte stattfinden und neulich eine junge Soulsängerin namens Rosa Brown mehr als nur eine Talentprobe abgab.
Die Szene ist erfinderisch. Und die Leute hinter der Musik? Normale Typen, die wunderbare Musik machen, Erfolg haben oder kurz davor stehen. Manche gehen so wie die Helmut Bergers und Mynth, um es in Wien zu versuchen. Manche bleiben wie Dame, Olympique oder die Steaming Satellites und nutzen die schnellen Zugverbindungen, um in Wien oder München Geschäftliches zu erledigen und danach in der beschaulichen Stadt Salzburg wieder runterzukommen. Raus müssen also alle, wenn sie etwas erreichen wollen. Entweder reell oder virtuell.
Und was ist ihnen Salzburg? „Heimat halt“, sagt Matthäus Weber, und es klingt ein wenig hohl. Letztlich sei es doch egal, woher man komme. Oder man handhabt es so salomonisch wie Mario Fartacek: „Wenn man mit Leuten aus Österreich redet, sagt man, man kommt aus Salzburg. Wenn man in Budapest spielt, sagt man, man kommt aus Wien. Schließlich wohnen wir ja auch dort.“
Zugegeben, für Salzburg braucht man Glück: Man kann in einer Bar landen, in der Zimmerlautstärke das Höchste der Gefühle ist. Man kann aber unter Umständen auch erleben, wie ein völlig betrunkener Helmut Berger im Rockhouse vorbeischaut, um „seine“ Band zu sehen, dort die Bühne entert, um seine Zuneigung zu bekunden und anschließend der ersten Reihe seinen Hintern zu zeigen. Langeweile und Exzess – sie liegen nahe beieinander. Aber: In einer Stadt, aus der Bands wie die genannten kommen – und es gibt noch viele, über die es sich zu berichten lohnte –, in der es Orte wie das Rockhouse und Riverside Guitars gibt, ist vieles möglich. Und in einer Stadt, in der man an Orten, wo sonst Möbel begutachtet werden, hochklassigen Soul hören, oder auf einem Dach, wo sonst die Tauben gurren, erleben kann, wie Jay Cooper versucht, der Festspielstadt Rock ‘n‘ Roll einzuimpfen, gibt es Hoffnung.
Markus Deisenberger
Foto Purple Souls © Marc Stickler
Foto Dame (c) Lukas Oberholzer
Foto Steaming Satellites (c) Christian Maislinger
Foto Olympique (c) Matthias Heschl
Foto The Helmut Bergers (c) Georg Pircher Verdorfer
Foto Mynth (c) Niko Ostermann
Foto Jay Cooper (c) Raffael Stiborek