Das Wiener Indie-Folk-Duo LAMILA widmet sich auf seinem zweiten Album „Save It In A Box“ (Seayou Records; VÖ: 282.) der vielschichtigen Bedeutung einer „Box“. Diese dient als Aufbewahrungsort für Erinnerungen an Erlebnisse und Erfahrungen, die positive Emotionen hervorrufen, aber auch immer wieder verdrängte Gefühle ans Licht bringen. Musikalisch zeigen sich Sängerin Camilla Thurner und Multiinstrumentalist Alexander Hoffmann, die beiden Köpfe hinter LAMILA verändert: Akustische Klänge bleiben wichtig, doch das Arrangement ist facettenreicher. Neben Gitarren und Gesang ergänzen Schlagzeug, Synthesizer und ein handgefertigtes Saiteninstrument die Kompositionen. Klare Rhythmen und verwobene Melodien prägen den Stil, der zwischen Intimität und Energie wechselt. Trotz nachdenklicher Töne wirkt das Album nicht schwermütig, sondern vielschichtig und voller feiner Details. Im Interview mit Michael Ternai erzählen Camilla Thurner und Alexander Hoffmann von ihrem Wunsch nach einer musikalischen und soundtechnischen Neuorientierung, ihrem Willen zur Umsetzung der eigenen Ideen sowie den DIY-Charakter ihrer neuen Produktion.
Am 28. Februar erscheint mit „Save It In A Box“ euer zweites Album. Und es zeigt sich in vielen Aspekten doch anders als das Debüt. Musikalisch geht es nämlich deutlich verspielter und vielschichtiger zu als noch bei „Withered Dream“. Die Songs erzählen musikalisch alle ihre eigenen Geschichten und wirken trotz ihrer melancholischen Note dennoch irgendwie erhebend.
Alexander Hoffmann: Was die Verspieltheit anbelangt, würde ich das auf jeden Fall unterschreiben. Was dieses Album jedoch besonders macht, ist, dass wir diesmal fast alles selbst gemacht haben – vor allem die Aufnahmen. Wir haben festgestellt, dass wir im Vergleich zu unserem ersten Album bestimmte Dinge selbst in die Hand nehmen und insbesondere den Produktionsprozess stärker mitgestalten wollten, um unsere Ideen direkter umzusetzen. Außerdem wollten wir uns die nötige Zeit nehmen, um an den Details zu feilen. So haben wir intensiv an den Gesangstakes gearbeitet, um genau das Ergebnis zu erzielen, das wir uns vorgestellt haben. Im Studio wäre das aufgrund der hohen Kosten nicht möglich gewesen. Deshalb haben wir uns bei mir zu Hause, im Abstellraum, ein kleines Aufnahmestudio eingerichtet und uns die Monate genommen, die wir gebraucht haben …
Camilla Thurner: … eigentlich Jahre.
Alexander Hoffmann: Ja, stimmt, es waren eigentlich schon Jahre. Alles selbst zu machen, hat allerdings nicht nur Vorteile. Es ist schwer, ein Ende zu finden. Es fehlt eine übergeordnete Produktionsinstanz, die sagt: „Okay, das reicht jetzt, das ist gut so.“ Stattdessen denkt man ständig, man könnte es noch besser machen.
Camilla Thurner: Es ist schwer, selbst zu entscheiden, wann ein Song wirklich fertig ist. Man muss sich durch die vielen Spuren arbeiten und aus unzähligen Takes die besten auswählen. Das braucht Zeit.
Alexander Hoffmann: Insofern bestätigt das deinen Eindruck, dass das Album verspielt ist, denn wir haben tatsächlich viel experimentiert und ausprobiert. Der Ansatz bei diesem Album war insgesamt sehr verspielt.
Was bei diesem Album auch neu ist, dass ihr es alleine im Duo geschaffen habt.
Camilla Thurner: Genau, das ist ein großer Unterschied zum ersten Album. Damals hatten wir externe Musiker:innen dabei. Dieses Mal hat Alex – bis auf das Schlagzeug – alle Instrumente selbst eingespielt.
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Alexander Hoffmann: Das war auch dem geschuldet, dass unsere Bassistin aus der Band ausgestiegen ist und wir daher unser Konzept ein wenig neu überdenken mussten. Daraus hat sich dann in der Folge ergeben, dass wir beschlossen haben, alles alleine zu machen. Sprich, dass wir nicht mehr diesen Bandcharakter haben, sondern ein Duo sind.
Camilla Thurner: Wir haben uns dann das notwendige Equipement zugelegt und uns quasi von null an alles angeeignet. Der Sound ist dieses einfach deswegen so verspielt und auch organischer, weil wir einfach wirklich Monate bis Jahre lang versucht haben, eben diesen zu finden.
Die Arbeit an diesem Album war für euch dann wahrscheinlich ein Sprung ins kalte Wasser. Welche Herausforderungen brachte es mit sich, alles selbst in der Hand zu haben?
Alexander Hoffmann: Wir hatten zwar eine klare Intention, aber wir wussten nicht, ob wir es alleine schaffen, weil wir eigentlich im Recording-Bereich DIY waren und mit einfachen Aufnahmeprogrammen gearbeitet haben. Diese Programme hatten wir davor nie wirklich professionell genutzt. Deshalb waren wir uns unsicher, ob wir alles richtig machen, ob wir uns das überhaupt zutrauen – sowohl technisch als auch kreativ. Letztlich haben wir uns einfach ins Blaue hineinbegeben. Im Nachhinein ist es aber cool zu sehen, wie viel wir uns angeeignet haben und was am Ende dabei herausgekommen ist.
Camilla Thurner: Der Weg dahin war ja nicht ganz ohne. Wir haben viele Aufnahmefehler gemacht, unter anderem bei den Mikrofonen. Teilweise waren die Ergebnisse einfach nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Mal gab es starkes Rauschen, mal haben die Mikrofone nicht zu meiner Stimme gepasst, also haben wir neues Equipment bestellt. Aber was wir jetzt erschaffen haben, kann uns niemand mehr nehmen. Jetzt wissen wir, wie es geht. Bei zukünftigen Alben oder Projekten werden wir definitiv an diesem DIY-Ansatz festhalten.
Hattet ihr zu Beginn schon eine konkrete Vorstellung von dem, wohin es musikalisch mit Lamila gehen soll, oder habt ihr erst einmal viel herumprobieren müssen?
Alexander Hoffmann: Es war schon viel Trial and Error dabei. Was aber am Anfang schon ein bisschen feststand, war die Grundvision, den akustischen Gitarrensound mit Synthesizern und moderneren Indie-Beats zu verbinden.
Camilla Thurner: Wir wussten schon ein paar Dinge, die wir haben wollten. Unter anderem wollten wir die Vocals falsettartiger, höher und intimer klingen lassen und haben uns daher auch viel Zeit für diese vorgenommen. Das war auf jeden Fall ein großer Wunsch von mir. Auch das Schlagzeug war ein wichtiges Thema für uns. Generell wollten wir in eine minimalistischere Richtung gehen.
Alexander Hoffmann: Wir wollten diesen eher intimen Zugang in eine Pop-Ästhetik verpacken.

Wenn ich euch reden höre, bestätigt sich auch irgendwie mein Gedanke, der mir beim Durchhören des Albums gekommen ist: Es steckt wirklich viel Kopfarbeit hinter den Songs. Außerdem sind sie zwar an Popmusik angelehnt, biegen aber nicht ganz in diese Richtung ab. Sie entwickeln alle irgendwie einen ganz eigenen Charakter und sind sehr verschieden. Erstaunlich ist, dass trotz aller Vielfallt alles wie aus einem Guss klingt.
Camilla Thurner: Dadurch, dass wir alles mit unserem eigenen Equipment aufgenommen haben – mit den Möglichkeiten, die wir hatten, und dem Wissen, das wir hatten – bekam alles letztlich doch einen ähnlichen Sound. Die Produktion haben wir zum Teil ja auch ausgelagert, an Niklas Apfel, der ebenfalls seine eigene Soundvorstellung hat. Deswegen klingt alles in Summe dann trotzdem einheitlich, auch wenn die Songs so unterschiedlich sind.
Alexander Hoffmann: Dazukommt, dass wir immer wieder auf Sounds zurückgegriffen haben, die davor schon in anderen Songs funktioniert haben. Ich finde es wahnsinnig spannend, mit analogen Instrumenten nach neuen Sounds zu suchen. So habe ich zum Beispiel für mein Bachelorstudium einmal eine Art Zitherinstrument gebaut, bei dem ich einen Hartholzblock verwendet habe, auf dem Saiten gespannt waren. Dieses zitherartige Zupfinstrument haben wir dann in die Produktion eingebaut. Wir haben dessen Töne gesampelt und verwendet. Dadurch hatten wir dann auch unseren Signature-Sound, weil niemand sonst dieses Instrument hat.
Auch mit Gitarrensounds experimentiere ich viel herum. Ich habe einmal verschiedenste Stoffe oder Materialien zwischen die Saiten gewunden, um einen perkussiveren Sound hinzubekommen. Und auch dieser ist in manche Songs eingeflossen.
Und aufgrund dessen, dass wir eben diese Sounds immer wieder mal verwendet haben, ergibt sich soundtechnisch dann doch ein gewisser roter Faden.
Kann man sagen, dass das Zulassen von Neuem eine Art Programm bei der Arbeit an diesem Album war?
Camilla Thurner: In gewisser Weise schon. Es war auf jeden Fall kein konkreter Plan vorhanden. Manche Dinge sind einfach so gekommen. Wir haben zum Beispiel auf dem neuen Album immer wieder Sprechgesang-Elemente eingebaut. Das war eigentlich auch nichts, was wir uns vorgenommen haben – die sind einfach so passiert. Dass es so passieren konnte, hat damit zu tun, dass sich die Aufgabenteilung verändert hat. Das Projekt Lamila habe ursprünglich ja ich gegründet. Ich hatte damals ein paar Gitarrenakkorde und Textideen und bin dann auf Alex getroffen, und wir haben das erste Album gemacht.
Beim neuen Album ist es stark dahin gegangen, dass wir die Sachen gemeinsam schreiben, und die instrumentale Songidee kommt mittlerweile hauptsächlich von Alex. Das macht natürlich einen riesigen Unterschied, weil er mit der Gitarre einfach ganz andere Ideen hat, als ich sie damals mit meinen Skills hatte. Dadurch sind automatisch ganz andere Impulse gekommen, wie etwa der Sprechgesang.
Das Schreiben hat sich einfach komplett verändert. Es ist eine ganz andere Intensität in den Prozess hineingekommen. Beim ersten Album sind wir im Grunde mit drei Songs in das Studio gegangen und haben geschaut, was passiert. Das war dieses Mal ganz anders.
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Weil ihr vorher erwähnt habt, dass ihr vor allem an den Vocals sehr intensiv gearbeitet habt. Wie viele Durchläufe hat das gebraucht, wie viele Versionen von Songs habt ihr?
(beide lachen)
Camilla Thurner: Also, so viele Versionen sind es dann doch nicht. Wir haben eher mit Takes gearbeitet und manche Phrasen ganz oft hintereinander aufgenommen. Wie lange es gedauert hat, bis ein Song dann fertig war, war unterschiedlich.
Bei manchen Songs, wie etwa „Tent“, waren die Vocals eigentlich recht schnell fertig, bei anderen, wie „Came Out of the Water“, hat es dagegen ewig gedauert. Ich will gar nicht wissen, wie viele Takes wir da gemacht und wie viel wir da geschnitten haben – das war schon sehr intensiv. Aber das war mir wichtig, weil ich beim ersten Album weniger Einfluss auf die Vocal-Takes hatte. Wir haben damals ein paar Takes aufgenommen und der Produzent hat festgelegt, wann er genug Material hatte. Dann hat er uns ein paar Entwürfe gezeigt, und wenn da nichts dabei war, musste man halt einen Kompromiss finden. So arbeiten wollte ich nicht mehr. Ich will jeden einzelnen Take durchhören, auch wenn es 500 sind.
Alexander Hoffmann: Bei einem Song waren es tatsächlich um die 400. (lacht)
Camilla Thurner: Es war auf jeden Fall sehr viel Arbeit. Und wir haben uns teilweise auch reingesteigert. Wahrscheinlich hätte es für die Zuhörenden keinen Unterschied gemacht, wenn es nur 200 Takes gewesen wären. Aber das war dieser Prozess, einfach einmal herauszufinden, wie man eigentlich klingen will.
Wie sieht es eigentlich inhaltlich aus? Was sind die Themen, die ihr in den Songs behandelt?
Camilla Thurner: Einen wirklich roten Faden gibt es, was die Themen anbelangt, nicht wirklich. Was viel in unseren Songs abgehandelt wird, ist das Thema Beziehung. Alex und ich sind ja auch in einer Beziehung miteinander. Das spielt dann halt auch nochmal rein. Sicher spielt in den Texten auch die Frage eine Rolle, wo wir gerade im Leben stehen. Mit Anfang/Mitte 30 dieses Zurückschauen auf das, was bis jetzt war, was man vielleicht erreicht hat und wo man noch hinwill. Vielleicht auch Unzufriedenheiten einmal den Raum geben.
Bei „Tent“ zum Beispiel geht es schon auch um diese Sinnkrise, auch in Bezug aufs Musikmachen und auch in Bezug auf manche Lebensentscheidungen, die man getroffen hat. Und auch die Frage, was kann ich noch sein, abseits von dem, was ich schon bin, spielt da mit rein. Ich glaube, diese Dinge waren gerade bei mir in dieser Lebensphase ein großes Thema.

All das verbindet, finde ich, der Albumtitel „Save It In A Box“ ganz gut. Alles was war, egal ob positiv oder negativ, ist Teil von mir und hat meine Identität geformt und mich zu dem gemacht, was ich bin. Im Grunde ist es das. Man möchte all diese Erfahrungen aufheben, und wir haben die Box als Symbol dafür genommen.
Stilistisch kommt in unseren Songs oft dieser Dualismus vor: Ich singe, Alex singt, ich singe, Alex singt – eine Geschichte wird aus zwei Perspektiven beleuchtet. Das lässt sich auf verschiedene Weise interpretieren: Als ein innerer Konflikt, bei dem verschiedene Anteile einer Person gegensätzliche Wünsche haben, aber auch als Ausdruck des Verbindenden zwischen uns.
Ihr habt viel für euch von diesem Produktionsprozess viel mitgenommen und viel Erfahrung gesammelt. Ich nehme mal an, dass ihr diesen Weg, euch immer neu zu fordern, auch weiterhin gehen werdet und ein mögliches nächstes Album wieder etwas anders sein wird.
Camilla Thurner: Das wird sicher in eine andere Richtung gehen. (lacht) Es ist ja so, dass Alex auch in andere Projekte involviert ist. Und er macht dort auch neue Erfahrungen, die dann vor allem auf produktionstechnischer Ebene einfließen werden. Insofern werden wir uns mit Sicherheit weiterentwickeln. Ein kommendes Album, egal ob es in einem oder in vier Jahren kommt, wird wieder von neuen Ideen geprägt sein. Irgendwie schwebt uns vor, dass es ganz minimalistisch wird – davon träumen wir ein bisschen.
Alexander Hoffmann: Es gibt noch keine konkreten Ideen, eher eine Vision: Das nächste Album soll im Kontrast zu dem stehen, was wir jetzt gemacht haben. Die Arbeit am aktuellen Album war ein sehr aufwändiger Prozess – es ist aufwendig produziert, und es hat riesigen Spaß gemacht, daran zu arbeiten. Aber ich glaube, wir beide haben das Bedürfnis, dass die Produktion des nächsten Albums kürzer dauert und wir schneller zu einem Ergebnis kommen.
Camilla Thurner: Im besten Fall in einer Woche in einem Haus irgendwo am Meer – das wäre mein Traum.
Herzlichen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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Lamila live
28.2.2025 Chelsea, Wien, Albumrelease
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Seayou Records
