„Wir glauben, dass wir hier eine sehr ganzheitliche Ausbildung geschaffen haben.“ – PHILIPP NYKRIN (Vorsitzender Studienkommission Performance Popularmusik) im mica-Interview

Mit dem Wintersemester 2026/27 setzt die mdw einen neuen Schwerpunkt und ergänzt ihr Portfolio um ein künstlerisches Masterstudium der Popularmusik. Verankert am Institut für Popularmusik (ipop) reagiert die Universität damit auf ein Feld, das sich durch digitale Dynamiken, globale Vernetzung und sich stetig verschiebende Produktions- und Rezeptionsweisen laufend neu definiert. Laut dem Vorsitzenden der Studienkommission Performance Popularmusik, Philipp Nykrin, soll das Programm gezielt jene künstlerischen und praktischen Kompetenzen vermitteln, die es braucht, um sich in diesem komplexen Umfeld eigenständig und zeitgemäß zu positionieren. Im Interview mit Michael Ternai spricht Philipp Nykrin über die Idee hinter dem neuen Masterstudium sowie dessen Inhalte, Angebote und Ziele.

Das Institut ipop gehört ja zur mdw, und im Grunde hat ja dort schon immer Popularmusik stattgefunden … 

Philipp Nykrin: Das Institut für Popularmusik an der mdwUniversität für Musik und darstellende Kunst Wien wurde 2002 gegründet. Bis jetzt hatte das ipop allerdings ausschließlich musikpädagogische Studien im Portfolio bzw. zu diesen Studiengängen Fächer beigesteuert. Zu erwähnen sind hier beispielsweise die Studien Instrumental-/Gesangspädagogik, Lehramt, Musiktherapie und Musik- und Bewegungspädagogik. Das sind eben alles Studiengänge mit einer pädagogischen Ausrichtung und es ist ein Novum an der mdw, dass am ipop nun ein rein künstlerisches Masterstudium implementiert wird.

Also gewissermaßen das Pendant zur klassischen Konzertfach-Ausbildung?

Philipp Nykrin: Genau. Die mdw ist ja weltweit renommiert für ihre Ausbildung im klassischen Bereich, gerade auch in künstlerischen Konzertfach-Studien. Und jetzt gibt es erstmals gewissermaßen ein Konzertfach-Pendant in der Popularmusik mit einer klaren künstlerischen Ausrichtung.

Aber warum hat die mdw dieses Masterstudium als notwendig erachtet? Hat die mdw die Idee, dieses Studium einzuführen, schon länger mit sich herumgetragen?

Philipp Nykrin: Das Studium war mehrere Jahre in Entwicklung. Ich habe als neuer Vorsitzender die Leitung der Studienkommission zu einem Zeitpunkt übernommen, an dem vieles am Studium bereits weit entwickelt war. Unser Auftrag war es dann, dem Studium in einer weiteren Überarbeitung den finalen Feinschliff zu geben und die Punkte auszuarbeiten, die noch offen waren.

Es gibt viele Ausbildungsinstitutionen, die stark jazzorientiert sind, aber schon deutlich weniger mit einer breiteren popularmusikalischen Ausrichtung. Das ipop schließt Jazz, Blues und improvisierte Musik etc. natürlich als essentielle Bestandteile in sein Grundverständnis von stilistischer Vielfalt in der musikalischen Ausbildung mit ein, aber eingebettet in das große Feld Popularmusik. Wir sind in unserer Ausrichtung ein sehr breit aufgestelltes Institut, gerade auch was das Lehrpersonal angeht. Dieses Asset kommt also auch dem neuen Studium zu Gute.

Man kann klar beobachten, dass die junge österreichische Musikszene gerade auch im popularmusikalischen Bereich wirklich floriert und quasi täglich neue spannende Künstlerinnen, Künstler und Bands auftauchen. Insofern ist es, denke ich, ein wichtiges Signal, dass es nun auch dieses künstlerische Masterstudium der Popularmusik gibt – für Leute, die ihre berufliche Tätigkeit nur im rein künstlerischen Sektor verorten. Wobei natürlich auch viele unserer Studierenden pädagogischer Studien künstlerisch tätig sind, zum Teil schon sehr intensiv außerhalb der Universität während des Studiums.

Das Masterstudium ist ein Angebot für junge Künstlerinnen und Künstler, die gezielt zwei Jahre lang an der eigenen Musik arbeiten, Input für die Weiterentwicklung der individuellen künstlerischen Persönlichkeit bekommen und die eigenen instrumentalen bzw. vokalen Fähigkeiten weiterentwickeln wollen.

In der Klassikabteilung ist es ja klar: Viele Absolventinnen und Absolventen kommen später auch in diesem Bereich unter – etwa in Orchestern – oder verwirklichen ihre eigenen Projekte. Wie sieht hier die Zielvorstellung aus? Was passiert mit den Leuten bzw. was sollen sie machen, wenn sie dieses Studium beendet haben? Welche Skills haben sie dann, die andere ohne diese Ausbildung vielleicht nicht haben?

Philipp Nykrin: Wir glauben, dass wir hier eine sehr ganzheitliche Ausbildung geschaffen haben. Das Studium heißt Performance Popularmusik – aber was umfasst “Performance“ eigentlich alles? Natürlich in erster Linie die Performance auf der Bühne. Für uns schließt er aber auch ein, dass man im alltäglichen Musikbusiness – in der Probenarbeit, im Studio und beispielsweise auch in der medialen Repräsentanz, besonders im online-Auftritt – selbstsicher und professionell agieren kann.

Deshalb ist das Studium eine sehr ausgewogene Mischung aus künstlerischem Einzelunterricht, einem breiten und praxisorientierten Nebenfach- und Wahlbereich und vor allem viel Ensemblespiel und künstlerischer Gruppenarbeit. Es gibt im Studium zwei neu geschaffene Gruppenunterrichtsformate, in denen in der Regel die Studierenden eines Jahrgangs als Ensemble gemeinsam arbeiten: Ensembles und Labs.

Bild von Philipp Nykrin
Philipp Nykrin (c) Victoria Nazarova

Die Ensembles sind auf die Erarbeitung und Aufführung unterschiedlicher Repertoires ausgerichtet. Zwei der Ensemble-Lehrveranstaltungen finden als Team-Teaching statt, wobei jeweils eine zweite Lehrperson gezielt Performance-Aspekte einer Aufführung beleuchtet, also etwa den bewussten Einsatz von Körpersprache auf der Bühne. Die Labs sind sehr praxisorientierte Gruppenlehrveranstaltungen, in denen wichtige Inhalte der  täglichen musikalischen Praxis – etwa Improvisation, Musiktheorie, Gehörbildung, Körper- oder Rhythmusarbeit – auf fortgeschrittenem Niveau vermittelt und direkt am Instrument umgesetzt werden. Es gibt viele Unterrichtssituationen, in denen z.B. Musiktheorie eben sehr theoretisch vermittelt wird, also primär an Tafel, Papier oder Tablet. In diesem Studium soll hier der Unterricht in einem Band-Setting stattfinden, damit die Lehrinhalte immer gleich direkt am Instrument umgesetzt werden können.

Die Studierenden eines Jahrgangs spielen und arbeiten also sehr viel miteinander – sowohl in den Ensembles und Labs, aber auch in anderen Lehrveranstaltungen, beispielsweise Studiopraktika oder Fächern mit kompositorischer Ausrichtung.

Unser Ziel ist es, hier eine künstlerische Community zu schaffen, in der zwei Jahre lang sehr intensiv miteinander gearbeitet wird, in der man sich gegenseitig inspiriert und aus der auch neue künstlerische Projekte entstehen. Die Studierenden werden durch die Arbeit in verschiedenen Fächern dabei unterstützt an eigenen Projekten zu arbeiten. Ein eigenes künstlerisches Projekt, welches über das Studium entwickelt oder weiterentwickelt wird, stellt auch den Inhalt einer künstlerischen Masterarbeit und des öffentlichen Abschlusskonzerts im Rahmen der Masterprüfung dar.

Die Lehrveranstaltung „Plenum“ ist kommunikativer Dreh- und Angelpunkt des Studiums, hier präsentieren die Studierenden regelmäßig ihr aktuelles künstlerisches Schaffen den Kolleginnen und Kollegen, welches dann in der Gruppe reflektiert wird.

Das heißt, im Rahmen des Studiums wird das Gemeinsame stark gefördert.

Philipp Nykrin: Das Studium bietet eine tolle Mischung aus den Benefits, die eine universitäre Ausbildung mit sich bringt – den individuellen Bedürfnissen angepasste Betreuung in Einzel- und Gruppenunterricht in einer gut ausgestatteten Infrastruktur – aber auch der Möglichkeit des kreativen Austauschs mit anderen Studierenden und Lehrenden, auch um Dinge auszuprobieren und seine eigene Musik in verschiedenste Lehrveranstaltungen einzubringen. Es soll hier ein Raum geschaffen werden, in dem man vielleicht auch einfach einmal etwas ergebnisoffen ausprobieren kann. Die Studierenden sollen die Möglichkeit haben, wirklich auf einer kreativen Spielwiese mit anderen zu arbeiten, immer gut betreut von den Lehrenden natürlich.

Die Popularmusik befindet sich heute in einem steten Wandel – ganz einfach, weil sich Technologien rasant entwickeln, sich das Umfeld, also die Branche, permanent verändert und sich auch die Formen der Veröffentlichung laufend wandeln. Das dürfte auch ein zentraler Punkt sein, den ihr vermitteln wollt: dass es nicht nur um Musik und Kreativität geht, also um die Entwicklung einer eigenen Sprache und eines eigenen Stils, sondern auch darum, mit diesen Skills in einer Musikwelt bestehen zu können, die sehr divers und abwechslungsreich, zugleich aber auch herausfordernd ist. Dass man dafür gewissermaßen auch ein gewisses Rüstzeug mitbekommt.

Philipp Nykrin: Ja, auf jeden Fall. Diese rasanten Veränderungen durch Technologien, die ja in aller Munde sind – und zwar auch nicht nur im Musikbereich –, sind für Künstlerinnen und Künstler alltäglich geworden. In einer globalisierten Welt, in der man im Grunde das Kunstschaffen von Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt jederzeit auf Knopfdruck am Bildschirm haben kann, ist es natürlich wesentlich schwieriger geworden, aus der Masse herauszustechen.

Wir glauben deshalb, dass es wichtig ist, den Studierenden in diesem Zusammenhang auch ein Fachwissen im Bereich Musikmanagement und medialer Repräsentanz zu vermitteln. Wie kann ich z.B. – selbst wenn ich rein akustische Musik mache – selbst meine Band aufnehmen und meine Musik für digitale Medien aufbereiten? Und was muss ich wissen um mich als mein eigener Manager/meine eigene Managerin im Musikbusiness vertreten zu können?

Es gibt ein Wahlfach, das sich jeweils tagesaktuell mit dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) und den neuen Medien beschäftigt. Dafür sollen Expertinnen und Experten eingeladen werden, die sich aktuell mit diesem Feld auseinandersetzen und die neuesten Entwicklungen präsentieren können.

Außerdem absolvieren die Studierenden in jedem Semester ein Studiopraktikum. Dort geht es darum, die technischen Möglichkeiten, die es in diesem Bereich mittlerweile gibt, gut nutzbar zu machen – um ihre Musik entsprechend aufnehmen, produzieren und weiterverbreiten zu können.

Ich nehme an, dass auch die Musikwirtschaft generell ein Thema sein wird.

Philipp Nykrin: Es gibt einerseits eine Lehrveranstaltung zur Musikwirtschaft im Pflichtbereich, andererseits weitere Wahlmöglichkeiten, wenn man sich in diesem Bereich spezialisieren möchte. Der Wahlbereich ist generell sehr breit aufgestellt und ermöglicht den Studierenden, gezielt zu entscheiden, in welchem Bereich sie sich noch aktiv weiterbilden möchten.

In einem weiteren Fach im Pflichtbereich geht es gezielt um das Erstellen von Textsorten wie Promotion-Texten und Förderanträgen. Ich erlebe das ja tagtäglich in meinem eigenen künstlerischen Schaffen: Je präziser und auch schneller man sich da ausdrücken kann – sei es mündlich oder schriftlich –, desto weniger Zeit muss man dafür aufwenden und desto mehr Zeit bleibt für die eigene künstlerische Entwicklung.

Gleichzeitig ist es enorm wichtig, gut kommunizieren zu können und über die eigene Musik sprechen zu können: Was will ich ausdrücken, warum gestalte ich es so und nicht anders? In einer Zeit, in der die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne – sei es beim Musikkonsum oder beim medialen Konsum generell – sehr kurz ist, wird diese Fähigkeit noch wichtiger.

Hier ist auch noch der wissenschaftliche Studienbereich des Masterstudiums zu erwähnen, in dem es um Kontextualisierung und kritischen Hinterfragung der eigenen künstlerischen Arbeit geht. Auch eine Pflichtlehrveranstaltung aus dem Bereich der Gender Studies wurde ganz bewusst in den Lehrplan integriert.

Jetzt eine andere Frage: Wie viele Lehrkräfte seid ihr da? Du hast mir, glaube ich, erzählt, dass Chanda Rule den Gesang übernimmt. Wie viele Leute sind es insgesamt, die das Ganze stemmen?

Philipp Nykrin: Das ipop hat rund 80 Lehrende, es ist also ein sehr großes Institut an einer sehr großen Universität. Diese Lehrkräfte sind für den gesamten Lehrbetrieb am Institut zuständig. Im Masterstudium selbst wird es so sein, dass die Professuren am Haus verstärkt zum Einsatz kommen werden: Neben Chanda (Gesang) sind dies weiters Joe Doblhofer (Gitarre), Markus Harm (Saxophon), Mario Lackner (Schlagzeug), meine Wenigkeit (Tasteninstrumente), Gina Schwarz (Kontrabass) und unser Institutsleiter Ralf von Appen (Professor für Theorie und Geschichte der Popularmusik), der auch im wissenschaftlichen Bereich des Studiums vertreten ist. Für eine neu zu besetzende Professur für E-Bass läuft gerade das Berufungsverfahren.

Wie läuft das Auswahlverfahren ab? Ich nehme an, es werden sich viele Leute für das Studium bewerben.

Philipp Nykrin: Die Zulassungsprüfung, deren Anmeldefrist zur Zeit bereits läuft, erfolgt in zwei Stufen: Zunächst gibt es eine Videovorrunde, in der die Bewerbenden unter anderem Videos einreichen, die ihren individuellen künstlerischen Ausdruck sowie die instrumentalen und vokalen Fähigkeiten präsentieren. Auf Basis dieser Einreichungen folgt eine Vorauswahl, und darauf ein Vorspiel in Präsenz.

Die elektronische Musik wird also auch in das Studium eingebunden. Was ist da die Idee dahinter?

Philipp Nykrin: Wie schon vorher erwähnt, leben wir in einer Zeit, in der elektronische Musik und die elektronische Musikproduktion im aktuellen Musikschaffen, allgegenwärtig sind. Wenn man sich anschaut, wie rasant allein in den letzten zehn Jahren hier die technologischen Entwicklungen vorangeschritten sind, um wie vieles einfacher und auch leistbarer der Zugang zu elektronischem Equipment mittlerweile geworden ist, erkennt man deutlich, dass die elektronische Musikproduktion und die dazugehörigen Tools essentielle Bestandteile des heutigen Musikschaffens sind – gerade in der Popularmusik.

In diesem Studium sollen alle Studierenden das nötige Rüstzeug erhalten, um in diesem Bereich arbeiten können. Dies passiert einerseits im Rahmen der Studiopraktika. Es gibt außerdem z.B. ein Ensemble, das speziell darauf abzielt, mit elektronischen Instrumenten und Effektprozessoren den Klang der Band zu erweitern.

Darüber hinaus wird das neue zentrale künstlerische Fach Electronics für Musikerinnen und Musiker etabliert, die primär mit elektronischen Instrumenten arbeiten,  z.B. Laptop und Peripherie, Synthesizer, Effektgeräte oder Workstations.  Somit erhält das elektronische Instrumentarium hier nun auch die zeitgemäß verdiente Rolle als zentrales künstlerisches Fach im universitären Kontext.

Die Studierenden, die in diesem Fach aufgenommen werden, sollen dabei aber nicht nur im Studio arbeiten und ihre Musik produzieren, sondern auf die Bühne gehen und mit anderen Musikerinnen und Musikern zusammenspielen – auch durchaus in improvisatorischen Kontexten.

Vielleicht zum Abschluss: Was sehen eure Erwartungen aus?

Philipp Nykrin: Wir glauben, dass wir hier eine sehr spannende Ausbildung geschaffen haben, die es den Studierenden ermöglicht, zwei Jahre lang intensiv an ihren instrumentalen und vokalen Fähigkeiten, an ihrem individuellen künstlerischen Ausdruck und an der Schaffung eigener Musik zu arbeiten – und dabei natürlich auch intensiv mit anderen Musikerinnen und Musikern zusammenzuspielen.

Wir sind überzeugt, dass hier eine Plattform etabliert wird, mit der sich junge Musikerinnen und Musiker weiterbilden und profilieren können. Unser Ziel ist, dass aus diesem Studium relevante Acts für den nationalen und internationalen Musikmarkt hervorgehen. Das Studium soll ein Raum sein, in dem neue, innovative Musik in der Popularmusik entstehen kann – einerseits durch die Unterstützung des Lehrpersonals, andererseits durch die gegenseitige Inspiration unter den Studierenden. Dass hier die mdw die Ressourcen in die Hand nimmt, dieses Masterstudium zu etablieren, ist gerade zum jetzigen Zeitpunkt ein starkes Signal und ein wichtiger Impuls für die österreichische Musikszene!

Vielen Dank für das Interview.

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Links:
mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Institut für Popularmusik (ipop)