Wien Modern – Das Finale (13.-16.11.)

Das letzte Weekend des heuer in vielen Linien sehr erfolgreichen Festivals stand zum einen im Zeichen des Schwerpunkts Enno Poppe, dann gab es auch noch zwei Konzerte um Chaya Czernowin – einmal mit Werken aus ihrer Wiener Kompositionsklasse, zum zweiten ein bereits in Donaueschingen gezeigtes “Dialogue Experiment”. Ein Ausflug ins Schömer-Haus präsentierte als Uraufführung  eine “Ensemble-Komprovisation” von Sandeep Bhagwati. Zum Ausklang Poppes Bühnenmusik für 14 Herren: “Arbeit Nahrung Wohnen” in der Halle E des Museumsquartiers.

Aus der Erfolgsbilanz: Wien Modern 2008, das Internationale Festival mit Musik der Gegenwart (26. Oktober – 16. November), veranstaltet von der Kulturabteilung der Stadt Wien mit der Wiener Konzerthausgesellschaft und der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien war eine Jubiläumsausgabe (“20 Jahre” Bestand). Sie erbrachte “72 Veranstaltungen an 21 Veranstaltungsorten, wobei 41 Uraufführungen und 14 Österreichische Erstaufführungen zu erleben waren”. Das auf drei Wochen gestraffte Festivalprogramm zog 16.600 BesucherInnen an. 565 ausgegebene Generalpässe zeugen einmal mehr von der begeisterten und treuen Zuhörerschaft, die das Festival international auszeichnet. Die Auslastung betrug erfreuliche 79,50 %, 21 Veranstaltungen waren ausverkauft” (aus der als Pressemiteilung versandten Bilanz des Konzerthauses).

 

Die Redaktion für Neue Musik des mica – music austria hat in den Musiknachrichten über fast alle dieser Veranstaltungen (vielleicht mit Ausnahme jener in der “elektrophiliale” im Gartenbaukino) umfänglich auch persönlich und feuilletonistisch gehalten Bericht erstattet (und heuer hat das meist wirklich Spaß gemacht).

 

Also kommen wir zum Ende: Enno Poppes teils dem Klangforum Wien auch auf den Leib geschriebene Ensemblekompositionen “Knochen”, “Öl” und “Salz” (entstanden zwischen 1999/2000 und 2005) standen beim dritten Konzert des Klangforums bei Wien Modern auf dem Programm, mit Verve vom Komponisten selbst geleitet. Nicht minder sehenswert (genauso wie hörenswert durch die Inszenierung und Ausstattung von Anna Viebrock) dann das Finale im Museumsquartier. “Arbeit Nahrung Wohnung” ist eine Koproduktion Münchner Biennale & Staatsoper Berlin mit dem unbeschreiblichen, an Marthaler geeichten Graham F. Valentine – ohne “Schwächeanfall” wie bei der einstigen Premiere – als Schauspieler und dann auch Sänger des Robinson, dazu Omar Ebrahim (Tenor) als sein treuherziger Freitag, weiters die Neuen Vocalsolisten Stuttgart als Kirchengesänge, Männerchöre und Shanties singende vier Seeleute (Countertenor bis Bass), dazu noch vier Keyboarder (mit Klängen vom verstimmten Schiffspiano bis zu elektrischen Mikroton-Orgeln im Synthesizer-Sound) und vier Schlagzeuger von der musikFabrik.

 

Die Geschichte (falls sie überhaupt eine ist) wird umgekehrt erzählt, also vom Ende zum Anfang – von der Rettungsszene zum einsamen Inseldasein. Am Ende, nach  etwas langen Choralgesängen, sagt der Hauptdarsteller: “Ich geh’ vielleicht als Meerschweinchen in die Geschichte ein” und funkelt mit SOS-Lampe ins Publikum. Leider sind diese Texte von Marcel Beyer nur teilweise verständlich – trotz Mikrophonverstärkung.

 

Eine Besprechung des Czernowin-Projekts “ascolta” findet sich bereits im Donaueschingen-Bericht von Nina Polaschegg (siehe “Verwandte Artikel”), das Projekt der KompositionsstudentInnen von Chaya Czernowin (unterrichtet seit 2006 in Wien) in der Alten Schmiede habe ich erschöpfungsbedingt sträflicherweise verabsäumt. Das Nouvel Ensemble Moderne spielte als Uraufführung im Auftrag der Sammlung Essl auf den verschiedenen Ebenen der Schömerhaus-Balkone die “Komprovisation” von Sandeep Bhagwati (1963 geboren in Bombay, Studium in Salzburg und München, ab 2000 Professur in Karlsruhe). Die “Racines Éphémères” (2008, Improvisation und Komposition ” auch in der Tradition der ausgedehnten Variationszyklen der Vergangenheit von Goldberg bis Diabelli”, so Bhagwatis Werkbeschreibung) waren, nun ja, denn doch ein wenig die Variation des Identischen.

 

Das war Wien Modern 2008. Und im nächsten Jahr gehen wir sicher gerne wieder alle hin.
Heinz Rögl

 

Fotos: “Arbeit Nahrung Wohnen” / Graham F. Valentine (c) musikFabrik, Regine Körner