Es gibt Musik, die sich anfühlt, wie ein Moment zwischen zwei Gedanken. LIZKI – alias LENA BRITZELMAIR – bewegt sich mit ihrem neuen Album „Losing Grip in a Chaotic World“ (VÖ: 26.9. bei Seayou) genau in diesen Zwischenräumen: Ihre Songs tragen ein Gefühl in sich, das schwer zu fassen ist: verletzlich, digital aufgeladen, zugleich weich und bestimmt. Im Gespräch mit Ania Gleich spricht sie über musikalische Umwege, das Loslassen als kreativen Akt und darüber, was passiert, wenn man für einen Moment die Kontrolle verliert – und genau darin etwas findet.
Du bist gerade frisch umgezogen, oder?
Lizki: Ja, genau. Ich bin gerade nach Berlin gezogen – eigentlich war ich schon öfter hier, aber der endgültige Schritt war jetzt. Es ist viel los gerade.
Davor warst du zwischen mehreren Städten unterwegs, oder?
Lizki: Ja, ich bin längere Zeit zwischen München und Wien gependelt. Jetzt habe ich zuletzt in München gelebt, davor aber auch mal in Wien. Es war ein ständiges Hin und Her.
Das passt ja eigentlich ganz gut zum Albumtitel „Losing Grip in a Chaotic World“. Hattest du bei all dem Hin und Her selbst das Gefühl, den Halt zu verlieren?
Lizki: Schöne Überleitung. Nein, eigentlich fühlt sich alles gerade richtig an. Der Umzug war eine gute Entscheidung. Auch wenn es viel Veränderung war, ist es gerade stimmig für mich.
Wie war es für dich, in dieser Zeit ein Album zu schreiben? Gibt dir das Musikmachen eher Struktur oder ist es eher ein Loslassen?
Lizki: Struktur würde ich es nicht nennen, aber auf jeden Fall Halt. Musik ist eine Konstante in meinem Leben, die immer da war. Sie hilft mir auf eine ganz eigene Weise loszulassen – gerade weil ich weiß, dass sie da ist.
Du machst ja auch nicht erst seit gestern Musik. Wie hat sich das über die Jahre entwickelt?
Lizki: Ich habe mit 12, 13 meine ersten Bands gehabt – mit 14, 15 dann die erste „richtige“, mit der wir viel gespielt haben. Danach kam eine längere Pause von vier, fünf Jahren. Und dann habe ich mein Solo-Projekt gestartet. Das Album ist jetzt der erste Release, bei dem ich auch wirklich mit jemand anderem bei fast allen Songs von Beginn an gemeinsam im Studio geschrieben habe – mit Tobias Koett. Das war eine komplett neue Erfahrung für mich und hat sich sehr gut angefühlt.

Das Album heißt „Losing Grip in a Chaotic World“. Du sprichst vom inneren Halt, gleichzeitig klingt der Titel aber auch wie eine Reaktion auf das Außen. Welche Rolle spielt die äußere Welt für dein Schreiben?
Lizki: Für mich war das eher auf meine innere Welt bezogen. Also was in mir selbst los war, wie es mir ging – auch im Hinblick auf mentale Gesundheit. Ich glaube, das geht vielen so, dass man in sich drin manchmal das Gefühl hat, den Halt zu verlieren. Die Welt draußen ist natürlich auch chaotisch, klar, aber für das Album war eher mein Inneres der Ausgangspunkt.
Du hast vorher gesagt, dass dir Musik beim Loslassen hilft. Kannst du das näher beschreiben? Was genau kannst du loslassen, wenn du schreibst oder performst?
Lizki: Beim Musikmachen wird es in mir drinnen ganz still, auf eine sehr angenehme Art. Ich habe dann nicht das Gefühl, irgendetwas sein oder machen zu müssen. Keine kreisenden Gedanken, kein Druck. Ich kann mich darin verlieren, aber im besten Sinne. Es fühlt sich an wie Abschalten, aber nicht wie Flucht, sondern wie ein gutes Eintauchen.
Ist das beim Schreiben anders als beim Live-Spielen?
Lizki: Ein bisschen, ja. Beim Schreiben bin ich mehr in mir selbst. Beim Performen ist es mehr ein Teilen mit anderen Menschen im Raum. Aber beides hat etwas sehr Befreiendes.
Beim ersten Hören des Albums hatte ich sofort so ein Gefühl von melancholischer Ekstase – eine Mischung aus Euphorie und Traurigkeit. Kennst du das?
Lizki: Ja, total. Wenn man zu etwas tanzt und die Lyrics einen gleichzeitig emotional treffen: das ist genau diese Mischung.
So wie Freudentränen, vielleicht?
Lizki: Voll! Es ist nicht negativ, aber es löst was aus. Diese Gleichzeitigkeit finde ich in Musik total besonders. Ich glaube, das ist es, was sie so stark macht.
In einigen Songs habe ich das Gefühl, als würdest du den Hörer:innen ganz nah kommen – fast schon etwas ins Ohr flüstern. Wie viel Nähe willst du mit deiner Musik herstellen? Gibt es auch Momente, in denen du bewusst Distanz suchst?
Lizki: Ja, ich glaube, diese Nähe ist schon gewollt. Besonders bei den ganz cleanen Vocals, die im Vordergrund stehen, wo sich alles andere ein Stück zurücknimmt. Da entsteht eine Intimität. Aber es gibt auch Songs, bei denen mir eine gewisse Distanz wichtig ist. Zum Beispiel bei „Something Good“, dem letzten Track auf dem Album, tut es gut, wenn die Stimme ein bisschen weiter weg ist – fast schon verschwommen. Das schafft einen anderen Raum.
„ES IST DIESES STÄNDIGE SUCHEN — NACH SICH SELBST, DANACH, WIE MAN LEBEN MÖCHTE, WAS EINEM GUT TUT UND WAS NICHT”
Also spielst du mit deiner Stimme ganz bewusst auch mit Nähe und Distanz – zu dir selbst und zu den Zuhörenden?
Lizki: Vielleicht nicht immer bewusst, aber ich glaube, es passiert schon. Vor allem mit Lyrics macht man sich ja sehr verletzlich. Wenn die dann auch noch so klar und präsent im Mix stehen, entsteht automatisch eine Verbindung oder zumindest der Wunsch danach. Gleichzeitig kann es eben auch gut sein, etwas Abstand zu halten.
Die Texte wirken auf mich wie intime Beobachtungen – von innen, aber auch von außen. Sind das vor allem persönliche Geschichten oder eher kollektive Gefühle, die du aufgreifst?
Lizki: Ich glaube schon, dass die meisten Texte sehr stark aus meiner eigenen Perspektive kommen. Ich finde es total spannend, wenn Leute aus anderen Perspektiven schreiben oder ganze Geschichten in Songs erzählen, aber bei mir geht es meistens um das, was ich selbst erlebt oder gefühlt habe.
Sobald man einen Song veröffentlicht, wird er ja automatisch zur kollektiven Erfahrung – auch wenn er aus einer Ich-Perspektive stammt. Gehst du da bewusst in den Austausch?
Lizki: Ja, total. Ich finde das auch eine spannende Dynamik. Auch wenn nicht alles 1:1 autobiografisch ist, ist es schon sehr nah an mir dran.
Was sind das für Erlebnisse oder Gefühle, die dich innerlich den Halt verlieren lassen?
Lizki: Ich glaube, es ist dieses ständige Suchen – nach sich selbst, danach, wie man leben möchte, was einem guttut und was nicht. Das ist so ein zentrales Thema des Albums. Es geht weniger um die Frage „Wer bin ich?“, sondern eher um: Wie kann ich mein Leben leben, damit es sich nach mir anfühlt?
Gibt es ein Bild, das dieses Gefühl für dich beschreibt?
Lizki: Vielleicht dieses Gefühl von Entrückung – wenn man sich weit weg fühlt von allem, was um einen herum passiert. Und dann beginnt man zu suchen und verliert sich ein bisschen darin. Das steckt auch im Titel mit „Losing Grip“ und besonders im ersten Track. Es geht um die Frage, wo man eigentlich hingehört und was man will.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Das klingt ein bisschen so, als würdest du dich auch oft zwischen den Welten bewegen. Ist das auch in deinem Song „Inbetween“ Thema?
Lizki: Bei „Inbetween“ ging es mir weniger um das Dazwischensein im Sinne von „zwischen zwei Welten“, sondern eher darum, einen Weg zu finden, mit mir selbst und meinem Leben glücklich zu sein. Es war mehr ein Loslassen des Anspruchs, irgendwo genau hineinpassen zu müssen. Ich bin einfach alles und nichts gleichzeitig und das darf auch so sein. Es geht nicht darum, was andere darüber denken.
Du hast vorhin vom Gefühl gesprochen, sich von der Außenwelt entfremdet zu fühlen – besonders, wenn im Inneren Chaos herrscht. Das zieht sich für mich durchs ganze Album: vernetzt sein und sich trotzdem isoliert fühlen. Kennst du diesen Widerspruch? Und wie gehst du damit um?
Lizki: Ja, der Titel „Losing Grip in a Chaotic World“ klingt erstmal negativ – aber für mich hat das Verlieren des Halts auch eine gute Seite. Man tritt nicht nur auf der Stelle, sondern ordnet Dinge neu oder wird dazu gebracht, etwas neu zu machen. Ich glaube, manchmal schlage ich diese Brücke und manchmal eben nicht. Das kommt auch im Song „Hush Now Baby“ vor, da singe ich: „I am so scared it will get worse“ und gleichzeitig „I’m trying really hard“. Ich versuche einfach mein Bestes. Dieses Gefühl begleitet mich eigentlich immer.
Für mich hat dieses Loslassen auch etwas Befreiendes – gerade in den tanzbaren Momenten deines Albums. Melancholie und Ekstase liegen da ganz nah beieinander.
Lizki: Absolut. Und genau das finde ich das Schöne: Wenn man so ein Thema wie Losing Grip in ein tanzbares Stück verwandelt. Wir haben die Songs jetzt zum ersten Mal live gespielt – in München und davor in Ljubljana – und das war richtig schön. Diese Musik kommt aus einem Gefühl von Isolation. Und dann steht man da, spielt das, und Leute tanzen dazu, spüren es mit einem. Da merkt man: Okay, da ist was. Da passiert eine Verbindung.
„WENN MAN MERKT, DASS SICH DAS PUBLIKUM MIT EINEM VERLIERT, DANN IST DAS ETWAS GANZ BESONDERES”
Wie erlebst du das konkret auf der Bühne? Gerade bei so einem Thema wie Isolation und Verbindung: Wie spürst du das vom Publikum zurück?
Lizki: Ich finde das super spannend. Klar, man ist oft nervös vor einem Auftritt. Und nicht jedes Konzert funktioniert gleich. Aber wenn man merkt, dass sich das Publikum mit einem verliert – dass es nicht mehr „wir“ und „die“ ist, sondern ein gemeinsames Spüren – dann ist das etwas ganz Besonderes. Das liebe ich an Konzerten.
Was ich auch stark finde: Dein Album lässt viel offen. Es stellt Fragen, ohne sie gleich beantworten zu wollen. Ist das etwas, das dir wichtig ist – nicht nur in der Musik, sondern auch im Leben?
Lizki: Tatsächlich bin ich im Alltag sehr lösungsorientiert. Ich bin zielstrebig, arbeite gerne auf Dinge hin und bringe sie zum Abschluss. Aber wenn es um Emotionen geht – im Privaten, nicht im Beruf – dann bin ich definitiv jemand, der nicht immer gleich eine Lösung parat hat. Da darf es offen bleiben.
Gerade bei Beziehungen und Gefühlen ist es doch oft gar nicht möglich, sofort eine Lösung zu finden.
Lizki: Ja, total. Gerade in solchen Fragen versuche ich, offen zu bleiben und einfach zu schauen, was passiert.
Lass uns noch über deinen Sound sprechen. Wie hast du den Stil für dein Solo-Projekt gefunden und wie hat er sich durch das neue Album verändert?
Lizki: Als ich mit dem Projekt angefangen habe, wusste ich ehrlich gesagt überhaupt nicht, wohin es gehen soll. Das war vor sechs, sieben Jahren. Richtig angefangen, mich zu finden, habe ich mit Mario Fartacek. Mit ihm habe ich mein erstes Album gemacht. Da war viel Ausprobieren dabei, viele Gespräche, viel Hinhören. Das war auch eine intensive Findungsphase. Ich konnte zum ersten Mal alle Entscheidungen selbst treffen. Es war kein Bandprojekt, ich war allein verantwortlich. Mario hat mich dabei sehr unterstützt, ermutigt und meinen Sound mitgeprägt, genauso wie es jetzt auch Tobias beim neuen Album getan hat. Jetzt beim zweiten Album war es nur insofern anders, als ich schon genauer wusste, was ich will und nicht mehr am Anfang stand. Wir haben genau so viel ausprobiert und auch hier gab es eine intensive Findungsphase, aber innerhalb eines Rahmens, der für mich klarer war. Und innerhalb dieses Rahmens haben Tobias und ich uns ausgetobt und sehr viel Spaß gehabt. Ich bin super happy, dass mich beide so auf meinem künstlerischen Weg begleitet und jeweils ein Album mit mir gemacht haben!
Was fasziniert dich besonders an den Vocal-Effekten und digitalen Verfremdungen?
Lizki: Ich mag, dass diese Sounds etwas sehr Direktes haben. „Roh“ ist nicht ganz das richtige Wort, aber sie können etwas Hartes transportieren. Und wenn sich das dann mit einer weichen, fast fluffigen Stimme vermischt, entsteht für mich ein starker Kontrast. Genau das finde ich spannend: Gegensätze, die sich in der Musik begegnen. Manchmal wirkt ein Sound im ersten Moment „too much“, aber dann ergibt er plötzlich Sinn. Das liebe ich.

Das erinnert mich an das, was für mich den Kern von Hyperpop ausmacht: dieses Nebeneinander von Sanftheit und Härte, von digitaler Überforderung und Emotionalität. Als wäre der Sound selbst ein Ausdruck unserer überfordernden Welt.
Lizki: Ja, das trifft es total. Hyperpop verwendet diese Überforderung als Stilmittel, aber braucht gleichzeitig auch das Weiche, damit es wirklich berührt. Diese Mischung liebe ich daran auch.
Gleichzeitig wirkt dein neues Album auf mich sehr viel geplanter als das erste. Du stehst musikalisch viel klarer da. Gab es trotzdem Momente, in denen du ins Straucheln geraten bist. Also Unsicherheit nicht im Inhalt, sondern im Entstehungsprozess?
Lizki: Ja, auf jeden Fall! Ich glaube, solche Momente hat man in gewisser Hinsicht in jedem Entstehungsprozess. Wir haben das Album ja in einem relativ kurzen Zeitraum gestartet – ich war zwei, drei Monate in Berlin, da haben wir den Grundstein gelegt. Und das war ganz anders als bei früheren Projekten, wo ich die Songs oft über längere Zeiträume geschrieben oder bereits angefangen habe, bevor es ins Studio ging. Diesmal ging alles schnell, was sich im Studio total richtig angefühlt hat. Aber danach, als ich ein, zwei Monate später wieder hineingehört habe, hatte ich kurz das Gefühl: Haben wir das zu schnell gemacht? Ich konnte es schwer einschätzen, weil der Prozess so anders war. Das hat mich kurz verunsichert, auch wenn ich grundsätzlich sehr zufrieden war. Aber es war ein anderes Arbeiten, und dadurch hat sich auch das Nachspüren verändert.
Also bist du diesmal viel konzeptioneller hineingegangen als früher?
Lizki: Ja, irgendwie schon. Wir wollten mit dem neuen Album auch nochmal eine neue Seite von mir herausarbeiten. Beim ersten Album waren die Songstrukturen oft noch weniger klar, ein bisschen verspielter vielleicht. Jetzt ging es mir darum, den Songs jeweils mehr Rahmen zu geben. Es sollte alles etwas gezielter sein.
Und wenn du das alles so reflektierst: Gibt es schon eine Richtung, in die es für dich weitergehen soll? Musikalisch, künstlerisch, vielleicht auch durch den Umzug nach Berlin? Oder ist das in unserer globalisierten Welt sowieso egal?
Lizki: Ich glaube, Berlin ist für mich auf jeden Fall nochmal ein Neuanfang. Ich will hier wirklich mehr Musik machen, mich vernetzen, neue Sachen ausprobieren. Ich war lange auf einem eher „geraden Weg“, würde ich sagen – wobei „streng“ vielleicht das falsche Wort ist. Und jetzt ist Berlin so ein Ort, wo ich sagen kann: Ich tobe mich nochmal aus. Durch das Album habe ich mich musikalisch auf jeden Fall mehr gefunden und trotzdem bin ich gespannt, was als Nächstes kommt. Ich habe ehrlich gesagt gerade keine Ahnung, was entsteht. Aber das fühlt sich auch gut an.
Das passt ja eigentlich perfekt zum Anfang unseres Gesprächs – dieses Loslassen, das du auch in deiner Musik thematisiert. Nicht alles kontrollieren, nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben.
Lizki: Ja, voll! Das wäre ja manchmal auch zu einfach.
Vielen Dank für deine Zeit und das schöne Gespräch!
Lizki: Danke dir – hat mich echt gefreut.
+++
Ania Gleich
+++
Links:
Lizki (Instagram)
Lizki (Bandcamp)
Lizki (Youtube)
Lizki (Facebook)
