Ende September 2025 erscheint das Album „Tokyo“, das der Gitarrist Wolfgang Muthspiel gemeinsam mit Scott Colley und Brian Blade in der japanischen Hauptstadt eingespielt hat. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt Muthspiel von den Klangfarben des Trios und was er an Kurt Weill schätzt – schließlich trägt eines der neuen Stücke den Titel „Weill you wait“. Außerdem erzählt Muthspiel wie sich Zusammenarbeiten zwischen Jazzern ergeben und berichtet über Unterschiede bei Auftritten in Japan und Europa – und Wolfgang Muthspiel spricht über „Flight“, das zentrale Stück von „Tokyo“.
Was ist das Besondere am Trio, das dieses Album eingespielt hat und aus Scott Colley (Bass), Brian Blade (Schlagzeug) und dir besteht?
Wolfgang Muthspiel: Das Trio veröffentlicht in dieser Besetzung sein drittes Album. Wenn ich darüber nachdenke, dann denke ich in erster Linie an einen Klang. An die Kombination aus dem sehr individuellen Klang von uns dreien. Dieses organische Schlagzeug, bei dem man zum Teil nicht so genau hört, welcher Teil des Schlagzeugs erklingt, sondern das ist immer ein Zusammenklingen aller Farben, das ist wie ein Organismus. Und diese besondere dunkle Klangfarbe des Basses. Die ist das Gegenteil von trocken. Dunkel und nass ist das für mich. Das tropft so und dazu noch mein Sound von der akustischen Gitarre und der E-Gitarre. Diese Kombination ist das Besondere an dem Trio, abgesehen davon spielen die natürlich sehr gut und ich mag sie sehr. Besonders sind die Klangfarben, die jeder im Laufe seines Lebens entwickelt hat.
Wie habt ihr einander gefunden?
Wolfgang Muthspiel: Brian Blade habe ich bei einem Workshop in Dänemark getroffen und bei diesem Workshop haben wir beide unterrichtet und wir haben dann bei den Sessions zusammengespielt und so hat sich eine Zusammenarbeit entwickelt, die über viele Jahre und mit vielen Projekten angedauert hat. Da gab es auch Duo-Arbeiten und größere Formationen, in denen er Schlagzeug gespielt hat. Mit Scott habe ich zum ersten Mal gespielt als wir mit Rebekka Bakken eine Platte namens „Daily Mirror“gemacht haben. Rebekka und ich haben Songs geschrieben und waren von einer Jazz-Band umgeben und bei dieser Platte hat Scott Colley mitgespielt.
Gab es in der Folge auch mit ihm viele Projekte?
Wolfgang Muthspiel: Ja, auch mit Scott gab es viele Zusammenarbeiten und irgendwann hat sich das Trio formiert und einen eigenen Raum eingenommen. Es ist komisch wie solche Sachen im Jazz entstehen. Es sind oft Entscheidungen, die man nicht bewusst trifft: jetzt nehme ich den und den und den und wir machen eine Platte. Sondern das läuft über die Jahre und durch Begegnungen und Erinnerungen an Sounds und Session. Irgendwann fügt es sich zusammen, wenn es musikalisch passt und wenn alle Beteiligten etwas aus einer Zusammenarbeit beziehen. Für mich ist es als Leader des Trios auch wichtig, dass alle etwas daraus beziehen: ich schreibe bewusst für diese beiden Musiker und ich versuche die besten Melodien für den Bass zu schreiben, damit sich die Musiker total ausdrücken können und Spaß haben.

Ihr habt das Album in Tokio aufgenommen, was hat für das Studio dort gesprochen?
Wolfgang Muthspiel: Einfach die Tatsache, dass wir davor sechs Sets in einem Club in Tokio mit dieser Musik absolviert haben und sozusagen schon im flow dieser Musik waren. Und das wollten wir dann direkt abbilden, weil man da schon die Musik verinnerlicht hat.
„ICH SCHREIBE MANCHMAL ZUR BASSLINIE DAZU: THIS IS A SUGGESTION“
Du hast – außer zwei Covers – die Stücke auf dem neuen Album komponiert. Habt ihr vor den Aufnahmen noch die Arrangements miteinander erarbeitet?
Wolfgang Muthspiel: Auf jeden Fall. Ich bringe das Material zur Probe mit und dann wird zum ersten Mal getestet, wie das Material im Trio funktioniert. Und dann gibt es auch noch Prozesse, durch die Sachen rausfallen oder Linien, die ich geschrieben habe, durch andere ersetzt werden. Ich schreibe manchmal zur Basslinie dazu: this is a suggestion. Da kann der Bass die Entscheidung treffen, die von mir geschriebene Linie zu spielen oder etwas anderes. Und es gibt Stücke, die dann erstaunlicherweise ins Zentrum des Repertoires rücken, die man eher als Outsider-Möglichkeit gesehen hat. Und andere, die dann vielleicht gar nicht mehr im Repertoire bleiben. Nach zwei oder drei Mal spielen muss der spirit des Stücks auftauchen, wenn das nicht passiert, dann ziehe ich es zurück.
Ich durfte heuer auch Mal in Tokio sein und das ist natürlich eine hochenergetische Stadt: viele Menschen, viele Lichter, aber es gibt dort auch ruhige Ecken. Wie wirkt denn die Umgebung auf die Aufnahmesessions für ein Album ein?
Wolfgang Muthspiel: Was vielleicht wirklich einen Ausschlag gibt, ist die Tatsache, dass man in Japan mit einem Publikum konfrontiert ist, das in einem hohen Maß konzentriert ist. Wenn man zum ersten Mal in Japan spielt, ist es fast beängstigend, weil vom Publikum bis zum Ende eines Stückes überhaupt kein einziger Laut zu hören ist. Nicht einmal das kleinste Hüsteln. Und diese Art von Konzentration und Liebe zum Detail, die hier in der japanischen Kultur herrscht, ist angenehm und hat uns sicher beeinflusst. Nachdem wir im Cotton Club gespielt haben, haben wir diese Erfahrung, dass uns jemand ganz tief zuhört, schon sechs Mal gemacht. Dann geht man ins Studio und da hört dann das Mikrofon ganz tief zu. Das war eine schöne Vorbereitung.
Das Album beginnt mit einem Cover, mit Keith Jarrets „Lisbon Stomp“. Was hat für dieses Stück als Eröffnungstrack gesprochen?
Wolfgang Muthspiel: Die Reihenfolge hat Manfred Eicher gemacht, der Labelchef von ECM. Das überlasse ich ihm, weil er ein besonderes Talent für diese Reihenfolgen hat, weil jede Reihenfolge eine andere Platte macht. Ich teste zu Hause immer verschiedene Reihenfolgen aus: womit eröffnest du das Album? Wo platzierst du eine Ballade? Das sind riesige Fragen und er hat dafür eine besondere Hand und jetzt ist es so, dass meine Stücke von Stücken umrahmt sind, die nicht von mir sind. Das erste Stück ist eben von Keith Jarrett und das letzte von Paul Motian. Beide spielen auch für die Geschichte von ECM eine wichtige Rolle. Ich mag, dass das Album mit „Lisbon Stomp“ losgeht, weil es unsere Art zeigt, mit dieser Tradition umzugehen. Alles, was nach dem Thema passiert, ist zu 100 Prozent improvisiert. Jede Akkordfolge wurde im Moment gefunden und das gefällt mir. Das gibt es von mir weniger, ich bin eher dafür bekannt, dass ich meine Stücke schreibe und die werden dann aufgenommen. Ich mag es, sich im Swing frei zu bewegen. Das ist eine Welt, die ich gerne mag, die es nicht so oft auf Platte gibt.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Bei Instrumentalstücken erzählen die Titel der Stücke eine eigene Geschichte. Was steckt hinter „Flight“ oder „Christa’s Dream“?
Wolfgang Muthspiel: Die Titel kommen immer nachdem ein Stück fertig ist und „Flight“ ist für mich ein Stück, das eine Assoziation mit dem Abheben für einen Flug auslöst. Über dieses Stück bin ich wahnsinnig glücklich, es ist für mich das zentrale Stück der Platte. Ich bin echt froh, dass ich diese Akkordfolge gefunden habe. Es geht immer von einem Akkord zum nächsten weiter und mit jedem neuen Akkord öffnet sich das Stück weiter. Nachdem ich diese Akkordfolge gehabt habe, habe ich schon gewusst, dass das Stück etwas wird. Ich musste noch eine Melodie finden, die wirklich diese Bewegung des Öffnens und des Abhebens ausdrückt. Das war eine sehr schöne Arbeit. Die Melodie musste sich für den Bass in der Mittellage abspielen, damit der Bass wirklich singt. Sobald die Töne zu hoch sind, singt der Bass nicht mehr und kann nur kurze Töne spielen. Das sind die schönsten Sachen beim Musikmachen: wenn man Musik findet und an der Musik arbeitet.
Der Titel „Weill you wait“ ist ein Wortspiel, welche Verbindung hast du bzw. habt ihr als Trio zu Kurt Weills Musik, der ja unter anderem auch Jazz-Stücke komponiert hat?
Wolfgang Muthspiel: Mich hat das Stück, das ich komponiert habe, bis zu einem gewissen Grad an Kurt Weill erinnert. Ich schätze Weill als Komponist sehr, der erstaunlicherweise in beiden Welten absolut Großartiges geleistet hat. Sowohl bei klassischer Musik als auch bei den Broadway-Musicals. Er hat großartige Standards geschaffen und wie Weill gesungen wurde, von Lotte Lenya und auch von anderen, ist eine Art von völlig unsentimentaler Darstellung von Musik. Da legt nicht der Interpret seine eigenen Gefühle hinein. Die Gefühle sind schon in der Komposition, die muss man nicht extra nochmals darstellen. Wenn man die Textzeile I am so lonely singt, dann muss man nicht lonely sein, sondern das muss man einfach singen. Übertrieben gesprochen: Diese fast sture Art der Interpretation, wie man das von Lotte Lenya kennt, das Ungeschönte und ein bisschen Zackige, haben wir in der Art wie wir das Stück spielen übernommen. Mit wenig Ausschmückungen und nicht mit dem Versuch, das möglichst geschmeidig zu machen.
Das letzte Stück am Album ist auch ein Cover, wieso habt ihr „Abacus“ von Paul Motian ausgewählt?
Wolfgang Muthspiel: Paul Motian ist ein von uns allen verehrter Kollege, mit dem wir alle etwas zu tun gehabt haben. Er hat auf jeden Fall Brian Blade beeinflusst. Ich durfte viel mit ihm in verschiedensten Konstellationen spielen, mit seiner Band aber auch mit meiner. Ich würde sagen, dass die Stunden, die ich neben seinem Becken stehen durfte und in denen ich mit ihm spielen und ihm zuhören durfte, eine große Ausbildung waren. Er hat diese wunderbaren kleinen Themen geschrieben, die immer in so eine kleine Improvisation führen. Sehr oft sind das rubato-Themen. Freie Improvisation funktioniert mit diesem Trio einfach irrsinnig gut, weil alle das gerne machen und gut zuhören und insofern haben wir dieses Thema gerne benutzt, um damit frei zu improvisieren. Wenn man so einen Kollegen, den man so verehrt und der einen so beeinflusst, ins Programm holt, ist das ein schönes Gefühl. Wenn man Keith Jarrett und Paul Motian eingeladen hat, sind schon gute Schwingungen im Raum.

„RÜCKBLICKEND WÜRDE ICH KEINE DER GROSSEN ENTSCHEIDUNGEN ANDERS TREFFEN, ETWA IN BEZUG AUF DIE LEHRER, DIE ICH HATTE“
Machen wir zum Abschluss noch einen kurzen Blick zurück in deine erfolgreiche Karriere: wie war denn dieser Moment, in dem du als Nachfolger von Pat Metheny engagiert wurdest?
Wolfgang Muthspiel: Das war ein großartiger Moment, denn es war das erste Mal, dass ich von jemandem engagiert wurde, dessen Musik ich gut kannte und dessen Platten ich schon gehört habe. Das war Gary Burton, der bekanntermaßen immer sehr tolle Gitarristen in seiner Band gehabt hat. Eben Pat Metheny, aber auch Mick Goodrick, der in Boston mein Lehrer war. Wegen ihm bin ich nach Boston gegangen. Dass mich Gary Burton engagiert und ich mit ihm in Amerika auf Tour gehen kann, während ich studiere, war wie ein wahr gewordener Traum. Auf vielfache Weise, auch weil Gary Burton so ein klarer Leader war, von dem man sehr viel lernen konnte und der auch sehr großzügig war im Austausch. Burton hat sich damals eine sehr junge Band geholt, da war Larry Grenadier am Bass und Donny McCaslinam Saxophon. Es war aufregend und ich bin sehr dankbar, dass mir das passiert ist. Ich war damals 23 Jahre alt und habe das Gefühl gehabt, dass ich in der Zeit mit Gary viele Dinge ziemlich direkt gelernt habe. Zum Beispiel relativ schnell zum Punkt zu kommen. Ich hatte vorher immer die Tendenz endlos lange Solos oder endlos lange Intros zu spielen. Bei Gary war das ein bisschen zackig, da hat man zwei Chorusse spielen dürfen und wenn man ganz drauf war, vielleicht drei. Aber prinzipiell short, das heißt, dass man in den ersten acht Takten schon mal am Start sein musste. Das war eines der vielen Dinge, die ich bei ihm gelernt habe. Wie man weiß und es auf seinen vielen Aufnahmen hört, ist er ein Meister auf seinem Instrument gewesen und er hat einen ganz besonderen Klang am Vibraphon entwickelt, den nur er hat. Und er hatte einen unglaublichen Umgang mit time und pulse. Das war natürlich jeden Abend eine ziemliche Schule mit ihm.
Würdest du rückblickend irgendetwas anders machen oder eher nicht?
Wolfgang Muthspiel: Rückblickend würde ich keine der großen Entscheidungen anders treffen, etwa in Bezug auf die Lehrer, die ich hatte. Oder der move nach Amerika, es ist mit den verschiedensten Lehrern und an verschiedensten Institutionen viel Schönes passiert. Das Einzige, was ich im Rückblick – aber das kann man sich umgekehrt schwer vorstellen – mir selbst als Musiker sagen würde: vertraue! Vertraue einfach, mache und vertraue! Und das würde ich allen jungen Musiker:innen sagen, die am Start sind. Ohne dieses Vertrauen und ohne dieses gewisse Risiko und ohne dieses Beschreiten von Neuland, auf dem man nicht genau weiß, wie es funktioniert, geht es nicht. Es ordnet sich dann vieles von selbst. Ich würde sagen: in einer Welt, in der man gewohnt ist, dass man eine gewisse Ausbildung macht und mit dieser Ausbildung dann einen bestimmten Titel hat und mit diesem Titel dann eine bestimmte Arbeit ausführen kann – das ist natürlich in der Jazz-Welt in keinster Weise so. Ein Diplom von irgendeiner Universität bringt dir auf einer Konzertbühne überhaupt nichts. Ich finde es wichtig, dass man diese anderen Lebensentwürfe schätzt und auch als etwas Besonderes schätzt. Irgendwann hat mich eine Journalistin gefragt, ob Musik systemrelevant ist. Damals ist mir eingefallen, dass Musik relevanter ist als das System. Beim System stellt sich die Frage, wie relevant es ist. Aus diesem Blickwinkel würde ich jungen Menschen sagen: konzentriere dich, habe Spaß und vertraue!
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
++++
Live:
11.10.2025: Ransmayr & Muthspiel, Konzerthaus Wien
08.11.2025: Etudes / Quietudes, Jazzfestival Madrid
Trio Tour:
20.2.2026: Bozar, Brüssel
21.2.2026: jazzambach, Götzis
22.2.2026: Dokkhuset, Trondheim
23.2.2026: Elbphilharmonie, Hamburg
25.2.2026: Nasjonal Jazzscene, Oslo
27.2.2026: Konzerthaus Wien
++++
