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Bild (c) Wolfgang Dorninger

´„[…] wenn es draußen dunkel wird“ – WOLFGANG DORNINGER im mica-Interview

Ob für die SMILING BUDDHAS, für WIPE OUT oder solo als Komponist – in seinem Studio in Linz Urfahr versucht WOLFGANG DORNINGER, die analoge mit der digitalen Welt zu verknüpfen. Im Zuge eines Studiobesuchs sprach er mit Markus Deisenberger über Transzendenz, Techno nach Mitternacht und das gefährliche Ding „Gitarre“.

Sie haben mit Kassetten begonnen, habe ich einmal gehört.

Wolfgang Dorniger: Eigentlich habe ich anfangs selbst Instrumente gebaut. Das tue ich auch heute noch. Die meisten stehen in der Garage herum. Das hier zum Beispiel [er reicht mir eine kleine, mir Reglern versehene Box] ist der Nachbau eines MS-20-Filters.

Gehen Sie damit in Serie oder ist das rein für den privaten Gebrauch gedacht?

Wolfgang Dorniger: Das hier ist für einen Freund, die anderen sind für mich und werden auch eingesetzt. Kleine Teile, Faceshifter – das baue ich leidenschaftlich gerne. Gerade arbeite ich an einem Synthesizer, mit dem ich eine größere Installation machen werde – auf chaotischen Spannungsgeschichten aufgebaut.

Sie haben neulich auf Facebook gepostet, dass mit den Ohren noch alles in Ordnung ist, was die Vermutung nahelegt, dass Sie aufgrund jahrzehntelanger subsonischer Bassforschung eigentlich etwas anderes erwartet hätten.

Wolfgang Dorniger: Ich habe ein Studio eingemessen und dabei festgestellt, dass ich noch wirklich gut höre. Ich glaube, gefährlich ist es nur, mit Schlagzeugern zu spielen. Das habe ich nie.

Und hier in Ihrem Studio entsteht Installationsmusik, aber auch Theatermusik?
Wolfgang Dorniger:
Theatermusik in letzter Zeit nicht mehr, das mache ich hauptsächlich vor Ort, weil mir das mehr Spaß macht. Die Qualität ist dann eine ganz andere. Ich habe früher geschaut, dass ich mir die Eindrücke im Theater hole, dann bin ich wieder nach Hause, habe komponiert, bin danach wieder ins Theater, habe probiert, ob das Komponierte funktioniert, das heißt, es war ein ständiges Hin und Her. Bei einem Stück, für das an vielleicht zehn Stellen Musik gefordert war, ging das auch. Aber die letzten Jahre habe ich probiert, den Raum im Theater als solchen durch Sound anders zu gestalten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler vor Ort haben auch kein Problem mehr damit, dass ich mich dauernd einklinke und mitprobe. So kann ich direkt reagieren und testen, wie sich etwas entwickelt. Da ist für mich eine neue Ebene entstanden, die Sinn macht.
Das Studio ist mein Instrument, mein Ego-Shooter, wenn man so will. Es ist so gestaltet, wie ich umgeben sein will: Bilder von Freundinnen und Freunden, meine Lieblingslautsprecher aus England, die den Raum perfekt abbilden. Und da tauche ich dann in meine Welt ein. Ich arbeite hier eher, wenn es draußen dunkel wird.

Getreu Ihrem Motto „Techno kommt ab Mitternacht“.

Wolfgang Dorniger: Die Musik, die mich antreibt – im Sinne von Tanz und Spaß –, findet sowieso später statt, ja.

Hat sich das nicht verändert? Ab einem gewissen Alter büßt man für die Ekstase bis fünf, sechs Uhr morgens schließlich härter als noch in jungen Jahren.

Wolfgang Dorniger: Wenn ich Musik für ein Theaterstück mache, bin ich über einen Monat sehr intensiv mit der Arbeit daran beschäftigt und habe keine Zeit, in das Nachtleben abzutauchen. Entweder vormittags proben und dann nachmittags und abends arbeiten oder sogar bei beiden Proben dabei sein. Und nach einer Probe dann um viertel nach zehn noch irgendwo hinzugehen, freut mich nicht mehr so wirklich. Aber ich meine damit nur das Weggehen, um zu quatschen und zu schauen, was die Leute so auflegen. Tanzen ist etwas anderes. Da nehme ich mir noch immer die Zeit dafür, mitunter auch die ganze Nacht. Ich habe auch kein Problem damit, erst um zwei Uhr früh mit dem Spielen anzufangen. Das Verschwenderische ist vielleicht ein wenig abhandengekommen. Ich habe am Verschwenderischen immer noch Spaß, aber in Linz ist ja auch weniger los, was den Vorteil hat, dass ich konzentrierter arbeiten kann.
In Wien legt nach jeder Ausstellungseröffnung noch wer auf, und schon ist man erst wieder um fünf in der Früh zu Hause. Als ich in Wien studierte, bin ich auf so gut wie jede Techno-Veranstaltung gegangen. Deshalb bin ich auch wieder nach Linz zurück. Wien hätte mich früher oder später umgebracht. Städte wie Berlin und Wien sind dann perfekt, wenn du große Einkünfte und gleichzeitig Zeit zum Flanieren hast. Ich muss und will arbeiten.

„Die erste Musik aber, die ich kennengelernt habe und die mich verändert hat, war klassische Musik.“

Wie sind Sie zur elektronischen Musik gekommen? Kraftwerk war ein Erweckungserlebnis, haben Sie mal erzählt.

Wolfgang Dorniger: Ja [zeigt auf ein selbst gemaltes Kraftwerk-Bild, das passenderweise neben einem Heiligenbild steht]. Die erste Musik aber, die ich kennengelernt habe und die mich verändert hat, war klassische Musik. Ich habe im Chor vom Blatt gesungen. Die „Schöpfung“, Händel. Parallel dazu gab es Radiomusik, die dagegen irrsinnig flach und langweilig wirkte. Also bin ich lange Zeit davon ausgegangen, dass Klassik die Musik ist.
Dann kam ich nach Linz in die Schule und mein Banknachbar hat mich mit Jimi Hendrix vertraut gemacht. „Komm zu mir nach Hause, mein Bruder hat alle Platten“, sagte er. Und da stand ich dann noch mehr unter Strom als bei Bach. Ab dem Zeitpunkt war klar: Es gibt eine dritte Form von Musik, eine andere Form von Kultur.

Wann war das?

Wolfgang Dorniger: 1974 habe ich meine erste Platte gekauft: „Are you experienced?“. Die zweite war „Ziggy Stardust“. Dann war die größte Magie, zu schauen, was es in den Plattenläden gibt.

Da wäre es aber doch naheliegend gewesen, sich eine Gitarre umzuschnallen, oder?

Wolfgang Dorniger: Das habe ich ja auch gemacht. Ein Freund dachte, weil ich auf Jimi Hendrix stehe, wäre ich die perfekte Ergänzung für seine Band. Aber das hat mir nie getaugt. Ich habe Hendrix ja ganz anders interpretiert. Das war nicht nur Gitarrenspiel, da ist nicht nur Musik passiert. Das war Erweckung, Transzendenz.
In der Folge habe ich viel Sun Ra, Sly and the Family Stone gehört. Erst viel später habe ich dann mitgekriegt, dass das eine kurze Periode in der afroamerikanischen Rockmusik war, in der nicht der „Earthly Heaven“ gesucht wurde, sondern der galaktische. Da wurde versucht, etwas zu machen, was jede Grenze von Rasse, Geschlecht und Kulturform sprengt. Das hat mich damals unbewusst ungemein fasziniert. Dann bin ich in Wien zu Kraftwerk in die Sophiensäle. Da war klar, dass das der Sound war, der mich fasziniert. Ich stand vor der Anlage, die Wucht der Bässe …

Haben Sie Kraftwerk auch als kosmologisches Ding erfahren?

Wolfgang Dorniger: Ja. Denn auch da ging es nicht mehr um Popmusik, sondern um das Erforschen neuer Formen, das Ausloten neuer gesellschaftlicher Muster: Mit „Autobahn“ und „Radioaktivität“ wurden zwar neue Technologieformen angesprochen, aber das war es nicht, was mich faszinierte. Ich fragte mich: „Wie können diese Frequenzen im Bassbereich so hypnotisch werden? Wie lässt sich das in Musik übertragen?“
Nach dem Konzert ist eine Zeit lang wieder nichts passiert, weil immer wieder die Gitarre auftauchte. Ich bekam eine geschenkt. Das hat mich wieder weggebracht von meinem Vorhaben. Die Gitarre ist ein gefährliches Ding, wenn man keine Songs machen will. Du kannst noch so viele Effektgeräte kaufen, du wirst immer wieder beim Song landen.

Und wie ging es dann weiter?

Wolfgang Dorniger: Mit manipulierten Kassettenrekorden, selbst gebauter Elektronik, Feedback.

Die ersten Reaktionen waren verheerend, oder?

Wolfgang Dorniger: Ja, wir wollten im Landgraf spielen. Das hörten sich ein paar Leute an, sprich: Sie kamen zur Probe. Die haben sich angeschaut und dann gefragt, ob wir sie verarschen wollen. Ein halbes Jahr später aber haben wir in der Stadtwerkstadt gespielt und die Leute waren begeistert. Nur die Punks haben sich als sehr spießig herausgestellt. DIY und so, nur die Musik muss stimmen, bla, bla, bla, aber anderes haben sie dann doch nicht akzeptiert.

Wie darf man sich das vorstellen? War das Noise, was Sie gemacht haben?

Wolfgang Dorniger: Ja, purer Lärm. Die Songs hießen „Hammerschmiede“, weil das Schlagzeug wie Hammer auf Stahl klang, oder so ähnlich. Das war nicht knackig wie Kraftwerk, das klang eher nach Industriehalle. Den Leuten hat‘s aber gefallen. Einige Konzerte haben wir im Anschluss gespielt. Und daraus ist dann Monochrome Bleu hervorgegangen. Und ich habe in Instrumente investiert. Alles, was Retourware war, hat mich interessiert. Da haben sich Tanzbands analoge Synthesizer gekauft, um dann draufzukommen, dass das eine Heidenarbeit ist, damit klarzukommen, und sie wieder zurückgebracht. Ich hab‘s um den halben Preis mit nach Hause genommen

Haben Sie sich damals auch in einem bürgerlichen Job versucht?

Wolfgang Dorniger: Ja. Ein paar Jahre hatte ich einen richtigen Job als Bankangestellter bei der P.S.K. Um mir die Geräte zu kaufen. Es hat lange gedauert, bis ich den Absprung schaffte und auf der Angewandten zu studieren begann.

„Für mich ging es immer darum, den Luxus auszuleben, sich in dem zu versuchen, was einem Spaß macht, und Selbsterfahrung zu machen.“

Was genau haben Sie dort studiert?

Wolfgang Dorniger: Visuelle Mediengestaltung bei Peter Weibel. Ich hatte keinen Ehrgeiz, unbedingt eine Band zu gründen und etwas Großartiges zu erschaffen. Für mich ging es immer darum, den Luxus auszuleben, sich in dem zu versuchen, was einem Spaß macht, und Selbsterfahrung zu machen. Heute ist es sehr viel stressiger. Die Skills sind hoch, die Technik ist da. Damals war das weit weg von jeder Form von Industrie. Ich habe das immer als Kunst begriffen und nie im Kontext von Pop, und schon gar nicht von Vermarktbarkeit wahrgenommen.

Würden Sie die Smiling Buddhas oder Wipe Out heute auch noch völlig losgelöst vom Pop-Kontext sehen oder ist die Musik vermarktbar?

Wolfgang Dorniger: Von Wipe Out würde nicht mehr fehlen zum Pop. Aber letztlich verstoßen wir gegen das Regelwerk, das notwendig wäre, um in dem Kontext akzeptiert zu werden. Bei den Smiling Buddhas gibt es keine Songstruktur. Das ist einfach Techno. Aber nicht unbedingt, wie ihn die römisch-katholische Techno-Gemeinschaft will, sondern so, wie ich ihn gerne habe.

Heißt das, dass er auch einmal schief sein darf?

Wolfgang Dorniger: Ich schaue schon drauf, dass auf einem Album zumindest ein Track dabei ist, der auch im Club laufen kann. Aber wenn ich fünf Tracks mache, sind vier nicht unbedingt zum Auflegen gedacht. Mich interessieren Songstrukturen einfach nicht. Ich halte das für ein konservatives und zutiefst bürgerliches Ding. Da höre ich dann Leute, die selbst tolle Sachen produzieren, und von den Stones schwärmen. Die Musik ist geklaut, null Authentizität. Dazu hopst Mick Jagger herum. Warum trinken die so viel? Weil sie selbst merken, dass das ein totes Loch ist, in dem sie herumwühlen. Die Kinks, die Small Faces. Wiederholungen, die nicht mehr aufhören. Derzeit gibt es eine eigene Retrowelle, in der Nick Drake und Kevin Ayers zelebriert werden.

Aber selbst im Techno wiederholt man sich doch. Wurde nicht auch im Techno der Zenit längst überschritten?

 

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Wolfgang Dorninger (c) Wolfgang Dorninger

Wolfgang Dorniger: Das, was mir immer am Techno gefallen hat, ist, dass es eine Musik zum Tanzen ist und keine Geschichten erzählt werden. Es wird einfach Material für den Dancefloor produziert. Natürlich gibt es Themen, die mehr in Richtung Techno oder Ambient arbeiten. Aber in dem Moment, in dem das Licht ausgeht und das Strobo und die Visuals anfangen, funktioniert die Musik.
Nicht umsonst haben Kraftwerk einen Dummy hingestellt, um zum Ausdruck zu bringen, dass es eigentlich egal ist, wer da steht. Wir sind eine Prothesen-Band. Es geht nicht darum, dass wir sieben Jahre lang acht Stunden am Stück üben, bis wir unser Instrument beherrschen. Das Instrument, das wir spielen, liefert automatisch den Klang.

Aber ist das nicht ein Trugschluss? Neben Kraftwerk gibt es doch nur ganz wenige, die das in dieser Perfektion beherrschen.

Wolfgang Dorniger: Ja, aber die haben die Zeit dazu verwendet, den Klang zu gestalten, und nicht, um Skalen in einem bestimmten Tempo und einer rhythmischen Finesse spielen zu können. Nicht falsch verstehen: Ich bewundere ja Leute, die Orchestermusikerinnen und Orchestermusiker werden und sich das Können aneignen, um ein hochkomplexes Werk in möglichst kurzer Zeit einstudieren zu können. Das ist eine Kasteiung, die ein hohes Honorar und großen Respekt verdient. Und es ist gut, dass es das gibt, sonst könnten wir diese schöne Musik gar nicht hören.

„In der elektronischen Musik geht es darum, einen eigenen Sound und ein eigenes Kunstwerk zu produzieren.“

Aber?

Wolfgang Dorniger: In der elektronischen Musik geht es darum, einen eigenen Sound und ein eigenes Kunstwerk zu produzieren. Fingerfertigkeiten und tonale Lesbarkeiten sind egal.
In Schwingung zu kommen und zu tanzen, darum geht es im Techno. Deshalb gab es ja auch lange kein Gesicht dazu. Das, was jetzt passiert, mit den DJ-Superstars, war so ja nicht geplant. Jetzt gibt es Acts wie aus dem Reisekatalog. Die Message ist: „Hei, mit mir buchst du eine Reise dorthin.“ Und die Leute zahlen viel für die Reise und gehen hochmotiviert hin. Und auch wenn es der größte Müll ist, finden sie es dennoch gut, weil sonst die Lebenslüge ja nicht mehr funktioniere würde. Das geht sehr in Richtung Popmaschinerie und Massenware.

Letztens habe ich Sie mit Wipe Out auf dem TV-Sender OKTO gesehen. Gibt es denn Pläne für ein neues Album?

Wolfgang Dorniger: Ja, wir haben eine Menge Material. Didi [Bruckmayr; Anm.] und ich haben beschlossen, heuer etwas zu veröffentlichen. Ob wir fertig werden, ist die andere Frage. Aber geplant ist es. Wir haben ein paar schöne Nummern, die gut funktionieren, nur müssen wir überlegen, wie wir das arrangieren und zeitlich zusammenfinden. Wir haben alle unsere Auftragsarbeiten, die unser Leben verbessern, aber auch die Zusammenarbeit verkomplizieren. Didi ist zum Beispiel sehr mit Fuckhead beschäftigt, und auch sehr erfolgreich. Und das ist gut so. Das Schlimmste ist ja, wenn man viel in eine Sache investiert und nichts zurückkommt. Dann bricht das Rundherum auch weg. Man zieht sich zurück, kapselt sich ein.  Wenn etwas gut funktioniert, kann man sich Zeit für Nebenprojekte nehmen. Je erfolgreicher man ist, desto größer ist die Bereitschaft, sich auf etwas anderes einzulassen.

Warum machen Sie auch heute noch Radio?

Wolfgang Dorniger: Weil ich mich, als ich Mitte der 1980er-Jahre in den USA war, unsterblich in dieses Medium verliebt habe. Dass es ein Radio gibt, das einfach da ist und wo Leute verschwenderisch mit Zeit umgehen und einfach Musik spielen, von früh bis spät gute Musik spielen. Die Leute sitzen am See mit einem Tragerl Bier und hören zu, genießen ihr Leben. Ich habe dann versucht, in Österreich diese Form zu forcieren. Am Anfang hat man dafür „pirateristisch“ tätig sein müssen. Später haben es Leute verstanden, freies Radio durchzusetzen. Mittlerweile ist ein Leben in Österreich ohne freies Radio gar nicht mehr denkbar?

Eine Radiosendung zu machen – hat das für Sie auch mit Sendungsbewusstsein zu tun?

Wolfgang Dorniger: Nein, das ist gar nicht so der Punkt. Ich mag das Medium. Und weil ich Radio mache, muss ich mich zwingen, am Puls zu bleiben. Sonst könnte man in seiner eigenen Glocke „dahin-nerden“. So muss ich mich zwingen, Spannendes aufzustöbern, das ist unheimlich wichtig. Ich mache auch wenig Mixe, sondern spiele das meiste von vorne bis hinten, damit man auch hört, wie das Intro und das Extro klingen. In den meisten Mixes fehlt das ja, da wird einfach nur das Fleisch zusammengemischt.

Und diese Liebe zum Radio hat sich nie abgenutzt?

Wolfgang Dorniger: Nein, weil die Musik rundherum so lebhaft ist. Techno, Experimentelles. Ich versuche, da eine Brücke zu schlagen zwischen all den unterschiedlichen Dingen, die mir gefallen und die in meinem Leben eine Rolle spielen.
Die meisten Menschen haben doch nicht einmal mehr die innere Spannung, sich eine Nummer, geschweige dann ein ganzes Album anzuhören. Man ist nie zufrieden, weil es immer noch etwas Besseres gibt. So hängen die Leute in ihrem Musikverständnis drin. Spannend ist es dann, wenn man sich Zeit dafür nimmt. In welchem Medium auch immer. Und am besten im sozialen Umfeld. Ich liebe es zum Beispiel, in ein Lokal zu kommen und dort unerwartete Musik zu hören. Je weniger das Auflegen passiert, um irgendwem zu gefallen, desto lieber ist es mir.

Haben Sie selbst jemals als DJ aufgelegt?

Wolfgang Dorniger: Nein, als DJ muss man, will man die Leute mitreißen, unheimlich diszipliniert sein. Das ist nicht meine Natur.

Inwiefern? Weil Sie nur spielen, was Ihnen taugt, ohne auf die Wirksamkeit achten zu wollen?

Wolfgang Dorniger: Ich hätte kein Problem, einen Track zu spielen, weil mich gerade spontan etwas dazu animiert. Egal ob es nun ins Konzept passt oder nicht. Deshalb ist das Radio ein guter Ort für mich. Ich hatte mal ein Konzert in Vilnius, da wurde ich eingeladen, im Radio aufzulegen. Da habe ich dann Field Recordings und Techno gemischt. Da haben die Leute angerufen und gemeint, das sei lässig, um 20:00 Uhr Echos der vorigen Nacht zu hören, gleichzeitig aber etwas anderes. Aber nachts bin ich nicht der Provider. Ich bin zu barock, ich erzähle zu ausufernde Geschichten.

Barock, ausufernd: Wäre denn die Oper etwas für Sie?

Wolfgang Dorniger: Nein, ich habe einmal mit dem Bruckner Orchester zusammengearbeitet. Da wurde mir klar, dass das eigentlich nichts für mich ist. Ich liebe zwar György Kurtag, und auch Olga Neuwirth ist klasse. Aber das ist alles notiert. Ich liebe es, wenn nicht alles vorgegeben ist, wenn man ohne Fangnetz arbeitet. Bei mir hätte bei dem Projekt mit dem Bruckner Orchester auch alles schiefgehen können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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