„Gelegentlich versuche ich mich auch an zeitgenössischen Ritualen für Synths, Percussions und Stimme […]“-UMBRA im mica-Interview

MARIJA BALUBDŽIĆ arbeitet bereits seit einigen Jahren unter dem Künstlernamen UMBRA. Dieser steht vor allem für das Zusammenfließen von Gegensätzen, inhaltlich, aber auch musikalisch. Der Sound von UMBRA bewegt sich zwischen melancholisch geflüsterten Popsongs und dekonstruierten Klangkulissen. Sie lebt im künstlerischen Dialog zwischen Belgrad und Wien, vereint dabei Szenen und Eindrücke. Die Stimme dient ihr als zentrales Instrument in einer Arbeitsumgebung ganz ohne Midi. In Kürze erscheint das offizielle Debütalbum „Unglued“ auf dem Prager Label „Baba Records“. Im Interview mit Ada Karlbauer sprach MARIJA BALUBDŽIĆ über die Stimme als eine kollektive und intime Erfahrung zugleich, über Sound als Drama zwischen zahlreichen Charakteren und Livekonzerte als ständige Grenzerfahrung und Raum der Entwicklung.

Wann hat es mit Umbra angefangen?

Marija Balubdžić: Umbra ist weniger als konkretes Projekt denn als eine lange Linie von Musik gedacht, die ich solo mache und performe. Schon seit dem Jahr 2000 bin ich in den unterschiedlichsten Kollektiven und Bands involviert. Neben diesen Kollaborationen habe ich jedoch immer meine eigene Musik weiterentwickelt. Manchmal weniger, manchmal mehr hat mir gerade diese Einsamkeit bzw. Eigenständigkeit an Umbra immer gefallen. Der Sound entwickelte sich schon sehr früh zu meiner Ausdrucksform, ich ging sowohl auf eine Musikschule als auch auf eine Universität. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich, als ich zwölf Jahre alt war, bewusst entschieden habe, mein Leben der Musik zu widmen.

Sie kommen ursprünglich aus Serbien leben nun aber in Wien. Reflektieren Ihre Arbeiten diese unterschiedlichen Orte und Szenen? 

Marija Balubdžić: Im Grunde genommen bewege ich mich ständig zwischen diesen beiden Städten, aber es scheint fast so, als wäre ich in letzter Zeit als Umbra in Wien präsenter gewesen, vor allem was meine Live-Performances angeht. Hier gibt es eine gewisse Offenheit, weniger zu regeln, Interpretationen fließen zu lassen und ungewöhnliche Soundcodes zuzulassen. Das funktioniert für mich besser in der Szene, der ich in Wien begegnet bin. Fakt ist, dass diese beiden Szenen – besonders die Wiener Szene – meine Musik beeinflusst haben. Bis jetzt bin ich mir jedoch noch nicht über das Ausmaß im Klaren.

Auf SoundCloud beschreiben Sie sich und Ihre Musik als: „tenebrous woman/machines/voice/sound interventions/poetic experiment/chants saturated in noises and chords.“ Das erzählt bereits einiges über die unterschiedlichen Zugänge und Facetten Ihrer künstlerischen Person. Wie lassen sich diese vermeintlichen Gegensätze vereinen? 

Marija Balubdžić: Die Stimme, die Maschinen, die Instrumente, die Worte und die Schatten sind in ständigem Fluss, konstruieren auf diese Art den Sound von Umbra. Im Versuch, herauszufinden, was andere fühlen, interpretieren sich diese Akteure gegenseitig ebenso wie den Soundspace selbst, alle in ihrem eigenen musikalischen Dialekt. Dieser Zugang führt immer wieder zu einer frischen musikalischen Grammatik.

Bild (c) Umbra

Die eigene Stimme steht aber meist im Zentrum.

Marija Balubdžić: Ja. Seit ich denken kann, ist die Stimme eine sehr wichtige kollektive, aber auch intime Erfahrung, dennoch bin ich oftmals sehr ruhig.

Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Stimme, Text und Wort beschreiben?

Marija Balubdžić: Ich sehe es als ein Drama zwischen zahlreichen leidenschaftlichen Charakteren, die den Schleier von Bedeutung beziehungsweise Bedeutungslosigkeit durchdringen müssen. Manchmal wachsen sie zu ambivalenten Gesten, dann wieder kommen sie zu einem Abschluss. Manchmal wohnen sie im Vergessen oder verbrennen in Wut und verschmelzen in Ekstase. Der Weg, um diese Charaktere hörbar zu machen, besteht darin, in ihren Erscheinungsformen – Gebrüll, Geschrei, Gesang – Klangformen zu bauen und uns durch musikalische Strukturen – Geräusche, Akkorde, Impulse in der Zeit – zu überzeugen.

Umbra als Künstlerin vereint auf den ersten Blick sehr gegensätzliche Charakteristika: einerseits das melancholische, ruhige, aber definitiv zugänglichere Popsängerin-Selbst und andererseits das zerstörte, lärmende und manipulierte Selbst. Woraus hat sich diese musikalische Dichotomie entwickelt? 

Marija Balubdžić: Wenn ich ehrlich bin, hat sich diese Dualität über einen langen Zeitraum von selbst entwickelt. Darin reflektieren sich sowohl mein Interesse an Musik als auch meine ganz persönliche Natur. Nach einer Weile habe ich erkannt, dass es möglicherweise eine subversive Erzählung oder ein zugrunde liegendes Konzept geben könnte. Später ertappte ich mich dabei, bewusst an dieser Verbindung zu arbeiten. Es ist immer noch ein Kampf.

Wie würden Sie ihre Arbeitsweise beschreiben, gibt es eine bestimmte Methode nach der Sie produzieren? 

Marija Balubdžić: Die Art und Weise, wie ich als Umbra Musik mache, basiert auf Vokal-Sounds, die geloopt und bearbeitet werden. Instrumentale Rhythmus- und Melodie-Einfälle folgen und verstärken dadurch die Entwicklung der musikalischen Strukturen. Es hängt ganz davon ab, ob ich aufnehme oder live performe. Neben den dynamischen und Kondensatormikrofonen, ist mein main beast ein digitaler Looper mit fünf Spuren, obwohl ich ebenfalls einen einfachen analogen Looper mit einer Spur verwende. Ich bediene eine Reihe von analogen Mixern und digitalen Oeyboards, Drum Machines, Samplern und mein Pianino. In „Ableton Live“ bearbeite ich diese Wellenformen mit Audioeffekten und Soundprocessing bis hin zum Mastering. Meine Arbeitsumgebung kommt ohne Midi aus.

Wie würden Sie das Potenzial von Sound als politischem Medium beschreiben? Spielt diese Frage heutzutage überhaupt eine Rolle.

Marija Balubdžić: Das ist nicht mein Thema. Sofern jemand das Intime politisch interpretieren kann – okay! In der Theorie mag es sein, dass die Begegnung mit dem Schatten eines anderen die eigene Wahrnehmung und damit auch die Art, wie man in der äußeren Welt agiert, verändern kann. In diesem Fall wäre die Fähigkeit, auf die es sich zu beziehen gilt, der Sound und das musikalische Medium der Veränderung, sofern ein Schatten sowohl dunkel als auch hell sein kann. Sound und Musik sind ein Spiel der Kontraste wie so viele anderen Medien. Dennoch glaube ich, diese Story ist zu weit hergeholt für mich und ich möchte mich nicht allzu sehr damit beschäftigen.

Arbeiten Sie neben Umbra momentan auch an anderen Projekten oder Kollaborationen?

Marija Balubdžić: Seit zwei Jahren genieße ich es sehr, Klavier zu spielen. Gemeinsam mit meinen Freunden in Belgrad performe ich beispielsweise als Fritz Klein in einer Reihe von Drag-Performances unter dem Titel „Ephemeral Confessions“. Dabei handelt es sich gewissermaßen um theatralische Explosionen zwischen Musik, Drama, Make-up, Politik, Humor, Dekadenz und Alkohol. Gelegentlich versuche ich mich auch an zeitgenössischen Ritualen für Synths, Percussions und Stimme, gemeinsam mit Andreas Klotz aka Superskin. Ich wurde auch zur ersten Sausaler Kunstbiennale in Wettmannstätten in der Steiermark eingeladen, um dort gemeinsam mit Caroline Profanter zu performen. Das wird Mitte September stattfinden und ich freue mich sehr darauf.

Welche Rolle spielt die Live-Performance als körperlicher Raum für Umbra?

Marija Balubdžić: Die Live-Performances konfrontieren mich mit meinen Grenzen. Sie sind sehr wichtig, weil ein großer Bestandteil meines Repertoires in vielerlei Aspekten improvisiert wird. Das bringt mich in einen bestimmten Zustand und schafft auf diese Weise einen Raum für Entwicklung. Dabei geht es auch um unfertige Materialien, die ich während eines Livekonzerts strukturell weiterentwickeln möchte. 

Was sind Ihre Zukunftspläne?

 Marija Balubdžić: Mein erstes Album „Unglued“ wird Mitte September dieses Jahres auf dem Prager Label „Baba Vanga“ veröffentlicht und online verfügbar sein. „Unglued“ ist mein erstes offizielles Umbra-Album und besteht überwiegend aus Liveaufnahmen von improvisierten Vokalstücken und anderen Tracks. Andreas Klotz hat das Cover-Artwork gemacht – und es ist genial.Am 9. September spiele ich im Punctum Krasovka in Prag gemeinsam mit Superskin und False Trance. Danach folgt das bereits erwähnte Konzert bei der Sausaler Kunstbiennale, danach das Festival Les Belles de Nuit in Zürich Ende Oktober. Inzwischen arbeite ich bereits wieder an neuem Material und es läuft gut.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ada Karlbauer

Link:
Umbra