„[…] to deal with that little beast you carry around” – LIONOIR im mica-Interview

LIONOIR ist düster, anmaßend, süß, laut, seltsam und melancholisch, und das nicht immer. Seit Dezember 2014 formulieren GLORIA AMESBAUER und SARA ZLANABITNIG die Ewigkeit mit Toys, Effekten, stimmhaften Bass- und Synth-Saiten, hektisch-langsam, Cathedral Reverb und b.b.b.beats neu. Kürzlich erschien das Debütalbum „Infinity“ in Zusammenarbeit mit BERNHARD FLEISCHMANN. Im Gespräch mit Ada Karlbauer sprachen LIONOIR über gemeinsame Arbeitsprozesse, die Stimme als eigenständiges Instrument, „electronical breathing“ als Selbstbeschreibung, die Positionierung als Female-fronted-Band und darüber, warum es noch nie Stagediving gab.

Wie ist Lionoir entstanden?

Sara Zlanabitnig:Wir kennen uns seit sieben oder acht Jahren, aber schon immer aus einem Musikkontext heraus. Vor drei Jahren haben wir mit unserem Projekt begonnen. Die Ursprungsmotivation war, dass wir mal ganz neue Sachen ausprobieren wollten.

Gloria Amesbauer: Wir haben beschlossen, dass wir uns zu zweit treffen, haben angefangen, E-Bass zu spielen und zu singen. Die Sara ist eigentlich Querflötistin, von daher ist der Gesang auch ein neues Element, das für sie bei Lionoir hinzukam. Sie verwendet für die Stimme die ganzen Effektkasterl, die eigentlich bei anderen Projekten wie Hertzinger und St.off für die Flöte verwendet werden. Dann kamen schließlich von mir noch Laptop und Synths.

Spielt die musikalische Sozialisierung eine Rolle für Lionoir?

Sara Zlanabitnig: Ich habe ein Jahr lang klassische Musik studiert, dann aber abgebrochen. Dann habe ich Rhythmik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien studiert und später Flöte an der Jazzabteilung des Brucknerkonservatoriums Linz.

Gloria Amesbauer: Mit 16 habe ich mit Gesangsunterricht begonnen, zuerst auch 3 Jahre klassischen Gesang, dann habe ich Jazz studiert und jetzt studiere ich Computermusik in Graz. Was bei mir vom Jazz übrig geblieben ist, ist das, was der Jazz ursprünglich war, also das Über-Grenzen-Gehen. Etwas, was in der neuen Musik oder im modernen Jazz immer noch probiert wird, aber im klassischen Jazz eher nicht. Es geht eher um das Mindset.

Sara Zlanabitnig: Für mich hat Lionoir eigentlich befreiend wenig mit den Studien zu tun, die ich gemacht habe. Oft ist an den Musikunis ja alles sehr verkopft und weit von der Praxis entfernt, insofern ist vieles innerhalb dieser Institutionen für mich eher negativ konnotiert.

Wann kam der Moment, an dem Sie beschlossen haben, an dem Debüt-Album „Infinity“ zu arbeiten? 

Gloria Amesbauer: Letztes Jahr gab es einen Punkt, wo wir gemerkt haben, dass es Zeit wird die Nummern aufzunehmen, die wir bis dahin gemacht haben. Wir haben uns dann überlegt, wie wir das machen wollen, und unser Wunsch war es, das Album gemeinsam mit Bernhard Fleischmann zu machen, zu dem wir auch beide davor eine freundschaftliche Verbindung hatten. Bei mir ist er gewissermaßen auch ein Grund, warum ich mit dem Computer arbeite, weil ich einfach viel von ihm gelernt habe. Wir haben ihm dann geschrieben und gar nicht erwartet, dass es funktionieren wird, hat es dann aber.

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Sara Zlanabitnig: Das war total nett: Wir hatten einen handgeschriebenen Brief verfasst, eingescannt und per Mail an Bernhard geschickt. Er hat gleich zurückgeschrieben: „Ja, lasst uns das machen!“ [lacht]

Wie verläuft die gegenseitige Annäherung während des Arbeitsprozesses, kontrapunktisch oder als eine Symbiose?

Sara Zlanabitnig: Wir arbeiten eigentlich ganz gerne gemeinsam. Zuerst improvisieren wir, spielen einfach drauflos und schauen, was für Ideen kommen. Dann greifen wir einzelne Teile heraus und es ergeben sich weitere Arbeitsschritte.

Gloria Amesbauer: Jede arbeitet dann an etwas Bestimmtem weiter und dann treffen wir uns wieder. Ich jamme ja auch ausschließlich mit der Sara gerne [lacht].

Ist die Improvisation für die musikalische Entstehungsphase wesentlich?

Sara Zlanabitnig: Irgendwie könnte man das schon so sehen. In der Live-Umsetzung bei Lionoir-Konzerten aber weniger. Obwohl ich mich in anderen Projekten schon auch als Impro-Musikerin sehe. Lionoir ist ziemlich ausgecheckt, könnte man sagen.

„Der Text fungiert als weiteres Instrument.“

Das Debüt-Album heißt „Infinity“. Worum geht es? Gibt es einen inhaltlichen Bogen?

Sara Zlanabitnig: Das Songwriting ist ungefähr fifty-fifty aufgeteilt. Die meisten Lieder gab es bereits, bevor wir sie für Lionoir adaptiert haben, wir haben sie dann für unsere Besetzung arrangiert. In meinem Fall sind es Lieder die teilweise schon sehr alt sind, bis zu zehn bis zwölf Jahre. Das ist fast schon lustig, weil die Inhalte von damals herrühren, als ich Anfang zwanzig war. Solche Texte würde ich jetzt nicht mehr schreiben, aber gerade das finde ich spannend. Einen thematischen, inhaltlichen Bogen gibt es insofern nicht, außer man fasst ihn sehr weit. Unsere Texte sind sehr abstrakt, man kann viel hineininterpretieren. Ich denke mir, es ist auch interessant für die Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn sie sich etwas ausmalen können. Der Text fungiert als weiteres Instrument.

Gloria Amesbauer: Es gibt nicht viel Text, der Text wiederholt sich oft und in vielen unserer Texte geht es – wie der Albumtitel suggeriert – auch um Themen, die Raum und Zeit betreffen.

Ist der Gesang auch als eigenständiges Instrument zu fassen? 

Gloria Amesbauer: Das ist eine spannende Frage. Ich habe ja Gesang studiert und habe mich dabei natürlich auch mit Gesangstechniken beschäftigt. Ich finde die Stimme als Instrument, das direkt aus dem Körper herauskommt, schon auch spannend, aber ich habe sie trotzdem meistens als Mittel zum Zweck gesehen. Für mich war immer klar, dass ich, wenn ich auf einer Bühne stehe, Teil der Band bin und nicht eine, die nur an der Bühnenkante steht und eine Show abliefert.

Sara Zlanabitnig: Ich finde das cool, dass die Gloria als Musikerin nicht nur auf Frontfrau machen will. Nachdem wir aber beide dasselbe auf der Bühne tun, dürfen wir ja eigentlich beide eine Show abziehen – wenn wir das wollen, und das kommt einfach ganz auf die Situation an. Stagediving hat es bei uns jedenfalls noch nie gegeben [lacht].

Welche Rolle spielen Diskurse rund um Fragen von analog versus digital im Kontext der Live-Performance?

Gloria Amesbauer: Es gab schon am Anfang ein bisschen ein Sträuben gegen das Abspielen vom Computer, aber mittlerweile finde ich, dass es beim Live-Performen hauptsächlich darum gehen soll, dass der Begriff Musikmachen einer ist, den man für sich selbst definiert. Wenn ich sage, dass ich Musik machen möchte, möchte ich auf der Bühne auch Freiheiten haben und nicht die ganze Zeit nur den Stress, alles live spielen zu müssen. Wir tun uns aber trotzdem ordentlich etwas an auf der Bühne und wir merken immer mehr, wie angenehm es ist, einfach mal etwas abzugeben. Ich finde es mittlerweile in Ordnung, Dinge nicht 100 Prozent live zu erzeugen, denn wir haben sie ja trotzdem selbst gemacht.

Sara Zlanabitnig: Beim Release spielen wir auch zum ersten Mal mit einem Schlagzeuger, der auch auf dem Album vertreten ist, mit July Skone von Gudrun von Laxenburg.

Bild (c) Lionoir

Wie würden Sie Ihren Sound beschreiben?

Sara Zlanabitnig: Ich glaube, uns wäre es recht, wenn wir uns nicht einem bestimmten Genre zuschreiben müssten.

Gloria Amesbauer: Das Genre-Zuordnen ist eher die Aufgabe der anderen. Gerade bei diesem Projekt, das daraus entstanden ist, dass wir neue Sachen ausprobieren wollten, wo es nicht darum geht, sich einzuordnen, sondern vordergründig einmal, um Dinge zu erfinden und sich dann im Nachhinein zu überlegen, worum es sich dabei handelt. Aber das Einordnen muss auch nicht unsere Aufgabe sein, finde ich. Wir machen elektronische Musik, wir machen Songwriting.

Sara Zlanabitnig: Manches ist tanzbar, manches wiederum nicht, manches eher dreamy.

Gloria Amesbauer: Ich finde, electronical breathing eigentlich ganz gut als Musikgenre.

Welche Rolle spielt die Melancholie, das Dunkle und Düstere?

Sara Zlanabitnig: Es ist ein Teil des Spektrums, würde ich sagen. Wir haben schon auch Lieder, die fröhlicher sind. Wir wollen uns nicht von vornherein ins düstere Eck stellen, obwohl ich persönlich schon sehr auf düstere Musik stehe [lacht].

Gloria Amesbauer: Ich auch, und genau dieses Interesse hört man wahrscheinlich auch heraus. Es passiert bei uns jetzt stilistisch wieder total viel, nachdem das Album am fertig geworden ist und wir beginnen, uns auf neue Dinge zu konzentrieren. Es wäre schade, sich jetzt auf eine Soundästhetik festlegen zu müssen.

Lionoir ist eine All-female-Band, handelt es sich dabei um ein bewusstes Statement gegen dominierende Mechanismen innerhalb der Musikszenen?

Sara Zlanabitnig: Die Tatsache, dass wir ein Female-fronted-Duo sind, ist uns schon wichtig, denn die Domäne, in der wir uns bewegen, ist nach wie vor mit Frauen unterbesetzt.

Gloria Amesbauer: Female-fronted und female-backed. Dass wir beide Frauen sind, ist nicht der Hauptantrieb für unsere Band, aber es motiviert jedenfalls zusätzlich. Es ist einfach spannend so zu arbeiten, da wir ja beide davor hauptsächlich in „Außer-uns-ausschließlich-Männer-Bands“ gespielt haben. Ich finde, dass die Dinge in Österreich, die gerade interessant sind, sehr oft von Frauen gemacht werden. Mir ist aufgefallen, dass mich diese „Männerbands“ musikalisch und persönlich immer weniger interessieren.

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch Initiativen, All-female-Bands etc. bereits etwas geändert hat?

Sara Zlanabitnig: Ja definitiv, es gibt sehr viele Initiativen, wie zum Beispiel das Girls Rock Camp, female:pressure und neuerdings Fraufeld in Wien, und diese Bewusstseinsarbeit dringt vor bis zu den relevanten Medien, so werden beispielsweise auf Ö1 und FM4 aktuell viele Beiträge dazu gebracht.

Gloria Amesbauer: Vielleicht halten wir uns auch in einer Blase auf. Manchmal wundere ich mich sehr darüber, wie es sein kann, dass beispielsweise bei vermeintlich zeitgemäßen Festivals nicht einmal 20 Prozent Frauen spielen. Bei manchen Konzertabenden und Festivals war ich die einzige Frau auf der Bühne. Aber es wird zumindest diskutiert. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass sich Frauen in der Kunst immer mehr vernetzen, dass sich dieses unterbewusste Bild „Eine Frau pro Band reicht“ auflöst. Dass sich auch da die eigene Wahrnehmung verschiebt, und zwar in eine sehr schöne Richtung.

Was sind Ihre Pläne?

Sara Zlanabitnig: Super wäre es, mit der Musik viel herumzukommen, auf Tour zu fahren: Ich finde, das ist einfach das Beste daran, Reisen mit und durch die Musik, damit quasi um die Welt zu kommen. Von interessanten Festivals oder Initiativen entdeckt zu werden …

Gloria Amesbauer: Schauen, was zwischen uns noch geht, das finde ich so spannend an unserem Projekt und am Musikmachen an sich. Mit anderen Menschen auszuforschen, was für Welten zwischen einander liegen, die man allein nicht sehen würde, wo man dann auch an eigene Grenzen kommt und diese vielleicht überschreitet.

Das Album wird auf Vinyl – mit einem speziellen im DIY-Verfahren gestalteten Artwork – in einer Auflage von 200 Stück veröffentlicht.

Gloria Amesbauer: Bei den Plattencovers haben wir uns sehr viel angetan. Insgesamt sind diese vierfach bedruckt – mit Siebdruck und Linol, jetzt sind wir schon fast fertig mit dem Druck und müssen sie dann noch zusammenfalten und kleben.

Sara Zlanabitnig: Das Artwork ist von einer Freundin, Nevena Aleksovski aus Ljubljana. Als wir nachgefragt haben, waren ihre Erläuterungen dazu: 

I’m dealing with the good old relation between culture and nature. two creatures were in the first place 2 persons (as you are two) which are closely connected, but somehow the other one became a wolf/dog something … so I see it now as the ‘beast’ inside each one of us that we need to deal with all our life, and we do it through relationships, stuff we do. and since your music is very intimate and personal I see it also as your tool to deal with that little beast you carry around … something like that but in general my drawings are mostly just intuitive and irrational and come out from the emotional not so rational level. so this is what your music inspired.”

Das fanden wir schön und passend.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Ada Karlbauer

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