Studie zur Sozialen Lage der Künstler veröffentlicht – Erste Positionen im mica- music austria

Als “Ausgangspunkt für Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Kunstschaffende” sieht Kulturministerin Claudia Schmied die gestern, Mittwoch, veröffentlichte Studie zur sozialen Lage der Künstler, deren Rohfassung bereits seit Monaten für Aufregung sorgte. Laut Aussendung möchte Schmied die Ergebnisse nun “intensiv mit den Experten im Kulturausschuss des Parlaments diskutieren und auch eine Konferenz zu diesem Thema organisieren”. mica-music austria hat dazu nicht erst seit der Parlametarischen Enquete Positionen dazu anzubieten.  

Aus der Kurzfassung der Studie: “Um entsprechende aktuelle Daten zur sozialen Lage der KünstlerInnen aller Kunstsparten zu erlangen, hat das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur das Wiener Forschungsinstitut ,L&R Sozialforschung’ (Lechner, Reiter und Riesenfelder Sozialforschung OEG in Zusammenarbeit mit Dr. Gerhard Wohlfahrt, Universität Graz) mit der Durchführung beauftragt. Kernstück der Untersuchung war eine Fragebogenerhebung, mittels derer Anfang 2008 die Themen-bereiche Beschäftigung, Einkommen und soziale Absicherung, sowie die private Lebenssituation, die Nutzung von Förderungen, Aus- und Weiterbildung, Mobilität und Vernetzung bearbeitet wurden.

Insgesamt 1.850 KünstlerInnen der Sparten Musik, Literatur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst und Film haben diesen Fragebogen beantwortet. Diese Fragebogenerhebung liefert eine solide Datenbasis für Analysen der sozialen Lage österreichischer Kunstschaffender. Erweitert wurde die quantitative Erhebung durch zwei qualitative Instrumente: ExpertInnen-Interviews mit VertreterInnen aller Kunstsparten einerseits, und Gruppendiskussionen mit KünstlerInnen andererseits. Die Ergebnisse wurden in einem umfassenden Bericht aufbereitet. Die hier vorliegende Kurzfassung fokussiert auf einige zentrale Ergebnisse.

“. Der Frauenanteil beträgt 46% und liegt in der Darstellenden Kunst mit 52% am höchsten und in der Musik mit 26% am niedrigsten. Es überwiegen die mittleren Altersgruppen von 35-55 Jahren, wobei Frauen in jüngeren Altersgruppen verstärkt vertreten sind. Die KünstlerInnen aller Sparten weisen eine starke Konzentration auf urbane Gebiete und hier insbesondere auf Wien auf: insgesamt 61% haben den Lebensmittelpunkt in einer Großstadt, 44% leben in der Bundeshauptstadt. Die befragten KünstlerInnen verteilen sich folgendermaßen auf die Spartenschwerpunkte: Die größte Gruppe stellen die Bildenden KünstlerInnen mit 42%, 20% sind Darstellende KünstlerInnen, 15% haben ihren Schwerpunkt in der Literatur, 14% gehören zur Gruppe der Musikschaffenden und 6% arbeiten im Filmbereich.

Jahreseinkommen unter dem österreichischen Durchschnitt – 37 % mit rund 1.000 Euro monatlich knapp über der Armutsgrenze.

Eine der Kernaussagen der Studie ist alarmierend: Das gesamte persönliche Einkommen von Kunstschaffenden, auch unter Einbeziehung von Einkommen aus nicht-künstlerischen Tätigkeiten, “bleibt deutlich unter dem anderer Berufsgruppen”. Im Mittel betrug das Einkommen aus künstlerischer Arbeit im Erhebungsjahr überhaupt nur 4.500 Euro netto. Auch die gesamtgesellschaftlichen Einflussgrößen kommen zum Tragen: Frauen verdienen im Mittel um 35 Prozent weniger als Männer.

Aus der Zusammenfassung der Studie: “Kunstschaffende sind in ihrer künstlerischen Arbeit häufig spartenübergreifend und interdisziplinär aktiv, und lassen sich nicht (mehr) einer einzigen Sparte zuordnen. Neben die eigentlichen künstlerischen Arbeiten treten bei einem Großteil Tätigkeiten in einem kunstnahen Bereich (insbesondere Lehr- und Vermittlungstätigkeiten im künstlerischen Umfeld) oder auch kunstferne Arbeiten. Erstere sind v. a. für Musikschaffende wesentlich, letztere sind unter AutorInnen am stärksten verbreitet. Diese kunstnahen und/oder -fernen Tätigkeiten dienen wesentlich der finanziellen Absicherung, denn die Einkommen aus künstlerischer Tätigkeit sind gering und für einen Großteil der KünstlerInnen unregelmäßig und schwer planbar. Im Mittel betrug das Einkommen aus künstlerischer Arbeit im Erhebungsjahr 4.500 Euro netto, tendenziell lukrieren Filmschaffende und darstellende KünstlerInnen etwas höhere Einkommen aus ihrer künstlerischen Arbeit.

 
Große Unterschiede wurden auch in den Kunstsparten festgestellt. Während darstellende Künstler mit etwas über 8.000 Euro jährlich an der Spitze liegen, lukrieren Literaten mit 2.600 Euro die geringsten Mittel. Erst unter Einbeziehung der kunstnahen bzw. auch -fernen Zusatzeinkommen nennt die Studie ein mittleres persönliches Netto-Jahreseinkommen von 12.400 Euro, was deutlich unter dem österreichischen Schnitt liegt. Das mittlere Äquivalenzeinkommen liege im Erhebungsjahr mit rund 1.000 Euro pro Monat nur knapp über der Armutsgefährdungsgrenze, unter die allerdings insgesamt 37 Prozent der Kunstschaffenden fallen, während der Anteil der Gesamtbevölkerung bei 13 Prozent, unter allen Erwerbstätigen bei sieben Prozent liegt . Diese Personeneinkommen werden dabei von den auch gesamtgesellschaftlich üblichen Einflussgrößen determiniert: Künstlerinnen verdienen weniger als Künstler und Jüngere weniger als Ältere. . Frauen lukrieren im Mittel ein um 35% niedrigeres Einkommen als Männer.”

Beschäftigung, Sozialversicherung und Förderungen

Weitere Schwerpunkte der Studie liegen auf der Analyse der Beschäftigungssituationen, dem Umgang mit dem Sozialversicherungsfonds sowie Förderungen durch die öffentliche Hand. “Demnach entsprächen Arbeitsorganisation und Beschäftigung weder der lohnabhängigen noch der klassischen selbständig-unternehmerischen Tätigkeit. Derartige Tendenzen betreffen zwar nicht nur Kunstschaffende, diese aber in hohem Ausmaß: Komplexe Beschäftigungssituationen mit hohen Selbständigkeitsraten, Mehrfachbeschäftigungen und wenig planbaren Erwerbsverläufen. Insbesondere in der Bildenden Kunst und Literatur liegt bei den Befragten fast ausschließlich selbstständige Tätigkeit vor. In der Darstellenden Kunst, dem Film und der Musik spielen unselbständige Beschäftigungen eine vergleichsweise stärkere Rolle:”

Wie es in der Studie heißt, unterscheiden sich die Lebensverhältnisse der Künstler in vielen Bereichen und Problemen nicht von jenen in der Kreativwirtschaft, der IT-Firmen oder anderer junger Branchen. “Die Arbeitszeit der befragten Kunstschaffenden liegt durchschnittlich bei etwa 52 Stunden pro Woche. Das ist im Vergleich mit der Gesamtheit der Erwerbstätigen ein erhöhtes, im Vergleich mit der Gruppe der Selbstständigen ein durchschnittliches Arbeitszeitausmaß.

Sozialversicherung: “Mehrfachbeschäftigungen und vielfältige Beschäftigungsverhältnisse im Kunstbereich sowie in den kunstnahen und -fernen Tätigkeiten führen häufig zu komplexen sozialversicherungsrechtlichen Konstellationen und zu mehrfacher Pflichtversicherung in verschiedenen Versicherungssystemen. Versicherungslücken bestehen am relativ häufigsten in der Pensionsversicherung, was hinsichtlich der sukzessiven Ausweitung des Durchrechnungszeitraums im Rahmen der Pensionsberechnung problematisch ist.

Fördersysteme:
Generell treten verstärkt jene Gruppen mit den Fördersystemen in Kontakt, die sich in den mittleren Einkommensklassen befinden. Der Erfolg bei der Erwerbung künstlerischer Förderungen (Bund, Länder/Gemeinden, private Förderungen) ist bei besser Etablierten größer. Soziale Förderungen (Künstlerhilfe) werden von Frauen häufiger als von Männern beantragt, was deren finanzielle Schlechterstellung widerspiegelt. Die Vorschläge zur Verbesserung der Fördersituation insgesamt betreffen in erster Linie eine höhere Dotierung der Fördereinrichtungen, um die strukturellen Rahmenbedingungen für künstlerische Arbeit zu verbessern, sowie eine stärkere Transparenz bei der Vergabe von Förderungen.

 
Insgesamt haben 29% der Befragten bislang um keinerlei Förderungen oder Unterstützungen angesucht, dieser Anteil ist in den oberen und unteren Einkommensklassen größer, in den mittleren Gruppen geringer. Etablierte KünstlerInnen haben bessere Aussichten Fördermittel zu erhalten. Bei Förderungen des Bundes sind erstere zu 78% erfolgreich, letztere zu 61%, bei Förderungen von Ländern/Gemeinden liegen die Erfolgsquoten bei 92% gegenüber 67%. Ansuchen um Künstlerhilfe zur Minderung einer sozialen Notlage stellten 11% der befragten Frauen und 7% der Männer.

Private Lebenssituation: Insgesamt sind Kunstschaffende im Vergleich zur Gesamtbevölkerung seltener verheiratet und werden seltener und später Eltern. Dabei haben KünstlerInnen in Ehegemeinschaften am häufigsten Kinder, in allen anderen Lebensformen überwiegt Kinderlosigkeit. Ein Recht auf Familie wird aufgrund der unsicheren Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven als “nicht lebbar” wahrgenommen. Frauen befinden sich häufiger in Single-Situationen als ihre männlichen Kollegen, die ihrerseits vermehrt in partnerschaftlichen Konstellationen leben und damit auch über eine verstärkte private Unterstützung verfügen.” (Die Studie sowie eine Kurzfassung ist unter bmukk.gv.at/kunst/bm/studie_soz_lage_kuenstler.xml abrufbar)

Claudia Schmied und die Kritik der Grünen

Jüngsten Meldungen zufolge (etwa in den Salzburger Nachrichten von heute) wird Ministerin Claudia Schmied in der neuen Regierung doch im Bildungs- und Kulturressort verbleiben. Claudia Schmieds erste Reaktionen auf die Studie: “Diese Entwicklungen dürfen wir nicht isoliert aus dem Blickpunkt der Kunst betrachten. Wir müssen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber führen, wie wir den Bürgerinnen und Bürgern Elementarabsicherungen gegenüber Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter geben können”, so Schmied. “Wir müssen uns mit den neuen Arbeits- und Lebensverhältnissen intensiv beschäftigen.” Die nächste Bundesregierung müsse eine interministerielle Arbeitsgruppe zu diesem großen gesellschaftlichen Thema einrichten.

Die soziale Lage der Künstler sei vor allem durch Phänomene wie prekäre Arbeitsverhältnisse, neue Selbstständigkeit und Teilzeitbeschäftigung geprägt. “Wir erleben eine extreme Einkommensschere”, so Schmied, “viele Künstler verdienen wenig, wenige Künstler verdienen viel.” Der Zugang zu Kunstberufen hänge überdies weiterhin stark von der sozialen Herkunft ab. Vor allem im Sozialversicherungssystem stünden viele Kunstschaffende “vor administrativen und sozialen Hürden. Als Maßnahmen müssten etwa die Förderangebote “noch transparenter und zugänglicher”, das Stipendienwesen und die internationale Vernetzung verbessert werden.

Der Grüne Kultursprecher Wolfgang Zinggl kritisiert in einer Aussendung die späte Veröffentlichung der Studie: “Es stellt sich schon die Frage, warum die Studie vier Monate lang unter Verschluss gehalten werden musste – immerhin liegen die Ergebnisse seit Juli vor”, so Zinggl. In diesen vier Monaten hätte die Ministerin “schon eine ganze Reihe von Maßnahmen setzen können”. Weiters kritisiert er den Ansatz, “es gehe allen gleich schlecht und man habe es mit gesamtgesellschaftlichen Phänomenen zu tun”. Wie die Studie belege, gehe es den Künstlern im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung “nämlich deutlich schlechter!”. Zinggl fordert konkrete Maßnahmen statt der von Schmied vorgeschlagenen Einrichtung einer interministeriellen Arbeitsgruppe. “Von dieser weiß man zwar nicht so recht, was sie eigentlich machen soll, aber Hauptsache, man simuliert Aktivität. Die Kulturpolitik im Land erreicht ungeahnte Tiefpunkte” (zitiert aus “Der Standard”).