CLARA OPPEL und SYLVIA WENDROCK trafen einander zum Interview in einem typischen Wiener Kaffeehaus. Durch die hohen Decken hallte jedes Löffelklappern in der Tasse, die große Menge an Gästen, die vor dem Regen draußen flüchtete, erhöhte den Geräuschpegel. Diese Kulisse eröffnete das Gespräch ganz zufällig direkt mit einem jüngeren Werktitel Clara Oppels:
I can’t hear you!
Clara Oppel: Für das Micro Museum of Sound (Klangkunstmuseum) der Wiener Tonspurpassage folgte ich der Einladung, Stille zu präsentieren. Mit einer Drehung wegwärts kam ich zu „I can’t hear you“, einer Arbeit ohne Ton. Für mich steckt da eine Dopplung drin: Man liest den Satz, ohne ihn zu hören, und gleichzeitig hört man ihn genau dadurch, dass man ihn liest. Jedenfalls klingt er für mich sofort im Kopf.

Die Karte hat eine glänzend-spiegelnde Oberfläche, sodass der Betrachter sich darin erkennen und auch darüber in den Dialog mit sich gehen kann.
Clara Oppel: Genau. Eine Option wäre ja auch Verzweiflung über eine mögliche Verneinung. Ich kann nicht, was du willst. Oder man hört zwar, aber versteht nicht. So wie hier gerade im Café.
Du lieferst Bilder von Sprache, hebst sie in eine bildnerische, eine architektonische Ebene in ein mehrdimensionales Gefüge.
Clara Oppel: Sprache ist eine tonale Erfahrung. Ich höre, ich sehe Klang – und dieses Bild versuche ich dann zu zeichnen, zu installieren, wiederzugeben. Das ist auch ein ästhetisches Bedürfnis, Klang nicht nur hörbar zu machen, sondern ihn auch auszustellen und darzustellen, weil ich mehr Informationen liefern möchte. Bei der Bodenarbeit „Brechungen“ mit einer Vierkanalkomposition habe ich dafür Gespräche aufgenommen, ohne auf die Inhalte zu achten. Friedrich W. Block hatte mich eingeladen, für das Programm der Stiftung Brückner-Kühner im Palais Bellevue in Kassel eine Arbeit zu entwickeln – an einem Ort, der sich der Literatur widmet. Und ich dachte mir, ich will wissen, wie Laute und Klänge aus der Nähe hörbar sind und wie sie sich entfernen. Wie sich Zeit zwischen diesen vier Klangspuren aufspannt und wie sich diese vier Elemente auf der flachen Ebene des Bodens bewegen.
In einer älteren Arbeit, den „Schlafstimmen“, verarbeitest du Gedichttexte, also konzertierte Worte. Es gibt aber auch Werke, die Sprachfärbungen – als das Sprechen –untersuchen. Hörst du gern andere Sprachen, ohne sie zu verstehen?
Clara Oppel: Absolut. 2019 fuhr ich mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Taiga und wollte beim Unterwegssein fremde Sprachen akustisch erforschen. Aber das Zugfahren war dafür nicht ideal. Zu viele Nebengeräusche, eine Kakophonie von Lauten. Mir ist klar geworden, dass ich für meine Absichten doch hätte mehr in den direkten, persönlichen Kontakt gehen müssen. In meiner Vorstellung war genau die beobachtende, quasi unsichtbare Position für diese Art von Forschung angebracht, aber das hat sich eben als falsche Annahme erwiesen. Ich hätte für dieses Projekt dann mehr Zeit aufbringen müssen, als mir noch zur Verfügung stand.
Du untersuchst die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit visuell und akustisch. Auch Peter Ablinger fragte nach der Wahrnehmung und suchte nach der musikalischen Entsprechung zu Fotogrammen und landete beim Rauschen, in allem, was zusammen nichts ist. Deine Arbeiten führen dagegen ins Innere, in mikroskopische Zusammenhänge und Tiefen.
Clara Oppel: Ich befasse mich ja schon immer mit Naturphänomenen und bin auch sehr naturverbunden. Eine meiner letzten Arbeiten befasst sich mit Mikroakustik in der Erde, also unter dem Boden, auf dem wir stehen. Ich wollte wissen, was da unter unseren Füßen abgeht. Und war dann sehr erstaunt, wieviel es unterirdisch zu hören gibt. Mit einer dünnen, fadenartigen Bodensonde aus der Ökoakustik gehe ich etwa 20 Zentimeter in den Boden hinein und versuche dann visuelle Verbindungen zum gefundenen akustischen Material herzustellen.
In der Ökoakustik wird Humus, also die oberen und ersten 20 Zentimeter Erdschicht als die geräuschvollste beschrieben. Über diese Akustik leiten Forscher:innen dann unter anderem Aussagen über den Zustand des Bodens ab. Was sagen dir die Geräusche im Boden?
Clara Oppel: Ich weiß gar nicht, ob sie mir etwas sagen. Ich beginne eher, etwas zu sehen.
Für die Raumarbeit „Mother Earth“ sind auf diese Weise ziemlich realistische Scherenschnitte von Pflanzen und Pflanzenteilen entstanden, die ich in der Stadt finden konnte. Man geht in einen leeren, hellen Raum – nichts ist zu sehen, alles ist leer. Und dann geht das Licht aus, denn die Pflanzen arbeiten im Dunkeln. Die Scherenschnitte fluoreszieren in dieser Blackbox durch die Dunkelheit, gleichzeitig startet der Ton. Man sieht langsam diese floralen Bilder und hört den Ton aus dem Boden. Die Lautsprecher sind auch am Boden installiert und lassen die Vibrationen des Bodens spüren. Das ist in einer hochversiegelten Stadt kaum noch erfahrbar.

Wo war „Mother Earth“ zu sehen?
Clara Oppel: Ich konnte diese Arbeit auf Einladung zur Ausstellung „Wilde Winkel“ im Kunstverein rotor letztes Jahr in Graz umsetzen und später dann auch noch einmal im Zwischenstockwerk der Galerie Freihausgasse in Villach ausstellen. Für den Engländerbau in Vaduz habe ich diese Scherenschnittarbeit jetzt erweitert. Sie ist formal zwar völlig verschieden von „Mother Earth“, aber es gibt witzigerweise doch Anknüpfungspunkte.
„Klang braucht Zeit.“
Diese neue Arbeit heißt „darunter“. Schaust du dafür nun unter die Pflanzen?
Clara Oppel: Für Vaduz habe ich weiter mit diesen Bodengeräuschen als Ausgangspunkt gearbeitet. Die Sprache der Natur hat mich so sehr fasziniert. Wir hören es nicht, aber was ist da unterhalb los? Wir wissen es nicht, aber da ist so viel. Und nachts am allermeisten. Hier wird noch mal deutlicher: Klang braucht Zeit. Und er breitet sich in den Gängen und zwischen den Rhizomen im Boden aus. Ich habe begonnen, nicht nur in Tageszeiten, sondern auch Jahreszeiten und Wetterumständen zu denken. Meine Ausgrabungen in der Erde, um diese feingliedrigen Wurzelgeflechte zu sehen, haben im Zusammenspiel mit der aufgenommenen Klangwelt neue Räume in mir geöffnet. Und das setze ich jetzt in eine hoffentlich starke visuelle Arbeit mit Klang um. Ich zeichne mit Drähten und Kabeln dreidimensional in den/im Ausstellungsraum: ein großes Cluster aus Linien und Strukturen, das in den Ausstellungsraum wächst. Darin befinden sich viele Kleinlautsprecher, die in einer 8-Kanal-Komposition ebenfalls Schichten aus acht verschiedenen Klangzonen des Bodens wiedergeben. So werden meine Klangrecherchen aus dem Boden dann sichtbar. Und das Untere wächst ins Oben.
Wie entsteht diese Zeichnung in den Raum hinein?
Clara Oppel: Sie ist modellhaft da. Aber was ich auf dem Blatt Papier oder bereits in ein kleines Modell gegossen habe, muss bei der Umsetzung adaptiert werden, weil die Dinge in den jeweils verschiedenen Raumdimensionen anders funktionieren. Der Raum braucht Zeit, um die Zeichnung zu verstehen. Ich gebe sie ihm, während ich arbeite. Die Linien sind nicht nur eine Zeichnung. Sie sind auch eine unsichtbare Choreografie für den Raum. Der Klang aktiviert diese Bewegung zusätzlich. Und auch bezüglich des Klangverhaltens im Raum gibt es immer ganz spezifische Parameter, die mein direktes Reagieren auf den Raum erfordern.
Durchdringen überirdische und unterirdische Akustik in der Stadt? Oder lassen sich Abgrenzungen hören?
Clara Oppel: Ja, man hört den Stadtlärm auch unter der Erde. Die Mikrofonaufnahmen zoomen ja in den unterirdischen Klangraum und machen ein Kratzen oder Schaben deutlich hörbar. Ob das aber einen aktiven Käfer oder etwas Größerem zuzuordnen ist, lässt sich nicht immer eindeutig sagen. Wenn ich aber ganz früh draußen auf der Wiese sitze und Bodenaufnahmen mache, beginnen sich gegen vier, halb fünf die Tiere oberhalb zu bewegen und es ändern sich die Geräusche unter der Erde. Wie eine Ablöse: vor allem die Tiere ziehen sich zurück. Deren Aktivitätsradien sind vielleicht vom Licht, auf jeden Fall aber von den verschiedenen Wechselwirkungen der Nahrungskette abhängig. Die Pflanzen dagegen reagieren auf Licht und Feuchtigkeitsgehalt im Boden.

Was kann man da wahrnehmen?
Clara Oppel: Wenn man die Akustik von Pflanzen und Wurzeln abnimmt, ist direkt zu hören, wie es plötzlich saugt und zieht, wenn es Wasser bzw. Feuchtigkeit in den Boden dringt. Mikrogeräusche davon verwendete ich in der Arbeit „Liquid Echoes“. Sie entstand für eine Ausstellung zur Schwabacher Kunstbiennale voriges Jahr. Das Thema lautete „Im Zeichen des Goldes“ – ich habe es metaphorisch behandelt.
Es fielen blaue Kabel von der Decke und erinnerten an Wasser, die Lautsprecher an deren Enden wirkten wie Tropfen.
Clara Oppel: Dafür hatte ich einen tollen Platz in einer alten Mälzerei, die ja auch das Wasser zusammen mit dem Rohstoff Getreide wandelt. Bei der Frage nach der besonderen Bedeutung des Goldes stieß ich darauf, dass es ursprünglich aus dem Weltall stammt.
Es kam mit Meteoriten auf die Erde und lagerte sich im Gestein ein. Um auf das wertvolle Metall zu stoßen, waschen wir Gestein mit Wasser aus. Dabei hat Wasser doch mindestens denselben Wert wie Gold. Es ist nichts weniger als unsere Lebensgrundlage und hauptsächlicher Bestandteil der Erde und des menschlichen Körpers. Und wir wissen, dass es langsam knapp wird. So wurde es mir wichtiger, den Rohstoff Wasser zu thematisieren.
„Es geht mir um den Boden als verdrängten Raum.“
Sezierst du die Klänge, die du vorfindest, und schaust deshalb mit einer Lupe auf sie? Oder filterst du sie nach bestimmten Frequenzen?
Clara Oppel: Ich gehe mit einer Lupe rein und erkenne mitunter dann die Stadt auch ganz deutlich: Schienengeräusche von der Straßenbahn oder Kanalgeräusche unten an der Mur. Es kommt auf die Vernetzung im Boden an, welche Klänge durch welches Material übertragen werden. Es geht mir um den Boden als verdrängten Raum. Ich stelle also nicht nur die Frage: Was ist unter den Füßen? Sondern auch: Warum nehmen wir es kaum noch wahr? Mich interessiert daran auch, wie sehr uns der Boden im urbanen Raum entzogen ist: versiegelt, überbaut, funktionalisiert. Was unter unseren Füßen liegt, trägt uns ständig, bleibt aber meist unsichtbar und unbeachtet. Oft bin ich überrascht, wo und woher plötzlich Klänge zu hören sind. Das Material, das sich mir zeigt, zerlege, zerschneide, überlagere ich und setze es neu zusammen. Die entstehenden Rauminstallationen bieten eine Chance, die Welt unter den Füßen zu erfahren.
Der schöne Ausstellungsraum im Engländerbau wird nun mit dem Geflecht des Unterirdischen gefüllt, quasi als Entschädigung oder Schmerzensgeld an den Boden. Eine Würdigung dessen, worauf wir stehen.
Clara Oppel: Den ganzen Tag gehen wir mit den Füßen auf solchem Boden. Und der unterscheidet sich wesentlich von dem Gespür auf einer Wiese, wenn du barfuß gehst, was kaum noch jemand tut. Manche Menschen vermeiden es ja, barfuß auf Naturböden zu gehen, aus Angst vor kleinen Käfern. Derweil sind sie ganz schnell weg, denn sie spüren mächtige Vibrationen, die von unseren Schritten ausgehen.
Mich erinnern deine Arbeiten immer wieder daran, dass eigentlich nicht in Sprache gegossen werden kann, wie deine Kunst zu erfahren ist.
Clara Oppel: Es wird in Vaduz ein Begleitprogramm mit verschiedenen Walks und Workshops geben. Solche Blindwalks und Soundwalks habe ich bereits bei der Ausstellung von Mother Earth angeboten. Die Gruppe findet sich paarweise, eine:r bekommt die Augen verbunden und der:die andere führt. Da passiert so viel. Ich wurde schon häufiger darauf angesprochen, so etwas mit anzubieten. Mittlerweile ist es zu einem wiederkehrenden Format geworden.
„Bereits das Führen und Geführt-Werden stellt oft eine mentale Herausforderung dar. Darum muss ein solcher Walk auch gut geführt und geschützt stattfinden.“
Ist das eine Einladung für die Besucher:innen, sich der Klanginstallation statt bloßer Rezeption angeleitet auszusetzen?
Clara Oppel: Ich nenne es „Walk the Sound / Blindwalk“. An die von R. Murray Schafer geprägte Soundwalk-Tradition anknüpfend, öffnet der Hörspaziergang einen spielerischen Zugang zu leisen, verborgenen, zufälligen oder kaum hörbaren Klängen. Zwischen städtischer Geräuschkulisse, einfachen Stimmmpatterns und sensorischer Orientierung entsteht ein Erfahrungsraum, in dem sich Umwelt primär über das Ohr und die Stimme mitteilt. Ich habe daraus einen Blindwalk gemacht, bei dem ich für die Gruppe oft Wahrnehmungsübungen erfinde. Bereits das Führen und Geführt-Werden stellt oft eine mentale Herausforderung dar. Darum muss ein solcher Walk auch gut geführt und geschützt stattfinden.
Was machen wir, wenn wir sensibler werden oder uns auf diesem Weg zur Sensitivierung befinden? Es gab ja vielleicht auch einen Grund für die Desensibilisierung der Menschen?
Clara Oppel: Naja, es gibt auch Menschen, die das gar nicht aushalten. Oder die vorübergehende Blindheit mit ständigem Reden kompensieren. Oder Schwierigkeiten haben, sich derart einer möglicherweise fremden Person anzuvertrauen.
Warum ist dir dieses Rahmenprogramm wichtig?
Clara Oppel: In meinem zweiten „Sound the Walk / Blind Walk“ möchte ich die Gruppe am Ende ein zweites Mal in die Installation führen, um erfahrbar zu machen, was sich vom Eindruck vorher und nachher vielleicht unterscheidet. Um herauszufinden, was mein Material noch zu erzählen vermag und wie ich damit umgehe.
Woran arbeitest du gerade außerdem?
Clara Oppel: Im Moment hat mich das Graz Museum Schlossberg beauftragt, im sogenannten Wundergarten eine Installation zu erfinden. Das wird ein rein akustisches Hörstück aus vier Kanälen. Weil man da auf etwa 400 Meter Höhe die ganze Stadt hört, entsteht schon dadurch ein weites Soundscape. Der Garten ist noch recht karg und wird derzeit gestaltet, unter anderem mit einer strauchartigen Hainbuche vor einer halbrunden Parkbank. Die Lautsprecher werden in die Bank integriert und am Baum angebracht, sodass dort eine konzentrierte akustische Situation entstehen kann. Im Freien verliert sich Klang ja viel schneller. Akustisch bewege ich mich dabei im Feld der Soundscapes vor Ort, die ich aufnehme, spiegele und mit naturbezogenen Klängen in Beziehung setze. Mich interessiert der Moment, in dem die Grenze unscharf wird zwischen dem, was vor Ort hörbar ist, und dem, was in den Raum zugespielt wird. Ich möchte die Arbeit so gestalten, dass man mit den Winden und Kirchenglocken abschweifen kann.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
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Termin:
Clara Oppel: Darunter – Ein oszillierendes Netzwerk aus Klang und Raumzeichnung
24. März bis 17. Mai 2026
Kunstraum Engländerbau Vaduz, Liechtenstein
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Links:
Clara Oppel
