„Songs sind zum Teil die besten Freunde.“ – RO BERGMAN in mica-Interview

Ro Bergman ist längst kein Unbekannter mehr. Seit seiner Debütsingle „Best Time“ vor rund zehn Jahren hat sich der Salzburger mit zahlreichen Veröffentlichungen und Konzerten einen festen Platz in der heimischen Musiklandschaft erspielt. Mit „SAUM“ (VÖ:11.09.26) legt er nun sein erstes Album vor – und entwirft darauf einen Sound, der sich bewusst zwischen den Polen bewegt: Indie Rock trifft auf Alt-Pop, organische Instrumentierung auf elektronische Elemente, eingängige Melodien auf atmosphärische Tiefe. Die über zweieinhalb Jahre hinweg zwischen Wien, Berlin und Sizilien entstandenen Songs kreisen um Übergänge und Gegensätze, um Aufbruch und Stillstand, Nähe und Distanz. „SAUM“ wird so zu einem sehr persönlichen Album, das Energie und Intimität, große Klangbilder und nach innen gerichtete Momente miteinander verbindet. Im Interview mit Michael Ternai spricht Ro Bergman über das Gefühl, aus dem heraus er seine Songs schreibt, über die Quellen seiner Inspiration und das Thema des Übergangs, um das sich sein Album dreht.

Jetzt einmal, es hat doch ein bisschen gedauert, so ein großes Album auf die Beine zu stellen. Du bist ja – ich habe jetzt noch einmal nachgelesen – vor rund zehn Jahren mit deiner ersten Single erstmals richtig in Erscheinung getreten. Dazwischen hast du natürlich auch Singles und EPs veröffentlicht. Aber so ein richtiges Album ist jetzt doch noch einmal der nächste Schritt.

Ro Bergman: Absolut. Ich wohne zum Teil im Lungau. Das ist der kälteste Teil Salzburgs, die kälteste Zone, der kälteste Gau im Süden. Neben mir wohnt ein Bergbauer, ich selbst wohne auf 1350 Metern Höhe. Und der hat einmal zu mir gesagt: Alles, was gut wird, soll langsam wachsen, muss langsam wachsen. So wie zum Beispiel auch die Zirbenbäume im Lungau, die blühen erst mit 40.

Und ja, es hat diese Zeit gebraucht. Davor habe ich drei EPs veröffentlicht. EPs waren für mich ein relativ gutes Maß an Songs, die sich innerhalb einer überschaubaren Zeit relativ schnell herauskristallisiert haben. Jetzt ist dieses Album da, und es ist innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre entstanden – in Wien, Berlin, Sizilien, im Lungau und zum Teil in Tirol. Ich habe einfach Songs aus dem Instinkt, aus einem Gefühl heraus geschrieben und geschaut, was da so daherkommt. Am Ende waren es 25, 30 Songs, und zehn davon sind jetzt auf dem Album gelandet.

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Die Quintessenz für mich bei diesem Album ist, dass du jetzt letztendlich deinen Sound gefunden hast – einen Sound, der stilistisch, klanglich und auch von der Intensität her sehr breit gefächert ist. Davor waren es wahrscheinlich eher Ausschnitte aus deinem gesamten musikalischen Spektrum. Auf diesem Album wird das jetzt zum ersten Mal wirklich zusammengeführt, habe ich das Gefühl. Kann man das so stehen lassen?

Ro Bergman: Ich finde es immer ein bisschen schwierig, wenn man sagt, man hat seinen Sound gefunden, weil ich die Songs so mache, wie sie kommen und wie ich sie fühle.

„All I’m gonna do is just go on and do what I feel“, hat Jimi Hendrix einmal gesagt. Damit kann ich mich schon sehr gut identifizieren. Die Songs kommen also, weiß Gott, woher.

Und ich versuche dann einfach, den Ton des jeweiligen Songs zu treffen. Ich bin auch froh, wenn sich der Sound verändert. Natürlich ist es gut, wenn man eine gewisse Fassbarkeit hat, und man könnte auch sagen, man schreibt lebenslänglich denselben Song. Aber darüber mache ich mir nicht so viele Gedanken. Ich versuche, wie gesagt, sehr intuitiv zu agieren, sehr aus einem feinen Gespür heraus. Und ja, so würde ich das beantworten.

Jetzt sind es eben zehn Songs, und die Klammer dafür ist der Titel „SAUM“. Und Saum beschreibt eigentlich genau dieses Dazwischen in Landschaften: Wann wird das Tal zum Berg? Zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Zwischen Festhalten und Loslassen eigentlich auch.

Und so sehe ich das auch musikalisch in Bezug auf meinen Stil. Natürlich ist meine Stimme immer meine Stimme. Und ich bin auch immer wieder sehr überrascht, welche Gedanken, welche Texte und welche Gefühle dann in den Songs auftauchen.

Manchmal ist ein Song fast schon unheimlich. Das hast du sicher schon öfter von anderen Musiker gehört. Songs sind zum Teil die besten Freunde. Man schreibt in Songs das hinein, was man nicht unbedingt sagen kann. Und gerade deshalb ist es manchmal unheimlich, weil da Sachen zum Vorschein kommen, die man selbst noch gar nicht so kennt. Ich erkläre mir das dadurch, dass vieles sehr unterbewusst passiert. So, wie ich meine Lieder schreibe, erzählen mir die Songs oft schon Dinge, die ich selbst noch gar nicht weiß. Und das ist dann schon sehr, sehr magisch.

Deine Musik hat ihre ganz eigene Note. Du scheinst dich nicht unbedingt an Trends oder einem bestimmten Sound orientieren zu wollen, sondern lässt die Dinge so entstehen, wie sie kommen. In deiner Musik gibt es rockige Songs ebenso wie sehr intime, zurückhaltende und deutlich poppigere Momente. Ist diese stilistische Breite vielleicht genau das, was deine Musik ausmacht – und auch dein Markenzeichen ist?

Ro Bergman: Definitiv. Also, ich mache das schon so, wie ich es fühle, und versuche dabei, mutig zu sein.

Wie bist du eigentlich musikalisch sozialisiert worden?

Bild des Musikers Ro Bergman
Ro Bergman © Kurt Bauer

Ro Bergman: Mein musikalischer Nährboden war eigentlich, dass meine Eltern musiziert haben, und das eigentlich immer. Auch zu späterer Stunde. Als Kind mochte ich das gar nicht so gern, weil ich, glaube ich, eben sensibel bin und wenn es dann zu laut war, hat mich das nicht so begeistert.

Aber so war musikalisch immer etwas da. Und dann halt während der Schulzeit: Ich hatte einen unfassbar talentierten Typen in meiner Klasse, und mit ihm habe ich mit 13, 14 unsere erste Band gegründet.

Wir haben immer eigene Lieder geschrieben, und das war eigentlich cool. Meine Stimme war damals noch sehr knaben- und bubenhaft, und dann ist es in der Pubertät mit dem Stimmbruch noch einmal interessanter geworden.

Das war in Hallein, in Salzburg, und dann hatten wir unsere ersten Auftritte. Ich bin einfach infiziert worden von dem, was es bedeutet, einen Song zu spielen. Das macht etwas mit Menschen, berührt sie vielleicht nur für einen Moment, und dann spürt man, was da gerade passiert.

Natürlich ist dieser Weg auch von durchaus einigen Mühseligkeiten gepflastert. Man muss es schon wirklich wollen. Aber ja, ich will es wirklich, weil ich es einfach echt gerne mache. Lieder zu schreiben, das sind die besten Dinge, die ich machen kann.

Du hast vorher Songs als Freunde beschrieben. Daher nehme ich an, dass sie auch sehr persönlich sind. Man spürt das auch – da ist immer noch eine zweite Ebene, ein gewisser Tiefgang. Inwieweit passiert das ganz von selbst, und wie viel Arbeit steckt dahinter, dass die Songs letztlich so klingen?

Ro Bergman: Ein Song entsteht manchmal schneller, manchmal braucht er länger. Man kann schon auch ein Jahr an einem Song herumschrauben. Seit meiner letzten Veröffentlichung sind allerdings durchaus einige Jahre vergangen. Auch, weil ich wollte, dass sich die Songs ein bisschen selbst schreiben. Es ist immer so abstrakt, wenn man das sagt, aber im Grunde ist es so: Ich habe eine Skizze, gehe dann ins Studio und produziere sie an. Danach singe ich in so einem Fantasieenglisch darüber. Da sind manche Worte und Phrasen drin, die mir dann als Ausgangspunkt für meine Textcollage dienen.

Dann sammle ich alles, was mich so begleitet, und schreibe es auf – wirklich alles querbeet. Danach versuche ich, daraus einen Text zu machen. Natürlich spielt dabei auch einiges aus meiner Lebenswelt und Lebenserfahrung mit, also das, was man inzwischen so macht und erlebt hat. Deshalb habe ich die Dinge, die ich da erzähle oder besinge, auch gerne selbst erlebt und gelebt. Und das braucht oft ein bisschen.

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Was sind denn tatsächlich die Themen, die du behandelst? Sind es vor allem persönliche Geschichten, die du in deinen Songs verarbeitest, oder lässt du dich auch von Beobachtungen und deiner Umwelt inspirieren?

Ro Bergman: Sowohl als auch. Alles ist Inspiration. Das kann ein Lächeln sein, das kann ein sehr ruhiger Moment sein. Das kann aber auch ein Konzert sein. Es ist wirklich ganz, ganz unterschiedlich. Es ist irgendwie schon das, was einen in der Seele berührt, was man dann so reinschreibt. Jetzt nicht alles – manches muss ja einfach auch nur reimen. Aber ich habe es schon gern, wenn Platz für Interpretation bleibt. Und ja, das klingt mal besser, mal schlechter. Da darf man auch nicht an sich selbst verzweifeln. Es gibt ja dieses Zitat: „Scheitern, scheitern, besser scheitern.“

Du hast vorher erwähnt, dass das Überthema des Albums der Übergang ist. In welchem Übergang befindest du dich im Moment?

Ro Bergman: Also, ich habe zwölf Jahre in Tirol gelebt, davor in Salzburg und dann zweieinhalb Jahre in Wien. Das Album behandelt schon dieses Thema: Stadt und Land, urbane Geschwindigkeit und ländliche Ruhe. Wie viel wirkt die Vergangenheit noch? Was hält die Zukunft bereit? Und ja, da gibt es sehr viele Momente der Wahrheit, die manchmal schmerzhaft, manchmal aber auch befreiend sind.

Albumcover SAUM
Albumcover “SAUM”

Ich würde schon sagen, dass ich mich in den letzten zweieinhalb Jahren einfach auf den Weg gemacht habe. Das zeigt auch das Cover. Es bildet irgendwie dieses Dazwischen von Fliegen und Fallen, Liegen und Schweben ab. Ich war früher Sportler und habe schon viele Berge bestiegen. Und ich weiß, dass man nicht auf dem Gipfel bleiben kann. Man muss sich wieder aufmachen. Man muss weitergehen und quasi seinem Schicksal die Hand geben. Und auch dem Leben vertrauen, dass alles so passiert, wie es passieren soll, damit man das lernt, was man zu lernen hat. Da hat man manchmal Angst, und es fühlt sich manchmal nicht so super an. Aber es ist eben eine Herausforderung.

Und so würde ich das sagen: Es ist geprägt von diesem Dazwischen von Stadt und Land und tatsächlich auch von Festhalten und Loslassen.

Du lebst sowohl am Land als auch in der Stadt. Was kommt dir von diesen beiden Umgebungen näher?

Ro Bergman: Beides. Ich liebe Kontraste, weil sie mir das Gefühl geben, schärfer zu sehen und die Unterschiede stärker wahrzunehmen. Im Lungau, dort, wo ich bin, ist es sehr ruhig. Da wecken mich in der Früh die Schafe oder ihre Glocken. Und in Berlin oder Wien weckt mich dann die U-Bahn oder irgendein Betrunkener auf. Und da bin ich einfach irrsinnig neugierig. Als Künstler weiß ich, dass sich ein erlebnisarmes Leben nicht so gut erzählen lässt. Es ist vielleicht schöner, aber es braucht schon auch diese Höhen und Tiefen und Unwegsamkeiten.

Was ich an deiner Musik auch sehr schön finde – und damit meine ich auch diese Tiefe, von der wir gesprochen haben – ist, dass trotz der poppigen Elemente, an denen man sich festhalten kann, immer eine leicht melancholische und nachdenkliche Note mitschwingt. Wie sehr spiegelt diese Nachdenklichkeit in der Musik auch dich selbst wider?

Ro Bergman: Oh, wie ehrlich darf ich sein? Als ich angefangen habe, Lieder zu schreiben, habe ich immer nur melancholische Lieder geschrieben. Und dann habe ich mir gedacht: Nein, das kann nicht nur melancholisch sein. Jetzt versuche ich schon auch, Lieder zu schreiben, die wirklich einen Impuls nach vorne haben, von mir aus mit manchen nachdenklichen Momenten auf textlicher Ebene.

Wenn ich mir das jetzt auch live vorstelle, finde ich es einfach schön, wenn ein Konzert Euphorie ausstrahlt und einen nach vorne bringt, aber in manchen zerbrechlichen Momenten auch sehr intim und nahegehend sein kann. Und so würde ich irgendwie auch meine Person beschreiben. Ich bin nicht nur lustig, ich bin aber auch nicht nur traurig.

Bild des Musikers Ro Bergman
Ro Bergman © Kurt Bauer

Das Album erscheint am 11. September. Inwieweit ist es für dich ein Meilenstein? Was bedeutet dieses Album für dich?

Ro Bergman: Es ist ein Meilenstein. Es bedeutet schon viel, so ein Album, weil so viel darin steckt. Und ich versuche dann, meine Erwartungshaltung so gering wie möglich zu halten. Denn Erwartung ist irgendwie immer die Basis für Enttäuschung. Ich habe einmal gesagt: Wenn du etwas liebst, dann musst du dranbleiben und schauen, wohin es dich führt.

Und ja, mal schauen, was jetzt kommt. Ich bin bereit. Ich freue mich auf das, was kommt. Ein Album ist einfach ein Big Step.

Wie geht es nach dem Release weiter. Ich habe gesehen es wird zwei Konzerte geben. In Salzburg und in Innsbruck.

Ro Bergman:  Ja, und es wird jetzt sogar am 10.9., also am Tag vor dem Album-Release, ein Album-Release-Gallery-Konzert geben. Da bin ich jetzt gerade dabei, das vorzubereiten, in einer Galerie das ganze Artwork zu zeigen. Und diese Reise eigentlich von dem Album auch, also mit den Videos, mit den Reels, dann werden wir immer ein kurzes Live-Set auch spielen, stripped down, also sehr, sehr ehrlich, sehr natürlich. Und ja, auf das freue ich mich auch.

Am 17.09. bin ich in Berlin bei Radio 1 eingeladen für eine Live Session und am 09.10. spiele ich live im Rockhouse. Für März 2027 ist eine Tour geplant in Dänemark, Deutschland und Österreich.

Herzlichen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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Ro Bergmann live
10.09. InsideOut Gallery, Wien
09.10. Rockhouse, salzburg
17.10. Innsbruck, Bäckerei

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Links:
Ro Bergman
Ro Bergman (Instagram)