„Seit ich denken kann, wollte ich das machen.“ – Maria Sotriffer im mica-Interview

Für Maria Sotriffer war Musik von Anfang an selbstverständlicher Teil ihres Lebens. Aufgewachsen in einer Musikerfamilie, erhielt sie ihren ersten Geigenunterricht im Kleinkindalter und wurde schon früh an der mdw aufgenommen. Seither hat sich die Geigerin mit Konsequenz und künstlerischem Feingefühl einen eigenen Weg erarbeitet, der sie rasch über die Landesgrenzen hinaus führte. Internationale Wettbewerbserfolge und Auftritte in renommierten Häusern zeugen von dieser Entwicklung. Sie ist eine der Featured Artists der Jeunesse in der Saison 2026/27. Im Interview mit Michael Ternai spricht die Wienerin über ihren frühen Start ins Musikleben, ihre musikalischen Vorlieben und den gewissen Druck, mit dem man umgehen lernen muss.

In Texten und Artikeln über dich wird sehr oft hervorgehoben, dass du bereits mit vier Jahren an der Universität Geige zu spielen begonnen hast. Wie kommt man in so jungem Alter an eine Universität? Vielleicht kannst du diese Geschichte ein wenig auflösen.

Maria Sotriffer: Ich fange vielleicht einmal damit an, wie ich überhaupt zum Spielen gekommen bin. Meine Mutter ist Geigenlehrerin, und ich habe als Kind immer wieder andere Kinder mit der Geige gesehen. Mit etwa eineinhalb bis zwei Jahren habe ich begonnen, ihnen die Instrumente aus der Hand zu nehmen, woraufhin mein Vater meinte, er kauft mir lieber eine eigene Geige, bevor ich bei den anderen noch etwas kaputt mache.

Laut Erzählungen habe ich dann stundenlang einfach Lärm gemacht, bis es meine Mutter nicht mehr ausgehalten hat. Schließlich hat sie begonnen, mit mir zu üben, und ich war bald fasziniert von dem Instrument und habe sehr viel gespielt. Irgendwie hat sich dann auch ergeben, dass ich an der Uni die Aufnahmeprüfung gemacht habe. In dem Alter macht man sich darüber, glaube ich, noch nicht viele Gedanken. Es war eine relativ natürliche Entwicklung, auch weil dort sehr gute Professoren waren.

War dir damals schon bewusst, was da passiert, oder war es einfach nur die große Freude daran, in die Musik einzutauchen?

Maria Sotriffer: Ich kann mich noch erinnern, dass ich nach den Stunden im Innenhof der mdw immer Roller gefahren bin. Der Hof war so ein bisschen mein Spielplatz. Aber ich habe mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, ob das jetzt eine Uni oder eine Musikschule ist.

Würdest du dich selbst als Wunderkind bezeichnen – oder wurdest du so von anderen bezeichnet?

Maria Sotriffer: Es gibt wahrscheinlich schon Menschen, die eine gewisse Begabung haben, aber im Endeffekt ist es auch Arbeit. Ich bin kein großer Fan dieser Bezeichnung.

Trotzdem bist du jemand, dem die Musik quasi in die Wiege gelegt wurde und der in der Klassik groß geworden ist. Wie kann man sich das vorstellen? War das auch die Liebe zur klassischen Musik, oder stand sie vielleicht neben anderen Genres?

Maria Sotriffer: Das war schon die Liebe zur klassischen Musik. Meine Großeltern sind beide Geiger, mein Bruder spielt Cello. Wir haben zu Hause auch viel Musik gehört und sind früh in Konzerte und in die Oper gegangen. Das war etwas ganz Alltägliches – es war einfach immer präsent bei uns im Haus. Ich war sehr früh davon fasziniert. Ich habe es immer gemocht, mit anderen Menschen zusammen zu spielen und auf der Bühne zu stehen.

Wann ist dir bewusst geworden, dass du deine Begabung, dein Talent, zu einem Beruf machen wirst?

Maria Sotriffer: Seit ich denken kann, wollte ich das machen. Ich kann mich an keinen bestimmten Punkt erinnern, an dem dieser Gedanke plötzlich da war – es war immer das, was ich machen wollte. Gerade die Geige bietet die Möglichkeit, sehr viel Unterschiedliches zu machen: vom solistischen Spiel über Kammermusik bis hin zum Spiel mit Orchester. Man hat ein riesiges Repertoire und hört nie auf, Neues zu entdecken. Das finde ich wahnsinnig spannend.

Wie viele Stunden am Tag hast du eigentlich die Geige in der Hand?

Maria Sotriffer: Das kommt immer darauf an, wie der Tag aussieht – wie viele Proben anstehen, ob ich reisen muss oder an der Uni noch Vorlesungen habe. Das kann von etwa drei Stunden bis hin zu zehn Stunden am Tag reichen, etwa wenn kurzfristig eine Anfrage kommt und ich ein Stück gerade nicht in den Fingern habe.

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Wie würdest du deine musikalischen Vorlieben beschreiben – welche Komponist:innen spielst du besonders gerne, welche empfindest du als herausfordernd, und bei welchen Werken denkst du eher, dass sie zum Repertoire einfach dazugehören? In welchem musikalischen Setting fühlst du dich dabei am wohlsten?

Maria Sotriffer: Ich finde es einfach interessant, möglichst vieles machen zu können. Abwechslung reizt mich sehr. Das Repertoire, das ich am liebsten spiele und in dem ich mich vielleicht am meisten zu Hause fühle, ist das slawische, meine Mutter stammt aus der Ukraine. Bei den Komponisten ist es unter anderem Tschaikowski, wobei ich auch ein riesiger Brahms-Fan bin – das ist ebenfalls etwas, das mir wahnsinnig gefällt. Was die Besetzung angeht, kann ich mich nicht wirklich festlegen.

Du bist ja schon in sehr jungen Jahren mit großen Persönlichkeiten wie Gidon Kremer, Mischa Maisky, Janine Jansen, Julian Rachlin und Rudolf Buchbinder auf der Bühne gestanden. War das für dich anfangs eher einschüchternd oder hattest du vor allem das Gefühl, dabei unglaublich viel für dich mitnehmen zu können?

Maria Sotriffer: Ich würde sagen: beides. Bei der Vorbereitung macht man sich wahrscheinlich noch einmal diese zwei Prozent mehr Gedanken darüber, wie man etwas gestaltet. Gleichzeitig ist es aber eine enorme Inspiration, mit solchen Persönlichkeiten zu musizieren – man kann wahnsinnig viel von ihnen lernen und mitnehmen. Es ist also eine Kombination aus beidem.

Welche Vorbilder hast du generell, beziehungsweise wer sind die Menschen, die dich unterstützt haben und die du als Mentor:innen bezeichnen würdest?

Maria Sotriffer: Als Allererstes natürlich meine Mutter und meine Großmutter – sie waren sozusagen meine ersten Geigenlehrerinnen. Und dann eigentlich alle Lehrenden, bei denen ich studiert habe. Von ihnen konnte ich wahnsinnig viel mitnehmen und habe große Unterstützung erfahren. Oft ist es ja so: Man hat eine Stunde Unterricht, sagt Tschüss und sieht sich in der nächsten Woche wieder. Bei mir war es teilweise anders – ich bin drei, vier Stunden mit meinen Lehrer:innen an einem Stück gesessen, und wir haben gemeinsam überlegt, ob eine Phrase so oder anders gestaltet werden könnte, und uns intensiv über die Musik ausgetauscht. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar.

Wie schon gesagt, bist du sehr früh mit großen Persönlichkeiten auf der Bühne gestanden beziehungsweise hast als Solistin mit renommierten Orchestern gespielt. Das hat dazu geführt, dass du bereits in jungen Jahren relativ bekannt geworden bist und dein Name vielen ein Begriff war. Inwieweit hat diese Aufmerksamkeit für dich auch Druck erzeugt, bestimmte Erwartungen zu erfüllen?

Maria Sotriffer: Natürlich ist immer ein gewisser Druck da, und man muss lernen, damit umzugehen. Auf der anderen Seite bin ich auch jemand, der sich den Druck teilweise selbst macht – insofern kommt er von mehreren Seiten. Man muss versuchen, das Beste aus sich herauszuholen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass man ein Mensch ist. Es gibt viele Tage im Jahr, und nicht jeder wird genauso perfekt verlaufen, wie man es sich vorstellt. Ich glaube, das ist etwas, dessen man sich bewusst sein muss.

Natürlich gibt man immer sein Bestes und versucht, sich so gut wie möglich vorzubereiten. Aber am Ende sind wir nur Menschen. Im Konzert geht es den Leuten, glaube ich, vor allem darum, von der Musik berührt zu werden. Wenn dann irgendwo eine Note nicht ganz so ist, wie sie sein sollte, ist das nicht entscheidend. Natürlich strebt man auch technisch nach größtmöglicher Perfektion, aber letztlich geht es darum, das Publikum zu berühren und eine Geschichte zu erzählen. Das ist es, was für die Zuhörer:innen am wichtigsten ist.

Weil wir gerade vom Publikum sprechen: Musik ist deine absolute Leidenschaft, dein Leben, und sie macht dich glücklich. Auf der anderen Seite ist da das Publikum, das du ebenfalls erreichen und berühren möchtest. Wie findest du da die Balance?

Maria Sotriffer: Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, man möchte die Geschichte, die Bilder und die Emotionen, die der Komponist in die Musik gelegt hat, mit dem Publikum teilen und es mitnehmen. Einerseits macht es mir selbst wahnsinnig viel Spaß – ich stehe gerne auf der Bühne und spiele Konzerte. Aber es ist noch einmal etwas anderes, wenn man wirklich das Gefühl hat, das Publikum in diese Welt hineinziehen zu können.

Wenn man so darüber nachdenkt, ist es in gewisser Weise ein gemeinsames Musizieren. Dieses besondere Erlebnis entsteht eigentlich erst dann, wenn man ein Publikum hat, das man in die Musik mit hineinnehmen kann.

Bild der Muskerin Maria Sotriffer
Maria Soriffer © Peter Griesser

Beeindruckend ist auch die Zahl der Auszeichnungen, die du bis jetzt – du bist 26 Jahre alt – erhalten hast. Wie wichtig sind diese Auszeichnungen für dich? Gelten sie so etwas wie eine Visitenkarte in der klassischen Szene?

Maria Sotriffer: Sagen wir so, sie helfen schon. Erstens bekommt man durch solche Wettbewerbe oft Auftrittsmöglichkeiten. Insofern sind sie eine gewisse Art von Visitenkarte. Wettbewerbe ermöglichen es einfach, an mehr Engagements zu kommen und auch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, was wiederum zu weiteren Auftritten führt. In dem Sinne würde ich schon sagen, dass das sehr hilfreich ist. Es gehört ein Stück weit einfach zum klassischen Musikbetrieb dazu.

Du bist in der Klassik zu Hause. Könntest du dir vorstellen, auch einmal in einem anderen musikalischen Kontext zu spielen?

Maria Sotriffer: Ausprobieren kann ich mir das auf jeden Fall vorstellen. Bis jetzt habe ich es allerdings noch nicht sehr viel gemacht. Ich wäre aber offen dafür, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Ich glaube allerdings auch, dass klassische Musik sehr viel umfasst. Schon der Begriff „klassische Musik“ reicht ja vom Frühbarock bis zur Moderne, also über sehr unterschiedliche Stilrichtungen hinweg. Und dann gibt es immer mehr neue Einflüsse, bei denen ich nicht sagen würde, dass das keine klassische Musik mehr ist – etwa auch mit Elementen aus der elektronischen Musik. Das würde ich, wenn sich die Gelegenheit ergibt, sehr gerne ausprobieren.

Du bist in der Jeunesse-Saison 26/27 eine der drei Featured Artists. Inwieweit ist diese Rolle für dich etwas Besonderes?

Maria Sotriffer: Sagen wir so, es ist ein Bereich, in dem ich in den nächsten Jahren auf jeden Fall noch weiterarbeiten möchte. Und es gehört auch dazu, zu versuchen, junge Menschen zu erreichen. Die Jeunesse veranstaltet ja auch viele Konzerte für kleine Kinder, bei denen ich ebenfalls mitspiele. Ich glaube, das ist der einfachste Weg, junge Menschen abzuholen. Ein kleines Kind überlegt sich nicht: Bin ich richtig angezogen? Klatsche ich richtig? Weiß ich, wie ich mich verhalten muss? Das ist eine ganz natürliche Situation. Sie sitzen da, machen vielleicht auch mal während des Stücks Lärm, aber sie bekommen ihren ersten Eindruck davon, was wir machen.

Es ist ein sehr unkomplizierter Weg, ein neues Publikum aufzubauen. Und vielleicht entsteht dadurch auch eine gewisse Selbstverständlichkeit, überhaupt einmal in ein Konzert zu gehen. Ich freue mich sehr auf diese Konzerte. Und ich freue mich auch deswegen so sehr auf diese Jeunesse-Saison, weil ich das Tschaikowski-Konzert im Musikverein spielen kann – das war schon immer ein Traum von mir. Gerade wenn man in Wien aufwächst: Ich war so oft in diesem Saal, habe so viele großartige Musiker:innen erleben dürfen, und nun selbst dort zu spielen, ist etwas Besonderes.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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Konzerte:
28.04.2026 Konzertabend im Bösendorfer Salon, Wien (A)
01.05.2026 Klassische Konzerte in der Minoritenkirche, Wien (A)
02.05.2026 Klassische Konzerte in der Minoritenkirche, Wien (A)
06.05.2026 Concert prélude Vevey Spring Classic, Vevey (CH)
13.05.2026 SOLISTES 2026 – 2E CONCERT AVEC L’OCL Orchestre de Chambre de Lausanne (CH)

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