Sakrileg Kundry: ein intermediales Live-Projekt in St. Pölten

Mit dem (besuchenswerten) Internetportal intermediumorfeus07 gehen der Kurator und Komponist Eberhard Kloke und der Medienkünstler Markus Wintersberger neue Wege in Richtung zukünftiger Produktion und Rezeption von Kunst. Im Klangturm St. Pölten gibt es die Ausstellung dazu  und rund um diesen bereits einige Live-Realisierungen, morgen Freitag geht es an die Parsifal Entfernung samt einem Nachbeben von Hannes Raffaseder.

Intermediale Transkriptionen und Metamorphosen Das neue “intermedium” ist bereits als Internet-Kunst und Medienlabor  ein Zusammenspiel von multimedialen und multidisziplinären Elementen, ein Ort aktiver Rezeption, der es ermöglicht, Bildsequenz-Bearbeitungen, Musik-Bezugssysteme und Text-Sprache-Bedeutungsnetzwerke miteinander in Beziehungen zu setzen. Klingt komplex, ist es auch, aber man kann sich das auf der Website spielend ansehen und auch eine Menge dabei lernen. Über den Urknall der Oper (Monteverdis Orfeo) etwa oder die Gesamtkunstwerk-Idee Richard Wagners.

 

Noch bis zum 1. November kann man im Klangturm in St. Pölten dieses Projekt auf mehreren Ebenen als Ausstellung begehen. Mittels heutigen, digitalen Medien der Darstellung, der Information und des Datentransfers spannt sich der Bogen von der Favola in musica Orfeo über Glucks azione teatrale Orfeo ed Euridice und Verfilmungen wie Orfeu negro oder Cocteaus Orphée zum Medienzeitalter des 21.Jahrhunderts. Der herausfordernde Orpheus-Mythos ist der Ausgangspunkt: Monteverdi gelang es 1600, Stilelemente und Medien wie antike Rhetorik, Theater, Tanz und Musik zu einem auch damals “intermediärem” Kosmos zu verschmelzen, der in die Wiedergeburt des Dramas aus dem Geist der Musik Gluckscher oder Wagnerscher Provenienz vorausweist.

 

Mit Wagner beschäftigt sich das work in progress nun im Besonderen: “Um Musiktheater aus den Konventionen der tradierten OPER zu erlösen, schuf Wagner sein eigenes Musikdrama. Das Musikdrama Richard Wagners wiederum heute in Aufführungsrahmenbedingungen von Institutionen – in Theaterräume und gängige Interpretationsriten – zu zwängen, hieße, darauf zu verzichten, Wagners Vision resp. Obsession für weiterführende musik-konzeptionelle Ebenen zu öffnen”, erklären Kloke & Wintersberger diesen Diskurs. Musikalisches Material und die entsprechenden Szenen rund um die (Kunst-)Figur der Kundry in Wagners Parsifal bilden bei “Parsifal Entfernung” den Handlungsstrang. Das vielfältige Material der Internet-Version kann auch für diverse Live-Performances und -installationen adaptiert und weiterentwickelt werden.

 

Genau das passiert morgen, Freitag, bei der finalen St. Pöltener Aktion ab 20.30 in den Stadtsälen. “Parsifal Entfernung. Sakrileg Kundry”, das ist eine intermediale Transkription, bestehend aus den Kundry-Passagen Akt I, II und III und Musik-Répliques von Eduard Clark (1882/2006©), bei der live ein Schauspieler (Michael Scheidl), ein Sopran (Annette Robbert), weiters Streichquartett und Klavier live mitwirken; die Video- und Audio-Patterns stammen von Eberhard Kloke und Markus Wintersberger (Kundry: Sopran/Stimme und ParsifaI I, ParsifaI II, ParsifaI III)

 

Im Anschluss:
REMIX. PARSIFAL NACHBEBEN ab 23.00 – open end
In Zusammenarbeit mit Hannes Raffaseder
Stadtsäle Spiegelfoyer

 

Öffnungszeiten Klangturm: Dienstag-Sonntag, Feiertage, 9-17 Uhr, Montag geschlossen. Eintritt frei.
Heinz Rögl

 

Fotos © Markus Wintersberger