RONIA – STRING ALONG

RONIA präsentiert mit „STRING ALONG“ (Seayou Records; 2023) ihr zweites Studioalbum – nicht nur bei der Titelwahl knüpft die gebürtige Grazerin und Neo-Wiener Künstlerin Ronja Klug darauf schlüssig und überzeugend an den Vorgänger „WALTZ IN“ an. Auch in ihrem musikalischen Ausdruck bleibt RONIA ihrem melancholisch-minimalistischen, traummalerisch-düsteren Stil treu, durch den partiellen Einsatz von Ukulele, Streichern, Blasinstrumenten und Banjo erweitert sie das Instrumentarium jedoch gezielt und stets sinndienlich.

Kompositorisch entwirft die Autodidaktin Ronia auf „string along“ ein musikalisches Gesamtkonzept und Stimmungsbild, das spürbar noch vom Soundtrack klassischer Märchenfilme beeinflusst ist. Schon durch die Wahl des Albumtitels werden die Thematiken, mit denen sich Ronia in ihren Songs inhaltlich und musikalisch auseinandersetzt, (un)deutlich – so kann „string along“ übersetzt werden mit „jemandem folgen“, aber auch mit „jemanden hinhalten“ oder „täuschen“. Man könnte meinen, Ronia fordert ihre Hörer:innen bereits im Titel auf, ihr in ihre schatten- und schemenhafte (Traum)Welt aus Täuschungen, Doppeldeutigkeiten, Unschärfe, der Verschwommenheit des Seins zu folgen. Oder gemeinsam mit ihr in diese zu flüchten?

der Traum als Zufluchtsort vor der (zwischen)menschlichen Realität mit all Ihren Irrungen und Wirrungen

Denn es besteht kein Zweifel, dass der Traum als Zufluchtsort vor der (zwischen)menschlichen Realität mit all ihren Irrungen und Wirrungen für Ronia ein zentrales Thema darstellt. Der Wachzustand ist für sie häufig geprägt von Verzweiflung, Trauer, Schmerz und Einsamkeit. Der Wechsel zwischen Traum und Realität, kombiniert mit einer filmmusikalischen Komponente, lässt einen zwangsläufig an ein Zitat aus Matrix denken: „Hattest du schon mal einen Traum, der dir vollkommen real schien? Was wäre, wenn du aus diesem Traum nicht mehr aufwachst… Woher würdest du wissen, was Traum ist und was Realität?

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Was ist Traum? Und was Realität? Musikalisch setzt sich Ronia damit, eingebettet in eine dunkle, nebulöse Wolke aus diversen Reverb- und Delay-Effekten, durch weite, schwebende Synthesizer- und Gesangsflächen – nur durchbrochen von einzelnen Streichereinwürfen – auseinander („Savages“). Die Akustik-, E-Gitarren- und Piano-Licks bleiben stets genauso minimalistisch gehalten wie der Einsatz von Noise-Elementen, Drums, Glocken und Bläsern. Alles schwebt irgendwie gleichzeitig, das wechselnde Panorama ist häufig genauso nebulös wie die Seins-Szenarien und Zustände, die uns Ronia vorstellt. Eines davon handelt vom Segeln in die Ferne, von Trauer, dem Verlassen-Werden, aber auch dem aufkommenden hoffnungsvollen Gefühl eines hellen Neuen („Sailing“). So offen wie jedes Ende hinterlässt Ronia die Hörer:innen darin in ein durch das Wellenrauschen-Fade-Out untermalte Nichts. Und das sich in den Lyrics am Ende des Songs wiederholende „nothing“ steht sinnbildlich für das gesamtkonzeptliche Ganze, indem es an das letzte Wort aus Schopenhauers Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ denken lässt – nichts.

eine tiefgründige, pittoresk-wolkenverhangene musikalische Seelenlandschaft, wie man sie vielleicht aus den nächtlichen, nassen und verlassenen Gassen Wiens kennt

Thematische Analogien aus Musik, Film und Literatur – Traum ist nicht gleich Traum, auch ein Traum im Traum und vom Träumen träumen ist möglich – spiegeln sich auch in „Oh You and Me“ wider. Die schophenhauerhaft-düstere, defätistische und dunkele Grundstimmung bleibt ebenso in Stücken wie „Come and Guide Me“, „Really Me“ oder „Metaphoren“ erhalten, und ziehen sich durch das gesamte Album wie ein ausgebleichter blauer Faden, der irgendwo in der fernen Gischt verschwindet.

So liefert Ronia mit „string along“ eine tiefgründige, pittoresk-wolkenverhangene musikalische Seelenlandschaft, wie man sie vielleicht aus den nächtlichen, nassen und verlassenen Gassen Wiens kennt. Eine Hörempfehlung, nicht nur für Nächte, in denen man Mr. Tambourine Man aus der Ferne singen hört: „Aufstehen das ist schwer, doch Schlafen gehen noch mehr“.

Simon Reitschuster

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