Eiskalt war es bei der heutigen Gedenk-Veranstaltung zum Holocaust am Wiener Heldenplatz. Chorleiter Roman Grinberg dirigierte drei Lieder des Wiener Jüdischen Chors, bevor Oberrabbiner Eisenberg das Gebet sprach. Gibt es eine eigene österreichische jüdische Musik? Ein ausführliches Interview mit Roman Grinberg – über Mizrahi Pop, Volkspoeten, Freude mit Betrübnissen und seine Band „Frejlech“. Das Interview führte Kerstin Kellermann.
Wieso gibt es nicht mehr jüdische Bands in Wien?
Man müsste beginnen mit der Frage, was ist eine jüdische Band? Ist das eine Band, die aus Juden besteht oder ist das eine Band, die jüdische Musik spielt? Oder ist das eine Band, die aus Juden besteht und jüdische Musik macht – was natürlich am schwierigsten ist. Warum soll es in Wien 20 jüdische Bands geben, wo das Publikum so wenig Interesse hat? Wenn ich davon ausgehe, dass Publikum, Konzerte und CD-Verkauf als Maßstab für Erfolg gelten, dann ist zu sagen, dass der Kuchen sehr klein ist – wo wenig Interesse, gibt es auch wenig Angebot. Eigentlich ist meiner Meinung nach viel mehr jüdisches Angebot da, als Publikumsinteresse. Es gibt allein in Wien jährlich 300 jüdische Kulturveranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Buchpräsentationen, Theater, aber nur wenig Besucher… Und das erklärt schon alles. Ein Musiker muss auch von etwas leben. Wenn das Publikum keine jüdische Musik hören will, dann spielt der jüdische Musiker vielleicht Jazz…
Würdest du sagen, dass es eine spezielle jüdische Musik für Österreich gibt? Die eine Geschichte und spezielle Tradition in Österreich hat?
Für Österreich oder in Österreich? Nein, die gibt es nicht. Außer in der jüngsten Geschichte, dass ich z.B. der Erste war, der 1991 den Begriff „Jiddisch Jazz“ kreiert hat, und als Erster versuchte, Elemente aus der jüdischen Musik mit Jazz zu verbinden. Was mir reichlich Kritiken eingebracht hat.
Als du in Österreich aufgewachsen bist, gab es keine jüdischen Bands, die dir gefielen?
Ich kam 1975 mit 13 Jahren nach Österreich. Es hat damals eine einzige Band gegeben, die mich beeinflusst hat: Geduldig und Thiemann. Das war Anfang der 80-er Jahre in Wien. Thiemann war sein Künstlername, das waren die Mädchennamen der Mütter. Richtig hießen die beiden Albert Misak und Edek Bartz. Die sprachen mich an, ob ich in der Band die Akkordeonistin vertreten könnte.
Wie kamen die auf dich?
Der Markt war damals noch viel kleiner. Damals haben sich die fünf jüdischen Musiker untereinander gekannt. Es kennen einander heute die 25 jüdischen Musiker auch (lacht), aber damals waren es noch viel weniger. Ich war der einzige Jude bei denen in der Band. Ich muss sagen, es war so wenig – von den fünf jüdischen Bands hat jeweils ein Jude gespielt. Die haben jüdische Musik gespielt, deswegen hat man die als jüdische Band definiert. Da habe ich den Mut gelernt, jüdische Musik zu machen. Das war 1980, 1981 und in Wien hat sich kein Mensch getraut, in der Öffentlichkeit ein jüdisches Konzert zu spielen. Geduldig und Thiemann haben das gemacht. Ich bin mit denen im ZDF in München aufgetreten, in einer Halle mit 2000 Zuschauern. In Deutschland begann gerade ein Riesen Revival und in Wien war man noch ein bissl hinten nach. Ich selber habe ja als Jugendlicher Deep Purple und Pink Floyd auf und ab gespielt (lacht), auf der Hammond Orgel.
Es muss in Österreich doch in den 1920-er Jahren auch jüdische Musik gegeben haben?
Da war ich aber noch nicht. In den 70-er Jahren gab es in Wien drei Bands und als ich diese erste jüdische Gruppe hier hatte, in der nur Juden gespielt haben, mit dem Namen „Frejlech“ – die hat noch mein Vater gegründet und ich habe sie übernommen – waren wir so erfolgreich, dass zwei Gruppen aufgehört haben zu musizieren – die hatten keine Aufträge mehr! Der eine Musiker ist ausgewandert und der andere ist in Pension gegangen – so klein war der Kuchen. Heute ist er ein bissl größer, man weiß, was Klezmer Musik ist, man weiß, welche Bedeutung jüdische Musik in der Welt hat und doch ist der Kuchen noch immer so klein, dass man nicht wirklich von Erfolg reden kann. Ich bin zumindest so erfolgreich, dass ich nur Musik machend leben kann, ich bin nicht gezwungen, zu unterrichten oder Taxi zu fahren, wie viele andere Musiker – auch oder speziell in jüdischen Bands.
In welchen Phasen von deinem Leben hat dich welche Art von jüdischer Musik bestimmt? Wie hat sich das verändert?
Ich hatte eine klassische Musik Ausbildung noch in Moldawien, schon als Fünfjähriger. Mein Vater war ein echter Klezmer, er konnte weder Noten lesen noch schreiben, und spielte auf jüdischen Hochzeiten in Moldawien. Er spielte Akkordeon in seiner Gruppe, man sagte nicht Band sondern Orchester. Die probten bei uns zu Hause. Daran erinnere ich mich sehr gut, das war gemischt, es gab Juden, Roma, Ukrainer, die miteinander gespielt haben. Akkordeon, Geige, Schlagzeug, Trompete, Kontrabass und Gitarre – das war jüdische Tanzmusik. Mein Vater sang auch Jiddish, alle haben auswendig gespielt. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater, wenn er von einer Hochzeit nach Hause kam, das Akkordeon um die Schultern gehängt hatte, denn in seinem Koffer war Essen und Getränke. Weil es kein Geld gab, wurde man in Lebensmitteln bezahlt. Das hat mich wohl am meisten beeinflusst, weil es von Kindheit an in mir drinnen war. Mein Vater wollte, dass ich auf keinen Fall ein Klezmer werde, weil ein Klezmer in der Sowjetunion und in Amerika als Schimpfwort galt. Wenn du keine ordentliche Ausbildung hast, sagte man, dann wirst du ein Klezmer. Dann gingen wir nach Israel und dort waren die Musikschulen privat, das konnten sich meine Eltern nicht leisten. In dieser Zeit musizierte ich mit meinem Vater nach Gehör, denn er war nicht imstande, mir die Musik aufzuschreiben. Die ersten Einwanderer in Israel waren ja Polen, Rumänen, Russen und die hörten die osteuropäische Musik, die heute dort keinen Platz mehr hat. Außer orientalische Musik, also Mizrahi, gibt es nichts. Die Musikindustrie diktiert. Und jegliche andere Art der Musik ist tot, sowohl Rock als auch Pop, Jazz – es ist nichts mehr da außer orientalisch orientierter Musik, die klingt wie eine Mischung aus türkisch griechischer Urlaubs-Musik und das nennt man dann israelisch – als Oriental Pop würde ich das bezeichnen. In Wien kam ich dann aufs Konservatorium. Meine Mutter, die Musikpädagogin und zum Glück nicht streng war, dachte auch, Klezmer, das ist nichts. Eine ordentliche Ausbildung, das war das Wichtigste für meine Eltern. Aber sie zwangen mich nicht zur Klassik, obwohl mein Vater sehr streng war.
Aber dir gefiel die Richtung „Klezmer“?
Meine Eltern kannten keine „Richtung“ Klezmer – für uns war das „Musika“ (lacht). Das wurde erst mit Ende der 70-er Jahren in Amerika kreiert, das Genre, weil man ja alles schubladisiert. Das Wort Klezmer bedeutet „der Musiker“ und sonst nichts. Wenn ich heute in Bessarabien sage, ich spiele Klezmer, sagen die, was denn sonst, das ist ein Musiker, der spielt Musik. Diese Bezeichnung hat sich mittlerweile weltweit durchgesetzt. Damals nannte man das jüdische Musik und das war es.
Aber es gibt doch auch diese Tradition mit traurigen Liedern, nicht nur Tanz Musik….
Es ist immer gemischt. Das ist das Grundwesen des Judentums. Es gibt niemals eine hundertprozentige Freude: Auch bei Ausgelassenheit hat ein jeder Mensch doch noch etwas, das ihn bedrückt und die Seele schwer macht, aber auch bei der größten Traurigkeit hat ein jeder etwas, das ihm Freude bereiten kann. Das ist das Grundwesen, das wichtigste Prinzip im Judentum, dass es niemals eine Freude ohne kleine Betrübnisse und anders herum gibt. Sogar bei der Hochzeit wird ein Glas zerbrochen, in der Erinnerung an die Zerstörung des Tempels. So ist die jüdische Musik: Es gibt keinen hundertprozentigen Freudentaumel oder Ekstase ohne ein wenig Nachdenklichkeit und dazu passen die jiddischen Lieder. Wenn man jetzt die chassidischen Melodien betrachtet, die wurden geschrieben, damit die Menschen in Ekstase geraten und die sind dann nicht traurig. In der Ekstase ist man näher zu Gott.
Und der Bandname „Frejlech“ kommt von „fröhlich“ oder von den Tänzen?
Von beidem. Die Tänze heißen ja auch nur „freylechs“, weil sie fröhlich sind (lacht). Ohne Humor geht es im Judentum sowieso nicht. Die Fähigkeit über sich selbst und die eigenen Unzulänglichkeiten zu lachen. Der Bandname entstand nach dem Tode meines Vaters, bis dahin hießen wir “Der Grinberg und seine Söhne”.
Für mich ist das immer so ein Unterschied: Die osteuropäischen traurigen Lieder und die Musik, die in Amerika entstand, durch Emigration und Exil – so eine Art „Happy Peppy Musik“, beide Varianten mischt du ja auch zum Teil beim Wiener Jüdischen Chor.
Im Shtetl in Osteuropa wurden nicht nur traurige Lieder geschrieben. Auch dort gab es fröhliche Lieder. Die so genannten Volkspoeten beschrieben das Leben des einfachen Menschen. Seinen Alltag, seine Nöte und Sorgen und seine Träume. Deswegen sind die manchmal sehr melancholisch und manchmal voller Freude. Und das zweite sind die sozusagen amerikanischen Lieder, die von denselben aus Osteuropa emigrierten Künstlern für eine Musical, Theater und Film Industrie geschrieben worden sind. Das, was sich gut verkaufen ließ! Ein Mordechai Gebirtig hat nicht im Traum daran gedacht, wie wird sich dieses oder jenes Lied in seinem polnischen Shtetl verkaufen, er hatte auch keinen Auftrag dafür. Während ein Shalom Secunda das schrieb, weil er dafür Aufträge hatte. Genau wie Gershwin vor ihnen! In Amerika kam diese Kommerzialisierung dazu und so haben diese Komponisten das geschrieben, was sich gut verkaufen ließ. Aber es gibt aus Amerika auch traurige Lieder voller Sehnsucht. Weil der Jude an sich, wenn ich das so bezeichnen darf, trägt immer das Gefühl mit sich, aus seiner Heimat vertrieben zu sein. Auch in Amerika, so gut es einem gegangen ist, hat er gerne ein Lied über das Städtele Belz gehört und wie schön es dort war, obwohl keiner zurück fahren wollte (lächelt). Aber die Sehnsucht nach der alten Heimat hat man in sich.
Und der Jazz?
Für Jazz begann ich mich erst mit 18 Jahren zu interessieren. 20-er bis 40-er Jahre Jazz, Glen Miller war für mich das Höchste vom Höchsten und als Sänger haben mich Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. beeinflusst. Ich versuche möglichst nicht puristisch zu sein, sondern alles einfließen zu lassen, was ein Mensch jemals gelernt hat. Ich bin eben ein Europäer und deswegen ist der Quintenzirkel europäischer Musik äußerst wichtig. Zu Jiddish Jazz sagten welche, das wäre ein Frevel. Etwas ist dabei wichtig: Es gibt Menschen, die ihre jüdische Identität an etwas fest machen müssen. Es gibt welche, die machen sie an ihrer Religion fest, andere leben traditionell, gehen aber nicht jeden Tag in die Synagoge und lassen die Bräuche in ihr Leben einfließen. Menschen, die das nicht tun, definieren ihr Jüdischsein über das Spielen der Musik – manche spüren das nicht so ganz, spielen zwar technisch gut, aber mir fehlt die Authentizität, das wahre Leben dieser Musik! Jeder Jude hat ein Verlangen sein Judentum an etwas festzumachen. Ich finde nicht, dass die jüdische Musik den Juden alleine gehört, das wäre lächerlich, Jazz dürfen Weiße auch spielen… Ich empfinde halt nur sehr oft bei Festivals sehr schnell Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, nicht was die Musiker machen, sondern wie sie es machen… Das lässt sich sehr schnell feststellen. Es geht sehr schnell darum, warum jemand jüdische Musik spielt, wenn da keine Energie fließt, nur der Selbstzweck ist, dann finde ich das sinnlos. Aber nicht nur in der jüdischen Musik, jeder sollte nur das tun, wo er die Energie dem Publikum hinüber fließen lassen kann.
Wollte deine Familie aus Israel genau nach Österreich?
Wien war ein Zufall für unsere Familie. Wir wollten in die USA, aber niemand mit israelischem Pass erhielt damals eine „green card“. Nur in Wien gab es eine Organisation „Rav Tov/Der gute Rabbi“, über die man offiziell einwandern durfte. Nach sechs Jahren erhielten wir green cards, ich wollte aber in Wien bleiben und wir haben alle die green cards bei der amerikanischen Botschaft zurück gegeben.
Gibt es jetzt eine eigene österreichische jüdische Musik?
Nein, sicher nicht. Von wem soll die beeinflusst sein? Wir hören Amerikaner, dort passiert etwas. Wegen des Holocausts waren die österreichischen Juden so spurlos verschwunden. Eine lebendige Kultur ist, wenn etwas Neues entsteht und auf alten Traditionen basiert. Wenn das Alte ausgelöscht ist, von wem sollen die Neuen das lernen? Von wem sollen sie es übernehmen? Es ist niemand da. Wenn ich mir Polen anschaue, wo 3 Millionen jüdische Menschen getötet worden sind, da gab es nur noch die Sowjetunion und die USA. Sowohl in der Sowjetunion als auch in den USA ist die jüdische Kultur fortgesetzt worden, in Mitteleuropa war nichts, worauf hätte man das aufbauen können? Die einzig typisch jüdische Musik für Österreich ist die Musik der österreichischen Exil Juden, die in Amerika geschrieben wurde. Von denen gab es genug Musik. Es kommt die Frage wieder zurück, was ist jüdische Musik? In der Enzyklopädie steht, jüdische Musik ist die Musik des jüdischen Volkes, das bedeutet, alles was ein Jude geschrieben hat, ist jüdische Musik – alles was ein jeglicher Jude geschrieben hat, ist jüdische Musik (lacht). Deswegen kann ich mit dem Chor „The Candy Man“ singen, denn das ist jüdische Musik. Oder „Fly Me To The Moon“ – jüdische Musik (lacht). „All Off Me“ – jüdische Musik, „White Christmas“… (lacht). Ich darf es sogar übersetzen, bezahle den AKM-Beitrag und fertig. Fürs Singen kommen die Kinder nach, es gibt zwei jüdische Kinderchöre in Wien und musikalisch gibt es diese jüdische Musikschule, mit Liedern aus Israel und Osteuropa. Ob die dann Berufsmusiker werden, das weiß ich nicht…
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