Reihe "Zukunft der Festspiele": „Wenn sich die Zellen nicht erneuern, sterben wir“ – Gerard Mortier im mica-Interview

Musikfestivals und Festspiele gibt es hierzulande inzwischen wie Sand am Meer. Und das in allen Genres. Wohl selten zuvor hatten Musikliebhaber eine solch große Auswahl wie heutzutage. Was macht eine solche Veranstaltung aber zu etwas Besonderem? Womit locken die Organisatoren und IntendantInnen ihr Publikum? Wie haben sich überhaupt in den vergangenen Jahren die Anforderungen an die Programmatik eines Festivals geändert? Gerard Mortier, Intendant der Madrider Oper, im Gespräch mit Markus Deisenberger.

Haben sich die Anforderungen an die Programmatik eines Festivals in den letzten Jahren verändert? Werden sie sich ändern?
Gerard Mortier: Wir müssen zwei Dinge beachten:  Europa ist in einer Krise, die eine ökonomische, nicht aber eine Identitätskrise ist. Wir werden diese Kinderkrankheit überwinden und entdecken, wie wichtig Europa für uns ist und das genaue Gegenteil von dem, was die rechtspopulistischen Parteien sagen, wahr ist. Um aber den Argumenten der falschen Propheten etwas entgegen zu setzen, brauchen wir das Bewusstsein einer kulturellen Identität. Und genau hier können Festspiele sehr wichtig sein. Nicht ohne Grund hat genau darauf schon Hofmannsthal hingewiesen, zwar aus einem anderen Grund, aber nach dem ersten Weltkrieg und daher zu einer Zeit, als man in einem besonderen Maße spürte, wie wichtig diese Zusammengehörigkeit ist.

Und zweitens liegt die künstlerische Erziehung, weil sie ihren Fokus ganz klar auf Profit gerichtet hat und sehr wissenschaftlich ist, im Argen. Deshalb zieht man sich, um klassische Kunst zu verkaufen, oft auf die Methoden des Business, des Verkaufens von Produkten, zurück. Die Gefahr ist, nur darauf zu achten, dass die Einnahmen stimmen und darüber zu vergessen, dass die primäre Aufgabe eine kulturelle ist. Und das muss auch die Politik einsehen: Dass sie zwar Forderungen stellen kann, was die Eintrittspreise und Gagen der Orchester betrifft, aber nie aus den Augen verlieren darf, dass die Festspiele zwar ein gutes Geschäft sind, aber ein Nebengeschäft der Hautaufgabe. Und diese Hauptaufgabe ist eine kulturelle.

Wenn Österreich eine Kulturnation sein will, was sie durch ihre Tradition nun einmal ist, dann braucht sie die großen kulturellen Einrichtungen in Wien und Salzburg. Wenn man das einsieht, gibt es keine Gefahr. Wenn man allerdings daran zweifelt und diesen Gedanken aufgibt, dann können funktionierende Festspiele zu kommerziellen Festspielen verkommen und das wäre gar nicht gut für die Zukunft.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen kultureller und sozialer Funktion eines Festivals – wird es sich ändern, soll es sich ändern?
Gerard Mortier: Das kommt ganz darauf an, was man darunter versteht. Für mich ist kulturelle Funktion das, was wir Zivilisation nennen. Und die Kunst ist dazu da, um genau das zu realisieren.
In puncto sozialer Funktion müssen sich Festspiele in Richtung aller sozialen Klassen öffnen, damit Leute, die über weniger Geld verfügen, auch in den Genuss von Kunst kommen. Ich würde aber sagen, dass das bei den Salzburger Festspielen der Fall ist – vielleicht nicht für alle Opernaufführungen, aber für viele Konzerte und viele Schauspiele schon. Durch die Aufwertung der Schauspiels haben wir das damals auch durchgesetzt. Ich glaube, derzeit kann jeder, der zu den Salzburger Festspielen will, auch dorthin. Vielleicht hat er Schwierigkeiten alle Opern zu sehen, aber sonst… Die Leitung hat in den letzten Jahren alles getan, um das zu ermöglichen. Natürlich müssen die Menschen entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben. Als ich zum ersten Mal nach Salzburg kam, hatte ich kein Geld. Ich habe mein Erspartes genommen, um mir Opern anzusehen. Andere sind damit an den Strand gefahren. Das ist eine Entscheidung. Aber ich denke: Jeder, der kommen will, kann auch kommen und dort wunderbare Erlebnisse haben.

Was würden Sie sagen ist essenziell, um das Profil eines Festivals zu schärfen und es aus der Masse an existierenden Festivals herauszuheben?
Gerard Mortier: Die Salzburger und Bayreuther Festsiele haben den großen Vorteil ihrer Tradition. Das ist ihre DNA, die man ihnen nicht wegnehmen kann. Die Leute die kommen, müssen kommen wollen, nicht nur weil sie sich als Teil eines Repräsentationsereignisses fühlen wollen, sondern weil sie an einem geistigen kulturellen Erlebnis teilhaben wollen, wie es auch Wagner und Reinhard vorschwebte. Sobald das Publikum gezwungen wird, nachzudenken, hebt es sich ab.

Man muss etwa bei den Salzburger Festspielen nicht das sehen, was man jeden Tag auch in der Wiener Staatsoper sehen kann. Und das hat nicht nur mit der musikalischen Qualität zu tun, sondern mit diesem Gesamtgedanken. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass ich damals, als ich Intendant der Salzburger Festspiele war, von einigen Leuten enorm attackiert wurde, weil ich diese Grundvision mit allem, was mir zur Verfügung stand, verteidigt habe. Und genau deshalb denkt man heute an diese Jahre als schöne Jahre zurück. Die Grundvision, dass es etwas anderes ist, zu Festspielen zu kommen als in einer Großstadt in die Oper oder in ein Theaterstück zu gehen, ist entscheidend. Und das hat nicht nur mit Qualität zu tun, sondern auch mit einer persönlichen Einstellung, zu der man durch ein Programm eingeladen wird. Das ist für mich das Hauptanliegen von Festspielen: Nur wenn das erfüllt wir, hebt sich ein Festival von einem normalen Erlebnis ab.

Ich hab jetzt in Madrid den Saint François d’Assise (eine Oper in drei Akten von Olivier Messiaen) im Programm, und das tue ich gerade deshalb, um ein besonderes Festspielerlebnis zu erzeugen. Man geht ja nicht zu d’Assise wie man in La Nozze di Figaro geht, sondern man muss sich geistig darauf einstellen. Man muss ein Programm anbieten, durch das die Zuseher dazu gezwungen werden, sich auf etwas einzulassen. Ich würde es als eine Art sanften Zwang bezeichnen, den man ausüben muss, denn es muss trotzdem angenehm bleiben.

Gibt es auch einen sanften Zwang, das Publikum zu verjüngen? Sie selbst haben in Salzburg ja auch Maßnahmen eingeleitet, die dazu beigetragen haben, das Publikum zu verjüngen.
Gerard Mortier: Ich selbst bin 67 Jahre alt. (lacht) Was soll ich jetzt gegen meine Generation schimpfen? Letztlich geht es darum, dass alle Generationen vertreten sind. Nicht nur junge, aber auch nicht nur alte Leute. Das schöne gerade bei Festspielen ist doch, dass Leute aller sozialer Schichten und aller möglichen Altersschichten zusammentreffen.

Natürlich ist es wichtig, genügend Mittel für spezielle Veranstaltungen zu verwenden, die sich an die Ästhetiken der Jugend anlehnen. In Madrid habe ich gerade eine Veranstaltung mit Marina Abramovich und dem Popsänger Antony programmiert – das alles sind Dinge, die man auch bei Festspielen zeigen kann, um eine Evolution darzustellen. Kunst ist ja immer an bestimmte Formen gebunden und in den Formen gibt es eine Evolution der Ästhetiken. Und diese Evolution muss man bedienen, damit das Publikum ein breit gefächertes bleibt.

Würden Sie sagen, Innovation ist für ein Festival lebensnotwendig?
Gerard Mortier: Ja!. Wenn sich unsere Zellen nicht erneuern, sterben wir. In der Kunst ist Innovation die Basis für Kreativität und Lebendigkeit. Die permanente Frage, was wir machen müssen, um nicht in Routine zu verfallen, ist absolut notwendig.