Zum Anlass des Weltfrauentages am 8. März 2013 sollen Frauen nicht nur vielzählige Events geboten werden. Die Frauenabteilung der Stadt Wien steuert eine Kompilation von „Arbeiterinnenliedern & Songs zu Frauenrechten und -kämpfen“ bei. Unter dem Titel „re:composed“ wurden insgesamt 20 Lieder auf zwei CDs gebannt, die die vielen Facetten der vergangen Frauenleben durch neu gedichtete Texte den HörerInnen zugänglich machen. Das Booklet ist nicht die übliche Bilderschau, sondern ein begleitendes Schreiben zu jedem einzelnen Song und den Künstlerinnen. Es empfiehlt sich die Informationen vor dem Hören zu lesen, da sich die interessanten Geschichten schon mal von der Musik ablenken können.
Lobenswert ist, dass das Thema der Frauenbewegung nicht auf „Allgemeines“ reduziert wurde, sondern, dass auch wenig bekannte Facetten hervorgeholt wurden. Lieder von Minderheiten in Österreich stehen neben kommunistisch gefärbten Worten aus der Zeit des zweiten Weltkriegs. Homosexualität wird nicht – wie es im gesellschaftlichen Konsens leider zu oft passiert – auf sexuelle Handlungen reduziert und Provokation ist gar nicht nötig um die Wichtigkeit der Zeilen zu unterstreichen.
Männer müssen sich nicht fürchten, denn niemand soll von der „Achso schlimmen Frauenbewegung“ kastriert oder unterdrückt werden. Auch wenn es im Song von Holger Güssefeld heißt: „Der Mann, das ist ein Lustobjekt, und sonst nicht zu gebrauchen.“ geht es generell um den Zusammenhalt von allen Menschen um die „wahre“ Gerechtigkeit zu erreichen.
So heißt es auch im „Frauenwahlrechtslied“ von Therese Schlesinger. „Der Sozialismus führt uns an! Gebt frei die Bahn für Weib und Mann!“ Sie verfasste diese Zeilen 1911, als das Frauenwahlrecht zum ersten Mal öffentlich gefordert wurde. Drei Jahre zuvor war erst das allgemeine Wahlrecht für Männer in Österreich eingeführt worden, doch Frauen mussten bis 1918 warten. Aus Schlesingers Zeilen kann man herauslesen, dass schon damals die Gleichstellung zwischen Mann und Frau als Ziel auserkoren wurde.
Ein Ziel, dass wir nicht einmal in unserer modernen Gesellschaft zu Gänze erreicht haben. Die Interpretinnen des „Frauenwahlrechtsliedes“ sind Teil des feministischen Netzwerkes „femous“, das 2011 gegründet wurde um „die männliche Dominanz der österreichischen Musikszene zumindest zeitweilig zu durchbrechen.“. Sie geben den starken Zeilen eine ernsthafte und inbrünstige Stimme, die zum Mitmarschieren auffordert.
Die weiteren Kampf- und Arbeiterlieder sind ebenso im sozialistischen Denken angesiedelt. So findet sich auch eine moderne Variante von „Die Internationale“ wieder. Das wohl bekannteste Lied der ArbeiterInnenbewegung galt in den Ländern der Sowjetunion als gleichwertig wie die jeweiligen Nationalhymnen. Mieze Medusa nimmt in Spoken-Poetry Manier nur Bezug auf den ursprünglichen Text, da sie die Meinung vertritt, dass jede Generation ihre eigenen Protestlieder zur Mobilisation der Massen braucht.
Wie oben erwähnt ist Kampf nur eine Facette der Frauenlieder. In zwei Liedern werden die Verbrechen des Nationalsozialismus thematisiert. Das „Ravensbrücklied“ ist aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überliefert. Durch das melodische Summen im Hintergrund und den geflüsterten Zeilen verleiht Mika Vember der Schilderung eine geisterhafte Atmosphäre.
Genauso geisterhaft, wenn auch düsterer klingt „Die Siegerin“. Die Autorin, Henriette Haill, war während des Nationalsozialismus Mitglied der Kommunistischen Partei. Sie wurde nicht politisch verfolgt, was auch daran lag, dass sie ihre kritischen Gedichte und Texte für sich behielt. Das Trio Petra und der Wolf hält sich bewusst zurück, in dem sie den Text mit monotoner Stimme rezitieren. Die Zeilen, die die grausamen Zustände in den Konzentrationslagern beschwören, sprechen für sich. Auch wenn die Thematik schwer zu vertonen ist, die Musikerinnen waren sich einig der recht unbekannten Dichterin Haill eine Stimme zu geben.
Schon beim ersten Hören ist klar, dass „re:composed“ den Spagat zwischen Ernst, Fröhlichkeit und Ironie meistert. Damals provozierend, heute nur mehr ironisch zu sehen ist das oben erwähnte „Der Mann, das ist ein Lustobjekt“ von 1978. Die deutsche Frauenband Schneewittchen wollte so die jeweiligen Geschlechter-Zuschreibungen durcheinander wirbeln, so dass aus dem Lustobjekt-Frau das Lustobjekt-Mann wurde. Musikerin chra hat als Hintergrundmelodie den bekannten „Favela Booty Beat“ ausgesucht, und nur kleinere Änderungen am Text vorgenommen.
Genauso verspielt, wenn auch musikalisch ganz anders verortet ist der Opener vom ersten Album. „Liberation, Now!“ ist Polka und Acappella in einem. Das Lied stammt aus der zweiten Frauenbewegung, und wurde durch den „Women’s Strike for Equality“ 1970 in New York bekannt. Nicht der feministische Separatismus steht im Mittelpunkt, sondern wieder die Gleichheit von Mann und Frau, die zusammen für das Recht der Freiheit einstehen.
„re:composed“ ist eine gelungene Kompilation, auf der die Künstlerinnen große Entfaltungsmöglichkeiten haben. Musikalisch behält zwar jede ihren Stil, doch in Anbetracht der Texte, wurde sich in den meisten Fällen Zurückhaltung geübt. So sind es zwei angenehm eklektizistische Alben geworden, die den Konsens nicht aus den Augen verlieren: Frauen haben ein Stimme, die gehört werden soll!
Anne-Marie Darok
http://www.wien.gv.at/menschen/frauen/veranstaltungen/recomposed.html