„Prinzipiell ist uns wichtig, dass vor allem die deutschsprachige Szene enger zusammenrückt.“ – ANDREAS WAELTI im mica-Interview

Man kennt ANDREAS WAELTI hierzulande als sehr umtriebigen und musikalisch ungemein vielfältig agierenden Jazz-Kontrabassisten, der sich als Sideman und Bandleader international einen Namen machen konnte. Mit Anfang November schlüpfte der seit 12 Jahren in Wien lebende und wirkende Schweizer Musiker in eine weitere Rolle. Gemeinsam mit dem schweizerischen Kontrabassisten LUCA SISERA wurde ihm die Ehre zuteil, die Führung des traditionsreichen und international bedeutenden Schweizer Labels UNIT RECORDS zu übernehmen. In einem Interview mit Michael Ternai erzählt ANDREAS WAELTI, wie die Übergabe von Harald Haerter, dem langjährigen Leiter des Labels, an ihn und LUCA SISERA erfolgte, auf welche Bereiche sie in Zukunft ihren Schwerpunkt legen werden und welches Ziel sie verfolgen: die Jazzszenen der drei deutschsprachigen Länder – Schweiz, Österreich und Deutschland – näher zueinander zu führen.

Wie bist du zu Ehre gekommen, jetzt Teil des künstlerischen Führungsteams zu werden?

Andreas Waelti: Ich hatte mit dem ehemaligen künstlerischen Leiter Harald Haerter über die Jahre immer mal wieder Kontakt. So stand es etwa bei dem Debütalbum meiner Berliner Band Transit Room bereits zur Debatte, dieses auf Unit Records zu veröffentlichen. Daraus ist zwar nichts geworden, aber über einen guten Freund von mir, der sehr eng mit Harald befreundet ist, blieb die Verbindung mit ihm immer aufrecht. Zudem glaube ich, dass Harald meinen musikalischen Weg immer etwas mitverfolgt hat. Denn viele Alben, an denen ich als Sideman beteiligt war, sind auf UNIT erschienen. Gerade Alben von Großformationen mit meinem Zutun, so wie etwa zwei von Reinhold Schmölzer orchest•ra•conteur und drei Alben von Malte Schillers Red Balloon. Es gab in der Vergangenheit also immer wieder mehrere Anknüpfungspunkte zu dem Label.

In den letzten paar Jahren hat Harald Haerter selber immer wieder überlegt, die Führung des Labels weiterzugeben. Die ersten Gespräche mit meiner Beteiligung liefen über den Gitarristen Ursus Bachthaler, mit dem ich auch gut und lange befreundet bin. Wir haben bereits letztes Jahr damit begonnen Gespräche über einen Wechsel bei UNIT zu führen, welche aber aus unterschiedlichen Gründen nicht vertieft wurden. Im Frühjahr 2023 hat sich Harald Haerter dann aber wieder bei mir gemeldet, um nochmals bezüglich eines Leitungswechsels mit mir ins Gespräch zu kommen. Nach reiflicher Überlegung beschloss ich einen Partner mit ins Boot zu holen und habe das Projekt UNIT an den Schweizer Kontrabassisten und Komponisten Luca Sisera herangetragen. Luca ist ein super Typ, der wie ich gut vernetzt ist, was für meine Vision essenziell war. Denn gerade im Bereich von Jazz und improvisierter Musik sitzen wir gemeinsam in einer kleinen Nussschale und müssen in Zukunft enger zusammenrücken und Synergien bilden, um etwas zu bewegen.

Das heißt, für dich war gleich klar, dass du einen Partner an deiner Seite haben willst.

Andreas Waelti: Mir war klar, dass das sicherlich sinnvoll ist. Denn es ist immer gut, mit jemandem zusammenzuarbeiten und sich austauschen, da dies letztlich auch immer zu mehr Ideen und einer breiter abgestützten Vision führt. Gerade zusammen mit Luca Sisera hat sich die Zusammenarbeit von Anfang an als sehr produktiv und gegenseitig befruchtend herausgestellt. Bereits während unserem ersten Gespräch wurde sehr schnell klar, dass wir uns gut ergänzen und eine ähnliche Vision für die Zukunft des Labels teilen.

Wie sieht die Geschichte von Luca und dir eigentlich aus? Wann habt ihr euch kennen und schätzen gelernt?

Andreas Waelti: Luca und ich kannten uns schon von früher aus der Schweiz und hatten in größeren Abständen immer wieder mal miteinander zu tun. Letztes Jahr haben wir uns dann aber durch mein auf UNIT erschienenes Soloalbum „Lowdown“ quasi wiedergefunden. Ich veröffentlichte parallel zu dem Album auch Videos von dem Soloprogramm, welche Luca gesehen haben dürfte. Denn Aufgrund dieser hat er mich überraschend angerufen und mich gefragt, ob ich bei einem seiner Projekte mitspielen wollte. Er hatte während der Pandemie damit begonnen, ein ganzes Programm für sein Quintett ROOFER plus Symphonieorchester zu schreiben, welches nun mit unterschiedlichen Partnern zusammen realisiert werden sollte. Da er seine Komposition „CLAZZ“ aber erstmals mit echten Instrumenten hören würde, wurde ihm von mehreren Seiten abgeraten, hier selber Bass zu spielen. Daher wandte er sich mit der Frage an mich, ob ich seinen Part in dem Quintett übernehmen würde und er dadurch die Proben dieses Großprojektes von Außen lenken könnte. Ich habe mich natürlich richtig geehrt gefühlt, denn es ist sehr selten, dass man einen Bandleader in seiner eigenen Band vertreten darf.

Als er mich damals anrief, glaubt ich zunächst, dass er bestimmt irgendetwas von mir benötigte, z.B. einen Kontrabass für ein Konzert oder Ähnliches und bestimmt nicht, dass er mich für seine eigene Band fragen würde. Denn, wenn sich Bassisten gegenseitig kontaktieren, geht es entweder um Setups oder darum, dass sie auf einer Konzerttournee etwas benötigen, wie eine Bass-Amp oder eben sogar einen Kontrabass. [lacht] Aber nein. Er fragte mich, ob ich Zeit hätte in seinem Projekt „CLAZZ“ zu spielen und dieses aufzunehmen. Das war der Anknüpfungspunkt. Es war wirklich super angenehm mit ihm zusammenzuarbeiten und so bin ich auch darauf gekommen, ihn für die künstlerische Leitung von Unit Records mit ins Boot zu holen.

Hat es von Seiten des Labels einen Art Kandidatenliste für die Stelle gegeben?

Andreas Waelti: Da es in der Vergangenheit von Seiten Haralds sicher immer wieder die Überlegung gab, sich zurückzuziehen, gab es klarerweise auch immer Gespräche mit verschiedensten Leuten. Da er es sich aber nie komplett von UNIT trennen konnte, ist es auch nie zu einer Übergabe gekommen.Und so ähnlich war es bei mir ja zunächst auch. Wir haben auch zwei Anläufe benötigt bis sich Harald entscheiden konnte, die Geschicke des Labes in neue Hände zu legen. In diesem Frühjahr war für ihn dann endgültig klar, dass sich etwas ändern musste. Da er aus unseren vorherigen Gesprächen bereits wusste, dass ich eine Vision für UNIT hatte, kam er schlussendlich direkt auf mich zu. Ihm war es sehr wichtig, dass das Label, das zum einen für ihn eine Art Lebenswerk und zum anderen auch Teil der Schweizer Musikgeschichte ist, weiterhin eigenständig Bestand hat.

Du stammst aus der Schweiz und hast dort dein musikalisches Handwerk gelernt, hast sieben Jahre in Berlin gelebt und bist nun schon seit 12 Jahren in Wien zu Hause. Du kennst alle Szenen. Dasselbe trifft auch auf Luca zu. Dass du bzw. ihr gefragt wurdet, diese Aufgabe zu übernehmen, ist in gewisser Weise ja logisch.

Andreas Waelti: Absolut. Ich hoffe es. [lacht] Unser Ziel ist, dass wir die Verbindungen, die wir haben, und unser Insiderwissen nutzen können. Da wir beide aktive Musiker sind, haben wir unser Ohr auch an der Szene und kennen die Bedürfnisse. Luca ist wahnsinnig gut in der Schweiz vernetzt, viel besser als ich, da ich schon länger weg bin. Wir kennen beide einen Großteil der deutschen Szene, und ich bin selbst seit mehreren Jahren ein fixer Bestandteil der österreichischen Musikszene. Ich glaube, dass die Übernahme von UNIT nicht zuletzt auch eine große Chance für die kreative österreichische Musiklandschaft ist, welche so wieder einen direkten Zugang zu einem internationalen Label im Bereich Jazz und improvisierte Musik bekommt.

„Es muss in erster Linie Musik sein, die uns catcht.”

Mit der Übergabe von Harald Haerter auf euch geht gleichzeitig eine Ära zu Ende. Was aus eurer Sicht gilt es aus der Vergangenheit des Labels zu bewahren. Und mit welchen neuen eigenen Ideen nehmt ihr die Tätigkeit auf?

Andreas Waelti: Wir haben natürlich extrem viele Ideen, welche wir gerne umsetzten möchten. Prinzipiell ist uns wichtig, dass vor allem die deutschsprachige Szene enger zusammenrückt. Wir wollen uns verstärkt auf Qualität fokussieren und Musik veröffentlichen, die sich am Puls der Zeit bewegt, die berührt, authentisch ist und eine Dringlichkeit ausstrahlt. Es geht uns darum, das künstlerische Profil von UNIT zu schärfen. Aber nicht dahingehend, dass es stilistisch enger wird. Es wird sich alles unter dem Begriff Creative Music abspielen, sprich, eben nicht nur Jazz oder Jazzverwandtes, sondern auch experimentelle Sachen. Es muss in erster Linie Musik sein, die uns catcht. Genau das ist es, was wir rausbringen und fördern wollen.
Gleichzeitig ist es uns ein Anliegen, zu sehen, welche Synergien wir nutzen können, um die verschiedenen Szenen, sei es die Wiener, die Züricher, Kölner, Berner oder Berliner, näher zueinander zu führen und den Gedanken „Unit“/“United“ in eine Form zu gießen.

Dies soll unter anderem dadurch gelingen, indem wir die von Harald Haerter ins Leben gerufenen Konzerte unter dem Titel UNIT LIVE! wieder in unterschiedlichen europäischen Städten veranstalten wollen. Beginnen werden wir zunächst einmal im deutschsprachigen Raum. Wir sind überzeugt, dass das der Weg ist, um die Musik und den Sound an die Leute zu bringen, mit der Hoffnung auch ein vermehrt jüngeres Publikum zu generieren. Hier ist es sicher sinnvoll, wenn es einen breiter abgestützten Support gibt. Wenn eine österreichische Band in Berlin ein Konzert gibt, ist das vielen wahrscheinlich wurscht. Wenn man diese aber mit einer guten Berliner Band koppelt, die auch im Unit-Katalog ist, und dasselbe auch umgekehrt in Wien tut, dann weckt man vermutlich mehr Interesse und es gewinnen alle.

Sprich, ein Ziel ist also auch die deutschsprachige Jazzszene als eine Marke zu etablieren.

Andreas Waelti: Das würde ich so jetzt nicht sagen. Der Unit-Katalog beinhaltet natürlich viel aus der deutschsprachigen Szene, aber nicht ausschließlich. UNIT hat auch viele Acts aus der französischen Schweiz oder aus Frankreich im Katalog. Und das möchten wir auch in der Zukunft unbedingt pushen. Von der Geschichte her ist UNIT ganz klar ein schweizer Label. Es ist ja auch dort entstanden. Musikalisch aber hat es sich immer schon als ein europäisches verstanden, sprich, es war immer schon im europäischen Jazz verwurzelt. Es gab aber immer auch wieder Ausreißer. So sind auch schon unterschiedliche Produktionen aus den USA auf UNIT erschienen. Das wollen wir auch in Zukunft natürlich nicht ausschließen, verstehen UNIT aber ganz klar als ein europäisches Label.

Bild Luca Sisera & Andreas Waelti
Luca Sisera & Andreas Waelti (c) Andi Schnoz

Wie siehst du die Herausforderungen für ein Jazzlabel heute in Bezug auf das Format, in dem es veröffentlicht. Im Jazz wurden es bis vor Kurzem ja immer noch viele CDs produziert.

Andreas Waelti: Das wird sich definitiv verändern und wird auch eine Herausforderung sein. Ich bin gespannt, wohin die Reise geht. Wir wollen in Zukunft nach Möglichkeit verstärkt auf Vinyl und digital setzen. Wir wissen alle, dass der Verkauf von Tonträgern nicht mehr wirklich ein Geschäft ist. Aber ich selber stelle schon fest, dass Vinyls durchaus am Kommen sind. Das sieht man auch an Marktstudien, die klar ausweisen, dass der Verkauf von Vinyl am Steigen ist.

Das Modell von Unit Records ist doch etwas anders, als jenes von anderen Labels, oder?

Andreas Waelti: Absolut. Dadurch, dass UNIT aus einer Musikerinitiative entstanden ist, funktioniert es so, dass die Künstler:innen die Produktion zwar selber finanzieren, ihnen aber auch hundert Prozent aus den physischen Verkäufen bleiben. So bleiben auch die Urheberrechte ganz bei den Künstler:innen. Es gibt also keine Verlagsdeals, wie bei anderen Labels, bei denen man so auch auf einen Teil der Urheberrechte verzichten müsste. Letzteres ist leider im deutschsprachigen Markt mittlerweile sehr gängig. Das war bei UNIT aber nie der Fall und wird es auch in Zukunft nicht sein. Luca und ich sind ja beide Musiker und verstehen daher klarerweise auch die Bedürfnisse der ausübenden Künstler:innen. Ich selbst fand es in der Vergangenheit immer schwierig, wenn ich an einen Verlag einen Teil meiner Rechte abgeben sollte. Das Teilen von geistigem Eigentum, als Bestandteil eines Vertriebsvertrages, halte ich für falsch und ist deshalb bei UNIT auch nicht vorgesehen.

Ein weiteres Schlagwort, dass ich aus eurem Pressetext zu eurer Bestellung herausgelesen habe, ist Nachhaltigkeit. Was kann man sich darunter in Bezug auf das Label vorstellen?

Andreas Waelti: Ein großes Thema ist natürlich die Produktion von Vinyl, wenn man bedenkt, wie viel Ressourcen da reinfließen. Das ist schon ein Wahnsinn. Ich weiß, dass viele Presswerke mittlerweile versuchen, einen grünen Weg zu beschreiten. Stichwort: Recycling, Upcycling und Wärmegewinnung. Es gibt auch einige Presswerke, die inzwischen CO2-neutal arbeiten. Und diesen Weg würden wir mit unseren Künstler:innen auch gerne beschreiten. Es gibt auch Labels, die pro Produktion ein, zwei Bäume pflanzen. Und man kann sich als Künstler:in sogar aussuchen wo. Es gibt also durchaus einige spannende Modelle in diesem Bereich.

Ich finde das Thema Nachhaltigkeit ist heutzutage ein wahnsinnig wichtiges. Im physischen, wie auch im digitalen Bereich. Man kann auch ein Augenmerk darauf legen, mit welchen Plattformen man zusammenarbeitet. Auch im Bereich Datenaustausch. Ich will jetzt niemanden nennen, aber man weiß, dass es heute unterschiedliche Möglichkeiten gibt, wie man Daten hin und her schupfen kann.
Und natürlich gibt es hier auch einige Ideen für den Livebereich. Wenn wir Konzerte unter UNIT LIVE! machen, werden wir die Leute bestimmt nicht hin und her fliegen lassen. Das werden wir tunlichst vermeiden. Soweit es möglich ist, werden wir die Künstler:innen innerhalb Europas öffentlich mit den Zügen anreisen lassen.
Ein weiterer Bereich, in dem man nachhaltig agieren kann, ist hier das Catering. Man kann bei der Verpflegung von Künstler:innen einerseits auf Regionalität und Saisonalität achten, aber durchaus auch nur vegetarische Alternativen zur Verfügung stellen.

Bekleidet ihr beide eigentlich jetzt schon offizielle eure Positionen oder wann wird die Übergabe von statten gehen?

Andreas Waelti: Wir hatten eine Art Übergangsphase, in der uns Harald Haerter noch zur Seite stand. Diese endete Ende Oktober, wobei ich aber glaube, dass er, wie ich ihn kenne, uns auch weiterhin unterstützen wird, wenn wir Fragen haben sollten. Das Label befindet sich aber mittlerweile im Besitz der von uns gegründeten Firma Unit Records GmbH.

Es ist natürlich eine große Herausforderung, mit dem Vermächtnis eines 40 Jahre alten Katalog umzugehen. Es steckt ja sehr viel Tradition in dem Label. Aber was sind ganz konkret eure ersten Schritte, die ihr jetzt schon umsetzt?

Andreas Waelti: Wir stehen jetzt schon mit Künstler:innen in Kontakt, deren Produktionen wir für UNIT neu zeichnen. Da sind wir bereits mit Hochdruck dran. Und ich kann schon jetzt verraten, dass im Frühjahr ein paar wirklich tolle Alben auf UNIT erscheinen werden. Darunter durchaus auch einige bekanntere Namen.

Mit November beginnt dann die große Arbeit, die Ideen, die wir für die Zukunft haben, auch schrittweise umzusetzen. Unter anderem wollen wir die ganzen Livesachen auf Schiene bringen. Es sind spezielle Editions und ein Abo Service geplant. Ein wichtiger Punkt ist natürlich auch die Finanzierung unserer Projekte. Strukturmäßig gibt es einige Dinge, die wir anpacken wollen und wir suchen auch aktiv nach neuen Formen der Zusammenarbeit. Im Booking- und PR-Bereich gibt es auch diverse Ideen, welche wir verfolgen und umsetzten möchten. Videos werden zunehmend wichtiger. Das wollen wir in Zukunft auf jeden Fall stark anschieben und über das Label fördern. Es gibt also einiges was uns erwartet.

Herzlichen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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