Porträt: Chris Magerl

Wenn eine Person Altbewährtes ruhen lässt und sich stattdessen Neuem zuwendet, muss das nicht unbedingt Schlechtes heißen. Chris Magerl führt die musikalische Neuorientierung in positive Bahnen. Ehemals in Hardcore, Powerpop-Gefilden beheimatet, werden vom gebürtigen Grazer nun bedeutend leisere Töne angeschlagen. Bloß die Rückmeldung der Zuhörer bleibt weiterhin laut. Mit einem neuen Album will der Musiker beweisen, dass es sich durchwegs lohnen kann, über den künstlerischen Schatten zu springen.

Chris Magerl kann wohl als Institution der steirischen Musikszene verstanden werden. Wem der Name noch nicht ganz so geläufig ist, dem kann eventuell mit diesen geholfen werden: Sick of Silence und Once Tasted Life. In ebenjenen Bands war Chris Magerl jahrelang als Sänger und Gitarrist tätig, ist mit seinen Kollegen durch aller Herren Länder getourt und selbst die britische Musikpresse fand huldigende Worte für die rockenden Österreicher. Zu beklagen gibt es da wohl nichts. Trotz allem hat Chris Magerl nun all das hinter sich gelassen. Seit 2008 widmet er sich voll und ganz seinem Soloprojekt, bei dem es weitaus geruhsamer zugeht, als in den Jahren davor. Mit seiner ersten Formation Sick of Silence, wurde zuweilen die lokale Punk- und Grunge-Bewegung aufgerüttelt. Der Name war Programm, was wohl zu einer extrem hohen Beanspruchung der Stimmbänder des Sängers führte. Es wundert richtig, dass Magerl heutzutage noch so samtigen Gesang von sich geben kann. Obwohl Sick of Silence als erste heimische Punkband zu einer Tournee nach Kanada eingeladen wurde und sogar beim ungarischen Sziget Festival – eines der größten Outdoor-Events Europas – aufspielen durften, löste sich die Band Ende 2003 aufgrund interner Differenzen auf. Zusammen mit dem Schlagzeuger Felix Krüger schloss sich Chris anschließend zu Once Tasted Life zusammen, eine Combo, die zwar stilistisch nicht mehr im Hardcore verankert war, aber durchwegs anspruchsvollen Powerpop an den Tag legte, dem sich die österreichische Hörerschaft dankbar annahm. Der Erfolg spricht für sich, haben Once Tasted Life immerhin ein Album veröffentlicht, von dem es drei Tracks in die Charts der alternativen Radiosender dieses Landes schafften und die unter anderem auch als Unterhaltung im Vorprogramm von Konzerten wie denen der Bloodhound Gang oder Muff Potter dienten. Dem nicht genug, schaffte es Chris Magerl mit seiner Band wiederholt auf eine der vielen Bühnen des renommierten Sziget-Musikfestivals- eine Möglichkeit, die nicht so einfach jedem Musiker im Laufe seiner Karriere beschert wird. Vielleicht wurde etwas zu viel Aufsehens um die Band gemacht, möglicherweise zu viel Power in den Pop gesteckt – zumindest beschloss der Frontmann seine musikalische Seite etwas geruhsamer angehen zu lassen. So feierte Once Tasted Life 2009 bei einem letzten Konzert seinen Abschied – ein Zeitpunkt, bei dem Magerl mit seinem neuen Vorhaben schon längst in der Zielgeraden stand.

Chris Magerl-Rooftops by mica

Schon ein Jahr zuvor hat der Steirer begonnen auf Solopfaden zu schreiten, umgeben von einem flächigen Akkordteppich, der ganz und gar nichts mit harten, hämmernden Sounds und starkem Gebrüll zu tun hat. Sein neues Metier: Leises Sing/Songwritertum. Die erste EP „A New Season“, gibt schon Aufschluss darüber, dass ab nun definitiv anderes Songmaterial am Programm steht. Magerl widmet sich verstrickten Klängen zwischen Melancholie und Lebenslust, teils reduziert auf Gesang und Gitarre, teils in Kooperation mit einer Band. Aufgenommen wurden die Songs so gut wie im Alleingang. Die meisten Instrumente hat der Grazer selbst eingespielt und sogar für das Cover-Artwork zeigt er sich komplett eigenverantwortlich. Dass die Marke „Magerl“ weiterhin zieht, lässt die Tatsache erkennen, dass die erste Auflage des Tonträgers innerhalb kürzester Zeit vergriffen war, von den guten Kritiken auf Tour durch Großbritannien übers Baltikum bis nach Russland einmal abgesehen.

 

Am 25. November erscheint mit „Places“ der erste Studio-Longplayer des steirischen Musikers. Neben den gewohnt reduzierten Sing-/Songwriter Stücken, finden sich diesmal auch die ein oder anderen rockigen Lieder, die mit einer Live-Band eingespielt wurden. Insgesamt 11 Tracks enthält das Album, welches  eine Brücke zwischen den verschiedensten Genres schlägt. Bloß der inhaltlichen Linie bleibt er weiterhin treu. Chris Magerl, der im Sozialbereich tätig ist, versucht seine Erlebnisse und Eindrücke in der Musik aufzufangen. So setzten sich beispielsweise Nummern wie „old man“ oder „childhood dreams“ mit dem Thema Alkoholismus auseinander. „Places“ beschreibt die Gegend in der Magerl eine Zeit lang gewohnt hat, ein sozialer Brennpunkt mitten in Graz,wo grauer Alltag und bunte Multikulturalität, Rotlicht-Milieu und Kunst-Szene dicht beieinander liegen. Neben tristen Themen finden am Album natürlich auch fröhliche Motive Platz. Songs wie „relief“ zeugen davon. Das Artwork glänzt übrigens mit zahlreichen Impressionen der letzten Tourneen des Musikers. Weitere Eindrücke von Live-Konzerten kann sich Chris Magerl in den nächsten Wochen holen. Am 16.11. wird es beispielsweise im Wiener Loft ein musikalisches Stelldichein geben. (bw)

 

Chris Magerl-How The Story Ends (Master) by mica

Foto (c) Chris Magerl

 

Serie:

http://www.myspace.com/chrismagerl